Ferien in Bruchsal

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Erinnerungen von Elisabeth Mußler aus den Jahren zwischen 1945 und 1955
Dienstag, 4. September 2012 - 11:25

In den Sommerferien bei meinen Großeltern in Bruchsal

von: Elisabeth Mußler

Es war immer Sommer, wenn wir wie ein Hornissenschwarm bei den Großeltern in meinem Geburtsort Bruchsal einfielen. Wir kamen aus der kühlen Einsamkeit des Hochschwarzwaldes und durften in den Schulferien ein paar Wochen im Haus der Großeltern mütterlicherseits verbringen. Dort wohnten auch zwei Tanten und ein Onkel mit Ehepartnern und ihrem Nachwuchs. Wir selbst kamen zu sechst an: Mutter, Großvater und vier Geschwister. Sechs Kinder wohnten damals im Haus Württemberger Straße 103. Und wir vier kamen noch dazu.

Württemberger Straße

Kreuz vor der Württemberger Straße 103. Foto: Schuhmacher

 Für unsere Mutter und die Tante R., die jüngste Schwester meiner Mutter, in deren Wohnbereich wir eindrangen, war das sicherlich eine anstrengende Zeit. Für uns Kinder war es das Paradies. Abends lagen wir zu sechst in Tante R.´s Ehebetten. Mein ältester Bruder erzählte Endlosgeschichten, die er selbst erfand und die am nächsten Abend ihre Fortsetzung fanden. Ich lag da und sah an der Zimmerdecke die durch die Rollladenschlitze dringenden Lichtreflexe der gelegentlich vorüberfahrenden Autos entlang gleiten. Dies  faszinierte mich. Denn dort, wo wir herkamen, gab es nachts nichts als Dunkelheit, die von keinem Scheinwerfer unterbrochen wurde.

Jetzt begann das schöne Ferienleben. Der Sommer  war förmlich zu riechen und zu fühlen. Beim Barfußlaufen blieben die Zehen oft im aufgeweichten Teer des schlecht geflickten Asphalts kleben. Die Sommer waren sehr heiß in jenen Jahren zwischen 1945 und 1955. Man roch den Teer und vor allem den Dreschplatz, in dessen Nähe die Großeltern ihr Haus hatten. Dreschstaub, Reste von Stroh und Spelzen flogen durch die Luft und lagen überall auf dem Trottoir. Wenn dann plötzlich ein sommerlicher Platzregen einsetzte, hüpften die fetten Regentropfen in den Staub, kleine Fontänen schossen hoch. Man roch dann das verzischende Regenwasser, eine Mischung aus frischem Regen, Staub und heißem Asphalt. Pfützen bildeten sich. Aber schnell war wieder alles getrocknet.

Manchmal hatten wir Glück. Ein Onkel oder eine Tante schenkte jedem zehn Pfennige. Das reichte, um in der Stadt ein Eis zu kaufen, ein köstliches, klebriges Puddingeis zwischen zwei muschelförmigen Waffelschalen. Unten klebten die Zehen an der aufgeweichten, heißen Straße, oben die Finger, die das Waffelschälchen immer wieder drehten, um die tropfenden Ränder sauber abzuschlecken. Überhaupt waren die Bruchsaler geübte Genießer. Geld hatte in der Zeit niemand, aber die Natur lieferte ihre Gaben reichlich.

Die Frauen, meine Mutter und ihre jüngste Schwester, waren geübte Bäckerinnen. Sonntags gab es Kuchen, große Blechkuchen aus Hefeteig mit Äpfeln oder Zwetschgen belegt, auch Streuselkuchen, gefüllte Ringe, dicke Hefezöpfe. Die mussten zunächst zum Bäcker Eberle getragen werden,  der nicht weit weg seine Backstube hatte. Samstags standen die Frauen mit ihren Kuchenblechen Schlange bei ihm, um Brot oder Kuchen backen zu lassen, weil ihre Küchenherde nicht groß genug waren für die  uns riesig erscheinenden Bleche. Und meistens blieb es ja nicht bei einem Kuchen pro Wochenende. Oben drauf steckte man ein Holzstäbchen mit einem Namenszettel, damit es beim Abholen nicht zu Verwechslungen kam.

Peterskirche

©

Bis zum Gegessenwerden wanderten die Kuchen in den tiefen Keller, wo sie kühl gelagert wurden und zunächst aus den Augen der Kinder und ihrer Begehrlichkeit verschwanden. Dann wurde es endlich Sonntag. Morgens gingen alle zur Messe in die Peterskirche. Dieser helle, lichte, goldschimmernde Raum mit den wolkenartigen Stores an den hohen Fenstern im Altarraum war von Glanz und Feierlichkeit durchflutet. Die beiden Cousins Stefan und Adalbert waren „Messknobbel“, zu Deutsch Ministranten. Ich musste mir schon ein bisschen den Hals ausrenken, um zu sehen, in welcher Position welcher von beiden beim feierlichen Einzug daherschritt. Die Orgel tönte, der Weihrauch stieg empor, der Chor sang feierlich „Wohin soll ich mich wenden“, und die versammelte Gemeinde legte musikalisch das ihre dazu. Das war wahre Frömmigkeit.

Sonntagnachmittags machten wir bisweilen einen Spaziergang zum „Feldkirchle“. Den Rain gegenüber hinauf ging es auf einem Feldweg zu den  Bahnschranken, über die Gleise weg, zuerst an Gärten vorbei, dann auf einem Trampelpfad in die Felder. Hohlwege, tief eingeschnitten in den lehmigen Grund, waren überwachsen von Büschen und Bäumen, an denen Lianen herunterhingen fast wie im Urwald. Wir gingen in den Hohlwegen fast vollständig im Schatten. Dort wo die dicke Lössschicht endete, trat der Weg heraus auf das Niveau der Äcker. Was da alles wuchs: Nussbäume, Obstbäume, Kartoffeln, Getreide, Mais, Rüben. Leicht aufwärts über das wellige Hügelland zog sich der Weg dann in voller Sonne bis zum Wendepunkt. Das Feldkirchle war nur eine kleine Kapelle mitten im fruchtbaren Bauernland. Ein paar Bänke gab es dort und Bäume mit schönem Schatten. Keinen Kiosk, keine Cola- oder Pommesstände. Das Feldkirchle war einfach ein Wanderziel. Und weil man für das Spazierengehen ein Ziel brauchte, gingen wir eben dahin. 

Belvedere

Belvedere mit Blick aufs Schloss

Manchmal besuchten wir auch den Schlossgarten und das Belvedere. Das Schloss war nach dem Krieg als Ruine gesperrt. Die Schlosskirche glich einem hohlen Zahn. Der Blick hinein rührte mich immer etwas schauerlich und geheimnisvoll an. Der Park aber mit den alten Bäumen, den verschlungenen Wegen, den Wasserbecken und den barocken Statuen von Frühling, Sommer, Herbst und Winter war sehr anziehend. Der Rückweg führte über das Belvedere, dieses  merkwürdige, keinem Zweck als dem es zu betreten und wieder zu verlassen dienende Gebäude. Von dort ging es abwärts durch Rebhänge, vorbei an Denners Bierfabrik, aus der bei bestimmten Witterungsverhältnissen ein merkwürdiger Dunst hervorging. Den Geruch kann ich mir jederzeit wieder in Erinnerung rufen.

Wir waren viel im Freien und trieben so allerhand. Der Saalbach fließt ja durch die Stadt. Hinterm Schlachthof war er gestaut. Durch ein Wehr floss ein schmales Rinnsal in einen kanalartigen Arm, der ganz flach war. Sein Boden war mit Wasserpflanzen bedeckt. Das klare Wasser plätscherte darüber, und über das glitzernde Gewässer neigten sich die Äste der Trauerweiden bis zur Wasseroberfläche. Grüne und goldene Lichtreflexe spiegelten sich im ebenen Bachbett. Während die Buben in dem gestauten Wehrwasser badeten, plätscherte ich mit den Füßen in dem  flachen goldenen Nass und war ganz verzaubert. Ob es diesen Märchenort noch gibt?           

Ein anderer Platz, den ich gern besuchte, war der Garten von Onkel A.  jenseits der Bahngeleise. Die Mirabellen waren reif und ich durfte mich frei an ihrer Überfülle bedienen. Johannisbeerstöcke, ein Birnbaum, Tomaten, Gemüse, schöne Gartenblumen wie Astern und Zinien, ein Gartenhäuschen, eine Wasserstelle befanden sich dort. Der Garten war ein nicht umgrenzter, großer Acker mit vielfältigem Reichtum. Onkel A. war sonst ein Kauz. Durch sein Glasauge war er mir etwas unheimlich. Er erzählte gern selbsterfundene Geschichten aus dem Krieg (sein Glasauge war eine Erinnerung daran), in denen er meist die Hauptrolle spielte. Aber sonst war er ein guter Onkel. Er schimpfte nicht, wenn man sich an den Hasenställen zu schaffen machte, die hinterm Schuppen zum Hausgarten hin standen.

Hühner

In diesem unübersichtlichen Verhau von Hasenwohnungen aus alten Brettern und Latten trieben sich auch die Hühner herum, die in geheimen Ecken ihre Eier auszubrüten versuchten. Man musste ihre Eier finden, ehe sie zu stark bebrütet waren. Das war immer wie ein Sieg, wenn man wieder einmal ein Eierversteck rechtzeitig entdeckte. Überhaupt waren die Hühner ein ungezogenes Volk. Sie liefen überall herum. Der gepflasterte Hof war voll von ihren Hinterlassenschaften. Wir barfuß laufenden Kinder mussten aufpassen, wohin wir traten. Die Hühner hatten auch keine Scheu durch den offen stehenden Hintereingang die Treppe hoch in die Küche zu gehen. Manchmal erwischte man eines auf dem Küchentisch.

Mit der Hygiene war es damals nicht all zu weit her: Ein Wasserhahn in der Küche, ein Plumpsklo auf halbem Stock im Treppenhaus und Samstag eine Badeveranstaltung in der Waschküche, die neben dem Saustall im Hof lag.

Dampf quoll aus der Tür, wenn ein Gebadeter den Zuber freigab und ins  Handtuch gewickelt über den Hof ins Haus rannte. Der zuletzt Badende hatte Pech. Alle Kinder wurden durchs gleiche Wasser gezogen.

Rebecca

 Neben dem öffentlichen Leben mit den vielen Cousins führte ich ein zweites, geheimes. Im Ohrensessel am Fenster des großmütterlichen Schlafzimmers. Tante R. hatte eine Kommode, die voll war mit Büchern, hauptsächlich Romanen. Ich durfte nach Belieben stöbern. So erschloss sich mir eine romantische Welt von Liebe und Eifersucht, Giftmord, Krieg, ewiger Treue, Geheimnis und Verrat. Ich las „Rebecca“, „Vom Winde verweht“, „Der Große Regen“, „Der Kardinal“ und vieles andere. Quer im Sessel hockend, die Beine über eine Armlehne baumelnd versank ich für Stunden in fremden Schicksalen, die alle viel interessanter waren als das meinige. Während meine drei Brüder und die fünf Cousins ihren „männlichen“ Spielen und Umtrieben nachgingen, befand ich mich auf einem andern Planeten.

Meine Großeltern wohnten wie gesagt draußen in der Württemberger Straße, einer Vorortstraße mit vielen bäuerlichen Anwesen. Zur Straße hin hatten die meisten Häuser ein großes Hoftor mit schönem Sandsteinbogen, unter dem Wagen beladen mit Tabak, Mais oder Rüben einfahren konnten. Innen war ein gepflasterter Hof, auf der einen Seite der Eingang zum Wohnhaus, auf der anderen gab es Schuppen, Ställe und Speicher zum Trocknen von Tabak und Mais.

Eine Großtante, die Tante Elies, wohnte hinter einem solchen Tor. Auf der Straße hatte sie oft ein Tischchen aufgestellt, auf dem Körbe standen mit Zwetschgen, Äpfeln oder was sonst gerade reif und im Überfluss vorhanden war. Hier konnte man kleine Mengen einkaufen und das Geld in eine Büchse werfen. Sonst gab es in der langen Vorstadtstraße  vor allem Kneipen. Ganz in der Nähe von uns lockte der „Graf Kuno“ mit Gartenwirtschaft und Kegelbahn. Auf der anderen Seite mehr der Stadt zu war der „Letzte Brunnen“, wo ein anderer Onkel gern einkehrte, um sich auf einen Satz sechs Schnäpse zum Bier zu bestellen. Noch weiter stadteinwärts gab es den „Ochsen“ und den „Grünen Baum“, dessen Wirtin die Großmutter meiner Cousins Stefan und Adalbert war. Sie stand im Ruf, die besten Dampfnudeln der Stadt herzustellen. Der „Engel“ lag noch weiter stadteinwärts bei der Großen Brücke.

Ansonsten fand man in der Straße noch drei Bäcker, den Eberle und den „Bäcker Becker“ und den Ketterer. Ich glaube, es gab noch ein Milchgeschäft, zwei Kolonialwarenläden und drei Metzgereien. Die Württtembergersträßler lebten großen Teils von ihren eigenen Produkten. Sie ernteten Kartoffeln und Getreide von den eigenen Äckern, die außerhalb der Wohngebiete lagen, eigenen Wein. Sie hielten Hühner, Stallhasen, viele ein Schwein, und oft hatten sie hinterm Haus einen kleinen Garten mit Salat und Gemüse. Im Hof der Großeltern stand ein hoher Birnbaum, der „Geißhirtle“ trug, eine Birnensorte, die erst in den letzten Jahren wieder zu Ehren gekommen ist. Ich stieg gern die Leiter hoch bis ganz nach oben, um mir die schönsten Birnchen zu pflücken. Am besten schmeckten sie mir, wenn sie noch ein wenig hart und grün waren. Waren sie zu reif, wurden sie mehlig oder teigig. Auch in späteren Jahren, als ich schon erwachsen war, bekam ich bei meinen sommerlichen Besuchen mit dem Auto immer ein Körbchen Geißhirtle mit nach Hause.

Das Haus der Großeltern Karolus trug die Nummer 103 und war eines der letzten in der Straße. Im Vorgarten stand ein barockes Wegekreuz, das mit der Zeit verfiel und meines Wissens jetzt zum Museumsstück geworden ist. Die Straße war die frühere Bundesstraße 35 und führte nach Heidelsheim. Als Großvater baute, muss an dieser Stelle überall freies Land gewesen sein. Er ließ das Haus nach der Jahrhundertwende errichten, denn die Familie vergößerte sich um vier Söhne und drei Töchter. Es hatte zwei Stockwerke und ein Dachgeschoss. Zwei Zimmer breit war es. Nach hinten lagen die Küche und das Elternschlafzimmer, nach vorne ein weiteres Zimmer und das „gute Zimmer“. Dies war das Paradezimmer, welches nur zu besonderen Gelegenheiten betreten wurde, an Weihnachten zum Beispiel. Dann wurde sogar der Ofen befeuert. Ansonsten war das Zimmer kalt und wie ein Museum und duftete nach Quitten, die in einer Schale in der Mitte des Zimmertisches thronten. Es befand sich ein rotsamtenes Sofa mit Quasten darin, ein runder Tisch mit Fransendecke, sechs Stühle und ein Vertiko. Das Zimmer war der Stolz der Hausfrau. Das zweite Zimmer zur Straße diente unserer Tante R. als Schlafzimmer. Ein großes Ehebett stand darin und davor quer ein Sofa. Wenn wir Kinder zu Besuch waren, schliefen wir alle in dem Zimmer samt unseren Müttern. Väter gab es längst nicht mehr. Mein Papa und der meines Cousins vom ersten Stock waren vom Krieg verschlungen worden. Tante R. war gerade mal drei, vier Jahre verheiratet gewesen, als sie Kriegerwitwe wurde.

In der Küche ging es einfach zu. Ein Küchentisch in der Mitte, ein Kohle- und Holzherd, ein „Wasserstein“ mit Kaltwasserzufluss, ein Küchenschrank und an der Wand nahe des Herds ein durchgesessenes Sofa. Darauf saß meistens mein Großvater Stefan und murmelte vor sich hin. Das Klo befand sich im Treppenhaus neben dem ebenerdigen Hintereingang. Ich betrat diesen anrüchigen Ort höchst ungern. Im nächsten Stock lag eine gleichgeschnittene Wohnung, die von Tante A., ihrem Mann und zwei Kindern. Das Dachgeschoss enthielt anfangs keine Küche, nur Mansarden. Dort mussten in den ersten Jahren Großvaters Söhne schlafen. Später wurde eine richtige Wohnung daraus. Onkel A. ein, der mit dem Glasauge, zog ein mit seiner Familie.

Wenn wir in Bruchsal Ferien machten, brachten wir immer unseren Großvater väterlicherseits mit. Alleinlassen konnte man ihn nicht, denn es konnte ihm so allerhand Unsinniges einfallen. Den Bruchsaler Großeltern fiel kein Unfug ein. Großvater Karolus, den wir „Vadder“ nannten, war ein stiller, depressiver Mann von liebem Wesen. Manchmal, wenn er aus seiner Lethargie erwachte, sagte er zu mir: „Elisabeth, geh in de Keller und hol e Krigl Moschd.“ Ich tat das gerne. (Das Krüglein ist noch in meinem Besitz.) Dann trank ich mit dem „Vadder“ zusammen den Most oder Wein. Ich kann also sagen, mein Großvater hat mir das Saufen beigebracht. Niemand von den Erwachsenen erhob Einwände.

Die Großmutter dagegen war eine wenig mild gestimmte Person. Sie war blind und ein bisschen humorlos. Manchmal rannte sie mit dem Stock hinter den Enkeln her, wenn sie sich veräppelt fühlte. Solches tat zwar keiner bewusst. Aber es gab eben ein paar Dinge, die sie nicht leiden konnte, etwa wenn wir an der Stützstange des Hoftors turnten oder wenn wir gar auf die hohe Trennmauer zum Nachbargrundstück stiegen, oben saßen und die Beine baumeln ließen. Dann kam sie herbei, als hätte sie es gerochen und fuchtelte mit dem Stock, um uns herunter zu scheuchen. Im Haushalt konnte sie noch mitwirken durch Bohnenputzen, Kartoffelschälen und sogar Sockenstricken. Eine Vorliebe hatte sie für Schnapsbohnen. In ihrer Nachttischschublade versteckte sie die ausgesaugten Schokoladehüllen. Nur der flüssige Inhalt fand ihr Interesse. Großvater starb 1951 als erster, Großmutter sieben Jahre später. Am längsten lebte unser mitgebrachter Großvater väterlicherseits.

Margeriten

Ein besonderes Erlebnis waren für mich Prozessionen. Schon in der Schwarzwaldheimat wartete ich begierig auf die Zeit der Fronleichnams-prozession. Meine Sorge galt dann den Blumen. Ob wohl rechtzeitig die Margeriten und Skabiosen, Blutstropfen und Mädesüß aufblühten? Viele wurden gebraucht, um Blumenteppiche im Dorf  St. Märgen anzulegen und die Altäre zu schmücken. Vor allem die kleinen Mädchen brauchten welche für ihre Blumenkörbchen. Blumenstreuen war mein Hobby. Ich bekam auch immer ein neues Kleid zu Fronleichnam von Mama genäht.

In Bruchsal gab es gleich zweimal „Prozessionen“ am Sommeranfang. Zum einen die Flurprozession und auch einen Sommertagszug. Das religiöse Ereignis flehte den Segen des Himmels auf die wachsenden Feldfrüchte und den Wein herab. Von der Peterskirche aus ging der Zug hinaus aus den Gassen auf die höher gelegenen Felder. Die farbigen Kirchenfahnen flatterten im Wind, der Pfarrer schritt im Rauchmantel, von Ministranten mit Schellen und Weihrauchfass flankiert, voraus. Danach kam das Volk, frohgemut und singend, so schritt der Zug über die Wege zwischen den Feldern. Alles war hell, froh und zuversichtlich. Sonnenschein, Vogelgesang, ein frischer leichter Wind begleitete die Gebete, Gesänge und Fürbitten. Zum Schluss wurde der Wettersegen gegeben und gebetet: „Von Blitz, Hagel und Ungewitter verschone uns, o Herr“.

Der andere Umzug war weltlicher Art und ähnlich gestaltet wie ein italienischer Blumenkorso, allerdings nur mit Papierblumen. Man feierte das Ende des Winters, trug Stecken, die mit farbigem Krepppapier umwickelt waren und auf deren Spitze eine Brezel steckte. Es gab auch ein Lied, in dem die Brezel vorkam und deren Schlussreim ungefähr so hieß: „Trari, trara, der Sommer, der ist da.“ Blasmusik war dabei, Brezeln wurden verteilt, die Leute waren freundlich und wohlgelaunt. So schob sich der Zug durch die Stadt.

 In dieser lichten Sonnenwelt war der dunkle, kühle Schwarzwald für lange Zeit vergessen. Doch alles geht zu Ende – auch das Schöne. Nach einigen Wochen war Abreisetag. Einpacken, Abschied, zu Fuß durch die Stadt zum Bahnhof. Immerhin tröstete die Reise noch etwas: Mit dem Zug nach Freiburg. Umsteigen auf die Höllentalbahn. Aussteigen in Hinterzarten. Umsteigen in den Bus bis Station Turner. Noch eine halbe Stunde Fußmarsch mit Gepäck und Großvater zum Schulhaus Schweighöfe.

Bis zum nächsten Jahr, Bruchsal.

© Elisabeth Mußler

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Kommentare

Danke ...

für diese nette, toll geschriebene Erinnerungsgeschichte!

_Eigentlich_ hatte ich grade gar keine Zeit, musste sie jetzt aber trotzdem zu Ende lesen ...

...wie ich es nie kennenlernen durfte

dieses bruchsal, elisabeth, von dem sie so schwärmen. als ich aus norddeutschland nach bruchsal zog mit meinen eltern, begann schon baldigst rainer kauffmann die vergessene aera "württemberger straße" aufzuarbeiten und nur über fotos konnte ich mir ein bild machen. als ich ihren artikel las, elisabeth, konnte ich das erzählte im geiste nachleben.
ich wohne jetzt in einem 120-seelen-dorf in den vogesen, nähe gerardmer und darf das erleben, was ihnen so gut tat als kind: eine stehengebliebene zeit......

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