Der Diabolo und Bruchsal, die Automobilstadt

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Sonntag, 17. April 2011 - 14:14

Der Diabolo

Eisenbahnsignalwerke

Wenn einiges anders, vielleicht auch besser gelaufen wäre, könnte Bruchsal heute in der ersten Liga der deutschen Automobilstädte wie Wolfsburg, Ingolstadt, München oder Stuttgart mit spielen. Es hat wohl nicht sollen sein.

Mitte der zwanziger Jahre des vorigen Jahrhunderts liefen die Geschäfte der Bruchsaler Eisenbahnsignalwerke, später Siemens & Halske, schlecht. Personal wurde teilweise abgebaut, es wurden neue Produktionsschienen gesucht - die man dann im Diabolo fand.

Diabolo

© Stadtarchiv Bruchsal | Diabolos in Frauenalb

Bereits seit 1922 wurde der Diabolo, ein so genannter Threewheeler (ein motorisiertes Dreirad), in Stuttgart gebaut; in Bruchsal wurde die Produktion dieses Kleinwagens im Jahre 1924 aufgenommen. Hierzu wurde eine eigene Firma gegründet, die Diabolo Kleinauto GmbH (oder AG). Bekannt wurde der Diabolo durch Heinz Rühmann; der Diabolo war das erste Auto dieses volkstümlichen Schauspielers.

Der Diabolo wurde mit einer schmalen Vorderachse und einem einzelnen, angetriebenen Hinterrad produziert. Der Radstand betrug 2200 mm. Angetrieben wurde der Diabolo von einem vorne eingebauten, wassergekühlten V2-Motor von Motosacoche. Motosacoche war ein Schweizer Hersteller von Motorrädern und bis zum Zweiten Weltkrieg grösster Hersteller von Einbaumotoren in Europa. Der Hubraum des Motors betrug 1,1 Litern und hatte eine Leistung von 18 PS.

Produktion Diabolo

© Stadtarchiv Bruchsal | Diabolo-Fertigung

Lange wurde dieses Fahrzeug jedoch nicht produziert. Die Geschäfte der Bruchsaler Eisenbahnsignalwerke gingen wieder besser, man besann sich auf das Kerngeschäft und somit wurde die Produktion des Diabolo 1927 eingestellt. Produziert wurden etwa 100 Stück dieses Kleinwagens.

Der Diabolo war, wie bereits ausgeführt, ein Threewheeler, also ein Fahrzeug mit zwei Vorderrädern und nur einem Hinterrad. Erinnert sei an das erste Automobil mit Verbrennungsmotor, dies war ebenfalls ein Dreirad: Der am 29. Januar 1886 von Karl Benz beim Reichspatentamt unter der Nummer 37435 zum Patent angemeldete Motorwagen. Das Fahrzeug von Karl Benz hatte allerdings zwei Hinterräder und ein Vorderrad.

Threewheeler in England

Threewheeler waren vor allem in England seit den 30er Jahren bis in die 70er Jahre sehr populär, da diese steuerlich als Motorräder behandelt wurden und zum Teil ohne Führerschein gefahren werden durften. Die Fahrzeuge waren verhältnismäßig günstig im Unterhalt, die Leichtbauweise ermöglichte gute Fahrleistungen und den erfolgreichen Einsatz im Motorsport. Eine Renaissance erlebten diese Dreiradfahrzeuge nach dem 2. Weltkrieg mit den Marken Davis, Bond und Reliant.

Der "Zaschka"-Kleinwagen

Das Ende der Produktion des Diabolo in Bruchsal war aber nicht das Ende des Threewheelers in Deutschland. Der 1895 in Freiburg geborene Oberingenieur, Konstrukteur und Erfinder Engelbert Zaschka erfand 1929 in Berlin den ersten zerlegbaren Kleinwagen, ebenfalls einen Threewheeler. Das Prinzip hinter dieser Idee war ein Fahrzeug, das man schnell zusammenbauen und in der Wohnung abstellen konnte. Innerhalb von 20 Minuten war dieser Threewheeler in drei Teile zerlegbar und wieder zusammenzusetzen. Die Devise hinter dieser Idee eines Faltautos war, auch Leuten mit weniger Geld die Anschaffung eines Autos zu ermöglichen. Und eine Garage war insbesondere in Großstädten ein oftmals unbezahlbarer Luxus.

Dieses Fahrzeug konnte jedoch nicht in Serie hergestellt werden, da die erforderlichen Bauteile nicht in den notwendigen Materialien zur Verfügung standen.

Wesentlich erfolgreicher war Engelbert Zaschka, der 1955 in Freiburg verstarb, mit der Konstruktion von Fluggeräten. So erfand er das Zaschka-Rotationsflugzeug, einen der ersten Vorläufer des Trag- und Hubschraubers sowie das Zaschka Muskelkraft-Flugzeug. Darüber hinaus war er als Chefkonstrukteur der Orion Aktiengesellschaft für Motorfahrzeuge in Berlin maßgeblich am Bau des Motorrades Orionette (1921 bis 1925) beteiligt.

Der Scooter (1986) und der GX3 (2006) - zwei Studien von VW

VWScooter

Im Jahre 1986 wagte sich Volkswagen an das Thema Threewheeler heran und stellte den „Scooter" vor. Die Beschränkung auf drei Räder und ein insgesamt kleines Fahrzeug hatten auf das Gewicht einen positiven Effekt. Lediglich 550 Kilogramm brachte der Prototyp auf die Waage. Die Leistungen dieses Threewheelers waren Motorrad ähnlich; Hubraum 1400 ccm, Leistung 90 PS, Höchstgeschwindigkeit 220 km/h. Immerhin fanden in dem kleinen Fahrzeug zwei erwachsene Personen ausreichend Platz. Gepäck durften diese allerdings nicht mitnehmen. Das Fahrzeug ging nie in die Serienproduktion.

gx3
Im Jahre 2006 präsentierte VW den GX3, eine konzeptionell dem Scooter verwandte Studie. Dem GX3 wurden eine Zeit lang tatsächlich Chancen auf eine Serienfertigung eingeräumt.

Doch auch der GX3 verschwand bis heute in den Schubladen der Volkswagen-Entwicklungsabteilungen.

© Rolf Schmitt

 

Link: VW GX3

GX3 von norrin34

Eigene Bewertung: Keine Durchschnitt: 5 (10 Bewertungen)

Kommentare

BMW Isetta als Threewheeler in England

Als ich 1963 das erste mal in England war, fielen mir sofort die vielen Threewheeler auf. Mein englischer Gastgeber klärte mich auch über die steuerlichen Besonderheiten dieser Fahrzeugklasse auf. Zwar kannte ich auch aus Deutschland einige solcher Nachkriegskonstruktionen (z.B. den Goliath Dreiradtransporter oder den Messerschmid Kabinenroller), aber nicht in dieser Verbreitung.

Besonders interessant fand dort ich aber ein deutsches Gefährt, die BMW Isetta mit DREI Rädern. In Deutschland war sie auch sehr verbreitet, allerding mit VIER Rädern, wovon zwei Hinterräder mit sehr schmalem Radstand (und daher auch ohne Differential) versehen waren. Diese beiden waren nun in England durch EIN Hinterrad ersetzt!

Ob das eine Sonderkonstruktion von BMW für den englischen Markt oder ein Umbau einer englischen "Tuningfirma" war ist mir unbekannt.

Deutsche Threewheeler

Vielen Dank für diesen Artikel, Herr Schmitt! - Gerade weil er die deutschen Threewheeler Innovationen deutlich macht. Ein Thema das allgemein viel zu wenig gewürdigt wird. Dieser Artikel würdigt die Leistungen.

Schade, dass die Diabolo Kleinauto GmbH heute nicht mehr existiert. Der Diabolo wäre eine Bereicherung in der deutschen Automobillandschaft. Ein Fahrzeug, das sich von der Masse abhebt. Es sieht eben etwas anders aus als das was heute auf den Straßen herumfährt.

Die Idee des zerlegbaren Zaschka-Threewheelers ist gerade in den 1920er Jahren geradezu revolutionär, weil sie die sozialen Standards der Zeit sprengt: Ein Auto, das sich fast jeder leisten kann und dadurch die Lebensqualität durch bezahlbare Mobilität verbessert wird. Es ist ein Konzept das die Parkplatzprobleme manch einer Großstadt lösen kann und umweltfreundlich ist. Das Stadtauto-Konzept von Engelbert Zaschka kann aber durchaus als Pionierleistung verstanden werden, da faltbare oder zerlegbare Autos gerade heute wieder in Mode sind. Der einzige und markante Unterschied zu 1929 dürfte der Elektroantrieb der heutigen Konzepte sein.

Noch ein Diabolo, in der Rheinstraße in Bruchsal

Entnommen dem Bildband: "Ernst Habermann, Bilder von Alt-Bruchsal", 1976.

 

Diabolo 1925 in Bruchsal

 

Rakete mit drei Rädern

Den Bericht

...kann ich nur bestätigen. Habe selbst mal einen Morgan +8 und einen (alten) Threewheeler gefahren...

Dreirad-- und Export-Isetta

In Reinhard Lintelmanns allen Isetta-Freunden sehr zu empfehlenden Buch "BMW Isetta und BMW 600/700" schreibt dieser zur Dreirad-Ausführung: "Weil es der Gesetzeslage entsprechend in einigen Ländern möglich war, dreirädrige Fahrzeuge aus steuerlichen Gründen als Motorrad zuzulassen, wurden zahlreiche Isetten zum Dreirad modifiziert. Auch zwei eng zusammenstehende Räder wurden in einigen Ländern als Einradachse akzeptiert..."
Ein echter Hingucker waren optisch und ausstattungsmäßig einige Export-Modelle, z. B. das für den amerikanischen Markt - BMW verkaufte dort über 12.000 Fahrzeuge!

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