Einfach nur ein kurzer Anruf hätte doch genügt

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Gibt es Stolpersteine in Bruchsal für die Familie Sicher?
Montag, 20. Januar 2014 - 19:30

Die Reaktionen auf die Antwort unserer Oberbürgermeisterin an Benno Aulkemeyer aus Osnabrück, der für einen Freund aus Israel in Bruchsal vier Stolpersteine verlegen lassen will, waren, je nach Alter und Temperament, interfamiliär unterschiedlich. Sie reichten von einem „Oh, das hat ihr aber gar nicht gefallen“ über „ich denke, Frau Petzold-Schick war nicht amused“ bis zu: „da war sie aber angepisst.“ Denn unsere Oberbürgermeisterin Cornelia Petzold-Schick erläuterte Herrn Aulkemeyer in ihrer Antwort auf dessen offenen Brief, dass in Bruchsal sehr wohl vielfältig an das Unrecht der Nationalsozialisten, gerade auch im Zusammenhang mit der Verfolgung und Ermordung jüdischer Mitbürger erinnert wird. Hier muss man unserer Oberbürgermeisterin uneingeschränkt beipflichten. Wohl noch nie zuvor wurde in Bruchsal so offen, vielfältig und unverdruckst an unsere Geschichte und unsere Verantwortung dafür, dass sich solche Gräuel wie im Dritten Reich nie mehr wiederholen, erinnert. Unvergessen die Diskussionen früherer Jahre in Bruchsal, wo krampfhaft versucht wurde, alle im Nationalsozialismus Umgekommenen gleichzusetzen und zu ehren. Täter? Opfer? Ermordet? Vertrieben? Gefallen? Bombenopfer? Alle gleich.

Ein Telefonat mit Herrn Aulkemeyer in dieser Angelegenheit machte dann aber klar, warum dieser seinen offenen Brief teilweise so drastisch formulierte. Wie Herr Aulkemeyer im Telefonat erklärte, war es für seine ganze Familie eine Freude und auch Erleichterung im KURIER zu lesen, dass „der Gemeinderat […] sich im Herbst 2013 […] mit der Thematik befassen und eine Entscheidung darüber treffen [soll], wie künftig in Bruchsal des NS-Unrechts gedacht wird.“ Herr Aulkemeyer schilderte, wie sich quasi ein Knoten bei ihm löste, versuchte er doch schon über zwei Jahre, aus der Stadtverwaltung Signale zu bekommen, die er guten Gewissens an die mit ihm und seiner Familie befreundete Familie Sicher, deren ermordete Vorfahren aus Bruchsal stammen, nach Israel schicken könnte. Über zwei Jahre lang fühlte er sich, wie er deprimiert sagte, von der Bruchsaler Stadtverwaltung abgefertigt wie ein unwillkommener Bittsteller, der das Rathauspersonal nur von viel wichtigeren Arbeiten abhält. Vertröstet oder mit falschen Aussagen konfrontiert wie die, Stolpersteine würden die Stadt enorm viel Geld kosten, das diese nicht hätte.

Nun hatte er endlich einen offiziell genannten Termin, wenn auch etwas unverbindlich mit der Terminierung Herbst, aber auch der Herbst hat ein Ende. Und auch für Efraim Sicher im fernen Israel wäre endlich klar: Bruchsal gedenkt seiner Vorfahren – oder auch nicht. Diese Entscheidung obliegt dem Bruchsaler Gemeinderat. Zumindest wäre die über zweijährige Hängepartie endlich vorbei. Doch bald war Winter. Und Herr Aulkemeyer musste feststellen, dass wiederum nichts geschehen war. Nur Schweigen. Und das, so sagte Herr Aulkemeyer, hat ihn zu seiner heftigen Formulierung in Bezug auf den wartenden Efraim Sicher veranlasst: „wie lange soll er [Herr Sicher] aber noch warten, bis auch in Bruchsal der Begriff 'Erinnerungskultur' Einzug hält?“ Nach zwei Jahren des Wartens und des Hinhaltens sei er, Benno Aulkemeyer, zur Ansicht gekommen, dass vielleicht nur noch eine drastischere Vorgehensweise und Wortwahl in Bruchsal etwas bewegen kann.

Möglicherweise sollte man jedoch den Begriff „Erinnerungskultur“ in einer anderen Weise lesen und interpretieren als von Herrn Aulkemeyer so provozierend verwendet. Sollte nicht in Amtsstuben die „Kultur“ Einzug halten, dass man sich der Kunden und Petenten „erinnert“ und diesen zumindest einen Zwischenbescheid über den Sachstand ihres Ersuchens erteilt? „Mir hätte schon genügt, wenn mich jemand vom Rathaus angerufen und mich darüber informiert hätte, dass mein Anliegen nicht mehr im Jahr 2013 auf die Agenda des Gemeinderates kommen kann. Das wäre doch kein Beinbruch gewesen. Ich habe selbst beruflich viel mit Verwaltungen zu tun und weiß daher, dass manche Dinge manchmal einfach nicht so laufen, wie man es selbst erwartet oder gerne hätte.“ Herr Aulkemeyer weiter: „Einfach nur ein kurzer Anruf hätte doch genügt. Meine Telefonnummer ist doch bekannt. Es hätte ja nicht der Amtsleiter selbst sein müssen, er hätte doch sein Sekretariat damit beauftragen können. Ist so was wirklich zuviel verlangt?“

 

Hier der Brief unserer Oberbürgermeisterin an Herrn Aulkemeyer:

 

Bruchsal, den 9. Januar 2014

Sehr geehrter Herr Aulkemeyer,

Ihren offenen Brief vom 20. Dezember 2013 habe ich erhalten und möchte Sie auf diesem Wege vom Stand der Dinge in Kenntnis setzen. Ich verhehle nicht, dass ich es als angebracht empfunden hätte, wenn Sie sich vor dem Versand Ihres offenen Briefes an einen breiten Verteiler z. B. durch Nachfrage bei Herrn Adam, mit dem Sie bereits vor einiger Zeit in Kontakt waren, über den aktuellen Sachstand informiert hätten. Denn entgegen Ihrer Vermutung, es sei „wohl nichts geschehen“, wurde das Thema genau wie angekündigt angegangen.

Sie wissen, dass bezüglich der angemessenen Form des Gedankens an das NS-Unrecht mehrere unterschiedliche Ansätze diskutiert werden, die seitens des Hauptamtes zur Beratung im Gemeinderat zusammengefasst wurden. Neben den Stolpersteinen sind dies die Errichtung eines zentralen Mahnmals in Bruchsal wie auch die grundlegende Sanierung der jüdischen Taharahalle auf dem israelitischen Friedhof zum Zwecke einer Erinnerungsstätte.

Im vorberatenden Verwaltungs- und Finanzausschuss wurden diese Themen im November in breiter Form diskutiert, wobei sich noch verschiedene weitere Fragen und Aspekte ergeben haben, die von der Verwaltung vor einer endgültigen Beschlussfassung im Gemeinderat zu klären und zu bearbeiten sind. Sobald diese ergänzenden Informationen aufgearbeitet und vorbereitet sind, wird der Gemeinderat auf fundierter Grundlage seine Entscheidung über die Form des Gedenkens an das NS-Unrecht treffen. Selbstverständlich erhalten Sie dann umgehend Nachricht über das Ergebnis und über das weitere Vorgehen.

Erlauben Sie mir zuletzt noch, Ihre offenkundig rhetorisch gemeinte Frage aufzugreifen, wann denn in Bruchsal der Begriff „Erinnerungskultur“ Einzug halte. Bei aller persönlichen Aufgeschlossenheit gegenüber den Stolpersteinen und großer Sympathie für Ihr Anliegen kann ich nicht akzeptieren, dass alles Gedenken damit nur auf dieses eine Konzept fokussiert wird und die vielfältigen entsprechenden Bemühungen in unserer Stadt negiert werden. Bruchsal hat seit vielen Jahren in zahlreichen Projekten und Veranstaltungen bewiesen, welche Bedeutung unsere Stadt und ihre Bürgerschaft diesem Thema beimisst. Gedenksteine in Bruchsal und seinen Stadtteilen, die Mitgliedschaft in der Arbeitsgemeinschaft zur Erhaltung des Deportiertenfriedhofs in Gurs, jährliche briefliche Kontakte mit unseren ehemaligen jüdischen Mitbürgern, persönliche Begegnungen am Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus, die Umbenennung eines innerstädtischen Platzes nach einem bekannten jüdischen Mitbürger, zuletzt am 9. und 10. November 2013 eine achtteilige Veranstaltungsreihe aus Anlass der Zerstörung der Bruchsaler Synagoge vor 75 Jahren - diese Stichworte mögen als Hinweis darauf dienen, welchen Stellenwert das Thema Erinnerungskultur in unserer Stadt und auch in meiner eigenen Arbeit sehr wohl hat. Meine Teilnahme an der Stolpersteinverlegung in Karlsruhe haben Sie ja bereits in Ihrem Schreiben angesprochen. Ich bitte Sie, auch diese Aspekte in Ihre Bewertung mit einzubeziehen.

Mit freundlichen Grüßen

Cornelia Petzold-Schick

 

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