Der Dichter und sein Sänger

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Otto Oppenheimer und Dr. Hans Albert Ebbecke, oder: Wie das Lied vom „Brusler Dorscht“ seine Verbreitung fand
Freitag, 13. September 2013 - 15:54

von Thomas Adam

Es ist Fastnacht in Bruchsal, das Jahr 1911, eine fröhliche Zeit am Vorabend des Ersten Weltkrieges. Im „Café Bellosa“ sitzt der Unternehmer, Karnevalist und Hobbydichter Otto Oppenheimer, der genau zehn Jahre vorher anlässlich seines Junggesellenabschieds das Lied vom „Brusler Dorscht“ getextet hatte. Es berichtet – in fröhlicher Manier und auf die 1881 von Carl Peter komponierte Marschmelodie des „kreuzfidelen Kupferschmieds“ – vom durstigen Kraichgaugrafen Kuno. Der muss im 11. Jahrhundert aus lauter Liebe zum Wein all seinen Grundbesitz „verflüssigen“ und kann seinen Landeskindern daher am Ende nur ein einziges Vermächtnis hinterlassen – eben seinen markanten „Brusler Dorscht“, den die Nachwelt von ihm ererbt, denn „alles andre isch mir worscht“. Oppenheimer stützte sich bei seiner humoristischen Dichtung sehr frei auf reale historische Ereignisse und Personen, auf die er beim Lesen in einem Geschichtswerk über die Bischöfe von Speyer gestoßen war. Wobei er natürlich unmöglich ahnen konnte, welche Verbreitung sein Lied einmal erfahren und dass es als „heimliche Hymne“ der Bruchsaler noch nach mehr als hundert Jahren populär sein würde. 

Weltkugel

Der Karnevalist und Hobbydichter Otto Oppenheimer, Verfasser des Liedes vom „Brusler Dorscht“. (Foto: Harry L. Ettlinger)

Denn bis zu diesem Zeit- punkt, jenem Fastnachtstag anfangs 1911, war das Lied zwar wohl das ein oder andere Mal gesungen worden, hatte aber noch keine besondere Bekanntheit erlangt. Nun also saß Oppenheimer im Café, eine närrisch verkleidete „Zigeunerbande“ betrat das „Bellosa“ – und spielte, sehr zur Überraschung des Verfassers, eben jenes Lied vom „Brusler Dorscht“ auf Gitarre und begleitender Flöte.

„Ich war ganz baff, das Lied wieder zu hören“, erinnerte sich Oppenheimer in einem Brief fast vier Jahrzehnte nach diesem Ereignis, „und erkundigte mich später nach Abzug der Zigeuner, wer das war, der mit der Guitarre. Es waren Primaner, der Guitarrenspieler war der Hans Ebbecke und der Flötist der Wilhelm Häußler. Von da ab waren wir Freunde, und niemand anderer als Dr. Hans Ebbecke hat sich für die weite Verbreitung dieses Liedes verdient gemacht.“ 

Das Lied vom „Brusler Dorscht“ inspirierte viele Nachdichtungen 

Oppenheimers Einschätzung trifft den Kern. Ohne Dr. Hans Albert Ebbecke wäre sein „Brusler Dorscht“ womöglich, ja wahrscheinlich in Vergessenheit geraten, hätte jedenfalls niemals die Verbreitung finden können, die das Lied tatsächlich erlangt hat. Es war Ebbecke, der die Verse vom durstigen Grafen Kuno bei zahlreichen Konzertreisen in ganz Deutschland zur Laute vortrug und sie damit ungemein populär machte. In den 1920er Jahren spielte er sogar eine Schallplatte mit diesem Titel ein. Weit über Bruchsal hinaus wurde Oppenheimers fünfstrophige gereimte Humoreske daher auch immer wieder kopiert, variiert und nachgedichtet. 

Rappen

Brusler Dorscht: Postkarte mit dem von Ebbecke verbreiteten Lied vom „Brusler Dorscht“. (Foto: Stadtarchiv Bruchsal)

So diente sie als Vorlage für den 1924 von Albert Sandfuchs und Konrad Villing in enger Anlehnung an Oppenheimers Urtext gedichteten „Wolfacher Durscht“ um die Gestalt des weinseligen Grafen Konrad von Wolva, den es historisch freilich so wenig gegeben hat wie den Grafen Kuno. Inspiriert wurden die beiden Wolfacher eben durch einen Auftritt Ebbeckes im örtlichen Badsaal, wo der Sänger insbesondere für den „Brusler Dorscht“ lebhaften Beifall erhalten und im Anschluss ein Liederheft mit Oppenheimers Text verkauft hatte.

Ähnliche Adaptionen gibt es in Konstanz-Petershausen, dessen Narrenverein Schneckenburg sich seinen eigenen trinklustigen Reim gemacht hat („Ja der Durst, ja der Durst, / ja der Petershäusler Durst, / ist die Leidenschaft der Schnecken, / alles andere ist uns Wurst.“), sowie im Oberallgäu, wo das Hintersteiner Büebe Trio den „Hintersteiner Durscht“ eines Wittelsbacher Prinzen namens Otto besingt, der als „Herr vom Ostrachtal“ auf steilen Bergeshöhen zur Jagd geht. Bereits in den 1950er Jahren wurde diese „bayerische Version“ von einem singenden Cafébesitzer aufgeführt und gilt heute im Hintersteiner Tal östlich von Sonthofen, nahe der österreichischen Grenze, als „Ohrwurm“.

Und sogar in Amerika hat es eine Version des Liedes zu gewisser Popularität gebracht, was aber wohl weder an Oppenheimers Dichtung noch an Ebbeckes Auftritten gelegen haben dürfte, sondern schlicht an der hervorragenden Eignung von Carl Peters international verbreiteter “Kupferschmied“-Melodie für Trinklieder ganz allgemein: Auf diese schwungvolle Komposition ebensolche Texte zu verfassen lag offenkundig denkbar nahe. Und so existiert denn auch eine Aufnahme der bekannten Andrew Sisters mit dem vielsagenden Titel „More Beer“ – „Mehr Bier!“ 

Schwere Schicksale 

In Oppenheimers Brief aus dem Jahre 1950, in dem er sich zurückerinnert an die fastnächtliche Begegnung von 1911, endet die Schilderung dieses ersten Zusammentreffens mit den Worten: „Noch heute singt es Hans Ebbecke auf Verlangen seiner Zuhörer“ – gemeint ist das Lied vom „Brusler Dorscht“ – , „und ich freue mich unsagbar, daß Hans seinen alten Humor noch hat.“

Diese Bemerkung Oppenheimers, der im Dritten Reich als Jude mit seiner Familie Deutschland verlassen und selbst mehrere Angehörige in Konzentrationslagern verloren hatte, bezieht sich auf das harte persönliche Schicksal Ebbeckes. Sofort bei Ausbruch des Ersten Weltkrieges hatte sich der in Gengenbach geborene Sohn des damaligen Bruchsaler Gefängnisseelsorgers am 2. August 1914 als Freiwilliger zum Militär gemeldet. Aus dem Hörsaal der Heidelberger Universität an die Front, wurde er nach zwei Jahren zum Leutnant befördert, aber anfangs März 1917 am Fort Douaumont bei Verdun durch Granatsplitter im Gesicht so schwer verwundet, dass er lebenslang kriegsblind blieb; wenige Tage später wurde Ebbecke das Eiserne Kreuz Erster Klasse verliehen.

Ebbecke

Ebbecke Bündler 1914: Hans Ebbecke (roter Kasten) im Jahr des Kriegsausbruch 1914. Bei Verdun verlor er drei Jahre später sein Augenlicht (Foto: privat)

Trotz des Schicksalsschlages verlor er seinen Lebensmut nicht und legte 1921 seine Promotion mit dem Titel „Die Anfangsverse im Volkslied“ an der Philosophischen Fakultät der Universität Heidelberg vor. Darin setzte er sich wissenschaftlich auseinander mit den typischen und formelhaften Elementen in den Liedanfängen seit dem 15. und 16. Jahrhundert. Durch den Verlust des Augenlichts waren ihm indes die Zugänge zu vielen Berufen erschwert oder ganz verschlossen, und so entschied er sich, die Musik zu seinem Broterwerb zu machen. Spätere Bekannte und Weggefährten haben Ebbecke so charakterisiert, sich schließlich mit der Kriegsbehinderung abgefunden und das Beste aus seiner persönlichen Situation gemacht zu haben. Er eignete sich ein enormes Repertoire an Liedern an und entwickelte ein absolutes Gehör; viele Menschen erkannte er gleich bei den ersten gesprochenen Worten an ihrer Stimme. 

Ebbecke

Hans Ebbecke mit Laute. (Foto: Privat)

Nach seiner Genesung und anschließenden Promotion, in den Jahren der Weimarer Republik, ging Ebbecke, modern formuliert, „auf Tournee“ und veranstaltete stark besuchte Lieder-abende, bei denen er sich selbst auf der Laute begleitete. Ein halbes Jahrhundert lang zog er fortan immer wieder durch die Konzertsäle in Großstädten und Kurorten bis nach Österreich, in die Schweiz und ins Elsass. Zu seinem 80. Geburtstag im Jahre 1973 beschrieb ein Gratulant rückblickend Ebbeckes Auftreten: „Mit wunderbarem Lautenspiel und warmer Stimme sang er sich mit Volksliedern in die Herzen der Zuhörer. Aber rasanten Beifall ernteten seine Balladen, Moritaten und Soldatenlieder, die er mit Schalkhaftigkeit und urgelungenem, ausdrucksvollem Minenspiel vortragen konnte. Tausend Schelme huschten und geisterten über sein bewegliches Gesicht. Ebenso waren seine Scherz- und Spottlieder, in der Mundart der deutschen Volksstämme, Freudenbringer und Sorgenbrecher für die zujubelnden Zuhörer.“ Und Ebbecke selbst wird schließlich charakterisiert mit den Worten: „Man könnte unseren Lautensänger als modernen Nachfahren des mittelalterlichen Spielmanns bezeichnen, der altes Liedgut in deutschen Landen wieder zum Vortrag gebracht hat.“ 

Besitzzeugnis

Ebbecke Verleihungsurkunde: Wenige Tage nach seiner schweren Verletzung erhielt Ebbecke das Eiserne Kreuz Erster Klasse. (Foto: privat)

So bestritt Ebbecke mit der Musik und dem Verkauf einiger Liederbücher, die er in den 1920er Jahren bei Verlagen in Heidelberg und Stuttgart publiziert hatte, großenteils seinen Lebensunterhalt, ergänzt noch durch den Betrieb der Staatlichen Lotterie-Einnahme in Heidelberg. Zwölf Jahre lang war er außerdem Vorsitzender des Verbandes freischaffender blinder Künstler.

Nicht frei von einer gewissen Tragik muss daher die Frage gestellt werden, ob es ohne Ebbeckes Kriegsverletzung und seine Erblindung überhaupt je zu seiner Berufswahl als Musiker und damit auch zur Verbreitung des Liedes vom Grafen Kuno in Bruchsal und über Bruchsal hinaus gekommen wäre? Gewiss hatte Ebbecke schon als Student Konzerte gegeben, war aufgetreten in vielen deutschen Großstädten zwischen Hamburg und Stuttgart, aber nach seiner Promotion hätten sich ihm ohne die schwere Behinderung gewiss noch völlig andere berufliche Wege eröffnet. Die freundschaftliche Verbindung zu Otto Oppenheimer blieb übrigens über die NS-Diktatur hinaus bestehen, und der blinde Sänger trug in den 1920er und 1930er Jahren auch weitere Gedichte des Bruchsaler Hobbydichters zur Laute oder Gitarre vor.

Ebbecke Schallplatte

Ebbecke Schallplatte: Ebbecke nahm den „Brusler Dorscht“ in den 1920er Jahren auch auf Schallplatte auf.

Erinnerung an Dr. Hans Albert Ebbecke 

Im Jahre 2013 sei aus gegebenem Anlass an Dr. Hans Albert Ebbecke und vor allem an seine Verdienste um die Verbreitung der heimlichen Bruchsaler Lokalhymne erinnert. Geboren am 8. März 1893, jährt sich sein Geburtstag zum 120. Mal. Vor 40 Jahren, am 15. Mai 1973, ist er nach längerer Gebrechlichkeit im Krankenhaus Wiesloch verstorben. Zuletzt lebte er, gemeinsam mit seiner dritten Frau Marie Seitz, in der Nußlocher Hauptstraße. Geblieben sind seine Liederhefte, eine Schallplattenaufnahme vom „Brusler Dorscht“ im Besitz des Städtischen Museums Bruchsal sowie einige seiner Musikinstrumente im Nachlass der Familie. Vor allem aber die weite Verbreitung von Otto Oppenheimers humoristischer Lieddichtung um den Kraichgaugrafen Kuno, die ohne Ebbecke in dieser Form nicht möglich gewesen wäre.

 

Buchtipp 

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Aus: Winzerfestanzeiger Wiesloch 2013. Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Herausgebers und des Autors.

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