Der Herr Bass

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Samstag, 3. April 2010 - 16:07

Der Herr Bass hatte ein Spielwarengeschäft und machte daher spielend seinen Umsatz.

Bass

© Barbara Mitteis

Von ihm hatten wir etliche Spiele, wie etwa das Domino und Fang den Hut und Mensch ärgere dich nicht. Gerade dieses Spiel schaffte uns den meisten Verdruss und wir würfelten mit hochroten Backen und meistens kam ich blass ans Ziel.

Irgend ein Kinderschreck musste dieses Spiel für ungeduldige Kinder erfunden und für gutgeheißen haben. Mensch ärgere dich nicht war die boshafte Aufforderung, am Verlieren Vergnügen und im Gewinnen Überlegenheit zu haben. Ich mochte dieses Würfelspiel gar nicht, und hüpfte lieber mit meinen eigenen Beinen als mit den grünen Männchen in den vorgezeichneten Feldern. Ich hatte nie Glück im Spiel, und das blieb so bis zum heutigen Tage.

Im Schaufenster von Herrn Bass warteten knopfäugige Teddybären, tüllberockte Püppchen und bunte Bälle und Kreisel auf zahlungsunfähige kleine Kundschaft, deren Eltern oder Elternteile die Geldbeutel zückten.

Irgendwann einmal fing ich an, Dame zu spielen, aber nicht mein Verstand, sondern meine Ungeduld stand mir im Wege und so brachte ich es zu keinem rechten Zug. Mühle und Halma kamen an die Reihe, jedoch die Holzplättchen und die Papierhütchen und die Würfel ließ ich lieber in der Spielesammlung liegen und sammelte mit Eifer Maikäfer in die Schuhschachtel.

Herr Bass war ein mittelgroßer dünner Mann mit einem ganz kleinen Gesicht und schütteren Haaren und zählte etwa 40 Lenze. Es war ein echter Schwabe mit viel Geschäftssinn, der ein gepflegtes Badisch sprechen wollte und viel hineinschwäbelte. Er lief mit einem grauen Kittel zwischen den bunten Spielzeugen hin und her, sprang wie ein Gummiball die Treppen hinunter,

Spielesammlung

beugte sich zu mir, klatschte in die Hände und fragte nach den großen Wünschen. Mein größter Wunsch war ein kunterbunter Ball im Netz, und diesen Gassenhauer trug ich selig nach Hause. Aber jedes Glück wird irgendwie getrübt, und so bekam ich meine festgelegten Uhrzeiten und meine kickenden Brüder bald zu spüren. "Komm, gib mir mal den Ball!" war die schlimmste Aufforderung, nachzugeben.

Wie oft ging ein Fenster auf, und ich wurde woanders hingeschickt, und hätte es auf dem Mond ein Spielfeld gegeben, so hätte ich mich wohl damals hochschießen lassen. Artig stieg ich mit meinem geliebten Ball die Stufen hoch und dann ging Mama manchmal mitleidig mit mir zum Kinderspielplatz oder in eine Grünanlage, und dort waren dann jene glücklichen Stunden, wo ich mit meinem Ball alleine war.

Bei Herrn Bass bekam ich auch die ersten Rollschuhe gekauft, und außer etwas Routine im Laufen bekam ich im Laufe der Zeit immer größere Heftpflaster auf die Knie. Weinen lohnte sich schon gar nicht mehr, und manchmal klebte ich das alte Leukoplast auf die neue Wunde.

Kind mit Ball

© Proggie

Alles was mit Sport und Spiel zusammenhing, wurde bei dem Spielwarenbesitzer eingehandelt. Knetmasse, Sprungseile, Domino, Fang den Hut, Mühle und Mensch ärgere dich nicht, Kreisel, Ball und Puppen, Halma und Teddybärchen, Rollschuhe und Dame. All das fand Platz im Kinderzimmer und stammte von Herrn Bass. Nur die Heftpflaster bezogen wir aus der Apotheke. Wenn ich an einem Schaufenster heutigentags vorübergehe und die Puppen und die Spielzeuge betrachte denke ich, wieviel sich doch verändert hat. Lieblose Barbiepuppen starren mich an, mürrische Teddybären sitzen ihre Hinterglaszeit ab, Roboter und Rennfahrer glotzen geistesabwesend aus ihren Kisten, und dann stelle ich zufrieden fest, dass sich etwas nicht verändert hat. Das ist der Ball. Der Ball ist bunt und rund wie ehedem, und gottlob konnte ihn die ganze Wissenschaft und Kinderpsychologie noch nicht eckig machen, nur die Kinder können ihn dreckig machen. Aber dafür sind sie ja auch Kinder!

© Barbara Mitteis

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Kommentare

Spielwaren Bass

Wie wahr, die Geschichte von Herrn Bass in seiner grauen Kutte, an den ich mich nur zu gut erinnere. Allerdings als Bub in Verindung mit einem in meinem Fall braunen genarbten Plastikball fürs Fußballspielen, dessen Oberfläche große Ähnlichkeit mit einer Melone hatte. Außerdem gabs dort auch noch einen Schatz mit unzähligen Wiking-Autos ab 50 Pfennig und dann auch die erste elektrische Eisenbahn von Fleischmann. Ich hab sie immer noch und auf der Schachtel für die blaue E10-Lok prangt natürlich der Aufkleber "Spielwaren Bass".

Wir drückten uns die Nasen platt an seinem Schaufenster in der Bahnhofstrasse und wie oft stellte ich mir vor, was mit all den Reichtümern dahinter anzustellen wäre.

Heute gibt es in Bruchsal nicht ein einziges Spielzeuggeschäft mehr und in der Erlebniswelt der Kinder von heute kommt dieses Gratisvergnügen nichtmehr vor.

Was hatten wir es damals gut: Fernsehen gabs kaum und niemand hat es vermisst. Wenn die Auslage vom Spielwaren Bass als Anstoß für die eigene Phantasie nicht ausreichte ging man noch in die Spielwarenabteilung vom Kaufhaus Schneider im zweiten Stock oder zum Spielwaren Gabriel in der Kaiserstrasse.

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