A. Brändle: "Drei Mädchen auf einer Spur" - 16. Kapitel

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Der rote Pulli
Montag, 7. Juli 2014 - 20:44

In diesem Kapitel telefoniert Kommissar Beck mit einem Beamten namens Schmitt beim Bruchsaler Einwohnermeldeamt. Hier hat Alexander Brändle dem Lieblingsvetter seiner Frau Luise, Franz Robert Schmitt, ein kleines Denkmal gesetzt. Franz Schmitt war tatsächlich städtischer Beamter, allerdings jedoch bei der Stadtkasse beschäftigt. Alexander Brändles jüngere Schwester Elisabeth (Liesel) war mit Franz Schmitt verheiratet.

16. Kapitel: Der rote Pulli

Soso — ein weißer Knopf fehlte — an einem roten Pulli ...“ wiederholte Marlene leise. Ihre Gedanken wirbelten. Sie wusste sich kaum zu fassen. Endlich atmete sie tief, setzte sich und betrachtete die Freundin mit traurigen Augen.

Michaela, ich muss dir etwas Schlimmes sagen!“

Du mir? Bist du komisch! Habe ich etwas verbrochen? Was meinst du eigentlich?“

Hör zu!“ Marlene atmete nochmals tief. „Ich habe dir und Monika etwas verschwiegen. — Als ich allein in das unterirdische Gewölbe eingedrungen war, nahm ich als Beweis dafür, dass ich Diebesbeute entdeckt hatte, einen Knopf mit. Ich riss ihn von einem roten Pulli ...“

Marlene stockte. Michaelas Augen begannen zu brennen. Der gehetzte Ausdruck, der so viele schöne Tage verschwunden gewesen war, überspielte wieder ihr Gesicht.

Du begreifst“, fuhr Marlene fort, um überhaupt etwas zu sagen und die Spannung, die in der Luft lag, zu überbrücken, „was für eine Gewissheit wir jetzt haben.“

Michaela brachte stockend hervor:

Mein Onkel — ist der — Einbrecher.“

Ja, so muss es sein. Ein Zufall ist ausgeschlossen. Es tut mir leid.“

Du brauchst mich nicht zu bemitleiden“, wehrte Michaela ab. „Ich habe dir gesagt, dass zwischen meinem Onkel und mir keine Freundschaft besteht. Ich hasse ihn!“

Ich muss es der Polizei sagen.“

Das ist mir gleich. Er — ist ein schlechter Mensch — glaube mir das!“

Dein Pullover wird von den Polizeibeamten untersucht werden, ob der Knopf auch wirklich zu ihm gehört.“

Soll ich ihn dir bringen?“ fragte Michaela hastig. „Ich möchte mit der Polizei nichts zu tun haben — ich bin immer gleich so aufgeregt.“

Es wird ohne dich nicht gehen, Mischa. Die Polizei wird bestimmt zu dir kommen; überlege doch ...“

Ich will sie aber nicht sehen!“ Michaela stampfte mit einem Fuß auf. „Bitte, Marlene, sag der Polizei nichts von mir!“

Das geht doch nicht! Was hast du nur? Du bist die einzige, die helfen kann, den Verbrecher zu fangen. Du musst auch seine Adresse angeben.“

Nein, nein, nein!“ rief Michaela, stand auf, trat ans Fenster und starrte hinaus auf den Eichelberg. Dann presste sie hervor: „Auch wenn ich wollte, könnte ich der Polizei nicht helfen. Ich kenne den Wohnsitz meines Onkels nicht. Er hat nie darüber gesprochen. Er kam mir stets wie ein Vagabund vor, der von Ort zu Ort zieht.“

Aber sein Name, weißt du — damit wäre schon viel erreicht! Sie könnten ihn suchen lassen. In irgendeiner Kartei muss er ja registriert sein.“

Michaela schlug die Hände vors Gesicht und ließ sich in den Sessel fallen.

Jetzt geht es wieder los — oh, ich — ich hasse ihn, ich hasse ihn!“

Was hat er getan — warum bist du auf ihn so böse?“ Michaela antwortete nicht.

Ach so“, fuhr Marlene fort, „dein Geheimnis! Du wirst sehen, eines Tages musst du es preisgeben. Ich werde jetzt zur Polizei gehen.“

Schlossgarten

Nein!“ fuhr Michaela auf. „Ich weiß einen Weg, der mich heraushält. Ich verstecke den roten Pulli — im Schlossgarten, ja! — und du findest ihn! Dann hat die Polizei das Beweisstück und ist zufrieden.“

Marlene schüttelte den Kopf.

Du hoffst das. Aber es käme anders. Überlege selbst: am nächsten Tag würde in der Zeitung über den Fund berichtet werden. Es hat ja bisher auch alles darin gestanden. Deine Schwester Oberin läse die Sache mit dem Pulli — und man würde dich nach dem Geschenk fragen. Ich sage dir, es käme heraus!“

Mein Gott, o mein Gott!“ jammerte Michaela und lief im Zimmer hin und her. „Er bringt mich um! Er bringt mich um!“

So schlimm steht es?“ sagte Marlene. „Dann erst recht zur Polizei. Dir wird nichts geschehen!“

Nein!“ schrie Michaela. „Bitte, bitte nicht!“

Marlene trat zu ihrer Klassenkameradin und schüttelte sie an den Schultern.

Herrje! Bist du schwierig! Du musst dich überwinden, sonst ...“

Sie drückte Michaela in den Sessel.

Ich hätte vielleicht mehr Grund, ängstlich zu sein. Ich bekam einen anonymen Brief. — Moment, ich hole ihn!“

Sie stürzte aus dem Zimmer in die Küche.

Mama, wo ist der Brief? Ich will ihn Michaela zeigen.“ Sie lief zurück. „Schau her! Lies!“

Michaela vergaß für Augenblicke die eigenen Sorgen und buchstabierte laut:

... kümmere dich um deinen Kram ...“ Sie stockte einen Augenblick und sagte dann hart: „Dieser Teufel! — Marlene, es ist die Handschrift meines Onkels! Er hat meiner Pflegemutter ab und zu geschrieben.“

Bist du dir dessen sicher?“ Marlene saß fassungslos da. Sie horchte zur Küche hin. „Ich bitte dich, Michaela: kein Wort zu meiner Mutter! Sie weiß von all dem nichts.“

Und die Zeitungsnotizen?“

Papa hat sie weggelegt.“

Michaela nickte und sagte mit betrübter Stimme: „Ich bin schuld daran, dass du nun so viel Ärger hast.“

Das ist nicht wahr! Wer hat das unterirdische Gewölbe entdeckt? Ich! Also! — Nur verstehe ich nicht, wie er das erfahren konnte. Weit und breit war kein Mensch zu sehen, als wir hinunterstiegen. Und woher kennt er meinen Namen?“

Ich weiß es jetzt. Ich begreife!“ Michaelas Stimme blieb traurig. „Irgendwie hat er uns doch beobachtet. Dabei hat er mich erkannt. Und dann hat er die Schwester Oberin geschickt ausgefragt, bis er deinen Namen erfuhr!“

Ja, so mag es gewesen sein!“ Leiser fuhr Marlene fort: „Bei aller Abenteuerlust — jetzt wird es mulmig!“ Sie sah die Mitschülerin an und fragte: „Kannst du dein großes Geheimnis wirklich nicht lüften?“

Nein!“ Michaela starrte ein Loch in die Luft und sagte nach einer Weile des Schweigens: „Ich möchte gar nicht mehr leben.“

Quatsch! So spricht und denkt man nicht!“ wies Marlene die Kameradin zurecht. „Mein Vater hat einmal gesagt, für jeden jungen Menschen käme eine Weltschmerzperiode. Dann finde man alles schlecht und böse und sei darüber verzweifelt. Dieses Stadium müsse man in der geistigen Entwicklung durchmachen. Du bist anscheinend soweit.“ Sie schwieg einen Augenblick und fuhr mit hellerer Stimme fort: „Ich jedenfalls noch nicht. Ich warte jetzt ab, bis mein Vater kommt, erzähle ihm die Neuigkeit, und dann sehen wir weiter.“

Michaela stand auf, schritt zur Tür, drehte sich um und sagte:

Du hast jemanden, mit dem du alles besprechen kannst — deinen Vater ...“

Marlene fand darauf keine Antwort. Wie hätte sie auch die Klassenkameradin trösten können?

Michaela Huber verabschiedete sich in der Küche und ging.

 

Herr Theissen kam sehr früh nach Hause.

Ich nahm den Eilzug“, sagte er frohgelaunt, „um schneller daheim zu sein. Ich wollte unsere junge Detektivin sehen, die der Lokalpresse zu Schlagzeilen verholfen hat.“

Detektivin?“ fragte seine Frau verwundert. „Was meinst du damit?“ Marlenes warnende Blicke ließ der Vater unbeachtet. Er räusperte sich und sagte:

Wenn ich gegackert habe, will ich auch legen — Luise, setze dich und halte dich am Stuhl fest! Erschrick nicht! Es ist alles in Ordnung — ich bin mit von der Partie. Es kann also nichts mehr schiefgehen.“

War etwas im Geschäft?“

Nein. Hier in der Stadt war etwas los. Und die Hauptrolle im guten Sinne spielte unsere Tochter.“

Marlene, hast du etwas angestellt?“ fragte Mutter aufgeregt.

Sie hat sehr viel angestellt“, erklärte Vater Theissen. „Sie hat den Schlupfwinkel eines Einbrechers entdeckt, auf dessen Konto wahrscheinlich die Untaten der letzten Wochen kommen.“

Du?“ Frau Theissen saß so verwundert da wie eine Schwalbe vor einem Schneehaufen. „Was ist denn geschehen? Wollt ihr mir nicht alles erzählen?“

Gerade das will ich tun. Du sollst dich aber nicht ängstigen“, sagte ihr Mann und erzählte ihr, was Marlene erlebt hatte.

Bevor ich das Büro verließ“, schloss er seine Schilderung, „habe ich noch bei der Polizei angerufen. Ich konnte mit Kommissar Beck sprechen. Er sagte mir, sein Beobachtungsposten habe noch nichts Verdächtiges bemerkt. Er meinte, der Einbrecher sei ein schlauer Bursche und werde sein Versteck wahrscheinlich nur in Notfällen benutzen. Ich möchte mich gedulden, irgendwann ginge er doch ins Netz. — Und einen Gruß an unsere Tochter hat er mir auch aufgetragen.“

Marlene hatte den Vater ausreden lassen, so zappelig sie auch war. Aber jetzt rief sie:

Ich weiß, wer der Einbrecher ist, Papa! Und wer den anonymen Brief geschrieben hat!“

Was weißt du? Was sprichst du da von einem anonymen Brief?“ fragte der Vater.

Ehe ihm Marlene antworten konnte, stieß seine Frau hervor:

Aha, der harmlose Brief! Der Streich einer Mitschülerin! Dass ich nicht lache!“ Dabei war ihr gar nicht zum Lachen zumute. Sie fuhr ihre Tochter an: „Sprich! Hat der mysteriöse Einbrecher den Brief geschrieben?“

Ja, Mama.“

Da haben wir den Salat! Und da sagst du, es sei alles vorbei!“ funkelte sie ihren Mann an. „Kennst du noch nicht den Inhalt des Briefes? Na, ich danke!“

Marlene zog rasch den Brief aus der Tasche und reichte ihn dem Vater, damit die Mutter aufhörte zu schimpfen.

Der Vater las. Dann blickte er Marlene an und fragte:

Du glaubst, jener Gauner habe auch diese Zeilen geschrieben?“

Ich weiß es! Hört zu!“ Marlene erzählte, was sie von Michaela erfahren hatte. „Aber Michaela will nicht in die Sache hineingezogen werden. Sie fürchtet sich sehr vor ihrem Onkel. Leider sagt sie nicht warum. Sie hat Angst, er würde ihr etwas antun.“

Marlenes Mutter war ratlos.

Warum sagst du nichts dazu?“ fragte sie ihren Mann. „Was sollen wir tun?“

Ich überlege. Ich meine, wir sollten Michaela in Ruhe lassen. Aber wie?“

Ich hole den Pulli, und dann gehen wir zur Polizei!“ rief Marlene eifrig.

Ich hab's, ja, so wird es gehen!“ erwiderte ihr Vater. „Du fragst Michaela, ob sie dir den Pulli nicht ausleihen könnte, er würde gut zu einem Rock passen. Auf diese Weise machen wir die Schwester Oberin nicht misstrauisch. Geh am besten gleich, Marlene! Und gib Michaela zu verstehen, dass sie sich nicht zu sorgen braucht.“

Das Mädchen sprang auf und lief hinaus.

Und du, Luise“, sagte Herr Theissen zu seiner Frau, „lasse nicht gleich den Kopf hängen. Unser Kind wird das Abenteuer bestimmt ohne Schaden überstehen.“

Ach, muss denn immer etwas los sein?“

Immer? Soviel ich weiß, ist dies Marlenes erstes abenteuerliches Erlebnis. Erinnere dich an den Krieg! Wie oft hast du in Bombennächten dein Leben aufs Spiel gesetzt, um anderen zu helfen! Damals war das Leben für fast alle Menschen fortwährend gefahrvoller, als es jetzt für Marlene sein kann.“

 

Am anderen Morgen ging Herr Theissen mit seiner Tochter zum Polizeirevier. Marlene gab zu Protokoll, dass sie den Pulli gefunden habe. Kommissar Beck, der herbeigerufen wurde, las auch den Drohbrief und sagte dann zu Marlenes Vater:

Ich denke, wir können unseren Posten im Belvedere einziehen. Der Dieb kommt bestimmt nicht mehr zu seinem ausgehobenen Raubnest. Haben wir seinen Namen?“

Danach bin ich noch nicht gefragt worden“, ereiferte sich das Mädchen.

Die Beamten lachten. Kommissar Beck brummte:

Das ist ein schlimmes Versäumnis. Wenn wir den Namen wissen, werden wir den Mann bald erwischen. Also — wie heißt er?“

Valentin Knorz!“

Danke. Prima! Wenn Sie warten wollen“, sagte er gutgelaunt zu Herrn Theissen, „dürfen Sie miterleben, wie schnell wir seine Adresse haben.“

Ja, gern.“

Der Kommissar griff nach dem Fernsprecher und wählte die Zentrale.

Ja?“ fragte er in die Sprechmuschel. „Danke! Bitte das Einwohnermeldeamt!“

Es knackte. Ein Mann meldete sich.

Guten Tag, Herr Schmitt!“ sagte Kommissar Beck. „Geben Sie mir doch bitte die Anschrift eines Herrn Valentin Knorz. Ich warte.“

Er hielt den Hörer in der Hand, bis er die Auskunft bekam. Dann sagte er: „Danke!“ und legte auf. Er starrte auf den Boden und sprach: „Der Name ist nicht registriert!“

Wie ist das möglich?“ fragte Herr Theissen. „Der Mann muss doch hier wohnen — er treibt hier sein Unwesen und hat sich ein Beuteversteck eingerichtet ...“

Der Polizeikommissar winkte ab.

Es gibt zwei Möglichkeiten: Entweder trägt der Mann einen falschen Namen, oder er wohnt nicht in unserer Stadt. Ich könnte eine Fahndungsmeldung durch ...“ Er unterbrach sich, trat nahe an Marlene heran und fragte:

Woher weißt du überhaupt den Namen? Du hast den Unbekannten doch nicht gesprochen. Und auf dem Briefumschlag stand kein Absender. Auf den Pulli hatte er ihn auch nicht gestickt. Na?“

Marlene zuckte nicht mit der Wimper. Sie hatte sich schnell eine Antwort ausgedacht. Ihr war im überschwänglichen Entdeckerstolz der Name „Valentin Knorz“ entfahren, aber sogleich war ihr bewusst geworden, dass sie drauf und dran war, Michaela zu verraten. Von ihr wusste sie ja den Namen. Nun erwiderte sie ruhig:

Der Name stand auf einem Stück Packpapier, in das der rote Pulli eingewickelt war.“

Ein Stück Packpapier?“ staunte der Beamte. „Warum hast du davon nichts erzählt? Wo hast du es?“

Saali

O je!“ sagte Marlene und schlug die Augen nieder, damit ihr der Beamte nicht ansah, dass sie log. „Das Papier ist mir in den Saalbach gefallen und fort geschwommen. — Deswegen habe ich nichts gesagt. Der Name war deutlich geschrieben — mit Bleistift ...“

Schon gut“, beschwichtigte sie Kommissar Beck. „Es ist schade, dass es verlorengegangen ist, aber mir erscheint es fraglich, ob es uns weitergeholfen hätte — durch Fingerabdrücke vielleicht ... Hm — jetzt sind wir nicht klüger als zuvor.“

Herr Theissen nahm seine Tochter bei der Hand und verabschiedete sich.

Wir müssen jetzt gehen. Ich bin dem Büro ferngeblieben, und meine Tochter hat den Unterricht geschwänzt. Das müssen wir wieder zurechtbiegen.“

 

© Alexander Brändle Erben

Wird fortgesetzt

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