A. Brändle: "Drei Mädchen auf einer Spur" - 17. Kapitel

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Marlene läuft um ihr Leben
Mittwoch, 9. Juli 2014 - 11:52

In diesem Kapitel befinden sich Marlene und ihr Vater in der "Südecke des Kirchenrohbaues", gemeint ist die Bruchsaler Hofkirche. Auch dieses Detail verrät die Zeit, in der der Kinderroman handelt, erfolgte doch der Wiederaufbau der Hofkirche von 1960 bis 1966. Am 21. Juli 1966 wurde die Hofkirche durch Hofpfarrer Alois Westermann benediziert.

Lassie

Unklar ist, um welche Buchhandlung es sich gehandelt haben könnte, die hier gleich zu Beginn des Kapitels "Buchhandlung Märger" genannt wird. Eine Buchhandlung in der Schönbornstraße ist nicht erinnerlich. Vielleicht ist aber als Standort die Friedrichstraße gemeint, aber auch dort gab es  vor 50 Jahren wohl keine Buchhandlung.

Bei den in der Schaufensterauslage der Buchhandlung Märger ausgestellten "Fernsehbüchern" handelte es sich um Buchveröffentlichungen von zumeist amerikanischen TV-Serien, die in den 1960er Jahren bis in die 1970er gerade Kinder und Jugendliche ansprachen. 1956 geht Rin Tin Tin auf Sendung, danach Fury, Union Pacific, Texas Ranger, Lassie oder Flipper:

"Man ruft nur Flipper, Flipper, gleich wird er kommen,
jeder kennt ihn, den klugen Delphin.
Wir lieben Flipper, Flipper, den Freund aller Kinder,
Große nicht minder, lieben auch ihn."

Von 1960 bis 1970 boomten diese Fernsehbücher. Die jeweils erste Nummer der Serien Lassie und Fury erreichte eine Auflage von fast einer Million.


17. Kapitel: Marlene läuft um ihr Leben

Sie gingen über den Schlosshof. Marlene sagte:

Den gleichen Weg zurück? Wir könnten auch durch die Schönbornstraße gehen. Die Buchhandlung Märger hat neue Fernsehbücher ins Fenster gestellt.“

Das fehlte noch!“ lachte der Vater. „Du bist durch das eigene Abenteuer durchgedreht genug. Wir machen um die Läden einen großen Bogen und schleichen durch die Schlossstraße heim.“

Marlene sagte nichts dazu. Sie wusste, es würde umsonst sein. Der Vater blieb stets bei seiner Entscheidung.

Schnell hatten sie den Bretterzaun erreicht, der den Wiederaufbau der Hofkirche abschirmte. Sie schlüpften wie auf dem Herweg durch eine Lücke, umgingen den hohen Schienenkran und traten unter den Torbogen, der Schloss und Hofkirche verband. Vom Neubau konnten sie nicht viel sehen, alles war mit Holz- und Stahlgerüsten umschlossen. Sie schoben sich zwischen den Längsstreben hindurch und kamen an eine kleine Bretterpforte, die den Bauarbeitern den Weg in den Schlossgarten und in die Schlossraumstraße freigab.

ASchloss

Herr Theissen griff nach der Klinke, als hoch über ihm ein Brett knarrte. Marlene riss den Kopf hoch, schrie auf und zog den Vater zurück. Sie stolperten beide und fielen hin. Zwischen ihren Füßen klatschte ein Mauerstein in den Sand.

Ein Mann, Papa!“ schrie Marlene vor Entsetzen. „Über uns!“

Da hatte der Vater sein Kind schon hochgerissen und unter den Gewölbebogen getragen.

Du glaubst, er habe mit Absicht ...“

Ich hab's gesehen, Papa! Er starrte mich an und ...“

Bleibe da stehen!“ unterbrach sie der Vater. „Den kaufe ich mir!“

Hoch auf dem Gerüst trampelten Füße. Herr Theissen sprang die Sandstein-Wendeltreppe des Seitenflügels hinauf und griff sich unterwegs eine herumliegende Latte.

Aus einem leeren Raum führten Bohlen auf den Fenstersims hinauf. Herr Theissen trat in Höhe der Dachrinnen auf das Gerüst. Um die Südecke des Kirchenrohbaues verschwand gerade ein Mann. Herr Theissen stürzte hinterher.

Marlene hörte das Gepolter, das Getrappel schwerer Schritte hoch über sich, und empfand Angst. Hoffentlich geschah dem Vater nichts! Hoffentlich wurde ihm nicht schwindelig! Die Schritte entfernten sich zur Ostseite.

Das Mädchen trat unter dem Torbogen hervor und lief ein Stück in den Schlosshof hinein. Sie versuchte, durch die leeren Fensterhöhlen ins Innere des Rohbaues zu spähen.

Da gab es beim Schienenkran einen Plumps. Marlene erstarrte. Der Mann vom Judenfriedhof — Michaelas Onkel — war im Sprung auf allen Vieren in einem Haufen Schiefersplitter gelandet. Er schüttelte die Hände, zog die Schirmmütze tief ins Gesicht, sah auf, erkannte das Mädchen, zischte: „Da ist die Kröte!“ und stürmte auf sie zu.

Marlene hörte den Vater auf dem Gerüst rumoren. Sie wusste plötzlich, dass sie im Augenblick auf sich selbst angewiesen war, sich selbst helfen musste, oder ... Mit angstbeflügelten Sätzen sprang sie durch den Torbogen in das Kirchenschiff hinein, suchte nach einem Ausgang, nach einem Versteck.

Die Fensterhöhlen lagen sehr hoch. Ausgänge waren gegen Osten hin zu erkennen. Der Boden war mit Erde bedeckt. An der linken Seite zog sich ein Betonschacht entlang, der für irgendwelche Röhren gedacht war. Teilweise hatten ihn die Bauarbeiter mit großen Platten abgedeckt.

Das Mädchen rannte daran entlang, fand eine Lücke und sprang hinunter. Dann kroch sie in die Dunkelheit hinein.

Sekunden verstrichen wie Ewigkeiten. Marlene lag still da und horchte. Das Herz schlug ihr im Halse. Da kam keuchend ein Mann näher ... Aber die Schritte klirrten vorbei, polterten auf dem Boden über dem Kellergewölbe ... Marlene hörte von weiter her noch einen unterdrückten Fluch, dann wurde es still.

Plötzlich hörte das Mädchen den Vater „Marlene!“ rufen. Sie wagte nicht zu antworten. Vielleicht würde der Verbrecher zurückkehren.

Marlene, Kind! Antworte doch!“ Der Ruf tönte immer näher. Marlene hörte schon die Schritte des Vaters, der auf dem gleichen Weg wie sie in den Rohbau eindrang. Jetzt musste er in das Kirchenschiff einbiegen.

Da schrie sie:

Hier bin ich! Hilfe, Papa!“

Im nächsten Augenblick krachte ein harter Gegenstand splitternd an die unverputzte Wand. Dann war Stille. Wo steckte der Vater? Was war geschehen?

Marlene nahm ihren ganzen Mut zusammen, kroch nach vorn und hob den Kopf aus dem Schacht.

Da stürmte ihr Vater an ihr vorbei. Mein Gott, dachte sie, hat er ein grimmiges Gesicht! — Sie wandte den Kopf und sah den fremden Mann gerade noch durch den rechten Kircheneingang fliehen. Ihr Vater lief hinterdrein, kehrte aber gleich zurück.

Komm heraus, Kind!“ sagte er. „Er ist entkommen.“ Sein Atem flog, aber seine Augen leuchteten.

Er drückte seine Tochter an sich und sagte:

So ein Halunke! Er wollte dir oder mir etwas antun, er hat den Stein mit Absicht fallen lassen. Der Schuft gehört ins Zuchthaus!“

Was hat er denn hier nach dir geworfen, Papa?“ Marlene zitterte nun doch ein wenig, aber sie hielt sich tapfer.

Eine Schieferplatte.“

Warum hast du ihn laufenlassen? Du warst doch nahe hinter ihm ...“

Dort, wo er verschwand, sind drei Ausgänge: ein Einschlupf in den Gewölbekeller unter uns und je eine Tür nach links und nach rechts. Ich habe nicht gesehen, wohin er sprang. Aber ich traf ihn auf dem Gerüst mit einer Latte über den Kopf — er wird nun eine ordentliche Schramme haben.“

So nahe warst du ihm? Dann hast du ihn genau gesehen, Papa.“

Immer nur von hinten. Er schien sich hier verflucht gut auszukennen — er hat mir eine Leiter vor den Füßen weggezogen.“

Gehen wir rasch heim, Papa?“ Die Stimme des Mädchens vibrierte.

Leider noch nicht, Kind. Wir müssen zunächst der Polizei über den heimtückischen Überfall berichten. Zur Personenbeschreibung kann ich jetzt auch ein bisschen beitragen. Komm!“

Sie stiegen über den Haufen Schiefersplitter, traten hinter dem Kran ins Freie und standen wieder im Schlosshof.

Warum wird hier eigentlich nicht gearbeitet, Papa?“

Ich weiß es nicht. Seit einigen Wochen ist hier Ruhe. Vielleicht ist das Geld ausgegangen und neues noch nicht bewilligt worden.“

Sie konnten schon wieder lachen. Der Schreck war überwunden.

Die Polizisten wunderten sich nicht wenig, als Herr Theissen berichtete.

Das ist ein starkes Stück!“ schimpfte Kommissar Beck. „Ein Überfall fast vor unseren Augen. Er muss Sie auf dem Weg hierher beobachtet und daraus die richtigen Schlüsse gezogen haben. Da hat ihn die Wut gepackt.“

Ja“, nickte Herr Theissen nachdenklich. „Kann ich es verantworten, meine Tochter allein zur Reserve hinauf in die Schule zu schicken, solange der Kerl frei herumläuft? Das erscheint mir zu gefährlich. Dieser Valentin Knorz, oder wie er heißen mag, fühlt sich gehetzt und schlägt verzweifelt um sich.“

Oberwachtmeister Vogt, einer der diensttuenden Beamten, meinte:

Dem Einbrecher war das unterirdische Versteck beim Musikpavillon ein idealer Unterschlupf. Es ist begreiflich, dass ihn der Verlust wütend gemacht hat.“

Sie dürfen beruhigt sein, Herr Theissen“, sagte Kommissar Beck, „ich werde alles Nötige zu Ihrem Schutz veranlassen. Jetzt ist eine Razzia geboten. Vielleicht finden wir den Burschen oder wenigstens seine Spur. Ich werde auch dafür sorgen, dass die Kinder auf dem Schulweg zum Schönborngymnasium unbehelligt bleiben.“


Die Zweigstelle der Badischen Beamtenbank GmbH öffnete auch an diesem Tage pünktlich um 14 Uhr zu den Nachmittags-Schalterstunden. Es standen bereits Kunden vor dem Scherengitter, zwei Frauen und ein älterer Mann.

Die eine Frau hob mit einem Barscheck hundert Mark ab und ging hinaus. Die zweite Frau zog noch einmal den Knoten ihres Kopftuches fest und hielt plötzlich einen Revolver in der Hand. Sie bedrohte damit den Angestellten und zischte:

Schnell, die Geldscheine da! Her damit!“

Der Kassierer konnte sich vor Überraschung nicht regen. Er starrte wie hypnotisiert auf die Schusswaffe.

Das Geld her! Oder ich mache Ernst!“ zischte es wieder. Als sich der Angestellte immer noch nicht rührte, beugte sich die Frau behende vor, griff das Paket Scheine und lief zum Ausgang. Der ältere Herr hatte sich mit flackernden Augen bis ans Fenster zurückgezogen. Er wagte nicht, der Räuberin entgegenzutreten. Schon war die Frau verschwunden.

Die Alarmglocke schrillte. Ein Angestellter übersprang die Barriere und rannte auf die Straße. Die Frau konnte nicht weit sein. Jedoch — die Straße hinunter und hinauf war keine Frau zu sehen.

Nur ein Arbeiter stand mit einem Bündel unter dem Arm vor dem Schaufenster des Musikhauses Müller und starrte mit der Hand am Kinn auf die Fernsehgeräte.

Fernseh

Hatte er die Frau gesehen? Der Angestellte rief: „Hallo!“ und winkte ihm zu.

Da sah der Arbeiter zu ihm her, winkte zurück und — schritt um die Straßenecke davon.

Döskopp!“ murmelte der Angestellte. Schon schrillte eine Polizeisirene auf, und ein Streifenwagen brauste heran.

Zwei Beamte sprangen ins Haus. Oberwachtmeister Vogt rief den Angestellten an:

Was ist los?“

Ein Überfall! Eine Frau — mit Kopftuch ...“

Farbe des Kopftuches?“

Weiß mit roten Punkten.“

In welcher Richtung ist sie geflohen?“

Das weiß ich nicht. Als ich auf die Straße lief, war sie weg. Und der Mann, der vielleicht ...“

Ein Mann — wo?“

Vor dem Musikhaus Müller. Ich wollte ihn fragen — Ich rief ...“

Wo ist er geblieben?“

Er schritt dort um die Ecke davon!“

Mit einem Satz sprang der Polizist ins Auto zurück und jagte mit aufheulendem Motor davon. Auf quietschenden Reifen nahm er die Kurve — aber von einem Mann war nichts zu sehen. Aus dem Postamt kam ein Kind gesprungen und hüpfte über die Straße.

In der Kasse der Beamtenbank-Zweigstelle fehlten 10 000 Mark.

 

Am Südende der Tunnelstraße, hoch über der Stadt, warf zu dieser Zeit ein unscheinbarer Mann mit grauer Schirmmütze ein weißes Kopftuch mit roten Punkten und eine Frauen-Kittelschürze auf die tiefer liegende Bahnstrecke nach Bretten hinunter.


© Alexander Brändle Erben

Wird fortgesetzt


Auch auf bruchsal.org: http://www.bruchsal.org/story/musikhaus-m%C3%BCller-geschirr-hoffmann

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