A. Brändle: "Drei Mädchen auf einer Spur" - 18. Kapitel

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In der alten Burg
Dienstag, 15. Juli 2014 - 10:12

Maruschka

Der in diesem Kapitel erwähnte Gustav Hochstetter war ein deutscher Schriftsteller und Dichter jüdischer Herkunft. Hochstetter wurde am 12. Mai 1873 in Mannheim geboren und am 26. Juni 1944 in Theresienstadt ermordet.

Prof. Dr. Gustav Hochstetter lebte bis 1942 in Pieskow. Er war von 1903–1923 Redakteur der „Lustigen Blätter“ in Berlin und verfasste humoristische Kolumnen und Verse, die häufig in illustrierten Fassungen - u.a. von Walter Trier, der auch die Kinder- und Jugendbücher von Erich Kästner ausgestaltete - und in hoher Auflage erschienen. Er stand in Korrespondenz mit Wilhelm Busch. In Bad Saarow wurden für ihn und seine Tochter Elisabeth 2008 Stolpersteine verlegt: Das Erbe von Bad Saarow

 

18. Kapitel: In der alten Burg

Die Polizei fahndete mit allen Mitteln nach dem Bankräuber. Nachdem Kittelschürze und Kopftuch gefunden worden waren, zweifelte niemand mehr daran, dass es ein Mann war. Konnte es nicht der Automaten- und Ladendieb sein? War er mit dem Mann identisch, der sich in der alten unterirdischen Kammer ein Beutelager eingerichtet hatte?

Die Presse bekam neue Schlagzeilen. Marlene Theissens abenteuerliche Geschichte wurde aufgewärmt und mit dem Überfall in Verbindung gebracht. Das Mädchen konnte sich in der Schule der vielen Fragen kaum erwehren. In ihrer Nähe hielt sich zu ihrem Schutz immer ein Kriminalbeamter in Zivil auf.

Von Michaela, Monika, Klaus-Peter, Thomas und Ulrich sprach niemand. Niemand ahnte, dass sie in das Abenteuer verstrickt waren oder beim Aufspüren des Verbrecher-Schlupfwinkels mitgewirkt hatten. Sie wünschten nicht, dass Marlene es erzählte.

 

Schwimmbad

Das Mamomi-Trio traf sich nachmittags im Schwimmbad. Die Mädchen cremten sich gegenseitig die Rücken und Schultern ein und hockten faul in der grellen Sonne auf dem Rasen hinter dem Schwimmbecken.

Michaela sah nicht glücklich aus. Ihre Augen trugen Spuren von schlaflosen Nächten und von Tränen. Sie flüsterte:

Niemand würde mir glauben, dass ich den richtigen Namen meines Onkels nicht kenne. Ich habe ihn nie danach gefragt — nach dem Nachnamen. Meine Pflegemutter sagte nur 'Valentin'. Sie sprach nie anders. Sie hat ihn nicht gemocht.“

Monika ergänzte:

Ich bin so froh, dass ich nicht zur Polizei gehen musste. Ich wäre gestorben vor Aufregung.“

Marlene zog die Badekappe über die struppigen Haare und stand auf.

Von Dieben und Polizisten will ich jetzt nichts hören. Mir ist's zu heiß, ich muss ins Wasser!“ Schon eilte sie wie eine Gazelle über den Rasen und durch das Fußbecken, sie verhielt einen Augenblick unter der sprühenden Dusche und schoss dann kopfüber ins Bassin.

Monika und Michaela blieben sitzen. Monika sprudelte hervor:

Struppi ist und bleibt eine Wasserratte. Und stell dir vor, was für eine Berühmtheit sie in unserer Stadt geworden ist!“

Sei aber nur nicht neidisch, Mone“, erwiderte Michaela mit dunklem Blick. „Vergiss nicht, dass sie dauernd in Gefahr schwebt, solange mein Onkel nicht gefasst ist.“

Ich bin nicht neidisch!“ Monika warf den Kopf zurück. „Und wenn ich es wäre, möchte ich es gleich nicht mehr sein.“

Siehst du den Mann dort auf der Bank — mit der Glatze wie ein Franziskanerpater?“

Du hast Vergleiche!“ platzte Monika heraus. „Was ist mit ihm?“

Er beobachtet Marlene dauernd. Hast du das noch nicht bemerkt?“

Dann ist es der Kriminalbeamte, Struppis 'Schatten'.“

Ja“, meinte Michaela, „wenn sie es merkt, wird sie ihn als lästig empfinden. Aber es ist notwendig. Onkel Valentin ist wütend auf sie.“

Der Überfall im Rohbau der Hofkirche war gefährlich. Du hast recht. Komm!“

Wohin?“

Ins Wasser!“

Sie eilten über den Rasen, duschten und trudelten mit den Füßen voran zu Marlene hinunter, die wie ein Fisch durchs blaue Wasser glitt. Eine Schlacht begann, dass weißer Schaum spritzte und ältere Schwimmer flohen.

Der Mann auf der Bank ließ sie nicht aus den Augen. Niemand außer den drei Mädchen, die sich zum Schweigen verpflichtet hatten, wusste von seiner Aufgabe.

 

Am Wochenende beschlossen das Mamomi-Trio und ihre Klassenkameraden Knubbel und Klaus-Peter einen Ausflug mit dem Rad zur Obergrombacher Burg. Marlenes Vater erlaubte es erst nach Rücksprache mit Polizeikommissar Beck. Der Überwachungsbeamte bekam den Auftrag, gleichfalls mit dem Rad auf Sichtweite hinter den Jungen und Mädchen drein zu fahren.

Sie radelten die Landstraße nach Süden hinaus und fuhren an zwei Steinbrüchen und am Naturfreundehaus vorbei. Auf dem Rasengelände des Campingplatzes standen einige Wohnwagen.

So ein Steinbruch mit überwucherten Hängen“, sagte Knubbel, „wäre ein ideales Versteck für einen Gauner.“

Aber Thomas!“ rief ihm Klaus-Peter zu. „Hast du dich schon einmal in einem Steinbruch versteckt? Hinter dem Geröll, was?“

Beim Sprengen entstehen doch Höhlen, oder nicht?“ entgegnete Thomas Kurali.

Nein, nicht! Beim Sprengen brechen Gesteinswände glatt ab. Du kannst einen Steinbruch mit einem Blick übersehen!“

In diesem Augenblick rief jemand hinter ihnen: „Hallo, wartet doch!“

Sie erkannten ihn sofort an der Stimme und bremsten. Ulli, der Primus, kam wie ein Rennfahrer angebraust.

Ich habe euch vorfahren sehen“, japste er. „Wohin geht's? Warum habt ihr mich nicht mitgenommen?“

Thomas und Klaus-Peter brüllten vor Entrüstung auf.

Schlafmütze!“ schrie Thomas. „In der großen Pause habe ich dir Bescheid gesagt! Ich dachte schon, du seiest zu feige ...“

Knuff, traf ihn eine Faust auf den Rippen, dass er weitere Bemerkungen verschluckte.

Also fahren wir!“ sagte Ulrich gelassen und setzte sich an die Spitze. „Nach Untergrombach — nach Weingarten?“

Zur Burg Obergrombach“, sagte Marlene, die vor sich hin lächelte. Sie dachte: Die Jungen sind doch komische Geschöpfe. Sie geben stets an.

He, Primus!“ rief Klaus-Peter. „Du kannst doch so gut vortragen! Deklamiere etwas!“

Halt! Anhalten!“ rief Marlene und sprang mit beiden Füßen auf die Straße. Sie klappte den Radständer heraus, stellte das Rad ab und rief:

Eine prima Idee! Jede Feier braucht eine Einleitung. Unsere Radtour ist auch eine Feier. Also, Ulli, deklamiere etwas Ernstes!“

Die Jungen waren gleichfalls von den Rädern gestiegen. Thomas stieß den Klassenbesten an.

Los! Ziere dich nicht!“

Gut, wie ihr wollt!“ erwiderte der Primus mit unbewegter Miene. „Ich bitte um Aufmerksamkeit, um besinnliche Stille!

Mensch, beiß auf dein Kaugummi,

schieb's hin und her im Schnabel!

Mensch, beiß auf dein Kaugummi,

und schmeckt's auch miserabel!

Mensch, beiß auf dein Kaugummi

und knutsch es lang und breit!

Mensch, beiß auf dein Kaugummi —

dann passt du in die Zeit!“ ---

Monika hielt sich die Ohren zu. Michaela und Marlene lachten. Die Jungen brüllten:

Aufhören! Schiebung!“ und schlugen sich auf die Schenkel.

Klaus-Peter schimpfte:

Gauner! Tagedieb! Du hast uns hereingelegt!“

Aber eine Einleitung war's!“

Das ist nicht zu bestreiten“, bestätigte Michaela. „Aber wo bekommen wir Kaugummi her?“

Darf ich anbieten?“ fragte Ulrich trocken und zog eine flache Packung aus der Tasche. „Zuerst die Damen — bitte ...“

Als sie schließlich wieder in die Pedalen traten, fragte Marlene:

Wo hast du die Verse vom Kaugummi geklaut, Ulli?“

Aus einem Buch für Festgedichte von Gustav Hochstetter.“

Pah!“ sagte Thomas. „Ähnlich ulkige Verse weiß ich auch! Hört zu!

Musik tönt um mein Zimmer immer schlimmer;

mir machen Mädchen, Knaben, Männer, Frauen,

die ihr Klavier in Trümmer immer schlimmer

mit allzu rauhen Klauen hauen, Grauen.“

Hilfe! Polizei und Feuerwehr!“ schrie Monika. „Noch so ein Gedicht — und ich gründe einen Klub für Hilfsgymnasiasten!“

Und wer zweimal sitzenbleibt, wird zum Ehrenmitglied ernannt!“ rief Marlene dazwischen. „Wie wär's, Knubbel? Der Erste Vorsitzende wird gesucht.“

Der Junge verzog keine Miene. Er kombinierte blitzschnell und sagte:

Die Hilfsgymnasiasten haben einen weiblichen Artikel, sind also feminina. Du würdest dich also besser eignen. Ich schlage den Titel 'Repetierstruppi' vor.“

Eins zu eins, unentschieden! Wir fahren schneller, sonst kommen wir erst zu Weihnachten auf der Burg an“, rief Ulrich.

Sie radelten über Kopfsteinpflaster bis zur Ortsmitte von Untergrombach. Dort gabelte sich die Straße nach Büchenau, Karlsruhe und Obergrombach.

Marlene kannte die Gegend gut, sie war schon oft mit ihren Eltern hier gefahren. Sie schob sich vor.

Jetzt links ab und bergauf. Ein Stück werden wir schieben müssen. Wollen wir?“

Warum nicht!“ brummte Thomas Kurali. „Hat die Burg von Obergrombach auch einen Bergfried?“

Marlene antwortete:

Einen mächtigen sogar. Die Treppe steigt bis zur halben Höhe außen hinauf und führt erst dann im Innern des Turmes weiter. Ich habe mich noch nicht hinauf getraut.“

Niemand spottete darüber. Sie wussten nicht, wie es ihnen ergehen würde. Sie kannten die Burg nicht.

Also, Marlene, du führst uns!“ sagte Klaus-Peter und stieß ihr Rad mit seinem Stahlross an.

Frauen, die Besorgungen machten, blickten ihnen nach. Eine sagte laut:

Sie fahren da durch die Gegend, als gäb's nichts zu schaffen. Und ihre Eltern plagen sich ab.“

 

Junge Menschen sind übermütig, aber auch ehrgeizig; sie schämen sich jeder Schwäche. Sie kämpften sich die steile Hangstrecke hinauf, ohne abzusteigen. Beim letzten Haus erst senkte sich die Straße wieder und führte eben weiter. Hinter den Häusern von Obergrombach stieg die Burg des Geschlechtes von Bohlen und Halbach auf. Deutlich war eine Ruine mit Bergfried und ein Neubau zu erkennen. Im Neubau wohnten Nachkommen des Burgherren.

Burg

Marlene führte die Gefährten durch den Torbogen des Rathauses, bog links ab und schob das Rad bergan. Durch das obere Tor, das auch für Autos durchfahrbar war, gelangten sie vor das Burgtor, in das eine schmale, niedere Tür eingebaut war. Sie stellten die Fahrräder an der äußeren Burgmauer an, zahlten Eintrittsgeld und begannen ihren Erkundungsgang. Sie gingen um eine hohe Mauer und blickten auf das Bauerndorf tief unten im Tal. Die Spitze des Kirchturmes reichte kaum bis in ihre Höhe. Der Rechtsbogen des Pfades führte stetig aufwärts.

Gleich müssen wir zweihundertsiebzig Grad herumgelaufen sein“, sagte Ulrich. „Ich glaube, Marlene, du führst uns zum Eingangstor zurück!“

Gerade da war in der alten, hohen Mauer ein grober Durchbruch zu erkennen. Marlene blieb stehen und drehte sich um.

Wer faul ist und müde, kann hier weitergehen. Er gelangt über ein paar Stufen wieder in den Hof. Wer aber die Ruine und den Bergfried besichtigen will, tritt mit mir ein.“

So'n Knubbel! Zwanzig Pfennig bezahlt und zum Tor zurück? Von wegen Obstkuchen!“ Thomas Kurali stapfte durch die Mauerlücke. Die anderen folgten ihm.

Jetzt waren sie mitten in der Burgruine. Ringsum stiegen die verwitterten Mauern hoch, Fensterhöhlen gähnten, und ein alter Baum reckte sich über die Mauer hinaus.

Wer mag die Buche da gepflanzt haben?“ fragte Monika und stierte in die Luft.

Wahrscheinlich ein Sperling“, erwiderte Ulrich trocken. „Beim fünfzehnten Stuhlgang an jenem Tage.“

Sie lachten und drängten durch eine zweite Mauerlücke in den Burghof hinein. In der Mitte stand ein alter Ziehbrunnen. Rechts schloss der Hof mit einem Gitter ab. Bänke standen zwischen Laubbäumen.

Holla, ein Burgverlies!“ rief da Klaus-Peter und sprang erregt zu einem breiten Gitter hin, das vor einem Kellergewölbe angebracht war. Die Jungen drängten sich zusammen. Thomas schimpfte:

So'n Knubbel! Abgeschlossen!“

Sie starrten durch das Gitter, konnten jedoch nur wenige Meter weit sehen, denn es war dunkel in dem Felsloch.

Dieser Kellergang führt bestimmt tief hinunter“, vermutete Klaus-Peter. „Mensch, das wär' 'ne pfundige Sache, hier herum zu stromern.“

Danke, mir reicht's!“ entgegnete Marlene, die hinzugetreten war. Heimlich blinzelte sie Michaela und Monika zu.

Ja, du hast auch etwas erlebt“, meinte Thomas, „wir nicht.“ Er überlegte, fuhr sich durch die Haare und sagte: „Eine Burg hat doch einen Wehrgang. Aber ich habe in dieser Außenmauer keine Schießscharten gesehen.“

Ich glaube nicht, dass dies eine Burg mit Wehrgängen war. Wahrscheinlich hatte sie nur Kellerräume“, entgegnete Marlene. „Schaut über den Hof! Hinter dem Ziehbrunnen seht ihr noch zwei Gitter. Dahinter müssen Räume sein, aber kein Eingang ...“

Ehe sie zu Ende sprechen konnte, waren die Jungen hinüber gespurtet. Michaela fragte:

Sag, Marlene, wo steckt eigentlich dein Beschützer?“

Ich weiß es nicht. Ich nehme an, er hat sich zum Pförtner gesetzt. Dort sieht er jeden, der hereinkommt. Er ist ohnehin hier völlig überflüssig. Woher sollte dein Onkel wissen, dass ich mit dem Rad hierher gefahren bin?“

Besser ist besser.“ Monika schüttelte sich. „Ich würde mich nur noch fürchten.“

Ulrich rief über den Burghof:

Wir besteigen jetzt den Bergfried. Kommt ihr mit?“

Marlene rief lachend zurück:

Wenn du dich als Rechengenie entpuppst, ja! Pass auf! Sag mir ohne langes Nachdenken: Du hast in der Hosentasche vier Zehner und sechs Fünfer und verlierst zwei Zehner und vier Fünfer — was hast du in der Hose?“

Pah! Das ist eine Aufgabe für die Schülerbabys — zwei Zehner und zwei Fünfer!“

Nein!“

Ich werde verrückt!“ Ulrich knallte sich die Hand an die Stirn. „Ich kann's auch anders sagen: Dreißig Pfennig!“

Nein!“

Du willst mich wohl auf den Arm nehmen!“

Marlene bog sich vor Lachen. Die anderen Jungen und Mädchen starrten sie verdutzt an. Da sagte sie:

Du hast meine Frage ,was hast du dann in der Hose?' nicht richtig beantwortet.“

So! Dann gib du ganz schnell die Antwort! Was hätte ich in der Hose?“

Nichts einfacher als das, Herr Primus: ein Loch!“

Nach dem Heiterkeitsausbruch stiegen die Jungen die Steinstufen zum Bergfried hinauf.

Das Mamomi-Trio fand über den tiefliegenden Kellergittern eine Art Aussichtsplattform. Dort oben setzten sich die Mädchen.

Wenn Onkel Valentin uns hierher verfolgt hätte ...“ überlegte Michaela. Da drang die Stimme von Klaus-Peter über den Hof.

Hallo, Marlene!“

Was ist?“ fragte sie.

Wir stehen jetzt im Eingangstor des Bergfrieds. In der Mitte des Turmbodens befindet sich ein Loch, das mit einer Eisenplatte zugedeckt ist. Darunter war wohl in alten Zeiten das Turmverlies.“

Danke. Ich will es nicht sehen. Fall nicht hinein! Sonst fressen dich Schlangen und Ratten!“

Angsthase!“ rief Ulrich. Dann stiegen die Jungen auf einer Holztreppe im Turm weiter hinauf.

Monika sprang auf. Sie blickte auf die Bauernhäuser hinunter und sagte:

Mischa! Was hast du von deinem Onkel sagen wollen?“

Ach, ich meine — wenn ihm das Stehlen im Blut liegt — wenn er nicht mehr anders kann ... Ich glaube jetzt, dass er schon im Gefängnis gewesen ist; denn er hat uns nur ein einziges Mal besucht, und meine Pflegemutter wollte nichts von ihm wissen. — Also, ich meine, dann müsste er sich doch ein neues Versteck suchen, um vor der Polizei sicher zu sein.“

Er ist vielleicht in eine ganz andere Gegend geflüchtet“, gab Marlene zu bedenken.

Es ist merkwürdig, dass ihn die Polizei nicht findet!“ Monika stampfte auf. „Er hat doch vor dem Judenfriedhof gearbeitet, muss also bei einem Bauunternehmen beschäftigt gewesen sein. Dazu braucht man Papiere, Ausweise ...“ Marlene schüttelte den Kopf.

Von Michaelas Erlebnis habe ich ja bei der Polizei nichts erzählt. Die Polizei weiß nicht, dass der Einbrecher Michaelas Onkel ist. Und wenn dein Verbrecheronkel den Vornamen Valentin geändert hat ...“

Im Personalausweis?“ rief Monika. „Das muss ja dem Dümmsten auffallen.“

Papperlapapp!“ sagte Marlene und winkte ab. „Unter Gaunern gibt es auch gefälschte Ausweise zu kaufen.“

Hat dein Vater gesagt“, nickte Monika. „Diese alte Burg mit dem vergitterten Keller und dem Turmverlies — das wäre ein ideales Versteck für lichtscheues Gesindel.“ Sie blickte die Kameradinnen von der Seite an. „Wir sollten uns nicht zu lange hier aufhalten.“

Ach, geh!“ lenkte Michaela ab. „Onkel Valentin kennt doch diese Gegend überhaupt nicht. Wie sollte er ausgerechnet auf diese abgelegene Burg kommen ...“

Aber sie ist doch weithin bekannt“, warf Marlene ein. „Wenn jemand geschickt fragen kann, dann kriegt er viel heraus.“

Du meinst“ — in Michaela erwachte neue Besorgnis —, „er fragte die Leute nach Verstecken aus?“

So geradeheraus nicht“, erwiderte Marlene. „Es könnte sein, dass er sich heimatkundlich interessiert zeigt. Er könnte nach Burgen und Schlössern fragen, nach Höhlen oder Bergwerksstollen ...“

Struppi, flieg nicht weg!“ lachte die zappelige Monika. „In unserem Kraichgau gibt es weit und breit kein Bergwerk.“

Irrtum, .meine Liebe!“ berichtigte Marlene. „Jedenfalls gab es Bergwerke.“

Kleiderfabrik

Werbeanzeige Kleiderfabrik Haelson

So, du gescheites Mädchen, wo denn?“

Zunächst war nicht weit von unserer Wohnung, auch nicht weit vom Jugendheim, ein Salzbergwerk.“

Was ist daraus geworden?“ fragte Monika. „Davon weiß ich gar nichts.“

Die Salzstollen sind längst zugeschüttet, und darüber steht eine Kleiderfabrik.“ (Foto Haelson)

Michaela sagte:

Du hast vorhin in der Mehrzahl gesprochen. Wo gibt es noch ein Bergwerk?“

Gibt es nicht mehr, gab es“, sagte Marlene. „Habt ihr schon von der Silberhöhle gehört?“

Nein! Eine Höhle, in der Silber gefunden wurde?“ Monika wurde neugierig.

Ein Bergwerksstollen, in dem die Fürstbischöfe, die unsere Stadt regierten, nach Silber und anderen Erzen suchen ließen.“

Hat man viel Silber gefunden?“ fragte Monika.

Soviel ich weiß, überhaupt nichts. Die Arbeiten wurden eingestellt.“

Woher weißt du das?“

Mein Vater besitzt ein Buch über die Heimatgeschichte. Darin habe ich es gelesen.“

Weißt du, wo die Stollen sind?“

Ich bin schon am Stolleneingang vorbeigewandert. Soldaten haben ihn ausbetoniert, damit er nicht zusammenstürzt. Aber da ich keine Taschenlampe hatte, durfte ich nicht hinein.“

Mensch, Struppi, wenn Michaelas Onkel von diesem Stollen erfährt, wählt er ihn sich als neues Geheimquartier.“

Einen Stollen ohne zweiten Ausgang?“ fragte Michaela. „Das überlegte er sich. Da säße er ja wie eine Maus in der Falle. Ich halte ihn für sehr schlau.“

Du hast ja mit ihm gesprochen“, sagte Marlene ein bisschen bitter, „aber uns nie erzählt, was er auf dem Michaelsberg von dir wollte ...“

Michaela antwortete mit trotziger Stimme:

Wenn du nicht aufhörst zu fragen, Marlene, dann — dann kündige ich dir die Freundschaft!“

Marlene sah überrascht auf. So kannte sie die Schulkameradin nicht.

Sprichst du im Ernst, Michaela?“

Ganz bestimmt! Reden wir von etwas anderem.“

Gut“, nickte Marlene, „sprechen wir vom Wetter. Wenn es morgen regnet, wird die Straße nass! Du bist dran, Mischa!“

Ach, Marlene, sei doch nicht gleich eingeschnappt!“

Du bist zuerst eingeschnappt.“

Ich — ich will über die Vergangenheit nicht sprechen — ihr wisst das ...“

Ja, wir wissen das“, sagte Marlene, „und sind in unserem Vertrauen so weit gegangen, dass wir der Polizei wichtige Dinge verschwiegen haben — deinetwegen.“

Sprich doch — wenn du es musst!“ Michaela drehte sich ruckartig um und starrte zum Bergfried hinauf. Oben zwischen den Zinnen grinsten drei Jungengesichter herunter: Klaus-Peter, Thomas und Ulli. Sie winkten.

Marlene sprang auf und eilte zum Ziehbrunnen im Burghof hinunter. Sie wickelte das Tau von der Verankerung ab und zog.

Nichts rührte sich. Marlene starrte den Brunnen an. Da sah sie, dass das Seil an einem Eisenbügel fest verknotet war. Es gab keinen altertümlichen Flaschenzug, der das Seil in die Tiefe führte. Attrappe! dachte Marlene ergrimmt, wickelte das Seil wieder auf und schlenderte durch den Hof. Und sie dachte: Wie wird diese Geschichte ausgehen? Wenn die Polizei Valentin Knorz fängt, wird sie herausfinden, dass er mit Michaela verwandt ist. Dann wird sie auch herausfinden, was ich verschwiegen oder gelogen habe!

Auch Monika und Michaela kamen in den Hof herunter. Marlene sah ihren Gesichtern an, dass sie über irgend etwas gesprochen hatten.

Marlene“, sagte Michaela zögernd, „ich weiß, dass ich von euch etwas Unrechtes verlangt habe. — Es tut mir leid. Ihr müsst mir nur noch zwei Tage Zeit geben, dann dürft ihr alles verraten!“

Was willst du in diesen zwei Tagen anfangen?“ fragte Marlene betont forsch. „Willst du deinen Onkel überreden, ins Kloster zu gehen oder sich freiwillig zu stellen?“

Ich brauche zwei Tage, damit ich — ach, ich habe heute noch keinen Mut.“

Gut, zwei Tage! Monika, du bist Zeuge! Heute ist Samstag. Am Montagabend ist die Frist abgelaufen, und ich sage alles, was ich weiß, der Polizei.“

Ja — ich bin damit einverstanden.“

 

© Alexander Brändle Erben

Wird fortgesetzt

 

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