Hornhaut auf der Seele

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Maria und Josef im Ghetto des Geldes
Montag, 26. Dezember 2011 - 14:20

Weihnachten ist die Zeit der Besinnung, der Begegnung und der Nächstenliebe

Weihnachten

An Weihnachten geht man in Bruchsal in die Stadt-, Peters- oder Lutherkirche, schaut einem Krippenspiel zu, erfreut sich der Kinder, die unter dem riesigen, in der Kirche aufgestellten Weihnachtsbaum die Weihnachtsgeschichte nachspielen - wie Maria und Joseph vor 2000 Jahren eine Herberge suchen, denn Maria ist hochschwanger und erwartet ihre Niederkunft. Es ist so ergreifend zu sehen und zu hören, wie Anneliese und Peter dem von Marcel gespielten Wirt auf sein „Wer klopfet an?“ erwidern „O zwei gar arme Leut'“. Und man erinnert sich seufzend wie man damals, vor 20 Jahren?, vor 30 Jahren?, vielleicht sogar schon vor 40 oder 50 Jahren? selbst vorne beim Altar stand und beim Krippenspiel mitmachte. Wenn vielleicht auch nicht als Maria oder Josef, so doch als Ochs, Schaf, Esel oder Stern von Bethlehem.

Und man gibt gerne, wenn am Ende des Gottesdienstes der Klingenbeutel herum gereicht wird; anders als sonst klappert es weniger im Klingelbeutel, es raschelt doch eher; ebenso in der Sammeldose am Kirchenausgang. Der Nickneger beim Jesuskind an der Krippe hat allerdings seit den 60er, 70er Jahren ausgedient.

Weihnachten ist die Zeit der Besinnung, der Begegnung und der Nächstenliebe

Diese uns jedes Jahr aufs Neue eingebleute Ethik vermittelt uns, dass wir auch an all die Menschen denken sollen, die es nicht so gut haben wir wir, wobei diese Tugendlehre von uns handelnde, aktive Nächstenliebe erwartet. So spricht der Berliner Erzbischof Rainer Maria Woelki über das Ziel von Weihnachten in seiner diesjährigen Weihnachtsansprache: „So wünsche ich Ihnen von Herzen ein gesegnetes, gnadenreiches und friedvolles Weihnachtsfest und viel Freude über die Menschwerdung Gottes, die uns drängt zum Zeugnis des Glaubens und zu tätiger Nächstenliebe."

Weihnachten ist die Zeit der Besinnung, der Begegnung und der Nächstenliebe

Dieses gerade an Weihnachten ständig zu hörende Statement wollten zwei Redakteure der Wochenzeitschrift DIE ZEIT durch ihr Erleben untermauern. Maria und Josef, im bürgerlichen Leben die Schauspielerin Viola Heeß und der ZEIT-Redakteur Henning Sussebach, haben sich daher kurz vor Weihnachten auf den Weg gemacht, und zwar dorthin, wo die wohlhabendsten Deutschen wohnen, im Hochtaunuskreis bei Frankfurt, um zu lernen was passiert, wenn man die Reichsten der Reichen um Hilfe bittet - als Obdachlose, die um ein wenig Essen oder eine Unterkunft für die Nacht bitten, denn Maria ist schwanger.

"Wo wir auftauchen, bildet die Menge eine Schneise aus Erschrecken und Ekel. Wir gehen zum Glühweinstadt des Lions Club, laut Selbstauskunft "eine weltweite Vereinigung freier Menschen, die in freundschaftlicher Verbundenheit bereit sind, sich den gesellschaftlichen Problemen unserer Zeit zu stellen". Hinter dem Tresen frösteln zwei Herren. Auf unseren Standardsatz "Wir sind obdachlos, kennen Sie eine Bleibe für uns?" reagiert der eine mit: "Draußen?" Und der andere mit: "Nein!" Eilig klappen sie ihre Metallkasse zu." Erinnern wir uns: An den vorweihnachtlichen Marktsamstagen versuchten süß lächelnde Lions-Club-Mitglieder in der Bruchsaler Innenstadt ihre Adventskalender für 'nen Fünfer an die kleinen Leute zu verscherbeln.

„Maria und Josef im Ghetto des Geldes“ haben die Autoren ihren Artikel in der aktuellen ZEIT genannt, der hier nachzulesen ist: Hornhaut auf der Seele

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Kommentare

Blauäugig?

„So wünsche ich Ihnen von Herzen ein gesegnetes, gnadenreiches und friedvolles Weihnachtsfest und viel Freude über die Menschwerdung Gottes, die uns drängt zum Zeugnis des Glaubens und zu tätiger Nächstenliebe."

So spricht also ein aktuell amtierendes Mitglied des katholischen Bodenpersonals und artikuliert unbewusst in seiner total verschwurbelten Phrasiologie die Aufgesetztheit dieser Berufschristen. Man kann ja durchaus verstehen, dass es den Papst und seine subalternen alten Männer "urbi et orbi" sehr ängstigt, dass es bei immer mehr Menschen nicht weit her ist mit dem "Glauben" an eine 2000 Jahre alte und tausendfach hin- und her interpretierte Story - denn damit geht auch ihre Daseinsberechtigung den berühmten Jordan runter.

Vom "Ghetto des Geldes" schreiben die ZEIT-Autoren. Aber es ist ja nicht nur da trübe und lau, wenn es um Nächstenliebe geht. Reden tun viele dauernd davon, mit dem Handeln ist es weniger weit her. 

Und dazu zählen auch viele Bischöfe, Kardinäle und sonstige "Würdenträger" der katholischen Kirche. Leben auf Kosten des Steuerzahlers, häufen aberwitzige Summen im Vatikan und beklagen die mangelnde Freigiebigkeeit der "Laien".  

"Diese uns jedes Jahr aufs Neue eingebleute Ethik..." - wie Rolf Schmitt treffend formuliert, sie lebt eben davon, dass sie uns allen immer und überall eingebleut wird. Es wissen die Einbleuer, dass als Adressat dieser Tat nur die Subalternen, die Laien, das manipulierbare Volk gemeint ist. Und dass man es damit nachgewiesenermaßen schön unter der Knute halten kann. 

Das Weihnachtswunder

Der Glauben ist doch nicht für die Reichen gemacht. Man denke nur an das Gleichnis vom Kamel und dem Nadelöhr. Nein, der Glauben ist für die Armen. Damit sie zufieden sind mit ihrem Los. Damit sie auch was haben. Und die Reichen verspritzen die tröstenden Worte in öffentlichen Auftritten wie der Gärtner das Gift gegen Schädlinge.

Die Reichen und Mächtigen lassen beten für den Frieden, während sie das Geld mit Rüstung und Aufrüstung, mit Unterdrückung und Unterwerfung verdienen.

Aber, weil das ja gar nichts Neues ist, brauch man sich auch gar nicht drüber zu echaufiern. 2000 Jahre Christentum beweisen, dass sich nichts geändert hat. 2000 mal das Gleichnis von Maria und Josef ohne jedwede Wirkung.

Was Schmitt und Alesch schreiben, was Heeß und Sussebach feststellen: es wäre ein Weihnachtswunder, wenn es einmal das Weihnachtswunder gäbe.

Gelebtes Christentum?

Ich glaube, keiner von uns ist ganz frei von Misstrauen, wenn in unserer mitteleuropäischen Zivilisation und Kultur solche Leute auftauchen.

Würde im realen Leben ein solches Paar sich nicht an Sozialhilfeeinrichtungen wenden, statt durch die Gegend zu ziehen?

Auch Maria und Josef sollen ja zunächst überall abgewiesen worden sein. Vielleicht hätte das Testpaar das Experiment auch lieber mal in Berlin-Neukölln durchgeführt oder in Gegenden, in denen überwiegend Muslime leben. Ich habe Grund zu der Annahme, dass das Experiment dann anders verlaufen wäre.

Als wir, eine 6köpfige Touristengruppe, uns an einem brennend heißen Tag in einem Wohnviertels Kuchings (Borneo) verlaufen hatten und einen Mann in seinem Vorgärtchen wegen eines Lokales oder Supermarkt ansprachen, um etwas Trinkbares zu erwerben, hat er uns alle in sein Haus eingeladen und uns mit frisch gepresstem Orangensaft und Mineralwasser bewirtet.

Dass er dafür nichts nehmen wollte, verstand sich für diesen Moslem von selbst.

Ich muss zugeben, dass ich das an seiner Stelle wahrscheinlich nicht getan hätte. Viele von uns hätten das wahrscheinlich nicht getan.

Irreal und doch realistisch

Ich muss le Fay Recht geben - das war mehr als Provokation denn als Versuch gedacht oder ist zumindest in der Realität so 'rübergekommen.
Andererseits - was hätte es einen oder eine der 100 000 Euro-Piloten geschmerzt, wenn er dem Pärchen kurz vor Weihnachten ein paar Hunnis in die Hand gedrückt hätte?
Ach so - ja, ich vergaß... wer hat noch so viel Bargeld dabei... und Kartenzahlung geht in dem Fall wirklich nicht...

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