Bruchsal automobil im Film

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oder frei nach Reinhard Mey: Es gibt keine Diabolos mehr
Donnerstag, 9. Oktober 2014 - 9:35

Nach den Dreharbeiten des TV-Senders SAT1 im Sommer zu der doch eher recht seichten Filmkomödie „Die Staatsaffäre“ mit „Superweib“ Veronica Ferres am und im Bruchsaler Schloss war am 2. Oktober 2014 erneut ein Filmteam in Bruchsal. Dieses Mal kamen die Filmemacher vom SWR und im Mittelpunkt stand bei diesen Dreharbeiten Bruchsal. Bruchsal, die Autostadt.

Der Journalist Constantin D. Beims dreht derzeit im Auftrag des SWR ein 90-minütiges Feature mit dem Titel „ABC der Automarken im Südwesten“, das im diesjährigen Weihnachtsprogramm des SWR gesendet werden soll. Das Alphabet der Automarken im Südwesten beginnt bei A wie die Weltmarke Audi aus dem – na ja – eher bayerischen Ingolstadt und endet bei Z wie Zakspeed, einem in dem Eifelstädtchen Niederzissen ansässigen Rennstall, der bereits seit 1968 im Automobilrennsport aktiv ist. Dieser Rennstall stieg sogar 1985 in die Formel-1 ein und war neben Ferrari das einzige Team, das sowohl das Fahrzeug als auch den Motor selbst entwickelte. Großer Erfolg war diesem Rennstall jedoch nicht beschieden. 1990 musste das Formel-1-Team von Zakspeed aus finanziellen Gründen schließlich aufgeben.

Zu diesen Dreharbeiten in Bruchsal hatte der Journalist Beims den Bruchsaler Stadtarchivar Thomas Moos in den Schlossgarten geladen, um diesen zur automobilen Vergangenheit Bruchsals zu befragen. Mittlerweile ist kaum noch bekannt, dass auch Bruchsal in den 1920er Jahren das Zeug dazu hatte, zu einem Weltmarktführer in der Autoproduktion aufzusteigen, vergleichbar mit Stuttgart, München oder Wolfsburg, gab es doch auch in Bruchsal Manufakturen für mobile Untersätze.

Der Diabolo

So produzierte die hier ansässige Diabolo Kleinauto GmbH (oder AG), eine Firmengründung der Bruchsaler Eisenbahnsignalwerke, den Diabolo, einen so genannten Threewheeler, ein motorisiertes Dreirad.

Diabolo

Fertigung des Diabolo in Bruchsal. Foto: Stadtarchiv Bruchsal

In Bruchsal wurde die Produktion dieses Kleinwagens im Jahre 1924 aufgenommen, da die Geschäfte der Eisenbahnsignalwerke nach der bis November 1923 andauernden Inflation schlecht gingen. Nachdem das Kerngeschäft der Bruchsaler Eisenbahnsignalwerke, die Herstellung von Signalen und Stellwerken, einen Aufschwung erlebte, wurde die Produktion des Diabolo 1927 eingestellt. Hergestellt wurden etwa 100 Stück dieses Kleinwagens.

Einer der wenigen Abnehmer dieses dreirädrigen Kraftfahrzeuges war der bekannte Filmschauspieler Heinz Rühmann, der in seiner 1985 erschienenen Autobiografie „Das war's: Erinnerungen“ zu seinem Diabolo schrieb:

„Zehn Tage lang fuhr ich jeden Morgen mit meinem ersten Auto, einem dreirädrigen „Diavolo“, ins [Filmstudio] Glas-Atelier […]. Das Vehikel – mehr ein Vorläufer der Messerschmitt-Roller als ein Auto – hatte seine Mucken. Trotz Teufelskopf auf dem Kühler streikte es oft. Doch ich war sportlich und der Wagen leicht, so schob ich ihn eben die Strecke von der Wohnung ins Atelier.“

Die Gebrüder Ihle

Bekannter ist noch heute das in Bruchsal ansässige Unternehmen der Gebrüder Rudolf und Fritz Ihle, die ursprünglich ein Kleinserienhersteller von individuellen Automobilkarosserien war. Die Brüder gründeten ihre Firma in den frühen 1930er Jahren und produzierten Sonderkarosserien in Kleinserien auf Basis gängiger Kleinwagen wie zunächst Dixi und BMW, dann auch DKW, Ford usw.. In den 1940er Jahren wurde die Produktion von Sonderkarosserien zu Gunsten von der Herstellung von Fahrzeugen für Schausteller aufgegeben.

Während des Zweiten Weltkriegs sollen Präzisionswaffen und Tragkraftspritzen mit DKW-Motor bei Ihle gebaut worden sein.

Autoscooter

Boxautos der Firma Ihle in den 1950er Jahren vor dem Bruchsaler Schloss. Foto: privat

Nach dem Krieg fertigte Rudolf Ihle, sein Bruder Fritz kam Ende des Zweiten Weltkrieges ums Leben, Autoscooter und Karusselle für Kirmes und Jahrmarkt. Die Firma Ihle war bis in die 1970er Jahre Weltmarktführer auf dem Gebiet der Autoscooter, allein beim Münchener Oktoberfest waren in den 1960er Jahren bis zu 400 „Chaisen“ oder, wie bei uns im Südwesten auch gesagt wird, „Boxautos“, der Firma Ihle im Einsatz.

Mittlerweile existiert diese Bruchsaler Firma nicht mehr, doch die Ihle-Boxautos bekommt man ab und an immer noch zu Gesicht.

Der Diabolo und sein Enkelsohn

Doch zurück zum Diabolo. Lediglich 100 Stück dieses Automodells wurden produziert; es ist nicht bekannt, dass irgendwo, vielleicht in einer seit Jahrzehnten verrammelten Scheune, noch ein solches historisches Fahrzeug steht. Wie Stadtarchivar Thomas Moos bei den Filmaufnahmen erläuterte, habe er weltweit – leider erfolglos – nach einem noch existierenden Diabolo geforscht.

Diabolo

Bei den Filmaufnahmen. Foto: privat

So musste sich Stadtarchivar Thomas Moos für die Filmaufnahmen bei dem Bruchsaler Schloss mit einem Morgan Threewheeler mit freiliegendem V-Motor der Motorradschmiede Harley-Davidson, einem englischen Enkel des Dabolo, begnügen und erzählte dem Journalisten von der Geschichte der Bruchsaler Fahrzeugindustrie und davon, wie knapp Bruchsal daran vorbeigeschrammt ist, in die Liga der weltweit wichtigsten Automobilstädte aufzusteigen.

Diabolo

Der Morgan Threewheeler. Foto: privat

Vor dem Interview durfte Thomas Moos mit dem Threewheeler eine Rundfahrt durch Bruchsal machen. Er äußerte sich nach dem Interview begeistert über seine Fahrt. „Dieses Fahrzeug ist der nackte Wahnsinn - von 0 auf 100 in 4,5 Sekunden. Das Geschoss ist eine Mischung von Traktor und Motorrad“. Und lachend weiter: „Traktor wegen des Lärms und Motorrad wegen der Beschleunigung und Geschwindigkeit“. Er erzählte, dass Leute bei seiner Fahrt durch Bruchsal staunend am Straßenrand stehen blieben und wie drei verwegen aussehenden Möbelpacker einer Umzugsfirma angesichts des Fahrzeuges begeistert ihre Daumen hoch reckten. Ein Junge fragte am Bahnhof mit offenem Mund und großen Augen: „Was ist denn das? Ist das ein Auto?“.

Diabolo

Stadtarchivar Thomas Moos beim Interview. Foto: privat

Ähnlich begeistert wie Thomas Moos äußerte sich Filmemacher Beims, der den Threewheeler eigenhändig von Esslingen nach Bruchsal steuerte. Als Autoredakteur des SWR fuhr er schon so manches Fahrzeug, das bei ihm zu gesteigerter Adrenalinausschüttung führte, wie Alfa Romeos, Ferraris, Porsches oder Lamborghinis. Doch dieser Morgan Threewheeler, so Beims, sei das geilste Auto, das er je gefahren habe.

Diabolo

Vor historischer Kulisse. Foto: privat

Welchen Ruf unter Autokennern könnte Bruchsal heute haben und in welcher Liga der Automobilindustrie könnte Bruchsal derzeit spielen, wenn die Bruchsaler Eisenbahnsignalwerke in den 1920er Jahren nicht den Bau des Diabolo-Threewheelers aufgegeben hätten.

Man darf auf den Film „ABC der Automarken im Südwesten“ gespannt sein; besonders auf die Vorstellung der Buchstaben D wie Diabolo und I wie Ihle. ©

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