Du Grammatik-Hitler!

DruckversionPer e-Mail versenden
Dienstag, 3. April 2012 - 1:02

Ich weiß nicht, ob sich Günther was dabei dachte, als er damals, vor vielen Jahren, im Klassenzimmer mir über fünf Bänke weg zurief: „ich hab' gestern bis zur Vergasung auf die Arbeit heut' gelernt“. Und ich erinnere mich auch nicht, dass ich diesen Ausdruck in irgendeiner Art und Weise als anstößig empfand, vielleicht war das meinen Alter geschuldet, ich war wohl erst zehn Jahre alt. Aber ganz sicher hatte ich den Begriff schon öfters gehört. Sei's zuhause, im Bus oder ganz einfach Sonntags am Kaffeetisch. Erst Jahre später verstand ich, welchen Inhalt diese Redensart transportierte.

Aufgekommen ist diese Redensart im Gaskrieg des I. Weltkrieges. Nicht auszu-schließen ist, dass der in der Zeit des Nationalsozialismus begangene Völkermord mit der Ermordung von Juden und anderen Gruppierungen in Gaskammern, zu einer weiteren Verbreitung in der deutschen Umgangssprache geführt hat. Es entsetzte mich schon als ich begriff, was ich da als Kind sagte, ohne mir inhaltlich über das Gesagte klar zu sein. Für mich war es einfach nur ein Spruch, ohne Inhalt, der sich auch noch cool anhörte.

In seinem Roman Efraim schrieb 1971 Alfred Andersch in der Person eines jüdischen Besuchers auf einer Party, wie dieser jemanden davon reden hört, er könne die ganze Nacht „bis zur Vergasung“ durchfeiern. Der jüdische Gast der Party stellt den Mann zur Rede und schlägt ihn mit einem Kinnhaken nieder. Seine Tat begründet er damit, „dass man kein kompliziertes politisches, sondern ein einfaches moralisches Bewusstsein braucht, um gewisse Wörter zu vermeiden“.

Arbeit macht frei

Ähnlich ist es mit der Parole „Arbeit macht frei“. Zunächst war „Arbeit macht frei“ lediglich der Titel eines 1873 veröffentlichten Romanes eines deutschnationalen Autors. Ein absolutes „No go“ ist dieser zynische Spruch jedoch, seit er über den Eingangstoren der Konzentrationslager Auschwitz, Dachau, Sachsenhausen und Flossenbürg prangte. Anbringen ließ der Lager-kommandant des Auschwitzer Konzentrationslagers, Rudolf Höss, diese Parole. Wohl weniger als das falsche Versprechen für die Häftlinge, dass sie eine Chance auf ihre Freiheit durch Arbeit hätten, sondern ausschließlich als blanke Verhöhnung.

Bei PRO7 führte im Jahre 2008 die Verwendung dieses Begriffes zu einem Skandal: Arbeit macht frei: Eklat bei PRO7

Beiden Begriffen, sowohl „bis zur Vergasung“ als auch „Arbeit macht frei“ ist eines eigen. Beide Parolen sind für sich genommen harmlos, ihr Gift versprühen sie erst in dem Kontext, in dem man sie sehen muss bzw. sehen soll.

Als Mitherausgeber dieser Onlineplattform bin ich ab und an zuständig für das Freischalten von Kommentaren. Hier habe ich es mir zur Aufgabe gemacht, solche Kommentare nicht zu veröffentlichen, deren Inhalte nicht den Regeln dieser Plattform entsprechen. Eine der Teilnahmeregeln von bruchsal.org ist, dass Inhalte nicht erlaubt sind, die insbesondere beleidigen, beschimpfen, rassistisch sind, zum Rassenhass aufstacheln oder gegen Minderheiten hetzen. Kommentare, die solche Inhalte transportieren, und sei's auch nur versteckt, quasi "augenzwinkernd", werde ich auch weiterhin nicht freischalten und lasse dieses mein Tun auch gerne als „Zensur“ bezeichnen.

Ich bin überzeugt, dass meine Mitherausgeber gleich denken und handeln.

Zum Thema Sprache, insbesondere der Sprache des Nationalsozialismus, die heute immer noch (und teilweise schon wieder) in unseren Köpfen herum geistert, hat die Zeitschrift „fluter.- Magazin der Bundeszentrale für politische Bildung“ im Themenheft „Nazis“ (Ausgabe 42) einen von Oliver Geyer verfassten Artikel veröffentlicht.

Die Zielgruppen der Zeitschrift „fluter.“ sind zwar eher Jugendliche und junge Erwachsene, aber auch älteren Menschen kann das Heft nur empfohlen werden – zumal es kostenlos hier abonniert werden kann. Herzlichen Dank an Oliver Geyer für die Zustimmung zur Veröffentlichung seines Artikels auf der Bürger- plattform bruchsal.org.

 

Du Grammatik-Hitler!

Die Sprache des Nationalsozialismus macht uns heute noch das Leben schwer

14.3.2012 | Oliver Geyer

Nicht alle Minenfelder aus der Nazizeit sind geräumt: Auf sprachlichem Gebiet kann es bei einem Fehltritt noch gefährlich werden – von den vielen Nazi- Vergleichen gar nicht zu reden. Ein kleiner Sprach-Führer, äh, Ratgeber natürlich

Ein „innerer Reichsparteitag“ dürfte für Miroslav Klose sein entscheidender Treffer gewesen sein, mutmaßte die ZDF-Fernsehmoderatorin Katrin Müller-Hohenstein nach einem Spiel der deutschen Fußballnationalmannschaft während der WM vor zwei Jahren – und löste so einen Sturm der Entrüstung aus. Was sei bloß in sie gefahren, dass sie die Zuschauer mit diesem Begriff aus der Nazizeit erschrecke, lautete der Tenor der Kritik – nur vereinzelt wurde darauf hingewiesen, dass die Menschen im Nationalsozialismus mit dem Spruch „Das ist mir ein innerer Reichsparteitag“ den Bombast der NSDAP-Parteitage nicht etwa bewundert, sondern ihn im Gegenteil persifliert haben. Auch über 60 Jahre nach Ende des Hitler-Regimes trifft die Frage, ob ein bestimmtes Wort Nazi-Sprache ist, ob es aufgrund der propagandistischen Verwendung durch die Nationalsozialisten sozusagen unaussprechlich geworden ist, einen empfindlichen Nerv der Gesell- schaft. Man meint, eine harmlose Redewendung zu benutzen, da holt einen Deutschlands braune Vergangenheit ein. Von „Lebensraum“ über „Sonder- behandlung“ bis hin zu „ausmerzen“ können einem so einige Worte, die man nichts ahnend in den Mund nimmt, um die Ohren fliegen: Mit dem Schlagwort „Lebens- raum“ begründete Hitler in seiner Hetzschrift „Mein Kampf“ die Notwendigkeit des Krieges. „Sonderbehandlung“ nutzte die SS als Tarnbezeichnung für die Ermordung von Menschen. Und der Ausdruck „Ausmerze“ war ein zentrales Konzeptwort der NS-Ideologie und des damit verbundenen Programms der „Ausrottung lebens- unwerten Lebens“.

Dass Sprache schnell politisch und vor allem politisch unkorrekt sein kann, mussten auch schon einige Unternehmen schmerzlich erfahren. Mit den Worten „Jedem das Seine“ bewarb Nokia seine neuen Handys mit auswechselbaren Displays. Derselbe Claim wurde von Microsoft für die Werbung verwendet, von Tchibo, der Super- marktkette Rewe, Burger King und Ikea, wo man damit neue Vorhänge anpries. Anscheinend war sich in den Werbeabteilungen niemand darüber bewusst, dass die Redewendung „Jedem das Seine“ im Jahre 1937 ihre Unschuld verloren hatte. Die Worte standen am Tor zum Konzentrationslager Buchenwald. Die Lernkurve der Werbebranche in diesem Punkt verlief bemerkenswert flach. Auch in der politischen Debatte finden sich immer wieder Vokabeln aus der NS-Zeit, wobei die Empörung der politischen Gegenseite entsprechend laut ist: Eine unerträgliche Relativierung und Verharmlosung der NS-Verbrechen finde statt, eine Verhöhnung der Opfer.

Als „Auschwitz-Keule“ bezeichnet man das rhetorische Modell, beim politischen Gegner Nazi-Vokabeln aufzuspüren und sodann dessen Denkweise als naziähnlich zu diffamieren. Die Sprachwissenschaftler Thorsten Eitz und Georg Stötzel haben diesem Konflikt ein eigenes Buch gewidmet: das „Wörterbuch der ‚Vergangenheits- bewältigung‘“. Auf mehr als 700 Seiten sind da alle Wortgefechte rund um tatsächliche und vermeintliche Nazi-Begriffe verzeichnet, die in politischen Debatten der Bundesrepublik dank Parlamentsprotokollen und Presse nachzuweisen waren. Darunter auch Beispiele aus jüngster Zeit, wie etwa der Streit um den Begriff „Selektion“ im Zusammenhang mit der Präimplantationsdiagnostik oder die Kontroversen um das Wort „Elite“, wenn es um die PISA-Studie und Bildungspolitik geht. Im Nationalsozialismus war die planmäßige Bildung einer gesellschaftlichen Elite die ideologische Kehrseite der „Ausmerze“ von als minderwertig betrachteten Bevölkerungsgruppen.

Auch wenn Politiker die Verwendung historisch kontaminierter Vokabeln im Nachhinein bedauern, drängt sich oft der Verdacht auf, dass sie die Wörter ganz bewusst gewählt haben, um Aufmerksamkeit zu bekommen. So wird das Wort „Holocaust“, das seit Ende der 70er- Jahre zur Bezeichnung des Genozids an den Juden geläufig ist, immer mal wieder zweckentfremdet: Als „Babycaust“ wurden bereits Abtreibungen denunziert, Neonazis setzen mit dem Wort „Bomben- holocaust“ die Luftangriffe der Alliierten auf Dresden 1945 mit dem Massenmord des Hitler-Regimes an den Juden gleich. Dass sich Neonazis einer derart plumpen Provokation bedienen, wundert einen nicht. Dass aber auch Politiker aus dem gemäßigten Spektrum gelegentlich der Versuchung erliegen, ihre politischen Gegner mit Hitler oder anderen NS-Größen zu vergleichen, bezeichnen Stötzel und Eitz als eine „politisch-strategische Schizophrenie“. Eine Art Tick, der einen zwanghaft Wörter sagen lässt, die man eigentlich nicht sagen darf. Gerade weil in Deutschland eine Art Konsens darüber besteht, dass die betreffenden Geschichtsereignisse, Personen und Institutionen einzigartig, einmalig und unvergleichbar waren, dient der Nazi-Begriff hier als Argumentationsersatz und Aufmerksamkeitsbeschleuniger.

Doch was darf man noch sagen? Und wäre es nicht ein später Triumph der Nazis, wenn man Wörter nur deshalb nicht mehr benutzte, weil sie von Nationalsozialisten inflationär gebraucht wurden? Die vielen Superlative oder Kraftworte wie „gigantisch“, „total“, und „ungeheuer“. Modernitätsnachweise durch Bilder aus der Elektrotechnik wie „Anschluss“ und „Gleichschaltung“. Ausdrücke wie „Endlösung“ als Beschönigungen für mörderische Verbrechen. Sakrale Wendungen wie „Heil“ und „ewig“ oder auch mythologische wie „heldenhaft“. „Instinkt“ statt „Intellekt“. Biologische Metaphern wie „Ratten“ und „Parasiten“ sowie die entsprechenden Allegorien aus der Schädlingsbekämpfung: „Ausmerze“. Was darf man noch sagen, wenn jedes Wort, das einmal von einem Nazi in den Mund genommen wurde, nur noch Würgereiz auslöst?

Es gilt wohl, den Einzelfall zu betrachten und öfter mal innezuhalten bei dem, was man so sagt. So ist das Wort „Reichskristallnacht“ für die Schrecken des 9.11.1938, als Synagogen und jüdische Läden zerstört wurden, ein recht durchschaubarer Euphemismus, für den sich mittlerweile der treffendere Begriff „Reichspogrom- nacht“ eingebürgert hat. „Tabuisierungen einzelner Wörter helfen wenig“, sagt Stötzel. „Notwendig ist geschärftes Sprachbewusstsein und eine kritische Auseinandersetzung mit den Intentionen der Sprecher, die NS-Vokabular verwenden.“ Es hilft also nichts, der unbekümmerten Weiterverwendung von Nazismen als eine Art Grammatik-Hitler zu begegnen, der die NS-Sprache fanatisch tilgen will. Der Satiriker Wiglaf Droste nannte dies einst die „Kreuzberger Faustkeilregel: Wer zuerst Fascho sagt, hat gewonnen.“

Quelle: fluter., Nr. 42, Frühling 2012

 

Eigene Bewertung: Keine Durchschnitt: 5 (5 Bewertungen)

Kommentare

Floskel oder Gesinnung?

"Herr Lehrer, der Martin hat "Autobahn" gesagt!!"

oder

Rechte Winkel

 

Jeder, der mich kennt oder einen meiner unsagbar intelligenten Beiträge gelesen hat, weiß, dass ich weit entfernt bin vom Verdacht, ein Rechter oder gar ein Nationaler zu sein.

Aber ich gebe zu, dass ich mich im normalen Sprachgebrauch einiger der o.a. Redewendungen bediene, vielleicht noch ergänzt mit: "Noch ist Polen nicht verloren", was allerdings auch nichts mit den Nazis zu tun hat.

Auch "Jedem das Seine" ist ebenso wenig eine Nazi-Erfindung wie "Autobahn".

Man sollte also solche Floskeln und Begriffe im Kontext sehen und bewerten. Für sich allein genommen lassen sie imho keine Rückschlüsse auf eine Gesinnung zu.

Kampf oder Krampf?

@ Morgan le Fay:
Richtig - denn: Vom Kampf zum Krampf ist es oft nur ein kleiner Schritt - ähnlich klein wie der vom Erhabenen zum Lächerlichen.

Für mich

trifft wohl insgesamt das gleiche zu, also dass ich auch alles andere als rechts bin, vielleicht manchmal etwas konservativ, aber ich arbeite daran.... Uns hat z. B. ein Lehrer im Gymnasium gesagt, dass íhn das kalte Grausen packt, wenn seine Mutter z. B. Redewendungen wie "Angst wie ein Jud" benutzt oder wenn allgemein von den sogenannten "Judeferz" gesprochen wird, die zu Silvester von kleinen Kindern verballert werden. Da ist in mir auch erstmal was gereift, dass man solche Redewendungen überprüft, bevor man sie ungeprüft selbst anwendet.....

Ich kenne allerdings den ein-oder anderen Polen privat. Wenn man diesen gegenüber von "Polen ist noch nicht verloren" spricht, so finden diese das sogar lustig, weil es ja auch Teil Ihrer Nationalhymne ist. Die Hintergründe hierzu, z. B. Aufteilung Polens durch Hitler und Stalin waren mir aus dem Geschichtsunterricht natürlich bekannt, aber auch hier ist es heute so, dass dies nunmal auch eine Weile her ist und nicht mehr so eng gesehen wird. Ich persönlich habe das auch nicht böse gemeint. Die Frage ist mehr oder weniger, wieviel Humor hat man, wenn ein Ausländer Witze über uns Deutsche macht. Ich kann oft drüber lachen, viele die allerdings solche Redewendungen s. o. benutzen finden das dann auf einmal nicht mehr lustig. Daran sollte man sich messen lassen, ist meine Meinung.

Inhalt abgleichen Inhalt abgleichen