Historisches Lernen für ziviles Widerstehen

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Das badische KZ Kislau und der Verein "LernOrt Zivilcourage"
Mittwoch, 15. Januar 2014 - 17:48

LernOrt

Zu den frühen Konzentrationslagern, die über Jahrzehnte zu den eher vergessenen Geschichtsorten zählten, gehört das badische KZ Kislau. Dr. Andrea Hoffend erklärt für den Verein "LernOrt Zivilcourage" warum und wie dies geändert werden sollte.

© Dr. Andrea Hoffend, Vorstandsvorsitzende des Vereins "LernOrt Zivilcourage"

Im April 1933 an der Bahnstrecke zwischen Heidelberg und Bruchsal errichtet, sollte das Konzentrationslager Kislau den Nazis als "Vorzeigelager" dienen: Nachdem im Vormonat die Verschleppung Tausender von Kommunisten und Sozialdemokraten in "Schutzhaft" eingesetzt hatte, wollte man hier, im ländlich und doch zentral gelegenen ehemaligen Bischofsschloss, demonstrieren, wie ach so pfleglich und human man mit den politischen Gegnern umgehe. Im Rahmen einer an Niedertracht kaum zu überbietenden "Schaufahrt" wurden am 16. Mai 1933 sieben bekannte badische Sozialdemokraten - unter ihnen der ehemalige Staatspräsident Adam Remmele und der ehemalige Landesjustizminister Ludwig Marum - zuerst zur Erheiterung einer gaffenden und johlenden Meute durch die Straßen der Landeshauptstadt Karlsruhe gekarrt und sodann ins Konzentrationslager Kislau verschleppt. Kein Jahr später wurde Marum dort von SA- und SS-Schergen erdrosselt.

Über den Marum-Mord hinaus scheint es in Kislau tatsächlich zu weit weniger Übergriffen gekommen zu sein als etwa in den württembergischen Konzentrationslagern. Dennoch wurden auch dort Hunderte von Männern, die sich dem Aufstieg der NSDAP mutig entgegengestellt hatten, ohne Rechtstitel auf unbestimmte Zeit festgehalten und zu Sklavenarbeit gezwungen - für Dutzende von ihnen eine Vorstation zur Hölle von Dachau, Buchenwald und anderen Lagern. Nach der Auflösung des südbadischen Konzentrationslagers Ankenbuck im Frühjahr 1934 war Kislau das einzige "Schutzhaftlager" in Baden - und sollte es noch ganze fünf Jahre lang bleiben: Erst im Frühjahr 1939 wurde Kislau liquidiert, das Gros der zuletzt noch verbliebenen Häftlinge nach Dachau "verschubt".

Die Geschichte des Konzentrationslagers Kislau ist bislang nur ansatzweise aufgearbeitet. Nicht zuletzt die Schicksale der Männer, die dort inhaftiert waren, harren einer zielgerichteten Aufarbeitung. Nur die Biografien einiger weniger sind erforscht - einer breiteren Öffentlichkeit bekannt sind die wenigsten. Ohnehin hat die offizielle baden-rttembergische Geschichtspolitik dem frühen Widerstand gegen den Nationalsozialismus - sieht man einmal von dem lange erkämpften Erinnerungsort am Oberen Kuhberg ab - bislang nur wenig Augenmerk geschenkt. Dieser Befund ist umso erstaunlicher, als sich just aus der Beschäftigung mit dem frühen Widerstand in hohem Maße Handlungsoptionen für die Gegenwart ableiten lassen.

Der Verein "LernOrt Zivilcourage" hat es sich zur Aufgabe gemacht, dem frühen Widerstand gegen den Nationalsozialismus einen höheren Stellenwert in Forschung und Vermittlung zu verschaffen. Denn in einer Zeit, in der "Du Opfer!" zum meistgebrauchten Schimpfwort auf deutschen Schulhöfen avanciert ist, bedarf es aus Sicht seiner Mitglieder dringend einer erweiterten Sicht auf die NS-Geschichte: Die Gegner der Nazis und ihrer Verbündeten - so ihre Überzeugung - müssen vor allem als aktiv Handelnde statt primär als Opfer dargestellt werden. Demgemäß rückt auch die Vorgeschichte der NS-Diktatur stärker in den Blick: Die Beschäftigung mit dem Abwehrkampf gegen rechts vor 1933 macht deutlich, dass der Weg in die Diktatur keineswegs unaufhaltsam war und wirft die Frage auf, wie sich ähnliche Entwicklungen vermeiden lassen.

Kislau

In der Mitte des Bildes das Wirtschafts-gebäude, identifizierbar an den Fensterläden. Foto: A. Hoffend

Im Verfolg der geschilderten Ziele kommt der Schlossanlage Kislau eine Schlüsselrolle zu: Zentral zwischen den beiden größten Ballungsräumen Badens gelegen, ist sie nicht nur aus inhaltlichen, sondern auch aus logistischen Gründen der ideale Ort, um die Geschichte des Kampfs um den Erhalt der Demokratie sowie gegen den Aufstieg und die Etablierung der NS-Diktatur in der regionalen Dimension des ehemaligen Landes Baden aufzuarbeiten und zu vermitteln.

"Historisches Lernen für ziviles Widerstehen" - unter diesem Motto will der Verein in einem um 1750 errichteten Wirtschaftsgebäude vor den Toren des heutigen Kislauer Gefängnisareals die Geschichte des badischen Abwehrkampfs gegen rechts zwischen 1918 und 1945 r die Demokratie-Erziehung fruchtbar machen. Das denkmalgeschützte Gebäude ist derzeit weitgehend ungenutzt, allerdings stark sanierungsbedürftig. Erster Schritt auf dem Weg zu einem "LernOrt Kislau" muss daher die Instandsetzung der Räumlichkeiten sein. Hierfür scheint sich bereits eine sung anzubahnen.

Parallel zu seinen Bemühungen um einen realen LernOrt treibt der Verein die Erarbeitung der dort künftig zu präsentierenden Inhalte voran: Ein aus Historiker/innen und einem Wirtschaftsingenieur bestehendes Team ist derzeit mit dem Aufbau einer biografischen Datenbank befasst. Darüber hinaus erarbeiten die Aktiven eine multimediale Präsentation, die bis zum Herbst 2014 ins Netz gestellt werden soll. Mittelfristig will man weitergehende Forschungen und Recherchen realisieren, die Datenbank ausbauen und Arbeitsmaterialien erstellen.

 

Weitere Informationen

finden sich auf der Website des Vereins LernOrt Zivilcourage: www.lernort-zivilcourage.de.



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Kommentare

Kaum zu glauben

"Auch und gerade in Baden gibt es allerdings bislang noch keinen Ort und kaum inhaltliche Vorarbeit für eine solche Art der Auseinandersetzung mit der neueren Geschichte.",
schreibt der Verein Lernort Zivilcourage auf seiner Homepage. Seit Kriegsende hat sich niemand in Baden mit dem Widerstand gegen den Nationalsozialismus vor 33 auseinandergesetzt?

Kaum zu glauben, oder ist der Satz des Vereins anders zu verstehen?

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