A. Brändle: "Drei Mädchen auf einer Spur" - 22. Kapitel und Ende

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Alle suchen Michaela
Sonntag, 3. August 2014 - 14:18

22. Kapitel: Alle suchen Michaela

Zu dieser Zeit besprachen die Schwester Oberin und Herr Theissen bereits im Polizeibüro mit den Beamten, was getan werden konnte, um Michaela zu finden. Sie wurde seit den frühen Morgenstunden im Heim vermisst. Herr Theissen berichtete den Beamten alles, was er von Marlene über Michaelas seltsame Beziehung zu ihrem geheimnisvollen Onkel erfahren hatte. Er zweifelte nicht daran, dass ihr Onkel an ihrem Verschwinden schuld war.

Marlene rief vor Beginn des Unterrichts die Freunde und Freundinnen zusammen und berichtete ihnen, dass Michaela über Nacht mit ihrem Fahrrad spurlos verschwunden sei. Sie sagte beschwörend:

Wir müssen Michaela suchen! Sie ist unsere Kameradin. Ihr ist bestimmt etwas zugestoßen.“

Und der Knox — und die anderen Lehrer?“ fragte Bettina.

Sie dürfen nichts erfahren“, sagte Thomas, „sonst ist aus. Wir lassen die Schulmappen liegen und ziehen los.“

Halt, langsam!“ rief Klaus-Peter. „Zunächst müssen wir wohl überlegen, wo wir Michaela suchen sollen. Wenn auch ihr Fahrrad weg ist, muss man annehmen, dass sie nach einem Ziel außerhalb der Stadt gefahren ist.“

Und zwar zu dem Einbrecher“, sagte Marlene. „Ich vermute, dass sie von dem Dieb, den die Polizei sucht, festgehalten wird. Fragt mich jetzt nicht, warum ich das befürchte, ich habe jedenfalls gute Gründe, es anzunehmen. Die Frage ist also: Wo müssen wir das Versteck des Einbrechers suchen? Wir wissen, er verbirgt sich gern in alten, vergessenen Stollen. Auf unserem Radausflug zur Obergrombacher Burg haben wir ja schon Überlegungen darüber angestellt, wo er nun sein Quartier haben könnte. Ich halte es für möglich, dass er sich in der Silberhöhle versteckt hat.“

Warum ausgerechnet in der Silberhöhle?“ fragte Monika.

Dort hätte er ein unterirdisches Versteck ähnlich dem, aus dem wir ihn hier mit unserer Entdeckung verjagt haben.“

Vielleicht hat er einen Maulwurfskomplex!“ stimmte ihr Ulrich zu. „Ich denke, wir türmen jetzt. Wenn wir Erfolg haben, werden uns die Lehrer vielleicht unser Vergehen verzeihen.“

Auf die Räder!“ kommandierte Marlene und rannte hinaus.

Der Hausmeister sah die Jungen und Mädchen davon rasen, konnte aber nicht einmal mehr protestieren. Marlenes 'Schatten' murmelte eine unfeine Bemerkung vor sich hin, dann rannte er ins Sekretariat der Schule und verständigte telefonisch seine Dienststelle. Danach nahm er sich draußen das erstbeste Fahrrad aus dem Schüler-Radständer, ohne darauf zu achten, dass es ein Damensportrad war, und trampelte los.

Der ahnungslose Hausmeister stand zunächst mit offenem Munde da. Schließlich stieß er hervor: „Diebstahl! Halt!“, eilte mit flatternden Hosenbeinen ebenfalls ins Sekretariat, griff zum Telefon, drehte die Wählscheibe und meldete überstürzt, dass ein Unbekannter soeben ein Fahrrad aus dem Schulhof gestohlen habe. In seiner Aufregung hatte er das Büro des Kleintierzuchtvereins anstatt die Rufnummer der Polizei gewählt, aber das merkte er erst am Schluss.

Die Ereignisse überstürzten sich.

 

In Untergrombach stellten die Jungen und Mädchen ihre Räder an Hauswänden ab und liefen dann den Hang hinan.

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Als Ulrich in Marlenes Hand eine Taschenlampe sah, kam er auf den Gedanken, sich gleichfalls für die Höhlenerkundung zu rüsten. Noch bot sich Gelegenheit dazu. Er stürmte ins nächste Elektrogeschäft. Klaus-Peter und Thomas kamen hinter ihm drein. Sie legten all ihr Geld zusammen und kauften dafür zwei Stablampen.

Dann ging es weiter den Berg hinan. Plötzlich stand ihnen ein Mann im Wege.

Der Schatten!“ rief Thomas und tauchte ihm unter dem Arm weg.

Klaus-Peter hingegen bekam der Kriminalbeamte zu fassen.

Wo ist Marlene Theissen?“ fragte er ärgerlich. „Heraus mit der Sprache, oder ich lasse dich einsperren!“

Wir wollen in der Silberhöhle nach Michaela suchen.“

Warum in der Silberhöhle?“

Wir vermuten dort den Schlupfwinkel des Einbrechers. Marlene meint, er habe Michaela dorthin gelockt, um sie daran zu hindern, ihn zu verraten. Sie kennt ihn, er ist ihr Onkel.“

Ihr betretet die Höhle nicht ohne mich! Lauft, sagt den Mädchen, sie sollen am Eingang auf mich warten!“

Ja ...“

Der Beamte ging in ein Haus hinein, um zu telefonieren. Die Jungen stoben weiter den Hang hinauf.

 

Minuten später schlichen ein Mann und sechs Jugendliche durch den betonierten Eingang der Silberhöhle. Ehe die Stille des Stollens sie aufnahm, vernahmen sie noch aus der Ferne das Heulen einer Sirene.

Langsam. Wir haben Zeit“, sagte Oberwachtmeister Vogt; er war der 'Schatten'.

Nein! Wir haben keine Zeit!“ stieß Marlene hervor. „Vielleicht ist Michaela verunglückt oder sonst wie in Lebensgefahr und braucht Hilfe.“

Ruhig Blut, Marlene!“ mahnte der Mann. „Ich begreife deine Aufregung. Geh vor mir her! Du sagtest doch, du seiest schon in dieser Höhle gewesen. Zeige uns den Weg!“

Marlene drängte voran. Sie erinnerte sich des Hauptstollens und des Steges, der zum Bergsee führte. Die Seitenstollen wurden nicht beachtet. Oberwachtmeister Vogt sah sie sich im Vorbeieilen an, leuchtete auch hinein, schritt aber weiter.

Schon war der Steg erreicht. Marlene ging bis zum Ende der Planke und drehte sich um.

Bis hierher sind wir damals gekommen. Um über das Wasser zu gelangen, braucht man ein Boot. — Ist es wahr, dass drüben ein Stollen weiterführt bis unter die Burgruine von Obergrombach?“

Nein, Marlene“, antwortete der Beamte. „Dies sind nicht unterirdische Geheimgänge aus der Burgenzeit, sondern Bergwerksstollen, in denen nach Erzen gesucht wurde. Ein genauer Plan des ehemaligen Bergwerks liegt im Polizeirevier vor.“

Während er sprach, leuchtete Marlene die Wasserfläche und die Wände ab. Plötzlich stand ihr Lichtstrahl still.

Ein Boot hätten wir. Da!“

Oberwachtmeister Vogt zog das Faltboot heran. Marlene stieg ein, er stieg ein. Dann paddelte er mit kräftigen Schlägen hinüber.

Schon sahen sie im Schein der Lampe einen dunklen Höhlenschlund, den Stolleneingang. Das Boot stieß gegen Fels. Marlene stieg aus.

Warte!“ rief der Beamte, während er das Boot auf das felsige Ufer zog. Aber das Mädchen tappte weiter, getrieben von der Sorge um Michaela.

Jetzt verzweigte sich der Stollen. Ratlos leuchtete Marlene von einem Eingang zum anderen. Ein Stollen war durch eine Bretterwand versperrt. Oder war es eine Tür?

Da hörte sie zur Rechten Gepolter. Marlene erschrak und knipste die Lampe aus. Instinktiv drückte sie sich an die Wand. Sie hörte Schritte, sah aber kein Licht. Jemand kam keuchend auf sie zu gestolpert.

Wo blieb Oberwachtmeister Vogt? Müsste er sie nicht längst eingeholt haben? Da kratzte und schleifte es schon ganz nahe. Marlene roch eine starke Ausdünstung. Dann war der Höhlenmensch vorüber getappt.

Marlene zitterte noch vor Angst. War das Valentin Knorz, der Einbrecher?

Stehenbleiben! Polizei!“ tönte da die Stimme des Beamten durch den Stollen. Ein Lichtkegel sprang auf.

Marlene hörte ein metallenes Geräusch, ein Scharren und Keuchen ... Offenbar rangen die beiden Männer miteinander. Marlene rannte zum See zurück.

Am Ufer kämpften die beiden erbittert. Der Kriminalbeamte hielt in einer Hand die Lampe und war dadurch behindert. Aber er mochte die Lampe anscheinend nicht fallen lassen.

Jenseits des Sees sah Marlene die Lampen der Jungen leuchten. Die Lichtkegel ihrer Stablampen geisterten über das Wasser herüber.

Ein Schrei gellte durch die Höhlenhalle, als die beiden Männer ins Wasser stürzten. Marlene lief dorthin und leuchtete in den See.

Da sah sie den Beamten an das Boot heranschwimmen. Er hielt sich daran fest und schwang sich bäuchlings hinein.

Die Jungen und Mädchen starrten in den See. Wo war der Unbekannte geblieben?

Marlene wartete das Ergebnis der Suche nicht ab. Sie eilte zurück bis zu der Bretterwand, die den Stollen versperrte.

Sie zog und zerrte daran, sie sah die Schlosssperre, fand aber auch, dass rechts eine Lücke im Felsen klaffte. Nach einigen heftigen Rucken rutschte die Tür aus den Halterungen.

Marlene stieg darüber hinweg, ließ den Schein der Lampe kreisen und schrie auf.

Michaela! Michaela!“

Sie packte das reglos daliegende Mädchen an den Schultern und rüttelte sie heftig.

Michaela! — Michaela!“

Da fuhr die Schlafende erschreckt hoch, erkannte Marlene und umarmte sie zitternd vor Freude.

Struppi, Struppi!“ Michaela begann zu weinen, und ihre Tränen tropften auf Marlenes Hände nieder.

Komm!“ sagte Marlene. Sie war sehr glücklich. Behutsam führte sie Michaela aus dem Stollen.

Als sie am See angelangt waren und der Lichtkegel des Polizeibeamten sie traf, ertönte jenseits des Sees ein Freudengeheul.

Michaela wischte sich über das Gesicht und rief hinüber:

Hallo! Ich komme!“

Zu Marlene sagte sie leiser:

Der erste Seitenstollen rechts führt um den See herum.“

Sie fassten sich bei den Händen und krochen durch die Wand.

Als sie drüben in den Hauptstollen traten, kamen die Freunde. Im Schein der Taschenlampen schüttelten sie Michaela die Hand.

 

Oberwachtmeister Vogt ruderte noch immer auf dem Bergsee herum und suchte nach dem Mann, mit dem er gerungen hatte.

Einige Zeit später standen die Jungen und Mädchen, umringt von Polizisten, auf dem Waldweg vor der Silberhöhle.

Jetzt kam auch Oberwachtmeister Vogt aus der Höhle. Er hielt eine nasse Brieftasche in der Hand.

Hier ist ein Teil des Bankraubes. — Michaela, es tut mir leid — ich fürchte, dein Onkel ist ertrunken.“

Er war nicht mein Onkel“, sagte das Mädchen. „Er hat es mir in der Nacht gesagt.“ Dann presste sie die Lippen fest aufeinander.

Polizeikommissar Beck winkte Marlene heran.

Ja, Marlene, die versteckten Ausgänge hinter dem Bergsee waren uns bekannt. Wir hatten sämtliche Stolleneingänge besetzt. Er konnte uns nicht entkommen. Auch seine Wohnhöhle haben wir gefunden. Er hatte es sich dort recht bequem gemacht. Wir kennen jetzt auch den richtigen Namen des Mannes. Er ist wirklich nicht mit Michaela verwandt.“

Er schwieg einen Augenblick und fuhr dann fort:

Du hast uns sehr geholfen. Von der Beamtenbank wirst du gewiss eine Belohnung erhalten.“

Eine Belohnung nehme ich nicht an“, sagte Marlene fest. „Denn auch die anderen haben geholfen — Michaela, Monika, Ulrich, Thomas und Klaus-Peter. Sie waren immer dabei.“

Der Kommissar zog die Augenbrauen zusammen.

Dann hast du mir einiges verschwiegen. — Aber zum Erzählen ist später Zeit. Die Belohnung mögt ihr euch teilen.“ Er blickte die Jungen und Mädchen streng an und fragte: „Wie wollt ihr euch wegen des Schuleschwänzens entschuldigen?“

Wir haben doch Michaela wiedergefunden!“ trumpfte Monika auf. „Die Lehrer werden es uns schon verzeihen.“

Herr Theissen drängte sich zu seiner Tochter hin und nahm sie in die Arme.

Ich bin stolz auf dich, Kind“, sagte er. „Und ich meine — wenn du willst, könnte Michaela deine Schwester werden. Mama ist damit einverstanden, dass wir Michaela aufnehmen und später adoptieren. Herr Knollberger wird auch nichts dagegen haben.“

Jetzt müsste man sehr viele Worte machen, um Marlenes und Michaelas Freude zu schildern. Es war ein großes Ereignis in ihrem jungen Leben. Vater Theissen schritt mit zwei glückstrahlenden Mädchen den Berg hinunter.

Thomas Kurali putzte sich die Nase und knurrte:

So'n feiner, großartiger Knubbel!“ ———

 

Einige Tage danach fand Bettina ihren Füllhalter im Außentopf einer tiefstehenden Blätterpflanze. Damit war auch dies Rätsel gelöst.

Marlene erfuhr Michaelas Geheimnis: Der vermeintliche Onkel hatte sie erpresst, er hatte sie immer wieder mit der Drohung eingeschüchtert, er werde es der Polizei sagen, dass sie einmal vor Hunger Lebensmittel gestohlen hatte.

Die Leiche des Ertrunkenen wurde gefunden. Das Mamomi-Trio versorgte das Grab mit frischen Blumen und betete für den Toten.

Ende

© Alexander Brändle Erben

 

Luise Alexander

Luise und Alexander Brändle 1946. Foto: privat

 

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