Die ehemalige Synagoge in Bruchsal (1880/1881 – 1938) - Teil 1

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Sonntag, 5. Januar 2014 - 11:46

Mit freundlicher Genehmigung von Frau Dr. Dagmar Hartmann veröffentlicht bruchsal.org den Vortrag, den diese anlässlich des 75. Jahrestages der Zerstörung der Bruchsaler Synagoge in der Reichspogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938 konzipierte. Der Vortrag fand im Großen Sitzungssaal des Bruchsaler Rathauses am Abend des 9. November 2013 statt. Da Frau Dr. Hartmann terminlich verhindert war, wurde der Vortrag vertretungsweise vom Bruchsaler Kulturamtsleiter Thomas Adam gehalten.

Frau Dr. Hartmann referierte bereits am 4. November 1998 über die Bruchsaler Synagoge. Bereits in diesem Vortrag wurden einige der Aspekte vorgestellt, die auch im nachstehend veröffentlichten Referat enthalten sind.

Dagmar Hartmann studierte Europäische und Ostasiatische Kunstgeschichte an der Ruprecht-Karls-Universität in Heidelberg; Europäische Kunstgeschichte bei Prof. Dr. Peter Anselm Riedl. Ihre Magisterarbeit schrieb sie im Jahr 1996 zum Thema „Die Heidelberger Architekten Jakob Henkenhaf (1855-1927) und Friedrich Ebert (1850-1914). Villen und Mietshäuser. 2 Bände, Heidelberg 1996.“

Neben der Bruchsaler Synagoge sind die Stadthalle in Heidelberg sowie das Kurhaus in Scheveningen nach heutigem Kenntnisstand die beiden weiteren monumentale Bauwerke der Architekten Henkenhaf und Ebert und komplettieren somit das überlieferte architektonische Oeuvre.

Im Jahre 2001 promovierte Frau Dr. Hartmann über zwei der drei Monumentalbauten aus der Feder der Architekten Johann Henkenhaf & Ebert sowie Jakob Henkenhaf & Ebert: „Henkenhaf und Ebert. Architekten der Stadthalle in Heidelberg und des Kurhauses in Scheveningen. Diss. Heidelberg 2001“. Diese Dissertation ist elektronisch veröffentlicht und über den Dokumentenserver der Universitätsbibliothek Heidelberg (www.ub.uni-hd.de/archiv/3821) aufrufbar.

Ein Teil dieser Dissertation erschien im Jahre 2004 in Buchform als Band XI in der Buchreihe der Stadt Heidelberg: „Henkenhaf und Ebert. Architekten der Stadthalle in Heidelberg. Heidelberg 2004“.

Die ausgedehnten wissenschaftlichen Arbeiten von Frau Dr. Hartmann werden sukzessive über einen Fachserver für Kunstgeschichte publiziert.

Das nachstehende Referat wird in naher Zukunft in wesentlich umfassenderer Form unter dem (Arbeits)titel „Die ehemalige Synagoge in Bruchsal aus kunsthistorischer Sicht“ in der Schriftenreihe "Badische Heimat" des Landesvereins Badische Heimat e.V. veröffentlicht werden.


Die ehemalige Synagoge in Bruchsal (1880/1881 – 1938)

 

Synagoge

Abb. 1: Synagoge Bruchsal, Hauptansicht, Foto um 1896, GLA Karlsruhe; Ziwes 

 

Einleitung

Synagoge

Abb. 2: Innenansicht Blick nach Osten, nach Zerstörung 1938. StA Br.


Aus Anlass des 75. Jahrestages der großräumigen Zerstörung jüdischer Gotteshäuser wird heute der ehemaligen Synagoge hier in Bruchsal gedacht. Mit dem Brandanschlag auf die Synagoge in der Friedrichstraße verschwand in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 die Stätte jüdischen Glaubens in unserer Stadt.

Dieses monumentale Bauwerk war einst nicht nur sichtbares Zeichen des Versammlungsortes der israelitischen Gemeinde in Bruchsal, sondern es präsentierte sich außerdem mit einem architektonisch markanten Akzent, dem halbrunden tempietto-artigen Vorbau (Anm. 1), der einzigartig in dieser Baugattung war.

Synagoge

Abb 3: Außenansicht Südwestseite nach Zerstörung 1938. StA Br.

Erbaut wurde die Synagoge nach Plänen des Architektenteams Johann Henkenhaf & Friedrich Ebert. Da keine Planunterlagen mehr vorhanden sind, bilden zwei Skizzenfragmente, Fotos und zeitgenössische Zeitungsberichte die Grundlage für das einstige Aussehen des Sakralbaus und die Rekonstruktion des Grundrisses.

 

Die Synagoge

Der Neubau einer Synagoge ist unumgänglich, als im Jahr 1879 der Vorgängerbau in der Friedrichstraße die etwa 700 Mitglieder umfassende israelitische Gemeinde nicht mehr aufnehmen kann. Nach einer kurzen Bauzeit von etwa 15 Monaten feiert die Jüdische Gemeinde am Freitag, dem 16. September 1881 die Synagogen- weihe. Zeitgenossen loben nicht nur die Architektur des Bauwerkes im Äußeren und im Inneren aufs Höchste, sondern ebenfalls die Akustik sowie die innere Ausstattung. Einigkeit herrscht darüber, „daß dieser Bau in gleichem Maße der israelitischen Gemeinde zur Freude wie der ganzen Stadt zur Zierde“ gereiche. Die Summe für den Neubau bringt die israelitische Gemeinde selbst auf (Anm. 2).

Sowohl die Architektur als auch die Ausstattung des Sakralbaues bleiben 45 Jahre lang unverändert bestehen. Im Jahr 1926 wird das Bauwerk einer ausgedehnten Renovierung unterzogen. Zu diesen Arbeiten gehören der Anbau von zwei seitlichen Treppenhäusern an der Westseite. Gleichzeitig erhält der Innenraum eine neue Ausmalung durch den in Bruchsal geborenen Maler Leo Kahn (1894-1983), Schülers des Malers Albert Haueisen (1872-1954) an der Karlsruher Akademie. Zwei Jahre später sind die Arbeiten beendet, so dass die Synagoge am 1. April 1928 wiedergeweiht wird.

 

Außenbau

Synagoge

Abb. 4: Luftbild Synagoge 1928. Aus: Weindel, Bruchsal in alten Bildern

 

Die Synagoge wird im Bruchsaler Stadtzentrum neben den Städtischen Schulen freistehend auf großem Areal errichtet. Ihre Hauptansicht befindet sich im Osten und ist der Straße zugewandt. Vor dem Bauwerk ist ein Vorgarten angelegt, so dass dieses ein Stück von der Straßenflucht zurückversetzt liegt. Die Ostseite ist zugleich die Eingangsseite. Dies ist zwar außergewöhnlich, denn die Ostseite bleibt üblicherweise allein dem Heiligtum vorbehalten, ist aber unumgänglich, da die Grundstückssituation diese Ausrichtung erfordert.

Der Sakralbau ist als dreischiffige Halle ausgebildet, deren Belichtung durch die großzügigen Fensteröffnungen der Seitenschiffe erfolgt. Ein gemeinsames Satteldach bedeckt das Gebäude. Architektonisch besonders hervorgehoben ist einzig die Eingangsseite mit einem in der Längsachse halbierten, aufwendig gestalteten Tempietto (Anm. 3): Ein im Halbkreis angeordneter Säulengang mit ionisierender Ordnung trägt einen mächtigen Tambour mit Rippenkuppel. Dieser Bauteil wird flankiert von zwei niedrigeren, mit flachen Zeltdächern bedeckten Eckbauten. Als Baumaterialien werden vermutlich Sandstein sowie verputzter und sichtbar belassener Backstein verwendet. Die Wandflächen der Hauptansicht bestehen aus zweifarbigen Steinschichten, wohl abwechselnd gelbe und rote Streifen, an den übrigen Wandpartien sind sie mit Sandsteinplatten verkleidet.

Der monumentale Tempietto, welcher wohl einen gedanklichen Bezug zum Jerusalemer Felsendom und somit dem Tempel Salomos herstellen sollte, enthält auf dem Fries zwischen Arkaden und Gesims die Bibelworte:

“Kommt in seine Tore mit Dank, in seine Höfe mit Preisung! Dankt ihm, segnet seinen Namen! Denn gütig ist Gott, auf Ewigkeit währt seine Treue, für Geschlecht um Geschlecht seine Treue“ (Psalm 100, 4-5) (Anm. 4).

Im Inneren des Gebäudes, etwa an der Rückseite des Tempiettos, befindet sich in diesem Bereich eine Nische, die den Thora-Schrein, das Heiligtum der Synagoge, hinterfängt und ihn somit besonders auszeichnet.

Synagoge

Abb. 5: Detail Tambour, GLA, Schoner

Eine Reihe von in Stein gehauenen Symbolen des jüdischen Glaubens schmückt die Hauptansicht: so zum Beispiel plastisch ausgearbeitete sechszackige Sterne auf den Blendfenstern des Tambours (Abb. 5), ebenso auf den Rundfenstern des Giebels.

Kugelförmige Vasen mit Sternreliefs (Abb. 6) flankieren einen rechteckigen Giebelaufsatz, ebenfalls mit Davidsternrelief sowie achtstrahligem Stern. (Abb. 7) Dieser Aufsatz rahmt die beiden Gesetzestafeln, auf welchen die Zehn Gebote in gekürzter Form, zumeist als Imperative, wiedergegeben sind:

„Ich bin Gott; nicht sei; nicht mache; gedenke; ehre; morde nicht; buhle nicht; stiehl nicht; sage nicht aus; begehre nicht“ (Exodus 20,2-17).

Synagoge Sternrelief

Abb. 6: Detail Kugelvasen, GLA Karlsruhe, Schoner

Synagoge

Abb. 7: Detail Giebelaufsatz, GLA Karlsruhe

 

Das Motiv der Zehngebotetafeln kehrt als Blendfenster über den Portalen in den Eckbauten wieder.

Die räumliche Situation im Innern lässt sich am besten anhand des Grundrisses verdeutlichen. Dabei bezeichnen die ausgefüllten Linien das Raumgefüge von 1880 bis 1881, die nicht ausgefüllten Linien stellen die Bausituation nach dem Umbau 1926 bis 1928 dar.

 

 

Grundriss

Synagoge

Abb. 8: Grundriss Synagoge, Hartmann

Augenfällig ist zunächst der Zentralbau-Charakter des Grundrisses: Der Plan weist einen im Kern quadratischen Grundriss mit eingeschriebenem griechischen Kreuz auf. Der große Mittelraum sowie die kleinen Eckräume erhalten Kuppeln, die übrigen Joche Tonnengewölbe. Die Eckbauten beherbergen Treppenhäuser, welche den Zugang zu den Frauenemporen ermöglichen.

Synagoge

Abb. 9: Längsschnitt Synagoge, Hartmann

Kreuzpfeiler und Rundstützen zwischen Mittelschiff und Seitenschiffen tragen gemeinsam die beidseitig angebrachten Emporen mit drei durchgehenden, ansteigenden Sitzreihen.

Die Synagoge misst in der Längsachse 26 m (alle Maße Circa-Angaben), wobei allein der zentrale quadratische Raum 18 x 18 m, i. e. 324 m², groß ist. Einschließlich der Treppenanlage vor dem Säulenvorbau mit einem Radius von fünf Metern ist das ganze Bauwerk 31 m lang, die Höhe bis zum First beträgt ohne Giebelaufsatz ebenfalls 18 m. Im Inneren tragen die vier Kreuzpfeiler eine im Durchmesser neun Meter große Hängekuppel mit einem Lichtauge von vier Metern Durchmesser in der Mitte. Das Maß der kleinen Kuppeln über den Eckräumen beträgt jeweils fünf Meter im Durchmesser.

Die Eingänge für die männlichen Gottesdienstbesucher in den Zentralraum befinden sich zunächst an den Enden des Säulenganges unter den Arkaden, die weiblichen Besucher gelangen über Treppenhäuser (Aussehen innen nicht überliefert) in den Eckbauten sogleich zur Empore. Das Portal in der Mitte des Säulenganges führt in den halbrunden Vorraum, der wohl die Funktion einer Sakristei zur Vorbereitung der Liturgie erfüllt. Von diesem Raum aus gelangt der Geistliche durch eine schmucklose, unauffällige Tür in die Synagoge direkt zum Heiligen Bereich mit Thora-Schrein.

Nur aus Beschreibungen wissen wir, dass sich im Anschluss an den Zentralraum im Westen ein Betsaal befindet, der auch über separate Eingänge an der Westseite erreichbar ist. In diesem werden die Werktagsandachten abgehalten. Der Raum über dem Betsaal bietet Platz für Orgel und Chor. Im Zuge der Umbaumaßnahmen von 1926 bis 1928 werden beidseitig des Betsaals ebenfalls Eckbauten mit Treppenhäusern angefügt, die auch hier den direkten Zugang zu den Frauen- emporen ermöglichen sowie sanitäre Einrichtungen beherbergen. Somit werden die Haupteingänge vom Osten in den Westen verlegt, und die Besucher blicken nun direkt auf den heiligen Bereich.

 

Innenraum 1881 (1896)

Synagoge

Abb. 10: Synagoge Bruchsal, Hauptansicht, Foto um 1896, GLA Karlsruhe; Ziwes 

Das Aussehen des Innenraumes ist lediglich in einer einzigen Fotografie aus der Zeit um 1896 überliefert und dokumentiert hier wahrscheinlich den Originalzustand. Die Aufnahme erfolgte von der Westseite in Höhe des Emporen-geschosses in Richtung Osten und gewährt einen Blick auf den heiligen Bereich mit Thora-Schrein und Kanzel. Die Thora-Rollen, d. h. die Fünf Bücher Mose (Pentateuch), werden im Schrein aufbewahrt und von einem Vorhang (Parochet) verdeckt. Vor dem Schrein steht auf der Estrade ein Gebettisch, der dem Auflegen der Thora-Rolle für die Lesungen während der Liturgie dient. Ein Gitter mit flankierenden Leuchtern trennt den heiligen Bereich nach vorne hin zu den Gläubigen ab, seitlich erfolgt die Abgrenzung durch je eine Holzbrüstung. Auf den Brüstungspfosten ist jeweils ein mehrarmiger Kandelaber (Menorah) aufgestellt. Von der Decke herab hängt vor dem Schrein das Ewige Licht (Ner Tamid), das ohne Unterbrechung brennt.

Synagoge

Abb. 11: Querschnitt, Blick nach Osten, Hartmann

In Höhe des Emporen- geschosses rundet sich die Nische nach außen, der Schreinaufbau ragt in diese hinein. Ein Inschriftenband darüber fordert die Gläubigen auf:

„Gedenkt der Lehre Moses meines Knechts, die ich ihm am Choreb befahl für ganz Israel, Gesetze und Rechte“ (Malachi 3,22).

Gemalte Flechtbänder aus sich kreuzenden Wellenlinien und Perlen auf hellem Grund, die in Palmetten enden, zieren die Gurt- und Scheidbögen. Die Gewölbe werden von einem feinen Rautennetz mit stilisierten Blüten überzogen. Auf den beiden sichtbaren Zwickeln der Hängekuppel ist je ein großes Medaillon mit den Zehngebotetafeln dargestellt. Ansatzweise ist in der Kuppelschale ein gemalter Fries aus sterngefüllten Scheiben sichtbar. Die Kuppel bis zum Lichtauge hin könnte ebenfalls mit Sternen ausgemalt worden sein.


Erläuterungen:

(1) Der Einfachheit halber nachfolgend Tempietto genannt.

(2) Eine von zwei steinernen Tafeln mit den Namen jener Personen, die zur Ausschmückung des Bauwerkes beigetragen haben, ist erhalten und befindet sich heute im Besitz der Jüdischen Gemeinde in Karlsruhe. Die Tafeln befanden sich ehemals neben dem mittleren Portal (siehe Abb. 1).

(3) tempietto (ital. = Tempelchen), vgl. den berühmten Tempietto von S. Pietro in Montorio, Rom, 1502 erbaut nach Plänen des Architekten Bramante (um 1444-1514).

(4) Für die Übersetzung der hebräischen Texte an und in der Synagoge danke ich Frau Dr. Monika Preuß, Karlsruhe.

 

© Dr. Dagmar Hartmann

 

2. Teil folgt

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