A. Brändle: "Drei Mädchen auf einer Spur" - 19. Kapitel

DruckversionPer e-Mail versenden
Eine Fuchsjagd
Samstag, 19. Juli 2014 - 13:11

19. Kapitel: Eine Fuchsjagd

Um ein Viertel nach sieben besuchte Marlene mit ihren Eltern die Sonntags-Frühmesse. Um neun Uhr wurde gefrühstückt. Um ein Viertel vor zehn stand die Quintanerin bereits an der Pforte des Jugendheimes und fragte nach Michaela.

Was willst du von ihr?“ fragte die diensttuende Schwester.

Im Auftrag meiner Eltern möchte ich sie einladen. Wir fahren mit den Rädern nach Forst und sehen uns eine Fuchsjagd an.“

Ach, du bist die Marlene Theissen“, sagte die Schwester. „Jetzt erkenne ich dich! Warte einen Augenblick. Setz dich. Ich werde mit unserer Schwester Oberin sprechen. — Dürfen denn Kinder bei einer Fuchsjagd zusehen? Ist es nicht zu gefährlich?“

Nein, nein, nein!“ sagte Marlene. „Bestimmt nicht! Eine Fuchsjagd ist keine richtige Jagd mit Jägern und Gewehren, es ist ein Reiterspiel ...“

Gut, Marlene. Also warte ein bisschen. Ich bin gleich wieder da.“

Es dauerte wirklich nicht lange, dann erschien die Schwester wieder, und hinter ihr kam Michaela angestürmt.

Darf ich wirklich mit?“

Ja, komm!“

Auf Wiedersehen!“

Schon standen beide auf der Straße.

Im Gegensatz zum Vortag wirkte Michaela fröhlich und übermütig. Marlene lachte sie an und meinte:

Wenn du froh bist, gefällst du mir viel besser.“

Ich konnte heute Nacht fast nicht schlafen. Dann habe ich mich selbst eine dumme Pute genannt — und plötzlich fühlte ich mich wieder normal.“ Sie verschwieg dabei, dass sie von ihrem Onkel eine Nachricht erhalten hatte.

Prima, Mischa. Es gibt auch keinen Grund zum Trauern. Dein Onkel wird geschnappt — und dann hast du für immer Ruhe.“

Hoffentlich — ich habe seinetwegen ...“

Hier unterbrach sich das Mädchen, stieß Marlene an und fragte mit leuchtenden Augen:

Warum haben deine Eltern mich eingeladen? Eigentlich müssten sie böse auf mich sein.“

Fang nicht wieder von vorn an! Du gefällst ihnen. Mein Vater meint, es sei gut für mich, eine gleichaltrige Kameradin zu haben, Jugend soll sich nicht dauernd mit älteren Menschen abgeben.“

Das mag wohl richtig sein. Jedenfalls komme ich immer gern.“

Mensch, Mischa!“ rief Marlene plötzlich. „Du brauchst doch dein Rad! Ich warte hier an der Ecke. Spring zurück und hole dein verrostetes Tretomobil!“

Beleidige meinen Esel nicht!“ drohte Michaela und rannte in den Hof des Waisenhauses hinunter.

Marlene blickte sich aufmerksam um. Hatte sie ihren 'Schatten' noch? Richtig, ein Mann in weißem Sporthemd stand an der Ecke Schwimmbad — Salinenstraße. Das war er, der zivile Kriminalbeamte.

Es klingelte; Michaela kam auf dem Gehsteig angebraust und sprang ab. Marlene drohte mit dem Finger. „Du hast anscheinend zu viel Kleingeld!“

Nötig, ja. Was meinst du mit deiner Bemerkung?“

Vergessliche Oma! Denk an meinen polizeilichen Schutz und Schirm und deinen Verstoß gegen die Verkehrsvorschriften!“

Herrje! Hat er mich gesehen?“

Ich denke, ja!“ sagte Marlene und schielte aus den Augenwinkeln nach dem Strohhut. „Aber er wird nichts sagen, er will ja unerkannt bleiben, und wahrscheinlich ist er für Straßenverkehrsdelikte überhaupt nicht zuständig.“

Michaela atmete erleichtert auf. Sie schwatzten munter drauflos und kamen schnell bei der Wohnung von Familie Theissen an. Von hier ging es zu viert in Richtung Nordwest.

Auf der sonntäglichen Straße sahen sie nur Kirchgänger in guten Kleidern und Autos mit Ausflüglern. Vater Theissen sagte:

So macht mir ein Ausflug mit dem Rad Spaß: wenig Menschen, leere Straßen, warme Sonne — und hoffentlich ein schönes Erlebnis! Marlene, du hast von der Fuchsjagd des Forster Reitvereins erzählt. Wo nimmt sie ihren Anfang?“

Auf dem Gelände des Reitplatzes vor der Kronauer Allee.“

Ah, dann können wir über die Landstraße durch Forst fahren oder über den Burgweg an der Pfander-Kiesgrube und außen am Dorf vorbei.“

Der Weg an der Kiesgrube vorbei, Papa, ist viel schöner.“

Ach, du Wasserratte!“ lachte der Vater. „Du möchtest am liebsten schon wieder schwimmen gehen, was?“

Ja, Papa, aber zuerst will ich die Fuchsjagd sehen.“

Unser Klassenkamerad Klaus-Peter Gaisenheiner reitet mit“, warf Michaela ein.

Wald

Sie radelten durch Kiefernwald. Hoch strebten die Stämme mit der groben roten Borke zum Licht. Ein schmaler, düsterer Pfad zwischen Moos- und Graspolstern führte nach einer Tannenschonung.

Die ganze Familie kehrt!“ ließ sich die Frau Theissen vornehmen. „Jeder holt einen Sack oder eine große Tasche, und dann werden die verstreut liegenden 'Hoppelen' gesammelt!“

Was ist das?“ fragte Michaela.

Die Kiefernzapfen sind's“, erklärte ihr Marlene. „Mama zündet damit so gern das Küchenfeuer an.“

Aber der Vater radelte zügig weiter. Er schien die Gelegenheit nicht für günstig zu halten, Kiefernzapfen zu sammeln.

Bald wichen die Kiefern zurück, und sie sahen die Kiesgrube in gleißendem Sonnenlicht. Die Wasserfläche war ruhig, nur da und dort sah man Kringel sich ausbreiten, wenn Fische nach Mücken schnappten.

Die Landstraße wurde überquert, ein Sandweg zwischen Gemüsegärten führte weiter. Auf ihm trabten Reiter zum Turnierplatz. Dort standen viele Autos. Menschen strömten herbei. Pferde wurden warm geritten.

Na, es hat noch nicht begonnen“, sagte Herr Theissen. „Und jetzt, Marlene, hältst du nach jemandem Ausschau, der uns die Fuchsjagd erklären kann.“

Marlene stellte ihr Rad an der Reithalle ab und zog Michaela mit sich fort.

Nach wenigen Minuten kamen sie mit Klaus-Peter zurück.

Guten Tag, Frau Theissen, guten Tag, Herr Theissen!“ grüßte der hochgeschossene Junge in grauer Reithose und schwarzer Jacke. „Eine Fuchsjagd ist schnell erklärt: Ein Reiter, dem ein Fuchsschwanz an der Schulter befestigt wurde, zieht allein voraus durch Wald und Feld. Er muss einen genau festgelegten Weg einhalten. Nach einer Weile jagen alle anderen Reiter dem Fuchsschwanzträger nach. Es ist eine Art Hindernis- und Geländeritt. Der ,Fuchs' versteckt sich irgendwo, und die Meute muss ihn suchen. Hat sie den Fuchsreiter aufgestöbert, so prescht er davon, hält sich auf der Flucht aber in den Grenzen eines bestimmten Geländestückes. Wer ihm bei der Verfolgungsjagd den Fuchsschwanz von der Schulter reißen kann, ist Sieger und bekommt den Fuchsschwanz als Preis.“

Fuchsjagd

Danke schön!“ sagte Herr Theissen. „Du hast es uns gut erklärt ...“

Papa!“ rief Marlene. „Schau! Der Vorreiter galoppiert los!“

Ein Brauner löste sich aus der Schar der stampfenden Tiere, übersprang eine Hürde und verschwand mit seinem Reiter hinter einem hohen Hopfenfeld.

Der Fuchsschwanz baumelte an der linken Schulter!“ rief Michaela und klatschte in die Hände. Marlene stand einige Meter entfernt und 'schoss' mit ihrer Kamera die Schulkameradin.

Michaela merkte es.

O je!“ lachte sie. „Wie sehe ich da aus! Darf ich auch einmal fotografieren?“

Aber ja!“ nickte Herr Theissen. „Marlene, lass Michaela auch ein Bild machen. Stelle Blende und Belichtungszeit ein und erkläre ihr den Entfernungsmesser, dann wird es richtig.

Klaus-Peter saß schon auf seinem Schimmel und wartete auf das Zeichen zur Jagd.

Marlene und Michaela rannten die Wiese hinunter, an der Hürde vorbei, und stellten sich seitlich vom Jagdweg auf. Michaela hängte die Kamera um, stellte auf 'Unendlich' ein, sah durch den Sucher und wartete.

Sie kamen. Im Galopp wurde die Hürde angeritten. Dumpf trommelten die Hufe und schleuderten Rasenbüschel empor.

In der ersten Gruppe ritt auch Klaus-Peter. Er stand in den Bügeln und gab seinem Schimmel den Kopf frei. Die temperamentvolle Stute schoss heran und flog mit elegantem Sprung über die Hürde.

In diesem Augenblick drückte Michaela ab — 1/500Sekunde, das Bild saß.

Der Boden dröhnte. Eine Staubwolke zog den Reitern noch. Bald waren sie hinter Bäumen verschwunden.

Marlene lief zu ihren Eltern, die von der Straße her dem Schauspiel zugesehen hatten.

Papa, wenn wir gleich losfahren, können wir vor den Reitern an der Pfander-Kiesgrube sein. Dort geht die Jagd knapp am Ufer entlang und über den Sandhügel. Das muss toll aussehen.“

Gut, wir fahren!“ erwiderte der Vater kurz, zwinkerte seiner Frau zu und griff nach dem Fahrrad. Er hatte begriffen, dass es langweilig sein würde, auf die Rückkehr des Fuchsschwanzreiters und seiner Meute zu warten. Nach aufgeschnappten Wortfetzen konnte es über eine Stunde dauern. Die vorgesehene Strecke barg schwierige Hindernisse und führte in weitem Bogen um das Dorf herum.

Auch andere Radfahrer und Autos fuhren zur Kiesgrube. Sie alle wollten der Fuchsjagd entlang des Seeufers zusehen.

Durch den Lärm der südwärts strebenden Fahrzeuge rief Michaela der Schulkameradin zu:

Hast du deinen Bewacher schon gesehen?“

Ja!“ antwortete Marlene. „Er verbirgt sich meisterhaft. Dein Onkel würde ihn nicht bemerken.“

Ich weiß nicht, was sich die Polizeibeamten denken“, meinte Michaela. „Onkel Valentin wird sich hier bestimmt nicht sehen lassen. Unter so vielen Menschen wäre es ihm zu gefährlich. Die Leute haben doch die Personenbeschreibung in der Zeitung gelesen.“

Das glaube ich auch. Deswegen habe ich auch keine Angst. — Du, Michaela — morgen ist Montag. Hast du es auch nicht vergessen?“

Morgen — oh — nein, nein, ich halte mein Versprechen!“ Und da war Michaela plötzlich nicht mehr so unbeschwert. Sie schien bedrückt und nachdenklich zu sein. Marlene hätte gern gewusst, was Michaela dachte.

Am Ufer des Baggersees stiegen sie von den Rädern. Weit und breit waren keine Pferde zu sehen.

Ob sie schon vorbeigeritten sind?“ fragte Frau Theissen.

Das werden wir sehen!“ antwortete ihr Mann. „Marlene, der Vorreiter hat sicher Hufabdrücke im Sand hinterlassen. Möchtest du nicht danach suchen?“

Das ließ sich Marlene nicht zweimal sagen. Sie ließ das Rad am Ufer stehen und eilte dem Sandweg zu, der von der Straße her zur Kiesgrube führte. Die Gemeindeverwaltung hatte Holzpflöcke in den Weg rammen lassen, um zu verhindern, dass Autos bis an das stille Ufer des Baggersees fuhren. Die Sperre zwang sie, weiter draußen zu parken. An das Ufer konnte man nur zu Fuß, zu Pferd oder mit dem Fahrrad gelangen.

Marlene dachte sich: Hier müsste er angeritten sein. Und dann am Ufer entlang. Das war gewiss nur auf der südlichen Seite möglich.

Ich habe die Spur, Papa! Hufspuren!“ Marlene ließ ein markerschütterndes Indianergeheul hören. „Eine frische Spur! Die Hufabdrücke sind noch dunkel, der übrige Sand hell.“

Gut, gut!“ rief ihr der Vater zu. „Komm wieder her! Wir wollen uns einen Beobachtungsplatz suchen.“ Michaela rief:

Schaut! Dort kommen sie!“ Sie deutete aufgeregt mit dem Arm. „Hinter dem Sportplatz aus dem Wald hervor.“

Ja, ja, ja!“ bestätigte Marlene und tanzte auf der Stelle.

Sie schwangen sich wieder auf die Räder und fuhren in eine Sandmulde, durch die die Reiter bestimmt nicht reiten würden. Hier stellten sie die Räder ab. Dann liefen sie über die Sandhügel am Südufer bis zum Fuß der hohen Aufschüttung. Von hier war der Baggersee mit seiner Umgebung gut zu übersehen.

Die ersten Pferde erreichten das Ufer. Die Reiter zügelten ihre Tiere und warteten, bis die weit auseinandergezogene Kolonne zusammengerückt war. Der vorderste Reiter prüfte den Sandboden, blickte auf die Spur und führte sein Pferd mit Schenkel- und Zügeldruck ans Wasser heran. Das Tier sträubte sich und begann zu tänzeln. Aber es musste gehorchen. So schob es sich seitlich schreitend am Ufer entlang. Der abfallende Uferstreifen war höchstens ein Meter breit und der Sand vom Nass vollgesogen.

Die Pferde hielten ihre Köpfe dem Wasser abgewendet, die Hinterbacken dagegen hingekehrt. In dieser Gangart brachten sie ängstlich schnaubend und prustend den Uferstreifen hinter sich.

Marlene stand auf einem Geröllhaufen und visierte mit der Kamera die Reiterschlange an. Sie bekam das Ufer, das leicht bewegte Wasser, die Pferde in den Sucher, stellte auf 1/250Sekunde ein und drückte im Hochformat ab.

Flugs sprang sie zur Seite, denn ein schweißnasser Brauner tauchte vor ihr auf und drückte sich mit federndem Sprung auf die Steinhalde hinauf.

Papa!“ rief das Mädchen. „Das gibt ein prima Bild! Das wäre etwas für die Zeitung.“

Marlene, schau!“ Auch Michaela war ganz aufgeregt. „Die Pferde sollen die Kuppe ersteigen!“

So war es. Der Hügelhang war eine der schwierigsten Strecken des Geländerittes.

Der vorderste Reiter zügelte sein Tier und winkte einen Schimmel nach vorn, dem noch keine Anstrengungen anzusehen waren. Es war eine Stute, die wegen ihres feurigen Ungestüms schlecht auf Turnieren zu reiten war.

Der Schimmel sprang fast aus dem Stand in einen gestreckten Galopp und preschte die Sandwand hinauf.

Steine kollerten, und Staub wallte — und schon stand der Schimmel auf der Kuppe und warf wild den Kopf zurück.

Ein Pferd nach dem anderen sprang und kletterte nun mit seinem Reiter den Steilhang hinan. Sie schafften es alle.

Es wurde still am Ufer des Baggersees. Die Reiterschar trabte durch ein brachliegendes Feld davon. Bald konnten Marlene und Michaela sie nicht mehr sehen.

Mensch, das war toll!“ rief Marlene aus. „Hast du Klaus-Peter gesehen?“

Michaela lachte. „Der war doch nicht zu übersehen.“

Ich habe mehr nach den Pferden als nach Klaus-Peter gesehen. Ich denke, er wird's überleben.“ Marlene zog schnippisch die Nase hoch. Ihre Eltern hatten sich bereits auf den Rückweg zu den Rädern gemacht.

Struppi!“ foppte Michaela. „Du hast wohl vergessen, dass dich Klaus-Peter während des Unterrichts immer anstarrt! Du bist sein Schwarm!“

Das ist gelogen. Der hat nur seine Freya im Kopf.“

Ein Mädchen, das Freya heißt, gibt's doch gar nicht in der Klasse.“

Was, das weißt du nicht? Aber Mischa! Freya ist doch Klaus-Peters vierbeinige Freundin!“ Marlene weidete sich an Michaelas Verwunderung.

Wer hat vier Beine ...?“

Freya!“

Gib acht, Struppi, ich reiße dir neunundneunzig Haare aus! Ich verstehe kein Wort.“

Dann tritt einen Schritt nach rechts!“

Michaela tat es, guckte aber verständnislos.

Ich sehe“, fuhr Marlene fort, „du stehst noch immer auf der Leitung! Das muss aber ein breites Kabel sein! — Noch einen Schritt nach rechts!“

Da fiel der Groschen. Michaela riss den Mund auf, lachte und rief:

Ach — Freya ist Klaus-Peters Pferd! Na, warte!“

Schon begann ein Wettrennen. Rachedürstend flog Michaela hinter Marlene drein. Sie rannten über die Sandhügel dahin. Schon streckte Michaela die Hand nach Marlenes Schulter aus ...

Da sprang die Fliehende wie ein hakenschlagender Hase über die Böschung zum Strand hinunter. Sie sank in die Knie, federte wieder hoch und rannte lachend weiter.

Michaela flog ihr nach, aber da blieb sie mit einem Fuß im Gras hängen. Der Schwung riss sie fort — und platsch lag sie mit Gesicht, Händen und Oberkörper im Wasser.

Marlene hörte den Aufschlag und kam sofort zurück.

Mischa, hast du dir weh getan?“ fragte sie besorgt.

Michaela raffte sich auf.

Nein — ich bin nur nass geworden.“

Das trocknet wieder. Komm!“

Sie kletterten auf die Böschung hinauf und gingen zu den Rädern. Herr und Frau Theissen hatten Michaelas Missgeschick aus der Ferne gesehen und kamen nun den Mädchen entgegen.

Ihr mit eurem Übermut!“ sagte Marlenes Vater. „Was machen wir jetzt? Wenn wir nicht gleich zurück radeln, können wir nicht zuschauen, wie die Reiter zurückkehren und den aufgestöberten Fuchsschwanzträger hetzen. Hm! Aber du bist zu nass — auch wenn die Sonne brennt, das Kleid muss erst trocknen, sonst wirst du krank.“

Dann bleiben wir hier!“ ergänzte Frau Theissen. „Du, Michaela, ziehst das nasse Zeug aus. Marlenes Badeanzug steckt in meiner Fahrradpacktasche. Er wird dir passen. Zieh dich sofort um!“

Und ich?“ fragte Marlene. Im Nu hatte sie die Fuchsjagd vergessen. „Ich will auch baden!“

Was heißt hier baden!“ entgegnete der Vater streng. Aber es lag zu viel Schalk in seiner Stimme, als dass Marlene nicht schon gewusst hätte, was nun folgen würde. Er sagte: „Wenn schon vom Baden gesprochen wird, dann sind wir alle dabei. Ich denke, wir finden in den Packtaschen noch mehr Badesachen. Auf geht's! Umziehen!“ Mutter fügte hinzu:

Du kannst meinen Badeanzug anziehen, Marlene. Ich habe noch den Strandanzug dabei. Ich will ein bisschen lesen und ausruhen.“

Die Mädchen sausten zu den Fahrrädern, packten aus und verschwanden im Tannenwald.

Das Ehepaar Theissen suchte einen bequemen Lagerplatz. Herr Theissen trug die Badeshorts auf dem Leib und war schnell ausgezogen. Er setzte sich neben seine Frau in den heißen Sand und blickte auf das Wasser.

Wir hätten zwei Kinder haben sollen“, sagte er plötzlich aus seinen Gedanken heraus. „Was meinst du?“

Es wäre schön“, antwortete seine Frau. Sie seufzte. „Ich denke, wir sind uns schon lange darüber einig, dass Marlene zu sehr erwachsen ist für ihr Alter. Das kommt davon, dass sie stets nur uns um sich hat.“

Aber wir können zufrieden sein“, meinte der Mann. „Unser Kind hat begriffen, wie wichtig es ist, zu lernen.“

Da kamen die Mädchen lachend aus dem Wald gelaufen. Schnell wurden die Kleider ausgebreitet, und dann schwammen Marlene und Michaela in den Baggersee hinaus.

Schwimmen

Nicht so weit!“ rief ihnen Herr Theissen nach. „Bleibt brav in Ufernähe!“ Zu seiner Frau sagte er: „Um Marlenes Zukunft sorge ich mich nicht, sie wird einen guten Weg gehen. Und solange wir da sind ...“

Denke lieber über Michaela nach!“ unterbrach ihn seine Frau. „Mir scheint, Marlene bedeutet die Spielkameradin viel. Sosehr ein Kind Eltern braucht, den Spielgefährten können sie ihm nicht ersetzen.“

Na“, meinte Herr Theissen zweifelnd.

Es ist so!“ sagte Frau Theissen nachdrücklich. „Jugend will zu Jugend. Ich denke, wir tun auch Michaela etwas Gutes, wenn wir ihr die Freundschaft mit Marlene gönnen. Sie ist genauso allein.“

Ist es eine Freundschaft?“

Das beweist sich. Sie haben gemeinsame Interessen ...“

Und gemeinsame Leiden — in der Schule.“ Herr Theissen lachte und sah den Schwimmerinnen zu. Plötzlich beugte er sich vor und spähte über das Wasser. „Drüben am anderen Ufer sitzt Marlenes 'Schatten'.“

Na, du hast ja gute Augen!“ lächelte Frau Theissen. Ernst fuhr sie fort: „Da wir bei diesem Thema sind: Was meinst du, wird die Polizei den Einbrecher nicht bald fangen? So kann es doch nicht lange weitergehen. Immer in Angst leben müssen ... Der Einbrecher kann sich doch nicht in Luft aufgelöst haben. Er muss doch irgendwo kampieren!“

Jetzt im Sommer genügt ihm wohl ein Strohschober. Also such ihn mal! Der ist gewarnt und wird sich verborgen halten. Ich glaube nicht, dass sie ihn so rasch finden. Wir müssen Geduld haben. Es wird schon ein gutes Ende nehmen!“

Gleich darauf ging er zum See und tauchte in das warme Wasser hinein.

Marlene und Michaela standen bis zum Hals im Baggersee, planschten ein bisschen mit den Armen und unterhielten sich über die gleiche Sache wie Marlenes Eltern zuvor.

Michaela sagte zögernd:

Wenn ich Onkel Valentin fände — ich würde ihn bitten, dich in Ruhe zu lassen. Wenn er das verspräche, könnte es uns gleichgültig sein, ob sie ihn schnappen.“ „Nein, so denke ich nicht!“ gab Marlene zurück. „Ein Einbrecher muss bestraft werden. Sonst wird er immer dreister und böser und bringt am Ende noch Menschen um.“

Furchtbar!“ Michaela schüttelte sich im Wasser. „Glaubst du, dass es den Teufel gibt?“

So sicher wie den lieben Gott! Wo sollte sonst das Böse in der Welt herkommen? Es gibt einen Geist, der gegen alles Gute ist und die Menschen verführt. — Ich glaube es, ja!“

Michaela sah zur Sonne hinauf und gleich wieder auf das Wasser zurück. Sie sagte leise:

Gegen den Teufel zu kämpfen — ist schwer.“

Eigene Bewertung: Keine Durchschnitt: 5 (3 Bewertungen)
Inhalt abgleichen Inhalt abgleichen