Bruchsals Geschichte - verhüllt, vermauert und mit Füßen getreten?

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Oder: "Modern und zeitgemäß" nach Art des (Rat)Hauses
Donnerstag, 17. Februar 2011 - 11:59

„Bilder von Alt-Bruchsal - Dokumente der Stadt vor ihrer Zerstörung“ betitelte Ernst Habermann seinen bekannten Bildband im Jahre 1975 und markierte damit wie viele Bruchsaler damals wie heute als Schlusspunkt der städtebaulichen und historischen Entwicklung der Stadt den 1. März 1945, als Bruchsal noch kurz vor Ende des Krieges wie viele andere Städte durch einen Luftangriff weitestgehend zerstört wurde.

Die aus heutiger Sicht oftmals nur als grob fahrlässig zu wertenden Zerstörungen der letzten Reste historischer Bausubstanz im Laufe des Wiederaufbaus sprach er nicht an – weshalb, lässt sich nur vermuten.

Etwas deutlicher wird da der damalige Oberbürgermeister Dr. Adolf Bieringer in seinem Geleitwort zu eben jenem Habermannschen Werk „... Vieles was hier uns dargestellt wird ist durch Krieg und Zerstörung unwiederbringlich verloren gegangen, manches aber auch ein Opfer der fortschreitenden Zeit geworden...“

Das war im Jahre 1975 und leider ließ Dr. Bieringer wie sein Vorgänger den hier anklingenden Gedanken nicht immer Werke folgen.

Und so suchen wir heute vergeblich in der Stadt nach den oft respektablen Ruinen der Bauwerke, die den großen Luftangriff zwar mit starken Beschädigungen, aber immerhin mit mehr als ihren Grundmauern überdauert hatten – den“Pulverturm“ wie wir Kinder ihn nannten, das alte Spital, den Hohenegger, den Torbogen über die Steighohle, das Türmlein an der Württemberger Straße, das als eines der letzten Baudenkmale nicht unbedingt der verkehrsgerechten, aber zuschusskonformen Erschließung des „Scheelkopf“ weichen musste.

 

So lässt es sich vielleicht erklären, dass aus einer Mischung aus Geschichtsbewusstsein, der demonstrativen Zurschaustellung alter Wurzeln und Traditionen, aber vielleicht auch schon etwas schlechtem Gewissen hinsichtlich des Umganges mit den baulichen Relikten Bruchsals beim Neubau des Rathauses Mitte der fünfziger Jahre der bekannte Künstler Ludwig Barth den Auftrag erhielt, nicht nur geschichtliche Ereignisse, sondern auch alte, verloren gegangene Bauwerke darzustellen.

Ein Beispiel für die farbige Ausführung dieser Fresken können Sie hier sehen:

http://4.bp.blogspot.com/_DUrhKfAaKGc/StHKidn3nFI/AAAAAAAADM8/ByHwRXOwNw...

 

Diese Fresken schmückten über ein halbes Jahrhundert lang unbeanstandet das Treppenhaus des neuen Rathauses, bis Anfang des 21. Jahrhunderts ein „machender“ Oberbürgermeister und der ihm mehrheitlich treu ergebene Gemeinderat der Stadt Bruchsal auf den Gedanken verfielen, zwecks Wiederbelebung der verödenden Innenstadt eben dieses „neue“ Rathaus zu großen Teilen in einen modernen Konsumtempel umwandeln zu lassen – frei nach dem Motto „Wer vieles gibt, wird Jedem etwas geben...“

So weit – so schlecht.

Der Umbau ist vollendet, die Verwaltung gedenkt nun auch wieder an ihren Stammsitz zurückzukehren und wie derzeit landauf, landab üblich wird kräftig die städtische Werbe- bzw. Informationstrommel gerührt. Und so darf auch endlich, nachdem das Stadtbauamt sich laut anderem Bericht zunächst strikt geweigert hatte, die Presse ins renovierte Haus zu lassen, natürlich nach den lokalen Hofberichterstattern Frau Zeh vom „Kurier“ die der kommunalen Verwaltung geweihten Hallen besichtigen. Und sie berichtet darüber in der Ausgabe vom 10.02.2011 – ausführlich, bebildert und zumindest etwas betrübt.

Denn was erblickte das Auge der Berichterstatterin? Dort, wo bis vor wenigen Monaten noch die Barthschen Fresken den Besucher erfreuten – Wände. Rote (!) Wände.

Hinter ihnen sind die Fresken verschwunden. Eingemauert oder „verhüllt“ wie Frau Zeh in einem Anflug von Mitleid ihren Bericht betitelt.

Auf die Frage nach dem Warum und Wieso „klingt“ es aus der Stadtverwaltung, „Modern und zeitgemäß“ solle der Charakter des Rathauses nun sein.

Man habe nichts kaputtgemacht, oh nein, erklärt ein Mitarbeiter des Stadtbauamtes und die Verdeckung sei „in Absprache“ mit der Denkmalpflege erfolgt.

Absprache? Nun ja – man wird die Denkmalspfleger wohl gefragt haben und versteckt sich nun etwas hinter deren Zustimmung – mit wie wenig Begeisterung die unter Umständen gegeben wurde, kann man sich leicht vorstellen.

Die Idee stammt offensichtlich aus der Verwaltung und von der Denkmalspflege, die nach der gewaltsamen Umnutzung des denkmalgeschützten Rathauses vielleicht resignierend die Schultern zuckte – nach dem Motto „Lasst die Brusler mit ihrem Rathaus doch machen, was sie wollen – dort ist eh' Hopfen und Malz verloren...“

Und, um das Maß voll zu machen, kommt lt. Kurier aus dem Büro der Oberbürgermeisterin noch ein heutzutage nahezu unschlagbares Argument (nein, es geht nicht um Arbeitsplätze) hinzu: Es sei doch auf lange Sicht billiger, eine Wand zu unterhalten, als die Fresken...

Das haben wir also davon, wenn Gemeinderat und Regierungspräsidium von der Oberbürgermeisterin Sparvorschläge fordern!

Frage an die Oberbürgermeisterin und den Leiter des städtischen Bauamtes: Wie hoch war denn der Unterhaltungsaufwand für diese Fresken in den letzten 50 Jahren?!

Allerdings, ein interessantes Detail nicht ganz am Rande der Geschichte deckt Berichterstatterin Sonja Zeh auch noch auf: Weder der städtische Historiker noch der Leiter des Kulturamtes – beide allerdings nicht im Stadtbauamt, sondern Hauptamt – übrigens in unmittelbarer Nähe der Oberbürgermeisterin angesiedelt – wussten von der Sache bislang nichts.

Aber dieses Verfahren verwaltungsinterner Alleingänge erstaunt nun die Mitarbeiter der Stadtverwaltung am Allerwenigsten – es war das seit Jahren übliche Verfahren.

 

Gullideckel

Ein Trost bleibt in diesen Zeiten dem kultur- und geschichtsbewußten Bruchsaler: Wie den BNN kürzlich ebenfalls zu entnehmen war, werden die Kanaldeckel auf Bruchsals Straßen in Zukunft mit dem Stadtwappen versehen sein. So weiß der Bürger, wenn er geneigten – oder gramgebeugten – Hauptes durch die Stadt wandelt doch immerhin, in welcher der unzähligen einnahmeschwachen Kommunen er sich befindet.

Und worauf immer häufiger getreten wird.

Aber das ist eine andere Geschichte.

 

Was meine Sie, lieber Leser, zu diesem Vorgang – den „verhüllten“ Fresken?

Ach – Sie fragen hier nach dem Stadtrat? Ob der...? Aus dieser Richtung war noch nichts zu hören. Da werden wir wohl auch wieder einmal vergeblich auf eine Reaktion, zumindest eine in der Öffentlichkeit hörbare, warten.

Bis zu den nächsten Wahlen dauert's ja noch und Transparenz – na ja, man kann alles übertreiben...

 

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Kommentare

Augiasstall

Da scheint es mir doch an der Zeit zu sein, diesen Augiasstall von Verwaltung mal kräftig auszumisten.Wahrscheinlich ist eine komplette Dekontamination erforderlich!!!

Mir klingt es noch von der Antrittsrede der der OBin vor dem Verwaltungspresonal in den Ohren: "Wo gehobelt wird da fallen Späne".

Bis jetzt ist höchstens eine Manikürfeile im Einsatz, von Hobel keine Spur.

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