A. Brändle: "Drei Mädchen auf einer Spur" - 14. Kapitel

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Polizisten im Belvedere
Mittwoch, 2. Juli 2014 - 11:52

14. Kapitel: Polizisten im Belvedere

Marlene rümpfte die Nase: Die Luft war muffig. Der Lichtkegel der Taschenlampe glitt durch einen quadratischen Raum. Die Wände waren nackt — aber am Boden war aus Stroh und Säcken ein Lager hergerichtet. Auf einem Pappkarton lagen Zigarettenpackungen gehäuft. Neben dem Karton sah Marlene auf Packpapierbogen farbige Damenblusen und eine Damenlederjacke.

Marlene hatte das Beutelager des Einbrechers entdeckt! Oder richtiger: ein Warenlager, das wahrscheinlich von einem Dieb, und zwar vermutlich von dem Automateneinbrecher, angelegt worden war. Niemand würde zum Spaß Kleidungsstücke und Zigaretten nach hier herunterschleppen. Also war nicht nur ein Zigarettenautomat ausgeraubt worden, sondern auch ein Textilgeschäft. Marlene erinnerte sich allerdings nicht, darüber etwas gehört zu haben.

Sie stand mitten im Raum und leuchtete über den Boden und die Wände.

Da fand sie wieder einen vorstehenden rechteckigen Stein. Sie schritt darauf zu, zog ihn aus der Wand und spürte gleich, wie gute, würzige Luft durch das Loch hereinströmte — genau wie im Gewölbe draußen.

Ach ja, sie stand auf der gleichen Seite. Hinter der Wand befand sich das Wassersammelsystem für die Springbrunnen.

Wie hatte ein fremder Mensch dieses Versteck entdecken können? Das musste ein toller Zufall gewesen sein! Oder — Marlene hielt einen Augenblick die Luft an — gab es gar keinen Fremden, keinen Unbekannten? War Hausmeister Oberst der Unbekannte?

Sie schüttelte nach kurzem Überlegen den Kopf. Nein, der Hausmeister lebte schon sehr lange in der Stadt und war vielen Menschen bekannt. Marlenes Mutter kannte ihn von Kindheit an. Er war kein Dieb.

Marlene sann darüber nach, was sie tun sollte. Sollte sie von den Kleidungsstücken hier etwas als Beweisstück zur Polizei mitnehmen? Aber das könnte der Unbekannte merken, wenn er in der Zwischenzeit in sein Versteck zurückkam. Er würde fliehen und nicht mehr wiederkehren. Dann wäre es viel schwieriger, wenn nicht gar unmöglich, ihn zu erwischen.

Nein, so geht es nicht!“

Aber Marlene hätte auch Monika und Michaela gegenüber gern ein Beweisstück gehabt, dass sie ein Diebesbeutelager gefunden hatte. Aber irgendwelche kleinen Dinge, die ihr dazu hätten dienen können und doch von dem Dieb nicht so leicht vermisst werden würden, lagen nicht herum.

Vorsichtig tastete sich das Mädchen durch den Raum. Sie war darauf bedacht, mit den Füßen nirgends anzustoßen und nichts zu verschieben. Der Unbekannte sollte nicht misstrauisch werden.

Als kleine Eva betrachtete Marlene das Blusensortiment genauer. Ein schicker Sommerpulli aus roter Baumwoll-Popeline fiel ihr auf. Er würde gut zu ihrem schwarzweiß gestreiften Rock passen. Sollte sie die Bluse mitnehmen? Abgesteppte Biesen schmückten das Vorderteil, und vier weiße Knöpfe waren daran.

Da kam ihr der Gedanke: Ein Knopf der Bluse wäre ein tolles Beweisstück für später — vielleicht winkte einmal eine Belohnung ...

Marlene drehte den untersten Knopf ab, steckte ihn ein und wandte sich wieder dem Eingang zu. Nun aber fort!

Vielleicht würde der Unbekannte schon bald in sein Versteck zurückkehren.

Sie trat in den niederen Gang hinaus, zog das Brett mit der Hand herunter, achtete darauf, dass der Seilzug bis zum Knoten in der Ecke verschwand, prüfte mit der Taschenlampe, ob der Felsspalt richtig verschlossen war, und hastete schließlich davon.

Der Nachmittag war noch nicht vorüber, als Marlene die Wandplatte von außen zuklappte, durch die Büsche kroch und auf einen Fußweg im Stadtgarten hinaustrat.

Sie hörte das laute Plätschern des Ferdinand-Keller-Brunnens, erinnerte sich des Fluchtweges unter der Erde, des zweiten Ausgangs, sowie der drei Klassenkameraden, und schritt schnell auf das Sandsteinbecken zu. Die Jungen saßen grinsend auf einer Bank. Marlene schielte verstohlen auf die Mauer unter der kleinen Treppe, die links und rechts aufstieg und dann zur Schule hinführte. Die Mauer war weiß gestrichen, wie der Sockel des Brunnens — und nichts konnte Aufmerksamkeit oder Verdacht erregen — auch nicht die Umrisse des einen gelockerten Steines.

Achtung! — Lasst euch nichts anmerken!“ warnte Marlene halblaut, als sie auf dem Kies Männerschritte hörte. Sie ging um den Brunnen herum, sah nicht rechts, nicht links und lief nach Hause.

Was sollte sie nun tun? Sollte sie gleich zur Polizei laufen? Es mochte am vernünftigsten sein, aber ihrem Gefühl nach entschied sich Marlene dafür, zuerst ihrem Vater alles zu berichten. Er würde wissen, was getan werden musste.

 

Es wurde spät, bis sie mit ihrem Vater über die Entdeckung sprechen konnte. Er kam erst kurz nach 18 Uhr vom Büro heim. Er war müde, hatte sich geärgert, wie das im Berufsleben manchmal vorkommt.

Marlene sah seine umwölkte Stirn und wartete, bis sich Vaters Laune gebessert hatte.

Papa“, sagte sie, „ich hätte etwas ganz Wichtiges mit dir zu besprechen!“

Hast du eine schlechte Arbeit geschrieben?“

Nein. Es ist nichts aus der Schule.“

Hast du etwas angestellt?“

Auch nicht. Papa — Monika und Michaela und ich, wir haben einen unterirdischen Gang entdeckt!“ Marlenes Wangen fingen an zu glühen. Die Meerkatzenaugen blitzten.

Das ist schon etwas!“ sagte ihr Vater. Er lehnte sich im Sessel zurück und lachte. „Das muss ja ein tolles Abenteuer gewesen sein! Hast du Angst gehabt?“

Und wie, Papa!“

Na, dann erzähle! — Aber langsam — und der Reihe nach!“

Ein Schwall von Worten brach über ihn herein. Marlene sprang auf und erzählte mit Händen und Füßen. Ihr Vater unterbrach sie nicht, und er regte sich auch nicht, als sie schilderte, wie sie noch einmal allein in den Gang eingedrungen war. Die Jungen erwähnte sie verabredungsgemäß nicht.

Knopf

Hier ist der Knopf!“ Sie zog ihn aus der Tasche und gab ihn dem Vater in die Hand.

Herr Theissen sah sein Kind lächelnd an, drehte den Knopf zwischen zwei Fingern und sagte schließlich:

Das ist toll! — Weiß Mama davon?“

Nein — sag ihr auch bitte nichts ...“

Weil sie sich leicht aufregt, Kind, das meinst du doch, oder?“

Ja, Papa.“

Du bist eben jung — und begreifst das nicht ganz. Aber präge dir ein: Jede Mutter liebt ihr Kind — und aus ihrer Lebenserfahrung sieht sie oft Gefahren, die das Kind nicht oder nicht in vollem Umfang sieht. Aber deine Mutter ist kein Angsthase!“

So meinte ich es nicht, Papa!“

Ich weiß. Dich lockte das Abenteuer. Ja, um auf das Beuteversteck zurückzukommen: Gestohlene Sachen muss man der Polizei melden. Das ist Bürgerpflicht.“

Papa, wenn die Polizei den unterirdischen Gang findet und die gestohlenen Sachen mitnimmt, wird der Dieb das merken und unerkannt bleiben. Er wird sich ein anderes Versteck suchen, er wird wieder einbrechen, er wird über die Polizei lachen.“

Aber Marlene! Traust du der Polizei so wenig zu? Die Männer werden sich schon überlegen, wie sie den Unbekannten fangen können. — Und jetzt“ — Marlenes Vater erhob sich energisch — „müssen wir das unverzüglich melden. Schade, dass wir kein Telefon haben. — Äh — zieh dich an, wir gehen!“

Du gehst mit, Papa?“

Natürlich. Du bist noch ein Kind.“

Sie schritten wie Spaziergänger in den Abend hinein. Die Sonne ging gerade unter.

 

Die Beamten auf der Polizeiwache hörten sich Herrn Theissens Bericht staunend an. So etwas war noch nicht vorgekommen: Drei Quintanerinnen drangen in ein unterirdisches Gewölbe ein und fanden dort das Beutelager eines Einbrechers.

Das ist eine phantastische Geschichte!“ nickte der diensttuende Oberwachtmeister und rief seinen Vorgesetzten, Polizeikommissar Beck, an. Dann wurde in aller Stille Alarm gegeben. Ein Ring von bewaffneten Männern umschloss den Stadtgarten. Konzentrisch drangen sie auf den Pavillon vor, blieben jedoch in einiger Entfernung davon stehen. Den Ferdinand-Keller-Brunnen ließ Kommissar Beck, ein großer, blonder Mann, den Marlenes Vater vom Schachklub her kannte, besonders sorgfältig überwachen. Er selbst ging mit Herrn Theissen und Marlene zum Pavillon.

Aus den Häusern der Umgebung liefen Menschen zusammen — neugierig, was die vielen Polizisten im Stadtgarten suchten. Die Zivilisten wurden aber nicht eingelassen.

Marlene führte den Kommissar an die Wandplatte, öffnete sie und kroch in den Gang. Dann musste sie hinter den beiden Männern bleiben.

Kommissar Beck drückte Herrn Theissen einen Gummiknüppel in die Hand. Er selbst schob sich die Pistolentasche nach vorn.

Die Stille und Kühle des unterirdischen Gewölbes umfing sie. Herr Theissen flüsterte:

Hier unten warst du allein? Donnerwetter! Das ist wirklich zum ...“

Im gleichen Augenblick stieß er sich den Kopf an der Decke an und schrie auf.

Papa!“ flüsterte seine Tochter erschrocken.

Kommissar Beck schwenkte den Scheinwerfer herum und zischte: „Still!“

Er tappte weiter in die Dunkelheit. Bald waren sie vor dem Versteck angelangt. Der Beamte zog das Brett hoch und bedeutete Herrn Theissen, auf dem Gang zu warten.

Passen Sie gut auf! Es könnte sein, dass der Einbrecher tiefer in den Gang geflüchtet ist und auf eine Möglichkeit wartet, vorbei zu eilen, wenn wir in die Felsspalte eingedrungen sind. Seien Sie vorsichtig!“

Er drängte sich durch die Spalte, hielt sich aber nicht lange mit der Durchsuchung des Raumes auf, sondern schnürte die Zigarettenpackungen und Blusen mit einem der herumliegenden Säcke zu einem Bündel zusammen. Marlene half ihm. Bindfaden hatte er in der Tasche.

Sie verließen die Felsenkammer und verschlossen den Spalt.

Bleiben Sie hier stehen!“ sagte der Beamte zu Vater und Tochter. „Ich dringe bis zum Gewölbeende vor. Bis gleich!“

Er verschwand um die Biegung. Die Zurückgebliebenen hörten wenige Augenblicke noch seine tappenden Schritte, dann hatten ihn Dunkel und Stille verschlungen.

Papa“, flüsterte Marlene, „der Dieb ist dagewesen!“

Woher willst du das wissen?“

Weil — ich glaube ...“

Na, du kriminalistisches Genie — hast du etwas herausgefunden?“

Ja — der Pulli, von dem ich den Knopf abgerissen habe, ist weg!“

Du irrst dich bestimmt, Marlene, Herr Beck hat ja alles zusammengepackt. Der Pulli wird dabei sein. — Ich hatte ihm doch von dem Knopf erzählt. Er hat ihn in die Tasche gesteckt.“

Er hat aber nicht daran gedacht. Er packte ein, ohne genau hinzusehen.“

Nun, er wird das Bündel später untersuchen.“

Sie brauchten nicht lange zu warten. Polizeikommissar Beck war bald wieder zur Stelle. Der vorauseilende Lampenschein kündigte ihn an.

Es ist niemand da“, erklärte er ärgerlich. „Die Mauer vor dem Ferdinand-Keller-Brunnen ist unbeschädigt. Gehen wir!“

Er packte das Bündel und ging durch den Stollen zurück. Er musste sich sehr bücken, ebenso Herr Theissen. Sie kletterten die Leiter hoch und krochen ins Freie.

 

Ja, wir wollen sehen, was wir da haben!“ Der Beamte schnürte das Bündel auf und breitete die Beute im Gras aus. „Zigaretten genug — sie stammen bestimmt aus dem Automaten in der Wörthstraße. Und die Damenblusen ...“ Er murmelte kniend vor sich hin: „Mir ist kein Einbruch in ein Textilgeschäft gemeldet worden. Wer weiß, woher diese Textilien stammen!“

Herr Beck!“ rief Marlene eifrig. „Der rote Pulli ist weg, von dem ich Ihnen den Knopf gegeben habe.“

Ach ja — dein Beweisstück, der Knopf! Wo steckt er denn?“ Er kramte in der Brusttasche und zog den weißen Knopf hervor. „Und der Pulli soll verschwunden sein?“ Er suchte zwischen den Kleidungsstücken, aber er fand keinen Pulli, an dem ein Knopf fehlte. Schließlich stand er auf, fixierte das Mädchen scharf und fragte: „Hm! Stammt der Knopf nicht zufällig aus Muttis Nähkiste?“

Für Marlene antwortete ihr Vater:

Aber, Herr Beck! Meine Tochter sagt gewiss die Wahrheit. Sie können ihr glauben.“

Die Miene des Beamten hellte sich auf.

Ich glaub's, ich glaub's! Seien Sie mir nicht böse! — Dann ist er also am späten Nachmittag hier gewesen! — Dunnerlittchen, Kind, da hast du Glück gehabt! Mir läuft es kalt über den Rücken! Hm, ich habe auch eine Tochter, sie ist nicht ganz so alt wie du ...“

Herr Theissen biss sich auf die Lippen. Er dachte daran, wie leicht Marlene dem Verbrecher dort unten hätte begegnen können. Er war auf das Abenteuer seiner Tochter gar nicht mehr stolz.

Du hattest einen Schutzengel, Kind“, murmelte er und drückte Marlene fest an sich. „In Zukunft sagst du es mir, wenn du wieder einmal auf Entdeckungsabenteuer ausgehen willst.“

Ja, Papa.“

Marlene hatte im Augenblick nicht das Gefühl, sehr gescheit gewesen zu sein. Aber sie sagte:

Herr Beck, nun wissen wir doch wenigstens, dass bestimmt jemand da unten haust. Sie könnten ihm doch heimlich auflauern lassen!“

Die beiden Männer lachten. Der Kommissar sagte: „Gut, probieren wir unser Glück! — Ich bitte Sie beide, zu niemandem ein Wort zu sprechen. Wir lassen die versteckten Eingänge dort unten und hier oben verschlossen, als hätten wir sie nicht angerührt. Die Beamten werden abgezogen, nur ein Mann bleibt hier auf der Lauer. Wir wollen doch sehen, ob der Vogel sein Nest wieder aufsucht. Und jetzt gehen wir heim!“

Belveeree

Belvedere. Foto: privat

Sie schritten die gewundenen Pfade hinunter. Marlene blickte zurück, sah die Türme des Belvedere im letzten Sonnenstrahl blinken und sagte:

Auf den Türmen ist ein prima Versteck! Wenn sich dort oben jemand auf den Boden legt, kann er gut hinunter spähen, aber von unten sieht man ihn nicht.“

Daran werde ich denken“, antwortete der Kommissar. „Herr Theissen, Ihr Kind ist wach und klug, alle Achtung! Und tapfer ist sie auch!“ Er fuhr dem Mädchen mit breiter Hand durchs Haar. „Aber sei künftig vorsichtiger!“

© Alexander Brändle Erben

Wird fortgesetzt

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