A. Brändle: "Drei Mädchen auf einer Spur" - 21. Kapitel

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Onkel Valentin
Mittwoch, 30. Juli 2014 - 15:21

21. Kapitel: Onkel Valentin

Michaela wagte sich nicht zu rühren. Wo stand sie? Links und rechts war Leere — und vorn und oben und unten … ?

Im Lichtstrahl war nichts als Wasser zu sehen, stilles, schwarzes Wasser. Klick — klick — klick — klick — klick — tropfte es unablässig.

Michaela konnte das Ausmaß des Gewölbes nur erahnen. Sie stand vor einem unterirdischen Bergsee. Wie tief mochte er sein? Setzte sich der Stollen jenseits des Sees, an der anderen Seite des gewaltigen Gewölbes, fort? Nach was hatte man hier nur gegraben? Die Wände sahen lehmig, nackt und nass aus.

Michaela hörte ein kratzendes Geräusch und wurde plötzlich von einem grellen Lichtstrahl getroffen. Sie blinzelte und schloss die Augen, starr vor Schreck.

Wer ist da?“ tönte eine hohle Stimme. „Du, Michaela?“

Ja, Onkel Valentin.“ Michaela konnte kaum sprechen, so sehr saß ihr der Schreck in den Gliedern.

Warte!“ hallte es über das Wasser herüber.

Michaela vernahm ein Klirren, ein Plätschern und dann die Schläge eines Paddels. Das grelle Licht erlosch.

Faltboot

Sie hob ihre Lampe und sah Onkel Valentin in einem Faltboot auf sie zurudern. Er stieß an die Planke, auf der Michaela stand, und stieg hinauf. Das Boot schob er zur Seite ins Dunkel und befestigte es am Steg.

Du hast lange auf dich warten lassen, Mädchen“, sagte er mit einer seltsam hohlen, blechernen Stimme. Er stand da, ein mittelgroßer Mann in grauem, zerknittertem Anzug, die Schildmütze schief auf dem Kopf.

Onkel Valentin ...“ stammelte Michaela, „ich bitte dich ...“

Schweig!“ fuhr er sie an. „Komm mit! Hier gefällt es mir nicht!“

Er fasste sie fest an der Schulter und schob sie durch den Stollen zurück. Als sie bei dem Loch in der Felswand angekommen waren, sagte er: „Da hinein, schnell!“

Michaela kletterte voraus. Sie dachte: Wäre ich doch nicht hergekommen!

Der Einbrecher zog das Mädchen in die rechte Abzweigung hinein. Dann stieß er sie vor sich und ließ sie vorausgehen, damit sie nicht entfliehen konnte. Michaela musste mit ihrer Taschenlampe leuchten. Mehrmals blieb sie stehen, sie wollte etwas sagen, aber sofort stieß der Mann sie wieder vorwärts.

Halt!“ gebot er nach einer Weile. „Gib mir deine Lampe!“ Ohne die Zustimmung abzuwarten, riss er sie Michaela aus der Hand. „Wenn du jetzt davonlaufen willst, bitte sehr! Du wirst im Dunkel der Gänge nicht weit kommen.“

Er schritt an Michaela vorbei. Der Lichtschein traf ein ähnliches Loch wie das, durch das sie in den Seitenstollen eingedrungen waren. Der Mann räumte Steine beiseite und stieg hindurch.

Los, komm schon!“ befahl er barsch. Michaela gehorchte.

Kaum stand sie in dem neuen Stollen, da hörte sie wieder Wasser tropfen.

Wo sind wir?“ wagte sie zu fragen.

An der anderen Seite des Bergsees. Niemand weiß, dass man den See trockenen Fußes umgehen kann.“

Sind schon Kinder über das Wasser gekommen?“

Seit ich hier bin, einmal. Zwei Jungen mit einem Schlauchboot.“

Haben sie dich nicht bemerkt?“

Dann wäre ich nicht mehr hier. Frag nicht so dumm! Weiter!“

Er steckte Marlenes Taschenlampe weg und schaltete wieder seinen stärkeren Scheinwerfer ein. Der Stollen sah fast genauso aus wie der erste, er war nur etwas niedriger. Und plötzlich standen sie wieder vor einer Gabelung. Mehrere Stollen zweigten ab. Michaela wurde in einen davon hinein geschubst. Sie tappte zwei Schritte, stieg eine Stufe hoch und befand sich in einer Art Wohnhöhle. Michaela sah ein Blechrohr in der Decke. Sie trat darunter und blickte hinauf. Da hing doch tatsächlich der Mond am Himmel, eine Wolke zog unter ihm vorbei.

Wo sind wir?“ fragte Michaela erstaunt.

Der Mann kicherte und antwortete höhnisch: „Tief im Berg. Aber nicht in meinem Quartier. Das verrate ich dir nicht. Ich brauche eine letzte Schutzzone, denn dir ist nicht zu trauen.“

Stell dich doch der Polizei!“ stieß Michaela hervor.

So weht der Wind, Mädchen!“ erwiderte der Mann. „Hast du denn keine Angst mehr, dass ich sage, was du getan hast?“

Michaela schwieg. Dann straffte sie sich und bat: „Warum verfolgst du Marlene Theissen, meine Klassenkameradin? Lass sie in Ruhe!“

Ha, du hast wohl Freundschaft mit ihr geschlossen, was? Sie hat mich verraten, das werde ich ihr nicht vergessen.“

Warum auch führst du kein ehrliches Leben ...“

Das geht dich nichts, aber auch gar nichts an! Soll ich der Sklave eines reichen Mannes sein? Das Geld liegt auf der Straße — oder auf einer Bank. Ich verdiene in einer Minute so viel wie andere in einem Jahr. So ist das, Mädchen!“

Michaela wurde wütend, ihre Empörung war stärker als die Angst. „Du hast die Beamtenbank überfallen, nicht wahr?“

Na, na, Mädchen, hast du Beweise? Ich denke, es war eine Frau.“

Woher weißt du das, Onkel? In die Silberhöhle wird keine Zeitung gebracht. Du hast dich verraten.“

Der Mann schwieg und tastete herum. Ein Streichholz glühte auf, Glas klirrte. Der Mann zündete eine Karbidlampe an und stellte sie auf den Boden. „So. — Kann ich bei diesem Licht Zeitung lesen oder nicht? Es gibt sie ja zu kaufen. Du wirst frech, Mädchen! Setz dich!“

Michaela blickte sich um. Die Höhle war nicht kleiner als ihr Zimmer im Waisenhaus. Holzkisten standen herum. Auf der erstbesten ließ sie sich nieder. Der Mann lehnte sich gegen die Wand.

Jetzt will ich dir etwas erzählen, Mädchen, was dich überraschen wird.“

Michaela schwieg. Sie starrte den Mann mit brennenden Augen an. Sie schämte sich für ihn.

Hör gut zu, Mädchen!“ tönte es an ihr Ohr. „Ich bin nicht dein Onkel. Ich bin es nie gewesen!“

Michaela sprang auf. Was sie da vernahm ... Plötzlich brach es ihr über die Lippen:

Mutti hat doch Onkel Valentin zu dir gesagt ...“

So, hat sie das? Hä, hä, Mädchen — vielleicht deinetwegen. Ein kleines Kind soll ja nichts Böses erfahren. — Deine Pflegemutter und ich haben auf der Schulbank nebeneinander gesessen — das ist alles. Sie war ein guter Mensch, sie wollte mich immer bessern. Aber ich bin ein hoffnungsloser Fall ...“

Er verstummte. Sie starrten sich an. Michaela wusste nicht, was ihr geschah. Unwillkürlich fragte sie: „Onkel Valentin, warum bist du so geworden?“

Der Mann kicherte nicht mehr. Seine Stimme klang bitter und böse.

Mir ging es wie dir — ich war ein Waisenkind. Ich habe auf der Straße gelebt und bin durch halb Europa getrampt. Ich lernte es, mir zusammenzustehlen, was ich brauchte. Gearbeitet habe ich nur selten. Am Judenfriedhof half ich mit, um dich in dieser Gegend suchen zu können. Ich werde alt, du solltest mir helfen.“

Eine Weile lastete Schweigen in der Höhle. Dann sagte Michaela:

Ich bitte dich, lass Marlene Theissen in Ruhe! Und mich auch. Geh dorthin, wo dich niemand kennt. Fange ein neues Leben an!“

Nein, Mädchen, nein! Ein alter Baum ist nicht umzupflanzen. Ich habe einen viel besseren Gedanken. Du wirst mit mir ziehen. Du wirst auskundschaften, wo es etwas zu holen gibt, und dann bin ich zur Stelle! — Hä, hä, das gibt ein Leben! Du bist immer frei. Niemand hat dir etwas zu befehlen, keine Schwester, kein Lehrer. Na, wie gefällt dir das?“

Nein, Onkel Valentin, das tue ich nicht!“ erwiderte Michaela mit fester Stimme. „Nie! Ich will zur Schule gehen, das Abitur machen und Lehrerin werden. Und dann will ich die Kinder lehren, gut und richtig zu leben.“

Phantastin!“ kicherte der Mann. „Wenn du mich im Stich lässt, werde ich einen Weg finden, dass deine Diebereien ...“

Du hast mich dazu angestiftet, du, du!“

Schrei nicht so laut! Ich bin nicht taub, Mädchen! Du hast gestohlen. Du wirst dafür eingesperrt. Dann ist es mit der höheren Schule und erst recht mit vornehmen Bekanntschaften aus. Die feinen Leute werden die Nase rümpfen und dich nicht mehr kennen wollen.“

Michaela schauderte. Sie legte die Hände vor das Gericht und weinte. Der Mann starrte auf sie hinab.

Du weißt zuviel! Du musst mir helfen, willst du?“ Michaela schüttelte den Kopf.

Gut. Du wirst es dir überlegen. Ich habe Zeit.“ Der Mann griff nach der Lampe, ging zum Höhleneingang, zog von der Seite einen Bretterverschlag heran und wuchtete ihn zwischen die Felsen. Ein Schnappschloss klickte.

Michaela sprang auf, griff in die Lattentür und rüttelte daran. „Lass mich hinaus! Bitte, bitte, lass mich hinaus!“

Hilfst du mir, wenn ich etwas brauche?“

Nein!“

Du wirst in dieser Höhle bleiben, bis du es mir versprichst. In der Dunkelheit kommst du bestimmt auf andere Gedanken!“

Onkel Valentin, lass mich hinaus, bitte, bitte!“

Ich bin nicht dein Onkel, merk dir das!“

Wie heißt du denn?“

Das möchtest du gern wissen, wie?“ tönte die kichernde Stimme aus dem Höhleneingang. „Bei einem Einbruch — es ist lange her — schrieb ich zum Spaß auf eine Schiefertafel: 'Vielen Dank, Ihr Hieronymus Dreizehn.' — Aber so heiße ich auch nicht.“

Schritte entfernten sich. „Hä, hä, hä“, klang es hohl und drohend von den Wänden. Dann wurde es still, unheimlich still.

Michaela tastete sich zu den Kisten zurück und setzte sich darauf. Sie begann zu frieren. Da erinnerte sie sich, dass sie einige Säcke am Boden gesehen hatte. Sie suchte im Dunkeln danach, und als sie sie gefunden hatte, schob sie drei Kisten zusammen und bereitete sich darauf mit den Säcken ein Lager. Mit zwei Decken deckte sie sich zu. Dann schloss sie die Augen und schlief, von dem nächtlichen Abenteuer erschöpft, augenblicklich ein.

Wird fortgesetzt

© Alexander Brändle Erben

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