Harry Ettlinger als "Monuments Man" in Heilbronn-Kochendorf

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Auch in Bruchsal und Heilbronn erinnert man sich noch gut an Harry L. Ettlinger, einen der letzten noch lebenden „Monuments Men“.
Donnerstag, 13. Februar 2014 - 13:00

Den nachstehenden Artikel überließ bruchsal.org dankenswerterweise die Heilbronner Journalistin Brigitte Fritz-Kador. Dieser Beitrag erschien leicht gekürzt bereits vor einigen Tagen in der Stuttgarter Zeitung.


Die „Monuments Men“ in Heilbronn – nicht so wie im Film

- sondern wie in der Wirklichkeit / Die Einlagerung von Kunstschätzen im Salzbergwerk Heilbronn wird durch den Film wieder zum Thema und ist gut dokumentiert.

von Brigitte Fritz-Kador

 

Harry L. Ettlinger, ein Monuments Man mit familiären Wurzeln in Bruchsal

Harry L. Ettlinger (2014). Foto: J. Wolf

Er ist der letzte noch lebende „Monuments Man“. Vergangenes Wochenende stand Harry Ettlinger bei der Berlinale mit Hollywood-Star George Clooney auf dem Roten Teppich - am 15. Februar 2014 wird er seine Heimatstadt Karlsruhe besuchen. George Clooney hat die Geschichte der amerikanischen Kunstschutzoffiziere des Zweiten Weltkriegs mit großem Staraufgebot verfilmt; der Film „Monuments Men - Ungewöhnliche Helden“ erlebte vergangenen Samstag auf der Berlinale seine Deutschlandpremiere.

 Am 15. Februar wird Harry Ettlinger, der 1926 in Karlsruhe geboren wurde, in einem öffentlichen Podiumsgespräch in der dortigen Kunsthalle von seiner Mission bei den „Monuments Men“ erzählen. Dort wird er auch das Rembrandt-Gemälde wiedersehen, das er am Ende des Zweiten Weltkriegs gefunden und gerettet hat. Im Anschluss an das Podiumsgespräch erhält er die Staufermedaille in Gold des Landes Baden-Württemberg.

Anscheinend musste erst George Clooney kommen, um das Interesse wieder zu erwecken, welche Bedeutung in der Kunstgeschichte das Salzbergwerk Heilbronn-Kochendorf hatte. So rückt dieser Ort als „Schatzkammer der Kunst“ jetzt wieder in den Fokus - und mit ihm Harry L. Ettlinger.

Harry

Harry L. Ettlinger mit seiner Cousine Hanne Ansell bei der Enthüllung der Gedenktafel an seinen Großvater Otto Oppenheimer (2011). Foto: J. Schoner

Harry Ettlinger war im Mai 2011 das letzte Mal zu Besuch in Deutschland. Der Anlass: Die Einweihung des Otto-Oppenheimer-Platzes in Bruchsal, mit dem an das Unrecht erinnert werden sollte, das der Familie, die sich in Bruchsal so vielfältig und philanthropisch engagiert hatte, von den Nazis zugefügt wurde. Harry Ettlinger ist der Enkel von Otto Oppenheimer. Dieser war Tuchgroßhändler in Bruchsal, dort u.a. Mitbegründer des Kunstvereins. Die Familie konnte 1938 USA emigrieren.

Besser noch als George Clooneys Film informiert das Buch „Schatzkammer Salzbergwerk“ vom Heilbronner Archivdirektor Christhard Schrenk, schon 1997 verfasst, über all die Schätze, die dort eingelagert waren und über die Arbeit der „Monuments Men“, die siebefreit“ haben. Auf über 400 Seiten – es war eine Herkulesaufgabe stellt Schrenk minutiös genau den Ablauf und den Umfang der Kunsteinlagerungen dar. Dabei war die deutschsprachige Faktenlage dünn, Unterlagen und Akten überall verstreut, ausführlicher, wenn auch nicht immer ganz zutreffend waren die amerikanische Quellen und Augenzeugenberichte.

Durch Nachdenken“ sei er darauf gekommen, wie er Ettlinger, auf den er während der dreijährigen Arbeit an dem Buch gestoßen war, finden könnte, erzählt Schrenk, vor allem nachdem andere der „Monuments Men“ schon tot waren. Diese seien im übrigen zunächst vor allem dafür einsetzt gewesen, geraubte und rechtswidrig erworbene Kunstwerke aufzuspüren und zurückzugeben, aber auch für die Vergabe von Zeitungslizenzen zuständig gewesen, ergänzt Schrenk. Sein Buch wird immer wieder herangezogen, wenn es um das Thema Beutekunst geht, auch Helmut Kohl habe es zu Rate gezogen, als er in den 90er Jahre mit Jelzin über die Rückgabe deutscher Kunst verhandelt habe und sich dafür ausdrücklich bei der Stadt bedankt. Vor dem Hintergrund des Films haben sich jetzt verstärkt die Medien gemeldet.

Seyferaltar

Harry L. Ettlinger in der Kilianskirche. Im Hintergrund der Seyferaltar (2011). Foto: R. Schmitt

Die Heilbronner wissen, dass ihr geliebter Seyferaltar der Kilianskirche hier den Krieg überstanden hat, was sich aber in den im Salzbergwerk eingelagerten Kisten befindet, es sollen 40.000 gewesen sein, ist weniger bekannt. Über Inventarlisten lässt sich ihr Inhalt nur bedingt ermitteln. Dennoch konnte Schrenk dokumentieren, dass nicht nur die Menge sondern auch die Qualität der Einlagerungen imponierend war. Die Idee mit dem Salzbergwerk kam vom Stuttgarter Archivdirektor Dr. Hermann Haering, der 1942 begann, Archivmaterialien auszulagern, ihm folgte 1943 Landeskonservator Dr. Richard Schmidt, der alle folgenden Einlagerungen bis zum Schluss sorgfältig überwachte.

Durch die Gedenkstätte im Salzbergwerk, die an die hier eingesetzten und so oft auch zu Tode gekommenen Zwangsarbeiter und KZ-Häftlinge erinnert, ist weitgehend bekannt, was sich hier unter Tag tat. Auch dass spätestens 1944 „Kunstliebhaber“ Göring hier die bombensichere Räume“ für die Luftwaffen-Rüstungsindustrie fand. Weniger bekannt sind die Dimensionen: Heilbronn und Kochendorf boten mit 125.000 qm Fläche die größte Einzelfläche unter Tage im Großdeutschen Reich.

Nach langem Häuserkampf war Heilbronn am 12. April 1945 endgültig von den Amerikanern eingenommen worden, nur vier Tage später traf hier, so recherchierte es Schrenk, James R. Rorimer als zuständiger Kunstschutzoffizier ein, der sofort begann, zusammen mit dem damaligen kommissarischen Bergwerksleiter Dr. Hanns Bauer das wegen der Kriegseinwirkungen eingedrungene Wasser abzupumpen, um die Kunstschätze nicht zu gefährden. Rorimer stellte dann zunächst in Neuschwanstein, auf Herrenchiemsee und bei Memmingen große Depots von Kunstschätzen sicher, kehrte dann Ende Mai nach Heilbronn zurück und verschaffte sich hier zusammen mit Stadtkommandant Harry M. Montgomery den Überblick über die eingelagerten Kunstschätze.

Harry L. Ettlinger, ein Monuments Man mit familiären Wurzeln in Bruchsal

Der 19-jährige Soldat Harry L. Ettlinger.

Am 1. September setzte er Dale V. Ford als Leiter des Kunstschutzstabes ein, zu dem u.a. auch der junge Unteroffizier Harry L. Ettlinger gehörte, der als 19-Jähriger zu dieser Aufgabe kam, weil er gut deutsch sprach.

Vor dem Hintergrund der wegen der Gurlitt-Bilder wieder aufgeflammten Diskussion über die Raubkunst der Nazis ist bemerkenswert, dass man damals nur zwei Prozent der eingelagerten Kunstschätze als „illegal“ einstufte. Bei dieser Einschätzung bleibt Schrenk bis heute, mit der Einschränkung, dass die Museen damals schon zu Spottpreisen die Kunstwerke jüdischer Mitbürger erworben hatten.

Harry L. Ettlinger ist einer der letzten Überlebenden aus dem Kreis dieser „Monuments Men“, es waren, anders als im Film dargestellt nicht wenige, sondern über 300. In den USA war die Idee von Kunstschutz-Offizieren als eine Art „Rotes Kreuz für die Kunst“ schon 1942 entstanden. Zusammen mit anderen noch lebenden „Monuments Men“ wurde Ettlinger vom damaligen Präsident George Bush im Weißen Haus empfangen. Wie es war, als er am 3. Mai 1946 als Unteroffizier zusammen mit Dale V. Ford unter den Schätzen aus der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe (von da waren fast 700 Kisten, ganze Waggonladungen, mit Kunstgegenständen, Plastiken, Büchern usw. eingelagert) ein Rembrandt-Selbstporträt entdeckte, erzählte er im ARD-KulturjournalTitel-Thesen-Temperamente“ so: Dieser Rembrandt stammt aus der Kunsthalle Karlsruhe. Unter Hitler durfte ich als jüdisches Kind das Museum nicht betreten. In der Salzmine in Heilbronn habe ich dieses Gemälde dann zum ersten Mal gesehen. Ein ganz besonderer Moment für mich, ich war sehr stolz, dass ein Jude jetzt endlich ein Kunstwerk aus einem deutschen Museum betrachten darf.“

Eine Druckgraphik dieses Gemäldes hatte sein Großvater besessen. 2011 erzählte er dem Bruchsaler Journalist Rolf Schmitt: „Viele von uns standen vor der Wahl: Sterbe ich, um die Kunst zu retten oder rette ich sie eben nicht. Diese Frage hat uns alle beschäftigt. Als ich anfing, waren gerade zwei von unseren Männern getötet worden."

Als Harry Ettlinger im Jahr 2011 nach mehreren Besuchen das letzte Mal in Heilbronn war, begleiteten ihn Peter Wanner vom Stadtarchiv Heilbronn, Dr. Anton Knittel von der Pressestelle der Stadt und Museumsleiter Dr. Marc Gundel bei einer kleinen Heilbronn-Führung mit Ettlingers Lebensgefährtin Dorothy Kahan sowie den Bruchsalern Ursula Schott und Rolf Schmitt und erzählte davon, wie sehr ihm die Aufgabe in Heilbronn am Herzen gelegen habe. Er sei zwar wegen seines Alters etwas gebrechlich, aber geistig überaus wachsam und „sehr amerikanisch“ gewesen, interessiert, aufgeschlossen und ohne Vorbehalte, so schildert ihn Wanner und auch Knittel sagt: „Ich erinnere mich an den Besuch in der Kilianskirche mit Herrn Ettlinger gut: Ein älterer Herr, höflich, unkompliziert und ohne Scheu, einfach angenehm. Er hat sich sichtlich gefreut, wieder in Heilbronn zu sein, man konnte sofort mit ihm in Kontakt kommen und er konnte sich an viele Einzelheiten erinnern.“ Allerdings: Die deutsche Sprache hatte Ettlinger da nicht mehr parat.

Indirekt hat Harry Ettlinger aber noch ein weiteres Verdienst: Er „bescherte“ den Heilbronnern die bedeutendsten Kunstausstellung die es hier je gab, die Volkshochschule stellte zusammen mit der Militärregierung die Kunstschätze aus dem Salzbergwerk unter dem Titel „Geretteter deutscher Kunstbesitz – Südwestdeutsche Kunst des 15. Jahrhunderts“ und „Meisterbildnisse aus vier Jahrhunderten“ im Februar und März 1946 aus. Die Feuilletonistin Dr. Ilse Fischer schrieb damals: „Die Ausstellung wird in der Hauptsache durch Dürer, Rubens und Rembrandt bestritten.“

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Was alles im Salzbergwerk Heilbronn-Kochendorf lagerte:

Christhard Schrenk schreibt dazu: „Nicht nur die Menge ist imponierend, sondern auch die Qualität der Einlagerungen. Zu ihnen zählen neben herausragendem Archiv- und Bibliotheksgut u.a. auch die badischen Kroninsignien, Gemälde von Jan Breughel und Rembrandt, Handschriften von Goethe und Schiller, Originalnoten von Mozart und Beethoven, die Straßburger Münsterfenster, der sog. Kölner Agrippinakopf, die Stuppacher Madonna, der Steinheimer Urmensch-Schädel, der homo heidelbergensis, und viele andere.“ Die Liste der „Einlagerer“ reicht vom Stadtarchiv Ahrensburg bis zum Archiv der Kirchengemeinde Wyk auf Föhr, sie umfasst 105 Buchseiten. Ein „Hauptlieferant“ war Stuttgart, neben Ämtern und Institutionen brachten u.a. die Staatsgalerie (u.a. 179 Gemälde, 296 graphische Mappen, darunter alte Meister und Entartete“ wie Willi Baumeister und Oskar Schlemmer), das Staatstheater (u.a. 24.500 Kostüme), das Schlossmuseum, das Lindenmuseum (753 Kisten), das Hauptstaatsarchiv ( 118 Kisten mit Urkunden und Akten) aber auch Firmen wie Benz, Bosch oder der Cotta-Verlag, Gerichtsakten und Grundbücher unter. Auch aus Mannheim, Ludwigshafen, Ulm und besonders Köln kamen gewaltige Ladungen an. Dem Verfasser liegen dazu noch hunderte von Namen und Einlagerungslisten von Privatpersonen vor.

© Brigitte Fritz-Kador


Literatur:

Christhard Schrenk, "Schatzkammer Salzbergwerk - Kulturgüter überdauern in Heilbronn und Kochendorf den Zweiten Weltkrieg". Stadtarchiv Heilbronn 1997. ISBN 3-928990-61-6

Thomas Adam, Thomas Moos, Rolf Schmitt (Hrsg.), "Oppenheimer - Eine jüdische Familie aus Bruchsal". verlag regionalkultur Ubstadt-Weiher. ISBN 978-3-89735-747-1. Zur Familie Ettlinger sowie Harry Ettlinger insbesondere die Kapitel "Monuments Men. Eine Schatzsuche im Nachkriegsdeutschland", "Besuche in der Vergangenheit. Harry L. Ettlinger in Kochendorf und Karlsruhe", "In die Emigration. Familie Ettlinger: Nachfahren von Emma und Otto Oppenheimer" sowie die persönlichen Erinnerungen von Harry L. Ettlinger: "Ihr Buben werdet Amerikaner sein".

 

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