Ich – eine deutsche Vuvu

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PS
Dienstag, 6. Juli 2010 - 11:24

Mein Schwarz gleicht einer späten Brombeere, mein Rot erinnert an eine vollreife Tomate und mein Gold weckt den Wunsch nach einem frisch gezapften Weizenbier.

Vinzenz, mein Entdecker, hat mich aus einem Laden, der für mich das reinste Gefängnis war, befreit. Dafür bin ich ihm unendlich dankbar.

Wir haben viel Spaß miteinander, wenn wir vor Großleinwänden unsere WM-Feten abziehen und anschließend mit Gleichgesinnten trötend durch die Straßen ziehen.

Spätestens nach unserem 4 : 0 Sieg gegen Australien war mir klar, dass ich seine Vuvu-Braut war.

Er gibt mich nicht mehr aus der Hand, selbst dann nicht, wenn er bei seiner Clique ist.

Nur Vivien, seiner coolen Freundin, ist es gelegentlich erlaubt, mein schwarzes Mundstück mit dem ihren zu verbinden.

Vivien, die Musikstudentin, bringt es fertig, rhythmisch zu tröten. Tut, tut, tuut!

Für mich das Glück pur!

Doch dann die bittere Enttäuschung. Wir verloren 0 : 1 gegen Serbien.

Ja, wir hätten gewinnen können, wenn wir nicht so sautappig verloren hätten.

Klang- aber nicht klaglos räumten wir den Platz.

Für mich sollte es noch schlimmer kommen.

Ausgerechnet gegen Ghana passierte es: Vinzenz rechnete nicht mehr mit einem Sieg, als er mich frustriert und wutentbrannt auf das harte Kopfsteinpflaster warf.

Da lag ich nun auf dem Karlsruher Marktplatz bei der ehrwürdigen Pyramide, die zum Schutz der Grabstätte des Markgrafen Karl Wilhelm von Baden-Durlach 1823 errichtet wurde.

Nein, nein, auch nach dem 1 : 0 Sieg gegen Ghana kam Vinzenz nicht mehr zu mir zurück.

Ich, seine treue Vuvu, existierte nicht mehr für ihn. Vergessen – vorbei.

Außer ein paar vernichtende Blicke von Passanten, die mich schmerzlich trafen, schenkte man mir keine weitere Beachtung.

Andere Vuvuzelas, auch die im Stadion von Johannesburg hörte ich.

O wäre ich doch jetzt in Johannesburg! Die Kinder würden sich meiner freudig annehmen.

Eines weiß ich jetzt, für weitere Spiele komme ich nicht mehr zum Einsatz.

Ein grauenhaftes Ende steht mir bevor.

Morgen, ganz früh,wird ein Müllmann mit einer schrecklichen Greifzange kommen und mich in einen großen Sack mit Wohlstandsmüll stecken.

Ein kleines Mädchen steht mit ihrer Mutter vor mir. Das Kind will mich aufheben.

Energisch und entsetzt verbietet ihre Mutter eine Berührung mit mir.

Ich sei ein Bazillenträger, versucht die Mutter dem verständnislosen Kind zu erklären.

Das Kind bekommt einen Weinkrampf. Die Mutter verspürt die bösen Blicke der umstehenden Menschen. Geistesgegenwärtig wickelt die Frau mich in ein großes Zeitungsblatt, und ich verschwinde in einer Stofftasche.

Das nenne ich Glück im Unglück!

Etwas später erzählt das Mädchen freudig ihrer Oma, was sie gefunden hat.

Die Reaktion der Oma ist ziemlich unfreundlich: Eine Dud'l?

Erst nach einer gründlichen Reinigung, vor allem an meinem Mundstück, durfte das Mädchen mich anfassen.

Mit den Feten war es jetzt vorbei. Doch es sollte noch recht spannend werden.

Es war das Spiel gegen England, als wir bei großer Hitze im Garten unter einem Sonnenschirm saßen und gespannt auf einen kleinen Fernsehbildschirm starrten.

Der Empfang war einwandfrei, dank eines voll aufgeladenen Akkus.

Deutschland schoss das erste Tor. Keine Jubelschreie, keine Schüsse aus unserer nächsten Umgebung.

Über Handy erfuhren wir den Grund der ungewohnten Stille.

S t r o m a u s f a l l !

In wenigen Minuten gruppierten sich noch weitere drei Personen um unser kleines, aber wertvolles Fernsehschirmchens.

Auch hier konnte man die Feststellung treffen: Strom ist nicht alles, aber ohne Strom ist alles nichts!

Viermal hatte das nette Mädchen Grund zum Tuten.

Zwei Tage später stand in der Zeitung: Ratte sorgt für „WM-Gau“

Eine neugierige und hungrige Ratte verirrte sich in eine Trafostation.

Ihr Biss ließ den Strom versiegen.

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