Der Herr Hildebrand, Fahrradhändler in der Durlacher Straße

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Freitag, 10. September 2010 - 18:21

Die Liebe zu den Rädern entwickelte sich bei mir bereits im Stubenwagen! Kreischte ich nämlich das ganze Haus zusammen, kam das fahrbare Babybettchen in Schwung und bewegte mich hundert Mal hin und her.

Radelrutsch

Bereits als Dreijährige bekam ich einen Holz-Radelrutsch*! Ihm verdankte ich die ewig aufgeschlagenen Knie und der Hersteller von Hansaplast verdankte mir seine Umsatzsteigerung.

Mit sechs Jahren fuhr ich mein erstes Zweirad mit zwei Stützrädern und als die Stützrädchen entfernt wurden, wurde es ein Stürzfahrrad. Ich übte unverdrossen weiter, bis ich die damals ziemlich unbelebten Straßenkurven schneiden konnte. Manchmal schimpfte ein Passant oder ein Motorradfahrer und Katz und Hund brachten sich in Sicherheit.

Es war nicht nur der kleine Drahtesel, mit dem ich meine Zeit vertrieb, ich vertrieb mit der Zeit sicher manch einem Hausbewohner das Mittagsschläfchen mit den lauten Rollschuhen. Wenn ich schon ungeduldig bis um drei Uhr nachmittags warten musste, bis ich endlich auf meine heißgeliebte Straße durfte, konnte ich es nicht verstehen, wenn ein gähnender Mund am Fenster erschien, um mich zu vertreiben. Hätte mir irgendein Erwachsener vorgemacht, wie man auf einem Stoppelacker oder einer Runkelwiese mit den Rollschuhen läuft, so hätte ich es ihm wohl glatt nachgeahmt. So stand ich aber da und meine gute Erziehung stand mir im Wege. Ich suchte Seitenstraßen und Kopfsteinpflaster und Mama musste mir nach manch einer Übungsfahrt den Kopf, die Ellbogen und die besagten Knie verpflastern. Damals liefen die kleinen Kinder wegen einer Backpfeife, einer Fleischwunde oder einem Verweis noch nicht zum Kadi, sondern richteten sich eben nach den großen Leuten, die oft eigene Gesetze hatten.

An einem wunderschönen Sommertag bekam ich zu meinem zwölften Geburtstag ein wunderschönes Damenfahrrad geschenkt. Es blitzte und blinkte silbern blau und ich fuhr sogleich mit dem Vehikel ins Blaue. Ich konnte schon radeln, weil ich bereits einige Erwachsenenfahrräder ausprobierte und die Proben endeten meist im Grünen oder auf dem Asphalt. Mein neues Fahrrad stammte von Herrn Hildebrand und Herr Hildebrand handelte mit Gummireifen, Fahrradschläuchen, Luftpumpen und Ventilen.

Er besaß eine kleine Reparaturwerkstatt in der Durlacher Straße für Kleinstautos und er flickte Motorräder und er bog Lenkstangen zurecht. Der junge Mann war in seinem Fahrradladen eine Fehlbesetzung, denn er hätte nach Hollywood gehört. Er war groß und schlaksig, immer braungebrannt und hatte ein Adonisgesicht. Das Schmieröl verlieh seinem Gesicht etwas Interessantes und ich beneidete ihn ein wenig, dass er jeden Tag in einem verschmierten Overall herumlaufen durfte. Er hatte große, braune Bärenpranken und konnte damit ganz geschickt und schnell ein kaputtes Ventil gegen ein neues eintauschen. Herr Hildebrand hatte Pferdestärken und eine Eselsgeduld. Wie oft schob ich meinen Drahtesel zu ihm, zeigte ihm den Plattfuß, die defekte Klingel oder eine verbogene Speiche.

Herr Hildebrand war kein Mann von großen Worten, aber ein Mann von schneller Tat. Er machte meinen Fahrradschlauch wieder ganz, er reparierte den losen Gepäckträger, er erneuerte den alten Rückblender und er überprüfte das Vorderlicht. Er pumpte mir kostenlose Luft in die Pneus und er schenkte mir so manchen Handgriff.

Ich entsinne mich recht wohl, dass er so gut wie nie einen Pfennig für die Arbeiten nahm.

Er berechnete die Ersatzteile, aber kaum die Zeit. Er freute sich, wenn ich wieder lossausen konnte und wurde nie ärgerlich, wenn ich wieder angeradelt oder angeschoben kam. In Gedanken überreiche ich dem guten Herrn Hildebrand einen Orden! Ein goldenes Fahrrad, umrahmt von Lorbeer und mit einer echten Widmung:

 

Orden

* Radelrutsch = Tretroller

 

© Barbara Mitteis

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