Franziska Frey, verheiratete Hölscher, geboren in Bruchsal

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Als Zeugin Jehovas wurde sie in der Zeit des Nationalsozialismus verfolgt
Sonntag, 27. Juli 2014 - 18:00

In Vertretung der Oberbürgermeisterin übernahm die Gleichstellungsbeauftragte in Bruchsals Rathaus, Ingrid Ganter, die ehrenvolle Aufgabe, die Gäste zur Enthüllung der Gedenktafel - übrigens die zwölfte Gedenktafel, die mittlerweile in Bruchsal auf besondere Leistungen von Frauen hinweist - für Franziska Frey, verheiratete Hölscher, zu begrüßen.

Tafel01

Foto: privat

Es waren außergewöhnlich viele Besucher zu dieser Veranstaltung in die Bruchsaler Blumenstraße gekommen, nicht nur aus Bruchsal, sondern auch aus der Region. Die Besucher lauschten nach der Begrüßung durch Ingrid Ganter interessiert dem Vortrag von Ruth Birkle, in dem sie den mühseligen Lebensweg von Franziska Frey schilderte. Frau Birkle betonte, sie selbst habe erstmals durch die Lektüre eines Buches über Bruchsal und den Nationalsozialismus von den Lebens- und Leidensweg von Franziska Frey erfahren. Diese Lektüre war für sie Ansporn, sich näher mit Franziska Frey zu beschäftigen.

Tafel02

Foto: privat

Nachdem es bis zur Enthüllung der Gedenktafel den Mitgliedern des Arbeitskreises Frauengeschichte Bruchsal zu deren Bedauern nicht gelang Zeitzeugen zu finden, die Franziska Frey noch kannten, war zur Gedenktafelenthüllung ein Gast aus dem Heidelberger Raum gekommen, der noch aus seiner Jugendzeit Franziska Frey, verh. Hölscher, und deren Ehemann persönlich kannte. Vielleicht ergibt sich dadurch die Möglichkeit, etwas über das Leben von Franziska Frey nach 1962 bis zu deren Tod 1976 zu erfahren und sogar ein Foto zu beschaffen - es gibt nämlich keine Fotografien von Franziska Frey.

Der Arbeitskreis Frauengeschichte Bruchsal hat dankenswerterweise bruchsal.org das bei der Veranstaltung in zu kleiner Auflage verteilte Faltblatt mit der Kurzbiographie zu Franziska Frey zur Veröffentlichung überlassen.

 

 
Franziska Frey, verh. Hölscher

geboren 14. Juni 1892 in Bruchsal, gestorben 07. August 1976 in Wiesloch

Franziska Frey kommt am 14.6.1892 in Bruchsal als Tochter des Fuhrunternehmers Leopold Frey und dessen Ehefrau Mathilde (verh. um 1889) auf die Welt. Ihr Bruder Karl war am 10. Dezember 1890 geboren worden, von fünf weiteren Geschwistern überleben zwei Schwestern. Sie berichtet 1960, dass sie eine schöne Jugend gehabt hätte und ein harmonisches Familienleben. In der Augenklinik Heidelberg wird 1960 festgestellt, dass sie als Kind Augenentzündungen hatte und 1925 schieloperiert wurde.

Blumenstraße

Blumenstraße 12 hinten mit Torbogen, vorne Hausnummer 2 (G. M. Seitz). Um 1914. Foto: Stadtarchiv Bruchsal

Die Familie lebt in der Blumenstraße 12. Franziska besucht die Volksschule und erhält 1908 kurze Zeit Privatunterricht. Im selben Jahr geht sie an die Höhere Mädchenschule nach Freiburg und dort ab 1909 in das Lehrerinnenseminar. Dieses schließt sie 1912 mit ziemlich gut ab. Nach einer einjährigen Lehrtätigkeit in Offenburg und in Kirchhofen bei Staufen legt sie 1914 die Prüfung für das Höhere Lehramt mit gut bis sehr gut ab. Während des Ersten Weltkriegs unterrichtet sie in Unterkirnach bei Villingen und ein Jahr in Wiesental bei Bruchsal. Um ihrem Freund, einem verheirateten Lehrer, nahe zu sein, lässt sie sich nach Utzenfeld versetzen. Um der Versetzung Nachdruck zu verleihen, lässt sie sich attestieren, sie leide an Überarbeitungs- erscheinungen und es bestehe die Gefahr einer dadurch erfolgenden Neurasthenie. 1920 scheidet sie freiwillig aus dem Schuldienst aus, ebenso aus der katholischen Kirche. Sie zieht zu ihrem Freund nach Neuhof; er ist Anhänger der Internationalen Bibelforscher. 1921 lässt sie sich bei den Ernsten Bibelforschern taufen.

Nach ein bis zwei Jahren jedoch gibt es Gerede in Neuhof. Von ihrer Familie verstoßen, weiß sie nicht, wo sie unterkommen kann und zieht zu der Mutter des Freundes nach Freiburg. Sie pflegt dessen kranken Bruder und verliebt sich in einen anderen Bruder ihres Freundes. Der Freund jedoch drängt auf Abbruch der Beziehung und sie weiß wieder nicht, wohin sie gehen soll. In dieser Notsituation sieht sie sich selbst nah am Selbstmord. Doch sie zieht nach Rosenheim und ist dort für die Bibelforscher tätig, ebenso in Nürnberg. Sie kolportiert Schriften und führt ein armseliges Leben, ein Opfergang, wie sie selbst sagt.

1926 erkrankt die jüngere Schwester, weshalb sie nach Bruchsal zurückkehrt. 1926 bittet sie um Wiedereinstellung in den Schuldienst. Dazu muss sie in Karlsruhe ein Seminar zur Fortbildungsschullehrerin absolvieren. 1928 wird sie als außerplanmäßige Fortbildungsschullehrerin wieder eingestellt. Bis 1932 arbeitet sie in der Fortbildungsschule Oftersheim und bis 1935 in Altlußheim.

1930 lernte sie einen jungen Mann kennen, der an einem Hirntumor erkrankt ist. Sie pflegt ihn, er stirbt 1931. Auch dieses Ereignis nimmt sie stark mit, sie zeigt Erschöpfungszustände. In dieser Zeit setzt sie sich kritisch mit der Lehre des Nationalsozialismus auseinander und liest Mein Kampf. Sie verfasst Aufsätze, die auch in Das Goldene Zeitalter, der Schweizer Zeitung der Bibelforscher, veröffentlicht werden.

Nach 1933 verweigert sie den Hitlergruß, weshalb sie 1935 bei einer Wohnungsdurchsuchung verhaftet wird; ihre Schriften werden beschlagnahmt. Vor Gericht wird ihr vorgeworfen, im Jahr 1934 an Versammlungen der Zeugen Jehovas teilgenommen zu haben. Ebenso habe sie Druckschriften verteilt, dabei sei das Verbot der Internationalen Vereinigung Ernster Bibelforscher durch den Minister des Inneren bereits 1933 erfolgt und im Mai 1933 in der Karlsruher Zeitung veröffentlicht worden. In der Urteilsbegründung 1935 heißt es:

"Die Angeklagte selbst wollte heute geltend machen, dass sie sich in keiner Weise staatsfeindlich gezeigt und auch bei ihren Glaubensschwestern und Glaubensbrüdern sich keiner Lehrertätigkeit unterzogen habe. Aus den bei der Angeklagten beschlagnahmten eigenen Schriften ergibt sich aber, dass die Angeklagte eine höchst staatsgefährliche Persönlichkeit ist. Sie setzt sich unter anderem in dem beschlagnahmten blauen Heft (Rechenheft) im einzelnen mit Adolf Hitlers Mein Kampf auseinander. (...) Aus den rot unterstrichenen Stellen ergibt sich, dass die Angeklagte zu denjenigen gehört, die Kriegsdienstverweigerer sind, sich nicht an Wahlen beteiligen, die nationalen Symbole nicht grüßen, den deutschen Gruß "Heil Hitler" unterlassen und sich weder an Hilfswerk noch an der NS-Wohlfahrt beteiligen. (...) Sie hat am 5. 9.1934 den Eid als Lehrer auf den Führer geleistet und sie wollte glaubhaft machen, diesen nicht gebrochen zu haben. (...) Das befremdlichste ist vor allem, dass sie den Eid zu einer Zeit geleistet hat, wo sie selbst wusste, dass sie ihn in vollem Umfang nicht halten kann. (...) Die Angeklagte verfolgt offensichtlich judaistische Tendenzen mit staatsgefährdendem Einschlag, trägt eine internationale Gesinnung zur Schau, die mit Glaubensdingen nichts mehr zu tun hat. Es handelt sich bei der Angeklagten zweifellos um eine geistig hochstehende Führerpersönlichkeit in der verbotenen Bewegung der ernsten Bibelforscher."

Sie kommt 1935 drei Monate in das Gefängnis in Mannheim und 1936 vier Monate in das Bruchsaler Gefängnis. Während der Haft 1936 wird sie in der Psychiatrischen Uniklinik Heidelberg untersucht. Dort wird ihr manisch-depressives Verhalten unterstellt; trotzdem wird sie wieder in Haft genommen. 1936 wird sie von ihrer Stelle als außerplanmäßige Fortbildungsschullehrerin offiziell entlassen. Sie bekommt ein Unterstützungsgehalt für ihre 16-jährige Dienstzeit von 97,78 RM, um das sie aber immer wieder kämpfen muss.

Frey

Ausschnitt aus einer Akte der SS zum Widerstand der Zeugen Jehovas, 1939.

Im August 1936 erscheint ihr Text Unser Kampf und Hitlers Mein Kampf in Das Goldene Zeitalter. Sie schreibt:

"Wenn Hitler wirklich zu seinem Buch steht, dann darf er die, die am blutigsten und entschiedensten für die Wahrheit der Bibel eintreten, doch am allerwenigsten behindern, geschweige denn sie in einer Weise verfolgen, wie es in den letzten Jahren geschehen ist. (...) Auf Seite 106 spricht sich Hitler anerkennend über solche aus, die sich niemals zu einem Kompromiss herbei ließen, warum erkennt man bei den anderen etwas an, was man bei uns zum Beispiel absolut nicht verstehen will? (...) Hier darf es am wenigsten eine Halbheit geben, die auch Hitler abscheulich ist. (...) Nun zu den Vorwürfen, die man uns macht. Wir sollen staatsgefährlich und staatsfeindlich sein. Man kann auch sagen, dass Hitler selbst beides einmal war, als er sich mit der Absicht trug, die Regierung vor ihm zu stürzen, weil er sie für faul erkannte. (...) Wir sind weder staatsgefährlich noch staatsfeindlich, aber wir können nichts dafür, wenn vorhandene Missstände durch Gotteswort rücksichtslos gegeißelt werden."

Nach der Haft in Bruchsal zieht sie zu Mutter und Bruder in die Blumenstraße 12. Dort wird sie spätestens 1939 wieder aktiv. In den Vernehmungsprotokollen sagt sie aus, dass 1939 Ludwig Cyranek und Julius Engelhard zu ihr kamen, Engelhard brachte eine Vervielfältigungsmaschine mit. Damit vervielfältigte sie Schriften der Zeugen Jehovas. Der Dachdeckermeister Engelhard wurde bereits ab 1938 von der Gestapo gesucht. Manchmal übernachten beide bei ihr, Cyranek auf der Chaiselongue, Engelhard in der Dachkammer. Am 21. Februar 1940 wird sie nach Karlsruhe vorgeladen und verhaftet. Nach ihrer Festnahme wird das Haus durchsucht, aber Engelhard kann über einen Kaminkehrereingang in den Speicher des angrenzenden Hauses fliehen und wird nicht entdeckt. Sie wird im Frauengefängnis Karlsruhe von der Gestapo verhört und gefoltert.

Am 30. Juli 1940 wird sie bewusstlos in die Heil- und Pflegeanstalt Wiesloch überstellt. Dort lernt sie 1940 ihren späteren Ehemann kennen, Armin Otto August Hölscher (1901-1986), der 1944 in das KZ Mauthausen eingeliefert wird. 1943 erkrankt die Schwester, deshalb gibt Frey nach und grüßt mit dem Hitlergruß, damit sie sich vor dem späteren Selbstvorwurf bewahre, nur durch ihre Unnachgiebigkeit am Tod der Schwester mitschuldig zu werden. Sie stellt ein Gesuch auf Freilassung, dem am 15. Juli 1943 unter Auflagen stattgegeben wird: Sie muss bei der Familie ihrer Schwester in Dippoldiswalde (Sachsen) wohnen und sich dort bei der Gestapo melden.

1946 heiratet sie aus der Idee heraus, dass sie ihrem Mann helfen könne, seine unglückliche Veranlagung zu überwinden. Aber er wird wiederholt rückfällig und ist auch 1960 wieder für drei Jahre in Haft. Als verheiratete Frau ist ihr die Rückkehr in den Schuldienst verwehrt. 1949 wird ein Wiedergutmachungsantrag von dem Präsidenten des Landesbezirks Baden abgelehnt. Dabei geht es immer um die Frage, ob sie politisch verfolgt oder tatsächlich psychisch erkrankt war und deshalb in der Heil- und Pflegeanstalt Wiesloch. Ihr Rechtsanwalt Arthur Friedel verweist darauf, dass sie 1935 vom Kreisschulamt Heidelberg eindeutig wegen politischer Gegnerschaft entlassen worden sei. Verteidiger und Zeugen, wie zum Beispiel ihr Schwager, Regierungsrat Seiler, betonen, dass schizophrene Schübe, die in der Heil- und Pflegeanstalt 1940 aufgetaucht waren, verfolgungsbedingt gewesen seien. Dementsprechend wird 1950 das Urteil von 1940 zur Unterbringung in der Heil- und Pflegeanstalt Wiesloch aufgehoben. Mit der kleinen Rente und geringen Entschädigungszahlungen kommt sie jedoch nur schwer über die Runden, auch wenn sie Zimmer an Studenten vermietet .

1959 stellt sie erneut ein Bittgesuch und es kommt mit Unterstützung der VVN (Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes) zu einem neuen Verfahren. Dazu wird 1960 durch Ärzte der Psychiatrischen und Neurologischen Kliniken der Universität Heidelberg ein Fachgutachten erstellt, das zum Erfolg des Prozesses beiträgt. Das Fachgutachten bescheinigt ihr, dass die Geisteserkrankungen verfolgungsbedingt gewesen seien:

"In Verfolg der Bemühungen, die Motivationszusammenhänge zu erkennen, hat der Gutachter eine besonders eingehende Exploration der Klägerin unternommen. Dabei ist er zu dem Ergebnis gekommen, dass die Klägerin aus konstitutionellen charakterogenen Gründern zu einem gewissen religiösen Fanatismus neige, aber auch eine zu selbstloser Aufopferung und zu einem idealistischen Altruismus neigende Persönlichkeit sei. (...) Eine solche Persönlichkeit stelle die Klägerin heute noch durch ihre unbeirrte Aufopferung für den krankhaft veranlagten Ehemann unter Beweis, den sie im wesentlichen doch wohl aus karitativen Gründen geheiratet haben dürfte."

Die Ärzte attestieren ihr eine überdurchschnittliche Intelligenz. Josef Strobel, Schulrat a.D., 1901 ihr Volksschullehrer und von 1928 bis 1933 ihr Vorgesetzter, sagt 1961 im Prozess:

"In meinem Bezirk gab es 4 bis 5 Lehrer, die einen Dachschaden hatten. Das Ministerium war über diese Lehrkräfte informiert. Sie waren eigens meinem Bezirk zugeteilt; nicht zuletzt deshalb, weil die verhältnismäßig großen Schulen, (...), einen nicht ganz vollwertigen Lehrer am leichtesten verschmerzen können. Die Klägerin gehörte nicht zu diesen Personen."

Auch eine befreundete Buchhändlerin äußert sich wohlwollend, Hölscher käme ein- bis zweimal in der Woche in die Buchhandlung und kümmere sich um ihren an Multipler Sklerose erkrankten Schwager. Hölscher sei sehr hilfsbereit, freundlich und sicher nicht verrückt. 1962 ist die Klage erfolgreich, sie erhält eine Rente und eine Entschädigungszahlung. Danach bleibt ihr Leben im Dunkeln. Franziska Hölscher, geb. Frey, stirbt am 7.8.1976 in Wiesloch.

© Kurzbiographie: Arbeitskreis Frauengeschichte Bruchsal.

Frey

 

Mehr zur Frauengeschichte Bruchsal unter diesem Link: Frauengeschichte Bruchsal

 

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Kommentare

Spannende Geschichte, die in

Spannende Geschichte, die in Bruchsal eigentlich nicht bekannt war. Ein wirklich bemerkenstwerter Kontrast zur kürzlichen Straßenbenennung in Untergrombach.

Köstlich...

"In meinem Bezirk gab es 4 bis 5 Lehrer, die einen Dachschaden hatten...."

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