A. Brändle: "Drei Mädchen auf einer Spur" - 20. Kapitel

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Bei Nacht in der Silberhöhle
Samstag, 26. Juli 2014 - 14:59

Die in diesem Kapitel vorgestellte „Silberhöhle“ in Untergrombach gibt es tatsächlich; Alexander Brändle hat die Kinder wieder an einem tatsächlich existierenden Schauplatz agieren lassen.

Mitte des 19. Jahrhunderts ließ die Mannheimer Badische Zinkgesellschaft das Gestein im Kaiserberg und Michaelsberg nach Zink(spat) untersuchen und trieb dazu Stollen in den Berg vor. Die Untergrombacher waren nur wenig informiert über die Bergwerksarbeiten, so entstand wohl das Gerücht, es würde nach Silber geschürft werden.

Es ist sogar eine Erzählung überliefert, die ähnlich der Geschichte ist, die von dem unterirdischen Gang vom Ferdinand-Keller-Brunnen bis zur Andreasstaffel handelt (siehe Kapitel 13). Nach dieser Erzählung soll in früherer Zeit unter dem Saalbau des Obergrombacher Schlosses ein unterirdischer Fluchtweg bis hin zum Michaelsberg ausgeschachtet worden sein. Die inhaltliche Richtigkeit dieser Geschichte konnte nie bestätigt werden; es gibt keinen geheimen unterirdischen Fluchtweg zwischen Ober- und Untergrombach .

See

Der "See" am Ende des ehemaligen Bergwerksstollens (1950er Jahre). Foto: privat

Solche Erzählungen regten natürlich die Fantasie der Untergrombacher Jugendlichen an und so erforschten Generationen von jungen Untergrombachern die Silberhöhle, denn noch bis in die 1960er Jahre war das Stollensystem begehbar. Kriechend konnte man in das Innere der Silberhöhle gelangen. In dem leicht abwärts führenden Gang war es möglich aufrecht zu gehen, aber schon nach etwa 60 Metern war der begehbare Stollen zu Ende, man landete an einem kleinen, von Quellwasser gespeisten Bergsee, der nicht zu überwinden war. Bis zum Abschluss des Stollens konnte man nicht vordringen.

Ende der 1930er Jahren sind im Rahmen des Westwallbaus Teile des Stollens zu einer kleinen Bunkeranlage aus Beton ausgebaut worden. Diese konnte aber wegen der hohen Luftfeuchtigkeit nicht wie geplant als Munitionsdepot verwendet werden.

Mittlerweile ist die Silberhöhle mit einer massiven Betonmauer verschlossen. Lediglich ein langer, handbreiter Spalt macht den alten Stollen seit einigen Jahren zumindest für Fledermäuse wieder zugänglich.

 

20. Kapitel: Bei Nacht in der Silberhöhle

In der Nacht wurde an der Rückseite des Waisenhauses, dem Spielhof zu, ein Fenster geöffnet. Michaela verknotete ein Seil am Fenstergriff, schwang sich auf den Sims und ließ sich dann an der Außenmauer hinuntergleiten.

Es war ein gefährliches Unternehmen. Das Seil reichte nicht ganz in den Hof hinunter. Etwa zwei Meter über dem Boden endete es. Hier musste sich Michaela fallen lassen.

Sie prallte federnd auf und fiel nach vorn auf die Hände. Einen Augenblick verhielt sie in der kauernden Stellung und horchte. Das Haus lag still. Anscheinend schliefen alle, und niemand war aufgewacht. Kein Laut war zu hören.

Schließlich schlich Michaela zum Fahrradschuppen. Sie war mit einer blauen Tuchhose, einer bunten Bluse und Turnschuhen bekleidet. Da der Mond in den Hof schien, konnte sie sich zurechtfinden, ohne ihre Taschenlampe einzuschalten. Sie zog ihr Rad aus dem Schuppen und schob es zur Straße. Zu ihrer Erleichterung fand sie das Holztor nicht abgeschlossen. Michaela klinkte es auf. Dann stand sie draußen.

SalinenDurlacher

 Sie schaltete das Licht nicht ein, schnell fuhr sie der Stadtmitte zu. An der Ecke Salinenstraße — Durlacher Straße hielt sie an, spähte und horchte lange in alle Richtungen und stellte das Fahrrad ab. Dann trat sie auf das Trümmergrundstück des ehemaligen Gasthauses „Drei Könige“ zu und zog aus dem halbzerfallenen Mauerwerk neben der zugenagelten Türfüllung einen lockeren Stein heraus. Sie griff in das dunkle Loch und bekam ein gefaltetes Stück Papier zu fassen.

Michaela erhob sich aus der knienden Stellung, knipste die Taschenlampe an und las in ihrem Schein, was auf dem Papier geschrieben stand. Sie seufzte und blickte unwillkürlich in die Richtung, in der Marlene wohnte.

Dann schob sie den Zettel wieder in den Hohlraum hinein, verschloss ihn mit dem Stein, nahm ihr Fahrrad und fuhr zurück.

An der Einfahrt zum Waisenhaus zögerte sie, und dann — fuhr sie in Richtung Untergrombach zur Stadt hinaus.

Zur gleichen Zeit hatte Marlene einen schweren Traum. Sie sah Michaela, rief sie an, rannte ihr nach und konnte sie doch nicht erreichen. Michaelas Gesicht trug einen schmerzlichen Zug. Marlene erwachte, dachte in der Stille der Nacht einen Augenblick an die Klassenkameradin und drehte sich zur Seite. Sie konnte bis zum Morgen nicht mehr einschlafen.

Michaela fuhr wie ein Dieb durch die Nacht. Sie hielt sich in dem schwarzen Häuserschatten, dann in dem Schatten von Büschen und Bäumen. Tauchte der Lichtkegel eines Autos aus der Nacht, so hielt sie sofort an und stellte sich hinter Bäume am Straßenrand.

Bald sah sie die Silhouetten der ersten Häuser von Untergrombach. Michaela stieg ab, schob das Fahrrad an den Hang des Michaelsberges heran und legte es zwischen die Sträucher. Dann horchte sie noch eine Weile. Schließlich stieg sie so leise wie möglich den Berg hinauf und drang in den Wald ein. Sie gelangte auf den Serpentinenweg zur St. Michaelskapelle. Hier zog sie die Taschenlampe hervor und leuchtete den Hang ab. An der nächsten Rechtskurve lief sie vorbei — eine große Villa blieb links liegen — sie folgte einem leicht ansteigenden Pfad.

Jetzt leuchtete sie den Hang ab, als suche sie einen verborgenen Einschlupf.

Eine große schwarze Wolke hatte sich vor den Mond geschoben, es war dunkler als zuvor. Michaela kam nicht mehr so schnell voran. Irgendwo schwang der Ton einer Violinsaite — oder war es das Piepsen eines träumenden Vogels? Plötzlich raschelte das Laub.

Aber Michaela fürchtete sich nicht vor den Geräuschen der Nacht. Sie wusste, dass es hier keine wilden Tiere gab. Nur der Mensch, der böse Mensch, war gefährlich und zu fürchten.

Das Mädchen blieb stehen. Sie spürte die Einsamkeit, das Alleinsein. Zwischen den Baumstämmen hindurch sah sie im Osten einen fahlen Schein.

Sie blieb stehen. Am Wegrand hob sich im Schein der Lampe ein helleres Stück Boden ab — ein schmaler Pfad. War das …

Sie verscheuchte den fragenden Gedanken und bog entschlossen auf den schmalen Pfad ein. Der Lichtstrahl fiel auf einen Kreis, der in die Walderde eingeritzt worden war.

Also doch!“ stöhnte das Mädchen auf. „Sein Zeichen!“ Sie blieb stehen, knipste die Lampe aus und horchte. Aber sie hörte nur den Wind, der durch die Baumkronen rauschte.

Ja, ich muss!“ stieß Michaela hervor. Entschlossen knipste sie die Lampe wieder an und schlich weiter.

Der Pfad wand sich aufwärts. Jetzt wuchs vor Michaela Mauerwerk auf.

Vorsichtig schritt das Mädchen näher, leuchtete die Umgebung ab und zuletzt die Wand, in deren Mitte eine schwarze Öffnung klaffte, das Eingangstor in den Berg.

Die Silberhöhle ...“ flüsterte das Mädchen vor sich hin. „Ist es wahr, dass hier Onkel Valentin haust? Hält er sich hier versteckt?“ Ihre Gedanken liefen im Kreis. Diese Höhle war doch nicht unbekannt! Immer wieder strolchten neugierige Kinder hier umher. War es nicht merkwürdig, dass ihn hier noch niemand aufgespürt hatte? Auch Marlene war mit ihrem Vater schon in der Höhle gewesen.

Michaela hob die Lampe an und tastete sich mit vorsichtigen Schritten in das Dunkel hinein.

Drei Schritte geradeaus stieß sie auf eine Betonwand. Aber linker Hand ging es tiefer in den Berg.

Eingang

Eingang in die Silberhöhle beim Michaelsberg, aufgenommen 1950er Jahre. Foto: privat

Das Mädchen tappte Schritt für Schritt voran. Plötzlich stieß es wieder gegen eine Wand. Jetzt ging es rechter Hand weiter. Erst dann gelangte sie in den eigentlichen Höhleneingang, der in den groben Fels geschlagen war. Wenn sie die Ellbogen seitwärts anwinkelte, stieß sie an die feucht schimmernden Stollenwände. Nur wenig über ihrem Kopf wölbte sich die Felsdecke.

Ein Gefühl von Verlassenheit, Enge und Furcht durchzitterte sie. Michaela brauchte ihren ganzen Mut, um Fuß vor Fuß zu setzen. Sie hörte Tropfen fallen. Es tönte laut und hohl.

Michaela war jetzt schon weit in den Stollen eingedrungen. Immer wieder blieb sie horchend stehen. Aber sie hörte nur die Tropfen fallen — klick — klick — klick — klick ... Das Licht der Taschenlampe huschte matt über die Wände. Jetzt sahen sie plötzlich anders aus, nicht mehr feucht, nicht grob gehauen.

Michaela betrachtete die Wände genauer. Rechts war ein Stück Beton eingesetzt — warum, das begriff Michaela nicht.

Links zeigten sich im Lampenschein Backsteine, die ein Loch in der Größe eines Fuhrwerkrades ausfüllten. Hier schien die Wand ausgemauert worden zu sein. Vielleicht war sie vor längerer Zeit eingestürzt.

Michaela durchfuhr ein eisiger Schrecken. Wenn zufällig jetzt der Höhleneingang einstürzte, war sie rettungslos verloren. Niemand wusste von ihrem nächtlichen Ausflug hierher. Vielleicht würde man sie schon vermissen, aber niemand konnte ahnen, wo sie zu suchen wäre. Sie müsste ersticken.

Um den heftigen Schrecken zu überwinden, tastete Michaela gedankenlos das Mauerwerk ab. Sie spürte, dass die Steine locker saßen. Ihre Neugierde erwachte. Es gelang ihr ohne Mühe, zwei davon herauszuziehen.

Als sie mit der Taschenlampe in die Öffnung leuchtete, war dahinter nichts von der natürlichen Felswand zu erkennen. Michaela steckte den Arm hindurch. Sie stieß ins Leere.

Jetzt führte sie die Taschenlampe durch die Lücke und leuchtete umher. Da sah sie hinter der Backsteinmauer einen Gang — einen Stollen wie den, in dem sie stand.

Michaela überlegte. Sie dachte sich, dass das mit Beton verschlossene Wandstück an der anderen Seite auch der Eingang eines Seitenstollens gewesen war. Vielleicht war er wegen Einsturzgefahr verschlossen worden. Immerhin barg die Silberhöhle Rätsel — sie bestand nicht nur aus diesem einen Stollen, in den sie eingedrungen war.

Vorsichtig verschloss Michaela die Backsteinwand wieder und tastete sich weiter. Sie tappte um eine Biegung und fand linker Hand ein großes Loch in der Wand. Ziegelsteine waren nicht zu sehen — vielleicht hatten spielende Kinder sie entfernt.

Michaela stieg durch die Öffnung und leuchtete den neuen Stollen ab.

Das ist toll!“ entfuhr es ihr. Im Lichtschein sah sie gleich zwei Stollen knapp nebeneinander dunkel gähnen. Das Mädchen leuchtete den Boden ab. Im festgetretenen Boden waren Fußspuren nicht zu finden.

Michaela dachte: Wie soll ich hier jemanden finden? Laufe ich in die Seitenstollen hinein, dann gerate ich vielleicht in neue Quergänge und verirre mich hoffnungslos.

Sie stieg durch das Loch im Fels zurück und schlich im Hauptstollen weiter. Der Boden fiel spürbar ab. Das rhythmische Klicken unsichtbarer Wassertropfen schien immer lauter zu werden.

Der Boden glitzerte hier. Michaela blieb stehen und leuchtete. Der Boden war nass. Ein Stückchen weiter stand Wasser im Höhleneingang.

Michaela überlegte. Sollte sie weiter vordringen und sich nasse Füße holen? Da fiel der Lichtschein auf ein breites Brett, das über das Wasser hinweg ins Dunkel führte. Sie tippte mit dem Fuß dagegen. Das Brett bewegte sich nicht. Es musste auf einer festen Unterlage ruhen.

Michaela wagte den Sprung auf den Steg und tastete sich nun noch vorsichtiger voran.

Plötzlich sah Michaela keine Seitenwände mehr. Ihr entfuhr ein Schreckensruf. Der Schrei hallte hohl und schaurig.

© Alexander Brändle Erben

Wird fortgesetzt


 

 

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