Die ehemalige Synagoge in Bruchsal (1880/1881 – 1938) - Teil 2

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Montag, 6. Januar 2014 - 10:43

Die ehemalige Synagoge in Bruchsal (1880/1881 – 1938) - Teil 2

 

Synagoge

Abb. 1: Synagoge Bruchsal, Hauptansicht, Foto um 1896, GLA Karlsruhe; Ziwes

 

 

Innenraum 1926-1928

Synagoge 14 und 15

Abb. 14: Künstler auf dem Gerüst bei der Ausmalung der Hauptkuppel, um 1928, Abb. 15: Leo Kahn (1894-1983) und Mitarbeiter, beide Fotos StA Br

Das Interieur wird zum Teil neu gestaltet, der Schwerpunkt der Ausführungen liegt heute Abend jedoch auf den neuen Wand- und Deckenmalereien. In der Bruchsaler Synagoge versieht Kahn (Abb. 14 und 15) zusammen mit seinen Assistenten (Willi Klein, Bruchsal, Herrn Gems, Untergrombach und Herrn Kammerer, Freiburg) die gesamte Decke sowie einen Teil der Wände mit neuen Malereien (Abb. 16 und 17). Er signiert seine Arbeit am nördlichen Saum der Hauptkuppel in lateinischen Buchstaben und mit der Jahreszahl 1927.

Synagoge 16 und 17

Abb. 16: Innenansicht, neue Ausmalung von 1928, Blick nach Osten, StA Brsl. Abb 17: Hauptkuppel, neue Ausmalung von 1928, StA Br

 Ein Vergleich der Fotos von 1928 und um 1896 verdeutlicht die Unterschiede in der Raumgestaltung (Abb. 16 und 12).

Synagoge 16 und 12

Abb. 16: Innenansicht, neue Ausmalung von 1928, Blick nach Osten, StA Br | Abb. 12: Innenansicht, Blick nach Osten, Foto um 1896, GLA Ka, Ziwes

Die bemalten Flächen erstrahlen nun in Gold, Rot-, Blau- und Grüntönen. Es entsteht eine mit unzähligen Tieren besetzten Vegetation, so dass der Eindruck entsteht, als handele es sich um ein textiles Erzeugnis. Darin eingebettet sind Sinnbilder und Schriftbänder. Inhaltlich verarbeitet der Künstler vielfältigen Motive zu einem außergewöhnlichen religiösen Programm, das an ausgesuchten Beispielen vorgestellt wird:

Synagoge 16 und 18

Abb. 16: Innenansicht, neue Ausmalung von 1928, Blick nach Osten, StA Br | Abb. 18: Thora-Schrein mit Nische, nach 1928, StA Br

 Die Nische oberhalb des Thora-Schreins ist nach der Renovierung rundum in Goldtönen gehalten (Abb. 16 und 18). Kahn teilt die Nischenwand zwar triptychonartig in drei Felder auf, stellt jedoch eine zusammenhängende Landschaft dar. Dem Betrachter bietet sich ein Blick auf die heilige Stadt Jerusalem mit der Zionshöhe, auf welcher ein Weihrauchaltar mit loderndem Feuer steht. Diese Szene wird in der Halbkuppel darüber von einem Wolkengebilde überfangen, das als Manifestation Gottes zu verstehen ist.

Synagoge 19 und 20

Abb. 19: Detail Gewölbe über dem Thora-Schrein, südlicher Abschnitt, StA Br Abb. 20: Detail Gewölbe über dem Thora-Schrein, nördlicher Abschnitt, StA Br

Zwei Wandfelder mit Darstellungen des siebenarmigen Leuchters und des Schaubrotetisches flankieren diese Szene, alle drei Elemente werden für die jüdische Liturgie benötigt (Abb. 19 und 20).

Der Deckenbogen darüber gibt auf blaugrünem Fond in roten und goldenen hebräischen Schriftzeichen den Anfang des jüdischen Glaubensbekenntnisses wieder:

„Höre, Israel, der Ewige, unser Gott, der Ewige ist einzig“ (5. Mose 6,4).

Synagoe 20 und 21

Abb. 20: Detail Gewölbe über dem Thora-Schrein, nördlicher Abschnitt, StA Br Abb. 21: Detail Joch, Ausmalung Schöpfungsgeschichte oberhalb des Thora-Schreins, StA Br

Das Gewölbe oberhalb der Estrade (Abb. 20 und 21) birgt eine Darstellung der Schöpfungsgeschichte (1. Mose 1, 1-31 und 2, 1-7). In sechs großen, ineinander übergehende Szenen werden von Süden nach Norden die Erschaffung des Himmels (Wolken), der Erde und des Wassers (Felsen und Wellen, Bäume und Gras), des Lichtes und der Finsternis bildlich umgesetzt, sowie Sonne, Mond und Sterne hinzugefügt. Der Himmel wird von Vögeln bevölkert, das Wasser von Fischen, die Erde von u. a. einem springenden Pferd. Als Werk des sechsten Tages wird der sitzende Adam in Rückenansicht (!) präsentiert. Für die Landschafts- darstellung soll das Kraichgauer Hügelland vorbildlich gewirkt haben.

Synagoge 17 und 22

Abb. 17: Hauptkuppel, neue Ausmalung von 1928, Stadtarchiv Bruchsal | Abb. 22: Detail Ausmalung Hauptkuppel, StA Br

 Thematisch wird die Schöpfungsgeschichte in der großen Mittelkuppel weitergeführt (Abb. 17 und 22). Zwischen Blumen- und Rankenwerk tummeln sich auf blauem Grund allerlei in der Bibel genannte Pflanzen und Tiere, wie Vögel, Löwe, Zebra, Giraffe, Antilope, Wolf, Hase, weiterhin sollen Reh, Einhorn, Pferd und Adler dargestellt sein. In einem zeitgenössischen Bericht wird eine Gleichsetzung der Wesensarten einiger Tiere mit den zwölf Söhnen bzw. zwölf Stämmen Israels vorgenommen. So wird z. B. der Löwe als Symbol der Kraft und als Sinnbild des Stammes Juda, der Wolf als Sinnbild des Stammes Benjamin betrachtet.

Synagoge 16 und 20

Abb. 16: Innenansicht, neue Ausmalung von 1928, Blick nach Osten, StA Br | Abb. 20: Detail Gewölbe über dem Thora-Schrein, nördlicher Abschnitt, StA Br

Die flankierenden vier Tonnengewölbe sind in der Mitte mit Sinnbildern und Inschriften ausgestattet (Abb. 16 und 20). So sind z. B. in einem Rundbild mittig die hebräischen Schriftzeichen „Ebenbild Gottes“ (Mose, 1,27) zu lesen. Sie sollen den Gläubigen daran erinnern, nach dem Ebenbild Gottes zu handeln, so wie es ihm mit der Schöpfung eingegeben worden sei. Daher sind in sechs Feldern Handlungen in Form von Händen bzw. Händepaaren dargestellt. Im Uhrzeigersinn gelesen sind folgende Handlungen und deren Bedeutungen in hebräischen Schriftzeichen dargestellt:

Zwei nach oben gestreckte Hände: Gebet oder Frömmigkeit, ineinander geschlungene Hände: Einigkeit; Brüderlichkeit, eine Hand, die eine Waagschale hält: Gerechtigkeit, zwei Hände, die waagerecht ausgebreitet sind: Segen, eine Hand, die eine Gabe in eine andere hineinlegt: Wohltätigkeit, eine Hand, die einen Hammer schwingt: Arbeitsamkeit. Andere Rundbilder nehmen Bezug auf den Platz der Frauen in der Synagoge und auf die „Bestimmung der Frau und ihr segensreiches Wirken“.

Synagoge 23

Abb. 23: Innenraum, dreiteiliges Fenster, Nordseite, „Fünf Stammmütter“ , StA Br

Im Emporengeschoss wird das eben genannte Thema in der Wandgestaltung mit Bild und Schrift fortgesetzt (Abb. 23). Die großen Fenster erhalten je eine Rahmung aus gemalten Schriftbändern mit den Namen von je fünf bedeutenden biblischen Frauen. Jedem Namenszug sind symbolische Bilder beigefügt, die sich auf die jeweilige Geschichte der Frauen beziehen. Auf der nördlichen Langseite zum Beispiel werden die fünf Stammmütter aufgezählt, südlich die fünf Heldinnen. So ist im Bogenscheitel des Nordfensters der Name „Eva“ zu lesen, dessen Buchstaben von Zweigen mit Äpfeln und der Schlange umrankt sind. Weiterhin sind in Richtung von Osten nach Westen gelesen dargestellt: „Sara“ mit dem Zelt, „Rebekka“ mit Kamelen an der Tränke, „Lea“ mit Ranken und Reben, „Rahel“mit dem Brunnen.

Synagoge 16

Abb. 16: Innenansicht, neue Ausmalung von 1928, Blick nach Osten

Die zuvor genannten Elemente könnten in der Zusammenschau zunächst vertikal, anschließend horizontal folgendermaßen gelesen werden. Oben schwebt Gott in Gestalt einer Wolke über der Heiligen Stadt, seiner Wohnstatt (dem Tempel), die im Osten liegt. Im darunter befindlichen Schrein wird das von ihm befohlene Gesetz aufbewahrt und im Gottesdienst verkündet. Entlang der Gewölbezone des Mittelschiffes wird Gottes Werk, die Erschaffung der Welt, dargestellt, zunächst als Illustration der ersten Verse des 1. Buchs Mose, dann in der Vielfalt der hervorgebrachten Tier- und Pflanzenwelt. Bibelworte, die sich in den Gewölbeabschnitten befinden, appellieren an das „religiös-sittliche Verhalten“ des Gläubigen.

 

Schlusswort

Dem Grundstein wurde am 1. Mai 1880 eine Widmungsurkunde in hebräischer sowie eine Stiftungsurkunde in deutscher Sprache beigegeben. Der Textanfang der Stiftungsurkunde ist überliefert und lautet:

„Im Namen des Ewigen, des Gottes des Himmels und der Erde, des Gottes Abrahams, Isaaks und Jakobs, der seine Gnade Israel niemals entzogen hat und in Liebe es geleitet von Anbeginn bis auf den heutigen Tag, der uns geführt hat aus Finsterniß zum Licht, aus Knechtschaft zur Freiheit, aus Bedrängniß zum Glück – haben wir, die israelitische Gemeinde in der Stadt Bruchsal, dieses Haus begründet, auf das es sei ein Haus des Gebetes für uns und unsere Nachkommen“.

Dass dieser Wunsch nur 57 Jahre Bestand haben würde, war nicht vorauszusehen. Hätten die Ereignisse der Weltgeschichte nicht zu deren Zerstörung geführt, wäre die Bruchsaler Synagoge in diesem Jahr 132 Jahre alt geworden.

 

Synagoge 28

Abb. 28: Gedenktafel zur Erinnerung an die Synagoge Bruchsal, von 1966, StA Br

 

© Dr. Dagmar Hartmann, Münster bei Dieburg.

Manuskript für Vortrag im November 2013 in Bruchsal

 

Über die Architekten:

 

Architekten

Abb. 4: Johann Friedrich Henkenhaf (1848-1908), Hartmann | Abb. 5: Friedrich Ebert (1850-1914), Hartmann

Johann Friedrich Henkenhaf stammte aus Grünwettersbach bei Durlach, Friedrich Ebert aus Ruchsen bei Adelsheim, wuchs aber in Durlach auf.

Die Synagoge war das einzige sakrale Bauwerk aus der Feder der Architektengemeinschaft.

Im weiteren Verlauf ihrer Tätigkeit wurden Johann Henkenhaf (1848-1908) und Friedrich Ebert (1850-1914) auch über die badischen Grenzen hinaus bekannt. Nach ihren Plänen entstand eine Reihe von Profanbauten, von welchen aus ihrem umfangreichen Oeuvre an dieser Stelle nur genannt seien: das monumentale Kurhaus in Scheveningen (Abb. 26) bei Den Haag (1884/85) in den Niederlanden

Scheveningen

Abb. 26: Kurhaus Scheveningen, Seeseite, erbaut 1884/85, von Henkenhaf & Ebert, in den 1970er Jahren nach historischem Vorbild fast identisch wieder aufgebaut. Gem.archief Den Haag

sowie die Stadthalle in Heidelberg (1901 bis 1903), für deren Entwurf und Ausführung Ebert allein verantwortlich zeichnete (Abb. 27). In Heidelberg entstanden nachgewiesen außerdem über 70 Privatbauten, in der Mehrzahl Villen und Mietshäuser in der Zusammenarbeit von Friedrich Ebert mit Jakob Henkenhaf (1955-1927).

Heidelberg 27

Abb. 27: Stadthalle Heidelberg, Hauptansicht, Westseite, von Jakob Henkenhaf, dem jüngeren Bruder Johanns, und Friedrich Ebert, erbaut nach Plänen Eberts 1901 - 1903, Postkarte, StA Heidelberg

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