A. Brändle: "Drei Mädchen auf einer Spur" - 13. Kapitel

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Marlene entdeckt etwas
Samstag, 28. Juni 2014 - 13:05

13. Kapitel: Marlene entdeckt etwas

Das Gewölbe führte in Schlangenlinie vorwärts. Dann kam ein Knick von 90 Grad nach links und sofort wieder um etwa 180 Grad nach rechts. Aber die Wände blieben nackt, kahl, ohne abzweigende Seitenwege.

Warum diese beiden Biegungen?“ fragte Monika.

Danach musst du die Erbauer fragen“, sagte Marlene und ließ das Licht über die Wände gleiten. „Ich will wissen, wohin dieser unterirdische Gang führt, und wenn ich noch eine Stunde suchen muss!“

Inzwischen begegnen wir Verbrechern — und sind geliefert!“ wisperte Monika. „Eine gefährliche Sache haben wir uns da eingebrockt.“

Dass wir nicht klug handeln, wissen wir. Aber uns hat das Abenteuerliche angezogen — welchen anderen jungen Menschen würde es nicht locken!“ Marlene warf den Kopf trotzig hoch und tappte weiter.

Da knirschte es hinter den Mädchen. Sie fuhren herum und ließen die Taschenlampen hoch und nieder schwingen. Nichts war zu sehen. Das Herz klopfte Marlene im Hals, den beiden anderen auch.

Was war das?“ flüsterte Michaela. „Das ist ja unheimlich!“

Das war deine verstorbene Urgroßmutter, die einen Räuber mit einer Banane erschoss. Die Leiche vergrub sie hier hinter der Felswand. Zur Strafe muss die arme Frau noch fünftausend Jahre durch diesen unterirdischen Gang spuken.“

Aber du sollst nicht spucken!“ sagte Michaela trocken und wischte sich übers Kinn. „Du hast eine sehr feuchte Aussprache.“

Ist dir noch spaßig zumute?“ flüsterte Monika. „Ich fühle mich bei dieser Maulwurfstour schon halb tot. Hier unten könnte uns jeder abmurksen.“

Quintanerin Mone!“ mahnte Marlene streng. „Ich bitte um eine gewähltere Ausdrucksweise! Hier wird man höchstens umgebracht.“

Monika murrte:

Wenn es noch kälter wird, sterbe ich, ohne dass mich jemand umbringt! Mich friert!“

Sollen wir denn vernünftig sein?“ fragte Marlene. „Mone hat gewiss recht: Man soll nicht mit der Gefahr spielen. Dringen wir weiter vor, oder sollen wir umkehren?“

Michaela sagte:

Jetzt sind wir schon so weit, dass wir noch ein Stückchen weitergehen sollten.“

Also vorwärts!“ Marlene hob die Lampe. Der Gang blieb gleichmäßig breit und hoch. Sie mussten stets leicht vorgebeugt gehen. Der Felsboden war fest und fast eben. Es kam keine Biegung mehr und keine Seitennische, und keine Atemluke ließ sich noch finden. Aber jetzt war im Lampenschein ein leichter Bogen nach rechts zu erkennen.

Marlene stolperte und fiel auf die Knie. Sie war eine Stufe hinabgefallen. Der Boden des Ganges war hier um etwa drei Handbreiten tiefer. Während die Mädchen noch ihr Erstaunen darüber äußerten, sahen sie im Schein der Taschenlampen vor sich eine Wand.

Hallo, Marlene, schau!“ rief Michaela unwillkürlich. „Der Gang ist zu Ende!“

Das glaube ich nicht!“ antwortete Marlene. „Ich habe eine Höhle oder einen geheimen Ausstieg erwartet. Was sollten denn der tiefe Abstieg und ein langer unterirdischer Gang für einen Sinn haben?“

Der Gang wird zugemauert worden sein“, gab Monika zu bedenken. „Ich danke für Obst und Südfrüchte. Noch nicht einmal als entsprungener Zuchthäusler würde ich mich hier unten wohl fühlen.“

Ich auch nicht“, sagte Michaela. „Und jetzt laufen wir zurück!“

Bleibt noch!“ bat Marlene. „Ich will mir die Wände genau ansehen — nun, da wir einmal hier sind.“ Dabei leuchtete sie sorgfältig die rechte Wandseite ab und strich mit der Hand darüber. „Das ist Naturfels — und drüben — still!“

Marlene hob die Hand, obwohl man das in der Finsternis nicht sehen konnte. „Da ist ein Geräusch! — Hört ihr?“

Sie horchten angestrengt. Michaela tastete sich nach links.

Es kommt von dieser Seite!“ Sie presste das Ohr an die Steinwand. „Ja! Von hier!“

Jetzt klebten sie alle drei an dieser Wandseite und horchten. Marlene sagte:

Ich hätte alles erwartet, aber nicht, dass die Wasserkanäle unter uns verlaufen. Es klingt doch nach Wasserrauschen!“

Unmöglich!“ erwiderte Michaela. „Der Hausmeister tappte doch auf der gleichen Höhe wie wir, und das Gewölbe mit den Wasserrinnen lag höher als dieser Gang.“

Marlene überlegte. Dann sagte sie:

Ich höre das Plätschern hinter der Wand und nicht unter den Füßen. Also ist es etwas anderes.“

Tretet zurück!“ schlug Michaela vor. Wir leuchten gemeinsam die Wand ab!“

Sie hoben die Lampen! Drei Lichtkegel tasteten umher.

Da!“ stieß Marlene hervor und sprang auf eine Stelle der Wand zu. „Da ist ein Stein, wie wir ihn schon einmal entdeckt haben. Dieser steht aber nur wenig vor.“

Die Mädchen starrten auf den rechteckigen Stein in der Felswand. Michaela packte zu und zog. Er rührte sich nicht. Erst als Marlene half, glitt der Stein heraus. Kein Stückchen Mörtel fiel zu Boden. Man hatte ihn ohne Verbindungsmittel eingesetzt.

Die Mädchen schreckten zurück. Helles Tageslicht strömte herein. Sie atmeten frische Luft. Und das Rauschen war jetzt laut und nah.

Marlene gewann als erste die Fassung zurück und spähte durch die Öffnung. Ein Laut der Verwunderung entschlüpfte ihr.

Ich werde verrückt!“

Was ist? Was siehst du?“ fragte Monika aufgeregt. „Lass mich schauen!“

Nacheinander blickten sie hindurch. Auch Monika rief verwundert:

Nein, so etwas! Und das weiß keiner!“

Einer bestimmt!“ sagte Michaela. „Nämlich derjenige, der den Riegel an der Klappe in der Pavillonmauer angebracht hat. Jetzt lasst mich 'ran!“ Auch sie starrte hinaus. „Das ist ja der Ferdinand-Keller-Brunnen! Dann sind wir noch im Stadtgarten!“

Keller-Brunnen

Marlene nickte.

Ich kann es dir noch genauer sagen. Wir stehen unter der Treppe hinter dem Brunnen. Eine Hecke schließt nach Osten ab. Ein Stück dahinter steht das Gymnasium, übrigens in genau östlicher Richtung ist auch unser Klassenzimmer.“

Ja, richtig“, warf Monika ein, „der Brunnen liegt auf der Linie zwischen dem Zimmer und diesem Ort. Was machen wir jetzt?“

Moment!“ Marlene griff in die Lichtöffnung, zerrte am Mauerwerk und zog die Hand wieder zurück. „Die ganze Wand besteht aus einzelnen Steinen, die man herausnehmen könnte. Die Steine sind unwahrscheinlich fein aufeinander gepasst. Schaut her!“ Sie ließ den Schein der Taschenlampe auf die Wand fallen und deutete auf die fast unsichtbaren Ritzen. „Wir könnten hier hinaus, müssten dazu aber ein großes Loch in die Wand brechen.“

Michaela winkte ab.

Das hat keinen Sinn. Dann wäre alles verraten. Wir könnten das Loch ja nicht unmerkbar und unbemerkt wieder verschließen. Wer uns beobachtete, würde die Polizei rufen.“

Und der Unbekannte wäre gewarnt“, gab Marlene zu. „Wir fügen den Stein wieder ein und gehen auf dem Wege zurück, auf dem wir gekommen sind!“

So geschah es. Die Wand unter der Treppe hinter dem Ferdinand-Keller-Brunnen wurde verschlossen. Dann tappten sie zurück.

Keller-Brunnen

 An der rechtwinkligen Biegung fiel der Lampenschein einen Augenblick auf die obere innere Ecke. Marlene erschrak, blieb stehen und zog dann Monika und Michaela zu sich heran. Sie flüsterte.

Ich glaube, da ist ein verborgener Zugang — vielleicht zu einer geheimen Kammer. Was sollen wir tun?“

Ich will hinauf!“ drängelte Monika.

Ein andermal“, flüsterte Michaela. „Wir haben heute doch wahrhaftig genug gewagt.“

Wie ihr wollt“, antwortete Marlene und lief weiter. Aber der Gedanke, dass sie vielleicht einem neuen tollen Geheimnis auf der Spur sei, ließ sie nicht los.

Andreasstaffel

Interessanterweise ging etwa Mitte der 1960er Jahre in Bruchsal das Gerücht - es soll sogar in der Bruchsaler Rundschau aufgegriffen worden sein - dass zwei oder drei Kinder in die Öffnung unter der Treppe hinter dem Ferdinand-Keller-Brunnen eingedrungen sein sollten und nur mit Hilfe von Polizei und Feuerwehr wieder gerettet werden konnten. Ebenso wurde damals kolportiert, dass es einen direkten unterirdischen Weg vom Einstieg unterhalb der Treppe hinterm Ferdinand-Keller-Brunnen bis hin zur Andreasstaffel gäbe. Der Ausstieg wurde rechts neben dem Sockel verortet, auf dem früher eine Heiligenfigur stand. Auch wenn es in den Felsen um die Andreasstaffel einige höhlenartige Gänge geben soll, die noch nicht völlig erkundet sind, ist eine unterirdische Verbindung vom Ferdinand-Keller-Brunnen im Stadtgarten bis zur Andreasstaffel durch einen durchgängige Verbindung wohl eher unwahrscheinlich.

Nur wenig später, nachdem diese Gerüchte in Bruchsal kursierten, wurden der Einstieg hinter dem Ferdinand-Keller-Brunnen sowie die Nische neben dem Podest bei der Andreasstaffel zugemauert.

Allerdings stellt sich hier noch eine ganz andere Frage. Was gab es zuerst? Die brodelnden Gerüchte über die Geheimgänge unter dem Schönborn-Gymnasium bis hin zur Andreasstaffel, die Alexander Brändle in seinem Kinderroman verarbeitet haben könnte oder den Kinderroman von Alexander Brändle, dessen Leser begeistert nach dem Wahrheitsgehalt der spannenden Geschichte an den Orten des Geschehens suchten - und dabei auf der Suche nach Abenteuern die Story noch zusätzlich dramatisierten?

Das Tageslicht bekam die Mädchen wieder. Monika atmete tief, als sie endlich auf der Mauer neben dem eisernen Tor saß. In kurzen Abständen kamen auch Michaela und Marlene aus dem Geheimgang geschlüpft und setzten sich neben Monika. Die heiße Sonne tat ihnen gut. Ihre Arme und Beine waren eiskalt.

Kommt, gehen wir!“ drängte Monika. „Mir reicht es.“

Angsthase!“ spottete Marlene. „Was ist unser Ergebnis?“

Immerhin die Kenntnis von einem unterirdischen Gang. Das ist mir Abenteuer genug.“

Ich schlage vor, wir verraten noch niemandem etwas“, sagte Marlene. „Wir halten die Augen offen. Vielleicht erwischen wir den oder die Unbekannten. Dann ist es für eine Meldung bei der Polizei früh genug.“

Sie sprangen von der Mauer. Als sie unter den Kastanienbäumen dahingingen, sagte Marlene unvermittelt:

Ich hätte noch Lust, nach der geheimen Kammer zu sehen, die ich vermute.“

Ohne mich“, sagte Michaela.

Du mit deiner Besessenheit, Detektiv zu spielen!“ rief Monika. „Ich glaube nicht, dass jemand die dunklen Gänge als Schlupfwinkel benutzt.“

Glaub, was du willst!“ Marlene blieb stehen, blickte sich verstohlen um und sagte: „Ich muss noch etwas erledigen. Also bis morgen, auf Wiedersehen! Ich muss dort hinüber.“ Sie zeigte mit der Hand nach Norden, in die Richtung zur Strafanstalt.

Michaela und Monika ließen sich nicht mehr aufhalten. Sie grüßten zurück und liefen davon.

Marlene hastete die Wendeltreppe zum Belvedere hinauf und blickte vom rechten Aussichtsturm in die Tiefe. Was sie suchte, fand sie schnell. Ulrich hielt sich beim Ferdinand-Keller-Brunnen auf und betrachtete die Steintreppe. Hoppla, wieso waren Klaus-Peter und Thomas bei ihm?

Marlene schoss die Stufen hinunter und beeilte sich, die Klassenkameraden einzuholen. Die letzten Schritte ging sie langsam.

Nanu“, fragte sie verwundert, „wozu treibt ihr euch hier herum?“

Ulrich winkte ab. Sie blickten prüfend umher und setzten sich schließlich auf eine Bank. Der Klassenprimus sagte leise:

Sie wissen alles. Sie wurden auch engagiert.“

Marlene wurde einen Moment verlegen. Thomas half ihr darüber hinweg.

Wir haben uns wie besprochen verhalten.“

Das Mädchen konnte ein Lächeln nicht verkneifen.

Jetzt haltet ihr uns für Hasenfüße.“

Nein!“ sagte Klaus-Peter. „Wir halten euch für vernünftig. Und jetzt eine Frage: Willst du nochmals hinunter?“

Ja, ich vermute unten an einer Biegung den Zugang zu einer geheimen Kammer. Wenn ihr mitgeht ...“

Gut, halten wir uns nicht auf!“

Einen Augenblick“, sagte Thomas und hielt die Kameraden zurück. „Es ist Marlenes, Monikas und Michaelas Abenteuer. Daran wollen wir nichts ändern. Deswegen soll Marlene vorgehen. Wir halten uns in der Nähe auf, unternehmen aber nichts, wenn es nicht notwendig wird.“

Ja, so wird es gemacht“, bekräftigte Ulrich.

Vier Minuten später stieg Marlene bereits wieder die Eisentreppe hinunter. Sie hatte Mut, das musste man ihr lassen, denn es blieb doch gefährlich, trotz der Rückendeckung durch die drei Jungen.

 

Das Licht ihrer Lampe drang nicht weit. Eine unheimliche Stille lauerte in der Tiefe. Marlene gestand sich ein, dass sie doch Angst hatte. Sie trat fest auf, um sich zu beruhigen.

An der Biegung leuchtete sie nach oben, bis der Lampenschein einen Seilknoten traf. Der Anblick dieses Knotens hatte sie auf den Gedanken gebracht, dass er sozusagen der Schlüssel zu einem verborgenen Gang oder Gemach sein könnte.

Als Marlene kräftig an dem Knoten zog, hörte sie an der anderen Seite ein schleifendes Geräusch. Sie zog das Seil bis zum Boden hinunter, dann schaute sie auf.

Das ist es, was ich suchte!“ sagte Marlene triumphierend vor sich hin. Aber sie zitterte vor Erregung. Die Wand hatte sich geöffnet. Ein Spalt klaffte im Fels, ein Spalt, durch den ein schlanker Mensch hindurch schlüpfen konnte.

Das Versteck des Diebes!“ entfuhr es ihr. Sie überlegte, auf welche Weise dieser Spalt entstanden war. Im Licht der Lampe konnte sie die Vorrichtung erkennen. Der Spalt war mit einem Brett in der Farbe der Steinwand verschlossen gewesen. Sie hatte es mit dem Seil hochgezogen.

Marlene horchte in den Gang. Dann zwängte sie sich in die Felsspalte hinein.

© Alexander Brändle Erben

Wird fortgesetzt

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Kommentare

Ist das SOMMERLOCH...

...so groß?

Unter der Andreasstaffel...

...befand sich ein Hohlraum, den wir als Schüler erkundet hatten. Es war eine Felsspalte, die einfach durch die Treppenstufen überdeckt wurde, das war alles. Durch ein Loch am Bogen konnte man hinein gelangen....

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