A. Brändle: "Drei Mädchen auf einer Spur" - 10. Kapitel

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Aufregende Nachrichten
Sonntag, 15. Juni 2014 - 12:04

Auch in diesem Kapitel hat Alexander Brändle phantasievoll einen Nachnamen verändert. Der Nachname der Familie Fallhorn, in deren Wohnzimmer das Mamomi-Trio fiktiv saß, war im wahren Leben Faller. Der Familienvater Joseph Faller war ein angesehener Lehrer an der Bruchsaler Styrumschule.

10. Kapitel: Aufregende Nachrichten

Das Mamomi-Trio saß im Wohnzimmer der Familie Fallhorn. Sie durften miteinander Latein 'ochsen'. Das taten sie mit Unterbrechungen. Es war auch zu schwierig, nur Vokabeln herunterzuleiern und der Versuchung zu widerstehen, mit einem Gedankenblitz aus dem eigenen Erlebnisbereich zur allgemeinen Heiterkeit beizutragen.

Fundamentum Latinum

 Ich platze, wenn ich jetzt nicht sagen darf, was ich in der Zeitung gelesen habe!“ Monika schlug mit der Faust auf das Buch „Fundamentum Latinum II“ und warf den Kopf in den Nacken. Die blauen Augen sprühten.

Mischa! Hol den Doktor!“ lachte Marlene. „Mone kriegt 'nen Kropf!“

Darf ich jetzt ...“ fragte die Geneckte.

Nein, erst wirst du operiert!“ dozierte Michaela mit todernster Miene. „Was meinen Sie, Fräulein Doktor Marlene, werte Kollegin? Wird eine Schere, mit Straßenstaub und Rost überzogen, genügen?“

Marlene schaltete sofort den vierten Spottgang ein und antwortete:

Eine Beißzange ist noch zu empfehlen. Kröpfe werden wie schlechte Zähne ausgerissen. Und da die Patientin wegen Überdrucks in der Temperament-Rohrleitung gleich die Ventile sprengen wird, sollten wir ihr sofort eine Narkose mit dem Holzhammer geben.“

Holzhammer, werte Kollegin? Ich hätte nur ein stumpfes Beil zur Hand!“

Nein, bitte nicht. Es genügt auch ein klassischer Kinnhaken.“

Sollen wir die Diagnose stellen? Die Patientin scheint in das Stadium 'zähneknirschender Koller' eingetreten zu sein.“

Eine weitere medizinische Besprechung war nicht möglich, da Monika auf sie lossprang wie eine abgeschossene Rakete. Es wurde geknufft und an den Haaren gezogen, geschrien und gelacht. Dann saßen die lernbegierigen Mädchen wenig sittsam auf dem Boden. Monikas Lehrbuch lag zerzaust zwischen den Mädchenbeinen, und Marlene las auf der angerissenen Seite das Wort „Pax“ (Friede).

Die Komik der Situation befreite die drei von allen seelischen Schwierigkeiten. Sie standen auf, sammelten die bedruckten Blätter ein, setzten sich einträchtig nieder, und Michaela sagte zu Monika:

Jetzt erzähle! Was gibt es Neues?“

Ich habe gelesen, dass schon wieder in einer Sparkasse eingebrochen worden ist!“

Wo?“ fragte Marlene.

In — ach, den Ortsnamen habe ich vergessen. Stellt euch vor: Drei maskierte Männer sind in den Kassenraum eingedrungen! Einer hat einen Revolver gezogen und den Kassierer bedroht.“

Michaela fragte:

Haben sie Geld geraubt?“

Ja, siebentausend Mark!“

Marlene entrüstete sich:

Am helllichten Tag! Hat die Polizei sie erwischt?“

Leider nicht! Sie sind in einem gestohlenen Auto unerkannt davongerast.“

Richtige Banditen! Wie in den Kriminalromanen!“ stellte Marlene fest. „Wenn ich Sparkassenleiter wäre, würde ich eine Vorrichtung anlegen lassen, durch die man den Banditen die Flucht unmöglich machen könnte. Der Kassenbeamte drückt auf einen Knopf, schon schließen sich die Türen, und die Banditen sind gefangen!“

Weißt du nichts Besseres zu erzählen?“ fragte Michaela. „So etwas liest man alle Tage in der Zeitung und viele böse Dinge mehr.“

Marlene sah die Schulkameradin ernst an:

Ihr dürft mich jetzt nicht auslachen! Mein Vater sagt, das alles geschehe, weil die Menschen sich mehr und mehr dem Teufel überlassen. Je weniger sie daran glauben, dass es ihn gibt, desto mehr Macht gewinnt er über sie.“

Darüber könnte ich wirklich nicht lachen.“ Michaela trug plötzlich ihr Erwachsenengesicht. Sie blickte in eine ungreifbare Ferne.

Aufhören, aufhören!“ warf Monika zappelnd ein. „Philosophie und Theologie stehen heute nicht auf dem Lehrplan. Ich habe die Zeitungsmeldung nur erzählt ...“

... damit du keinen Kropf bekommst“, vollendete Marlene. „Und was treiben wir jetzt?“

Wir kochen Sauerkraut und Springerle!“ Monika platzte fast vor Lachen über ihren Einfall.

Michaela zog die Stirn in Falten und flüsterte durch die hohle Hand zu Marlene:

Fräulein Doktor, ein Rückfall! Jetzt kann nur noch Professor Radiergummi in Bekloppthausen helfen. Soll ich nach dem Krankenwagen telefonieren?“

Monika stürzte sich auf die kichernden Kameradinnen und fing zu raufen an.

Aber sehr schnell löste sich das Knäuel einträchtig auf, als die Mädchen an der Glastür ein Geräusch hörten. Monikas Mutter schloss die Wohnungstür auf und stellte ihre Einkaufstasche in die Küche.

Na, habt ihr ordentlich gelernt?“ rief sie durch den Gang, da sie die Tür zum Zimmer offenstehen sah.

Ja, Frau Fallhorn!“ riefen Michaela und Marlene, und Monika fügte hinzu:

Darf ich die beiden ein Stück begleiten? Ich war heute kaum an der Luft.“ Als ihr nicht gleich geantwortet wurde, ergänzte sie hastig: „Du sagst doch immer, Mutti, wer gut lernen will, muss viel hinaus ins Freie!“

Frau Fallhorn trat zu den Mädchen hinein. Sie lachte:

Natürlich darfst du mit!“


Zigarettenautomat

In dieser Nacht wurde die Scheibe des Zigarettenautomaten in der Wörthstraße eingeschlagen. Der Wachmann Weiß war mit dem Fahrrad unterwegs. Er hatte gerade die Stadtkirchenuhr halb vier schlagen hören, als er, in die Wörthstraße einbiegend, einen Mann sah, der Zigarettenpackungen aus dem Automaten in die Taschen stopfte. Herr Weiß war schon 66 Jahre alt, aber noch kräftig und behände. Er sprang vom Rad und rief:

Halt! Stehenbleiben, oder ich schieße!“

Das war ein gewagter Bluff. Er würde gar nicht schießen können, denn als Angestellter der Wach- und Schließgesellschaft besaß er keine Schusswaffe.

Der Einbrecher ließ sich nicht täuschen und erschrecken. Er schnellte herum, sprang mit einem Riesensatz auf den Alten zu und schlug ihm die Faust gegen das Kinn, dass ihm die Knie weich wurden. Aber so leicht war der Wachmann nicht k. o. zu schlagen. Er riss die Luftpumpe aus der Halterung und holte zum Schlage aus.

Aber der Einbrecher duckte sich seitlich weg, fing den Schlag mit der hochgerissenen Hand ab und flüchtete.

Herr Weiß ließ das Fahrrad fallen und taumelte dem Unbekannten nach. In der Faust schwang er die Luftpumpe. Eine Taschenlampe baumelte vor seiner Brust. Der Atem ging rasselnd, ihm flimmerte es vor Augen. Dennoch gab er die Verfolgung nicht auf.

Aber auch der Einbrecher schien nicht der Flinkste zu sein. Zwar konnte er seinen Vorsprung vergrößern, aber nicht so viel, dass Wachmann Weiß ihn aus den Augen verloren hätte.

Sie bogen keuchend um den Schönbornbrunnen. Offenbar strebte der Unbekannte dem Schloss zu. Da besann sich der Wachmann auf seine Stimme und rief halb erstickt:

Z-u H-i-l-f-e . . . E-i-n-b-r-e-c-h-e-r . . . Z-u H-i-l-f-e ...“

Immerhin hörte jemand den Hilferuf. Rollladen wurden hochgezogen, und ein aufgeschreckter Bürger rief die Polizei an.

Das Revier befand sich in einem Nebengebäude des Schlosses. Der Dieb würde also der Polizei in die Hände laufen. Wachmann Weiß war am Ende seiner Kraft. Er torkelte und rang ächzend nach Luft.

Da bog der Fliehende rechts ab, hastete die Straße hoch, die zum Stadtgarten, zum Belvedere, führte. Herr Weiß blieb schwer atmend stehen. Was wollte der Gauner dort oben? Hoffte er, zwischen den Villen verschwinden zu können, oder strebte er in das dahinterliegende Hügelland hinaus?

Als die ersten Polizeibeamten eintrafen, stammelte der Wachmann wild gestikulierend:

Er — ist — zum Belvedere hinaufgerannt. — Er — hat — einen Zigarettenautomaten — aufgebrochen — in — der — Wörthstraße — und — wollte — mich — niederschlagen ...“

Die Beamten liefen mit Gummiknüppeln in den Fäusten los.

Auf drei Wegen konnte der Stadtgarten erreicht werden: rechts herum im Straßenbogen aufwärts¹, dann geradeaus über eine Treppe und einen kleingepflasterten Fußpfad², schließlich weit links über eine Alleesteige³, die auf die Mitte des Stadtgartens stieß.

(¹ Unteröwisheimer Straße, heute Adolf-Bieringer-Straße, ² Reserveweg, ³ Reserveallee.)

Die Polizisten forderten Verstärkung an, verteilten sich und drangen weiter vor. Wachmann Weiß wankte hinterdrein.

Zwei Beamte keuchten den kleingepflasterten Pfad hinauf, überquerten vor dem Stadtgarten die Straße im Sprung und blieben horchend zwischen den Bäumen stehen.

Da löste sich ein Schatten unterhalb der Freitreppe zum Belvedere, huschte die Treppe hinauf ...

Einer der Beamten, ein Oberwachtmeister, sprang sofort los, riss dabei die Revolvertasche auf, zog die Waffe, rief laut:

Halt! Stehenbleiben! Ich schieße!“

Der Schatten verschwand im Dunkel der Gewölbebogen. Der Polizeibeamte schoss zur Warnung in die Luft. Der Knall schreckte die Bewohner in den Betten hoch.

Belvedere

Die Beamten sprangen durch das Wasser des Goldfischteiches, um den Weg abzukürzen, die Freitreppe hinauf, durch die Gewölbebogen.

Zwei Minuten waren vergangen, seit der Fliehende hier ins Dunkel getaucht war. Hinter den Bogen war ein Platz mit Kastanienbäumen. Links hoben sich die Konturen des Schönborngymnasiums gegen den Himmel ab. Das eiserne Tor zum inneren Hof war verschlossen.

Das Getrappel der über die Kieswege rennenden Polizisten zerstörte das nächtliche Idyll. Wohin konnte der Unbekannte gelaufen sein? Die Blumenanlage war gut zu übersehen. Aber dort war er nicht. Die Straße dahinter raste jetzt ein Streifenwagen hinauf.

So ein Spitzbube!“ keuchte Herr Weiß, der nach einiger Zeit zwischen den Beamten auftauchte. Zivilisten gesellten sich dazu. Zum Teil waren sie nur halb angezogen, aber erkälten würden sie sich kaum, denn die Nacht war mild.

Ein Mann im Pyjama mit großem Kopf und spiegelnder Glatze erklärte dumpf:

Der ist über alle Berge!“ Ein anderer:

Solche Gauner haben sich den Fluchtweg genau überlegt. Die kennen die dunkelsten Gässchen. Der ist fort!“

Einer der Polizisten stimmte den beiden zu:

Das ist durchaus möglich. Wir haben den Bezirk nicht rechtzeitig lückenlos abriegeln können. Können Sie uns den Mann beschreiben, Herr Weiß? Haben Sie an ihm besondere Kennzeichen bemerkt?“

Nein“, brummte der alte Wachmann. „Es ging alles sehr schnell, und obendrein war es recht dunkel.“

Ein Beamter ging zur Freitreppe zurück und leuchtete den Kiesboden ab. Er hatte nur wenig Hoffnung, die Schuhspur des flüchtigen Diebes unter den Tausenden von Abdrücken, die einander verwischt hatten, zu erkennen. Aber ihm fielen zwei merkwürdig tiefe Eindrücke auf, die von Absätzen zu stammen schienen. Der Beamte setzte sich auf die zweite Stufenreihe und streckte die Beine aus. Ja, so konnte es gewesen sein: Der Dieb hatte hier gesessen und einen Augenblick gerastet. Davon war der Schuhabdruck geblieben. Aber die Vertiefungen waren glatt, ohne Scharte, bestimmt Gummiabsätze an leichten Sommersandalen. Nein, damit war nichts anzufangen. Oder doch ...?


Zwei Tage später stand in der Zeitung der spärliche Hinweis, dass der unbekannte Automateneinbrecher beim Sitzen wahrscheinlich die Füße eigenartig setze: den linken Fuß stark nach außen gebogen, den rechten gerade aufgesetzt.

Das verstehe ich nicht!“ gestand Monika in der Unterrichtspause, als sie mit mehreren Schülern und Schülerinnen unter dem Belvedere umher streifte. „Was da in der Zeitung steht, klingt nach Geschichten von Sherlock Holmes. Was soll der Polizei schon eine Fußspur nützen, von der sie nicht sicher weiß, dass der Automatendieb sie hinterlassen hat?“

Marlene gab ihr recht.

Das finde ich auch. Überhaupt — wie kommen die Polizisten dazu, aus den Absatzabdrücken auf die Beinhaltung zu schließen?“ Sie sprang die Stufen hinunter, setzte sich hin und grub die Absätze ein. „Schau, Mischa, wie leicht kann man sich da irren! Die Eindrücke sehen doch immer gleich aus, ob ich die Füße nach rechts oder links drehe.“

Michaela beugte sich vor, auch Monika starrte interessiert hinab. Es gab über die Neuigkeit des Tages viel zu reden. Die Jungen aus allen Klassen krochen durch die Anlage und suchten — ja, was suchten sie eigentlich?


Ein deutscher Aufsatz von Thomas Kurali in der vierten Stunde dieses Tages enthielt einige merkwürdige Sätze. Sie hatten über das Pferd und seine Gangarten schreiben sollen. Knubbel schrieb: „In weichem Boden hinterlassen Hufe Spuren. Sie können so deutlich sein, dass Mängel der Hufeisen, wie etwa das Fehlen einzelner Nägel, zu erkennen sind. Solche Eigenarten der Spur sind Erkennungsmerkmale und können zur Aufklärung eines Verbrechens führen. Wenn zum Beispiel ein Einbrecher mit genagelten Stiefeln das Absatzeisen verloren ...“

So ging es noch zwei Seiten weiter.

Der Knox strich bei der Korrektur diese Teile des Aufsatzes mit roter Tinte durch und schrieb darunter: „Thema weit verfehlt.“

Die Jungen und Mädchen aber waren nun aus dem Häuschen, von Konzentration konnte keine Rede mehr sein. Von Assessor Neurod bis hinauf zu Oberstudiendirektor Breitfluß waren alle Lehrkräfte froh, als der Unterricht zu Ende ging.

Das Mamomi-Trio verabredete, um 14 Uhr wieder auf dem Kastanienplatz zu sein.

Vielleicht finden wir doch etwas, und wenn es nur eine weggeworfene oder verlorene Zigarette des Einbrechers wäre!“ ereiferte sich Monika. „Das wäre toll!“

Bildet euch nicht ein, Detektiv spielen zu können“, sagte Marlene. „Dazu braucht man Wissen und Erfahrung ...“

Das hat bestimmt wieder dein Vater gesagt“, stieß Monika hervor. „Aber es macht doch Spaß. Struppi, das ist doch aufregend!“

Und die Schularbeiten?“ fragte Michaela lächelnd. „Fünfundzwanzig Worte Latein. Wer sie morgen nicht kann, muss Strafarbeiten schreiben. Zweihundertmal 'obtemperare' (gehorchen) oder sonst ein großes Wort, ich danke!“

Das kriegen wir hin!“ betonte Monika. „Ich lerne gleich nach dem Essen und den Rest später, wenn ich wieder zu Hause bin. Kommt ihr?“

Na ja, ich mache schon mit“, erwiderte Marlene. Sie machte ein geheimnisvolles Gesicht und fügte hinzu: „Vielleicht erlebt ihr wirklich eine Überraschung.“

Ich bin skeptisch“, gestand Michaela. „Wir werden die Lust schnell verlieren.“

Was soll das? Wir haben es uns vorgenommen und bleiben nun dabei“, sagte Marlene. Dann trennten sie sich.


Wird fortgesetzt

© Alexander Brändle Erben

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