A. Brändle: "Drei Mädchen auf einer Spur" - 15. Kapitel

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Ein anonymer Brief
Samstag, 5. Juli 2014 - 9:41

15. Kapitel: Ein anonymer Brief

Gewölbebogen

Vor der ersten Unterrichtsstunde des anderen Tages hatten sich Marlene, Monika und Michaela sehr viel zu erzählen. Damit ihnen niemand zuhören konnte, blieben sie unter den Gewölbebogen des Belvedere stehen. Zuerst begann Marlene zu foppen: 

Mone, wie siehst du aus? Du hast plötzlich ein echt griechisches Profil bekommen!“ Michaela lachte dazu.

Monika drehte eine lange Nase und schimpfte: „Lass den Blödsinn! Du siehst doch, dass es eine Beule ist.“

Darf man fragen, wo du sie bekommen hast?“

Ach, ich musste Petersilie aus dem Garten holen ...“

... und bist über ein Gänseblümchen gestolpert?“ fragte Marlene scheinheilig.

Nein, du Spottdrossel, ich bin auf einen Rechen getreten.“

Michaela deutete auf die Schule.

Um dreiviertel acht müssen wir auf den Plätzen sein. Schnell! Was machen wir mit unserer unterirdischen Entdeckung?“

Nichts“, sagte Marlene und zwang sich zur Ruhe. „Was haben wir Besonderes entdeckt? Ein altes Gewölbe, das leer ist, in dem sich noch nicht einmal ein Mäuschen ernähren könnte. Ist das etwas?“

Nicht viel, aber genug, um es der Polizei zu melden. Gestern hast du anders geredet, Marlene!“ entrüstete sich Monika. „Du hast es als wichtigstes Ereignis unseres Lebens bezeichnet. Und es war doch aufregend! Vielleicht nicht?“

Das geb' ich alles zu, ja, ja, ja!“ winkte Marlene ab. „Ich hab' es mir heute Nacht überlegt ...“

Struppi, schau mich einmal an!“ befahl Michaela. „Ist da etwas, das Mone und ich nicht wissen?“

Ja, sie ist seit gestern verändert.“ Monika kniff die Augen zusammen. „Hast etwa du schon alles verraten?“

Michaela drängte:

Wir waren doch der Meinung, dem Unbekannten müsse aufgelauert werden. Wir haben zwar nichts gefunden, aber vielleicht versteckt sich ein Gauner dort unten gelegentlich, etwa wenn er nach einem Einbruch verfolgt wird. Das wäre doch gut möglich, oder?“

Natürlich wäre das gut möglich“, sagte Marlene. Sie fühlte sich in die Enge getrieben. „Also hört zu und reißt mir anschließend den Kopf ab. Ich war tatsächlich noch unten im Gewölbe. Ich habe das geheime Versteck durchstöbert. Zigarettenpackungen lagen darin und Damenblusen. Da fühlte ich mich verpflichtet, mit meinem Vater darüber zu sprechen. Er ist mit mir zur Polizei gegangen. Und jetzt liegt irgendwo ein Polizeibeamter auf der Lauer, um den Unbekannten zu fangen. Das war's.“ Marlene atmete kräftig aus.

Monikas Augen sprühten Blitze.

Du hast uns hereingelegt! Wenn es jetzt eine Belohnung gibt, kriegst du sie allein. Du bist gemein!“

Halt, Mone!“ fiel Michaela ein. „Das stimmt nicht. Marlene hat den geheimen Zugang entdeckt, also steht ihr auch die Belohnung zu — wenn überhaupt jemand belohnt werden soll. Sei froh, dass sie uns von ihrer Entdeckung erzählt hat, sonst wüssten wir nichts.“

Monika tastete sich das geschwollene Gesicht ab und sagte verlegen:

Entschuldige, Struppi! Michaela hat recht.“

Da klingelte es im Schulgebäude, und sie mussten sich sputen, um nicht zu spät zu kommen.

 

Tage vergingen. Die Polizei verhielt sich ruhig. Herr Theissen legte stets den Finger auf die Lippen, wenn Marlene ihn abends nach Neuigkeiten fragte.

Als sie wieder zum Mittagessen heimkam, lag ein Brief neben dem Teller. Ihre Mutter schöpfte die Suppe heraus und sagte dazu:

Er lag ohne Absenderangabe im Briefkasten. Eine Schülerin aus deiner Klasse wird sich einen Scherz erlaubt haben.“

Marlene war sehr erstaunt. Sie drehte den grünen Briefumschlag herum. Wirklich, kein Absender — und auf der Vorderseite nur „Marlene Theissen“. Sie griff nach der Schere und schlitzte den Umschlag auf. Ein Bogen weißes Papier zeigte sich, nein, nur ein halber Bogen. Marlene zog ihn heraus.

In kritzeliger Bleistiftschrift stand zu lesen: „Kümmere Dich um Deinen Kram. Ich bin gewarnt. Finger weg, sonst mache ich Ernst!“ Eine Unterschrift fehlte. 

Marlene stand verdutzt da und starrte auf das Blatt Papier. Sie verstand die Nachricht nicht. Ihre Mutter, aufmerksam geworden und von Neugierde gepackt, nahm ihr das Blatt aus der Hand und las die merkwürdigen Zeilen. Dann sah sie die Tochter an und fragte:

Was soll das? Das sieht nicht nach einem Scherz aus. Sprich!“

Ich bin auch überrascht, Mama. Ich kann es mir nicht erklären.“

Es ist doch eine Drohung!“

Eine Drohung? Gegen mich? Ich habe doch keine Feinde!“

Anscheinend doch!“ Marlenes Mutter legte das Blatt zur Seite. „Zunächst essen wir einmal. Nachher unterhalten wir uns weiter.“

Sie aßen. Aber es schmeckte nicht. Wirre Gedanken bedrückten beide. Beim Abtrocknen des Geschirrs kam Mutter wieder auf den anonymen Brief zu sprechen. Sie sagte:

Dein Name steht auf dem Umschlag, Marlene. Also ist der Brief an dich gerichtet. Eine Verwechslung ist ausgeschlossen!“

Marlene entgegnete:

Es ist aber doch Unsinn, mir zu drohen. Ich habe doch niemandem etwas getan.“

Aber es ist zweifellos eine ernste Drohung.“

Wir werden den Brief Papa zeigen, er wird schon einen Rat wissen.“

Setz du dich jetzt an deine Hausaufgaben!“ befahl die Mutter. „Mir ist jedenfalls ein gehöriger Schreck in die Glieder gefahren.“

Aber Mama!“ beschwichtigte Marlene. „Dass du alles so ernst nimmst! Da hat bestimmt jemand nur einen Streich ausgeheckt!“

 

Eine Stunde später klingelte es. Frau Theissen öffnete. Michaela stand vor der Tür.

Guten Tag! Darf ich Marlene besuchen? Ich muss sie etwas Wichtiges fragen.“

Ja, geh nur hinein! Sie lernt im Wohnzimmer.“ Das große Mädchen eilte durch den Flur und schloss die Zimmertür fest hinter sich. Marlenes Mutter besserte in der Küche weiter Wäsche aus.

Ich bin mit dem Lernen fertig, Marlene“, sprudelte das sonst so ruhige Mädchen hervor. „Ich komme wegen etwas anderem.“

Das muss wichtig sein, wenn du aufgeregt bist.“ „Das ist es auch. — Ich habe Besuch bekommen!“ „Du?“

Nein, eigentlich nicht ich, sondern die Schwester Oberin für mich. Ich war ja in der Schule ...“

Und wer besuchte dich oder wollte dich besuchen?“ „Mein Onkel!“

Au Backe! Den du so gern magst! Vor dem du wegen eines Geheimnisses Angst hast!“

Er hat sich nach mir erkundigt: wie ich lebe, wie es mir geht, was ich für Freundinnen habe, wie sie heißen — lauter solches Zeug hat er gefragt.“

Das weißt du alles von der Schwester Oberin?“

Ja, sie ließ mich nach dem Essen zu sich rufen, erzählte mir von dem Besuch meines Onkels und gab mir ein Päckchen.“

Jetzt sage nur noch, dein Onkel beschenkte dich!“ „Ja, in dem Paket war ein wunderschöner roter Pulli ...“

Marlene fuhr vom Stuhl hoch und starrte die Mitschülerin entgeistert an. „Ein roter Pulli?“

Warum nicht?“ fragte Michaela unbekümmert zurück. „Ich musste beim Anprobieren lachen, denn ein Knopf fehlte — ein weißer ...“


© Alexander Brändle Erben

Wird fortgesetzt

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