Heiligsprechung

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Ist so eine Zeremonie noch zeitgemäß?
Sonntag, 27. April 2014 - 9:45

Zwei noch nicht so lange verstorbene Päpste werden jetzt heilig gesprochen. Bis zum frühen Mittelalter genügt es, wenn das Volk „Heilig, aber sofort!“ rief – und schon galt ein Verstorbener als Heiliger. Das wurde im 12. Jahrhundert von Alexander II. etwas geregelt. Ab sofort durfte nur noch der Papst Heilige machen. Erforderlich zur Heiligsprechung sind normalerweise mindestens zwei „nachgewiesene“ Wunder, die diese, ab heute Heiligen, bewirkt haben. Diesmal hat bei einem der so Geehrten sogar nur ein Wunder ausgreicht und die Wartezeit wurde auch noch verkürzt. Den Nachweis führt natürlich die Kirche oder deren Beauftragte. Seltsamerweise geschehen solche Wunder nur in Teilen der Erde, wo die Aufklärung noch nachhinkt und die Menschen an Wunder glauben wollen. Ein echter Beweis wird nicht erbracht, eine wissenschaftliche Untersuchung wird gar nicht zugelassen.

Aber für Wunder ist immer Raum. Da findet sich plötzlich im finsteren Mittelalter ein Leichentuch (Turiner Leichentuch), das die Vorder- und Rückseite Christi zeigen soll. Oder das in einer Ampulle aufbewahrte, getrocknete Blut des neapolitanischen Märtyrerbischofs Januarius († 305). Es verflüssigt sich angeblich jeweils auf wundersame Weise zweimal jährlich, am Fest des Heiligen, dem 19. September, und am ersten Samstag im Mai. Eine wissenschaftliche Untersuchung ist nie erfolgt. Aber so ist es eben mit Wundern.

Würde man sie nachprüfen, wären sie weg.

Man kann den Menschen viel erzählen, besonders wenn sie einfach nur glauben sollen. Aber passt das noch in unsere Zeit?

Die Sonne dreht sich nicht mehr um die Erde. Papst Paul II wies im Jahr 1979 die Päpstliche Akademie der Wissenschaften an, den Fall Galileo Galilei erneut aufzurollen und aufzuarbeiten. Dieses Gremium benötigte dazu 13 Jahre und übergab schließlich am 31. Oktober 1992 Johannes Paul II den Abschlussbericht der Untersuchungen. 359 Jahre nach seiner Verurteilung wurde Galilieo rehabilitiert.

Wo ist jetzt der „Himmel“ nachdem man den unendlichen (oder gekrümmten) Weltraum entdeckt hat? Wo ist Maria geblieben, deren Seele und deren Leib in den Himmel aufgefahren ist? Ein Dogma, das verpflichtend für jeden Katholiken ist. Wo ist das Fegefeuer geblieben, vor dem sich Hunderte von Menschengenerationen gefürchtet haben? Wo sind jetzt die Seelen der Verstorbenen, die Seelen der Heiligen? Wo ist der wissenschaftliche Nachweis, dass der Mensch eine Seele hat? Hirntod ist die heutige Bezeichnung für das Ende, dann kann der Mensch weiter verwertet werden. „Normale“ Tote sind nicht für Organspenden geeignet.

Wo ist schließlich die Liebe zwischen den Christen geblieben? Was ist mit dem Bruderkrieg zwischen Katholiken und Protestanten, der bis heute nicht beigelegt ist. Warum ist nach fast 2000 Jahren Christentum die Frau noch nicht gleichberechtigt?

Es gibt so viele unbeantwortete Fragen, sie lassen sich in einem solchen Rahmen gar nicht aufzählen. Aber die Frage, ob so eine Zeremonie noch zeitgemäß ist muss man mit ja beantworten. Andernfalls würden die Menschen beginnen, selbständig zu denken.

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Kommentare

Zeitgemaess?

Ganz sicher. Aber man wird etwas klarer differenzieren muessen.
Die Heiligsprechung ist eine Institution der katholischen Kirche. Nur wer Mitglied dieser Organisation ist, fuer den hat der Begriff der Heiligsprechung irgendeine Bedeutung.
Fuer die anderen, zum Beispiel die die in den vergangenen Jahrhunderten im Rahmen des Aufklaerungsprozesses sich von der Geisterwelt verabschiedet haben und die lieber selber denken, hat das keine, ausser vielleicht eine rein akademische.
Von daher ist die aktuelle Medienaufregung mal wieder nur ein Zeichen fuer Journalisten, die nicht wissen, was ihr job eigentlich bedeutet und die einfach nur presseerklaerungen nachplappern.

Eine sehr persönliche Angelegenheit

@Dujardin forever

Stimmt. Glaube und Hinwendung zu einer (Institution) Kirche ist etwas so Persönliches, dass sich eigentlich jede Diskussion darüber erübrigt.

Ich hab mich zwar auch schon über die vermeidbaren Verkehrsbehinderungen wegen in meinen Augen "beschränkter" Prozessionen, die ausgestellten Leichen in den Seitenschiffen der Kirchen und die Bigotterie in den Wallfahrtsorten ausgelassen, aber eigentlich sollte ich es einfach tolerieren, dass es Leute gibt, die gerne ihren vor 200 Jahren verblichenen Bischof am Sonntag im Glaskasten sehen und mit Votivtäfelchen um eine Kapelle herumrennen wollen und sich danach wohlerfühlen.

Immerhin: Es kommt etwas in Bewegung. In Bayern gab es aktuell eine Neubewertung überwiegend katholischer Bevölkerung wegen des Feiertages im August.

http://www.augsburger-allgemeine.de/bayern/Neue-Feiertagsregel-veraergert-viele-Gemeinden-id29634086.html

Selbstverständlich waren die meisten sehr katholisch......

Glaube

ist tatsächlich etwas sehr Persönliches. Dennoch verwundert es mich doch regelmässig, dass die meisten Leute nur über die althergebrachten Traditionen der Kath. Kirche schimpfen.

Gerade im Dunstkreis der evangelischen Kirche gibt es heute immer neue Bewegungen der Bibeltreue (d. h. die Bibel wortwörtlich so nehmen, wie es auch geschrieben steht - ohne Ausnahme). Gerade in diesen Bewegungen ist man auch bereit Andersgläubige komplett vom Glauben auszuschliessen (=sollen sie doch verrecken/sind selbst schuld, wenn sie nicht das Richtige glabuen). Nicht zuletzt möchte man dort auch noch Israel erobern, den der Heiland wird erst wiederkommen, wenn das heilige Land von Christen regiert wird.

Dagegen sind doch so ein paar "überflüssige" Heiligsprechungen nahezu nebensächlich, finde ich.

Natürlich kann man auch als Anhänger der kath. Kirche allerhand Negatives finden, z. B. dass gerade die ehelosen Priester Heiratswilligen Ehe-Unterricht erteilen (sollen) ist ja nahezu eine Farce.

Vielleicht bedarf es überall weitgehenden Reformen, wenn die Kirchgänger nicht aussterben sollen.

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