A. Brändle: "Drei Mädchen auf einer Spur" - 09. Kapitel

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Geht sie in die Falle?
Freitag, 13. Juni 2014 - 14:01

In diesem Kapitel wird erstmals der Direktor (Direx) des Schönborn-Gymnasiums erwähnt, wobei er bei Alexander Brändle den schönen Namen Breitfluß bekommen hat. Zu der Zeit, in der diese Geschichte spielt, also in den frühen 1960ern, war Oberstudiendirektor Dr. Bruno Schwalbach (1917 - 2009)* Leiter des Schönborn-Gymnasiums. Alexander Brändle hat sich somit eine hübsche Verfremdung des Nachnamens "Schwalbach" zu "Breitfluß" einfallen lassen.

Übrigens. Wer es heute wagt, zu einer unverheirateten Frau "Fräulein" zu sagen, kriegt garantiert - zumindest verbal - eine auf die Pfoten. Fräulein war bis in die 1970er Jahre hinein die förmliche Anrede für unverheiratete Frauen gleich welchen Alters.


09. Kapitel: Geht sie in die Falle?

Mandeln

Zum Wochenende trafen die Karussells ein, die Schieß- buden, die Zuckerwaren- händler.

Bettina nickte Monika zu. Das sollte heißen: heute. Michaela war wieder in der Schule. Die Finger der rechten Hand waren einzeln verbunden, so dass sie nur langsam schreiben konnte. Aber sie war froh und gesprächig.

In einer Pause sagte sie zu Marlene:

Was ist eigentlich mit dir los? Du bist nicht mehr so ausgelassen wie sonst. Eher so wie ich, wenn ich meine Mucken habe. Hast du auch ein Geheimnis zu verbergen?“ Sie lachte zu dieser scherzhaften Frage. Aber Marlene antwortete ernst:

Vielleicht, Michaela. Jeder hat dann und wann mit einem Problem fertig zu werden. Oder glaubst du, nur du allein müsstest ernst sein und tun, als wärest du schon erwachsen?“

Nanu, Struppi, warum so bitter? Bist du böse auf mich?“

Nein.“

Marlene grübelte. Plötzlich fasste sie die Kameradin am Arm und fragte:

Sag ehrlich, Michaela, hast du ein reines Gewissen?“

Michaela schüttelte verwundert den Kopf.

Aber Struppi! Du bist ja wie verhext! Ich kenne dich doch sonst nur froh und übermütig. Was ist dir denn über die Leber gekrochen? — Ein reines Gewissen! Welcher Mensch hat ein reines Gewissen! — Oder bist du ohne Sünde?“

Nein. Es war Unsinn, was ich fragte.“

Nicht weit weg standen Bettina und Monika beisammen. Bettina flüsterte:

Hoffentlich verrät Marlene nichts!“

Das würde ich ihr nicht verzeihen!“ stieß Monika hervor.

Gleich darauf rief die Glocke zur nächsten Unterrichtsstunde. Oberstudienrat Knollberger wartete schon ungeduldig im Klassenzimmer. Zu Thomas Kurali, der als erster hereinkam, sagte er:

Du passt auf die Klasse auf! Ich muss dringend weg. Schreibt einen Aufsatz, eine Erlebnisgeschichte. Und verhaltet euch ruhig! Der Herr Direktor wird nach euch sehen!“ Dann ging er eilig hinaus.

Die Klasse schrieb. Monika schielte nach dem Platz, an dem sie den alten Geldbeutel hingelegt hatte. Er war weg.

Und — Michaela hatte nicht gemeldet, dass sie ihn gefunden hatte. Was würde Marlene sagen, wenn sie davon hörte?

Die Tür ging auf. Aber es war nicht der Direx, sondern ihr Klassenlehrer. Oberstudienrat Knollberger fragte hastig:

Na, Thomas, ist der Herr Direktor schon dagewesen?“

Nein, Herr Knollberger, noch nicht.“

Der Knox sah prüfend über die Bankreihen und verschwand von neuem. Nach zehn Minuten kam er wieder und erkundigte sich abermals, ob der Herr Direktor dagewesen sei.

Immer noch nicht, Herr Oberstudienrat.“

Kaum war der Klassenlehrer wieder weg, da trat Oberstudiendirektor Breitfluß zur Tür herein.

Ach, du liebe Zeit, Herr Direktor!“ sagte Knubbel aufgeregt. „Jetzt müssen Sie aber schnell zu Herrn Oberstudienrat Knollberger gehen, sonst wird er bestimmt wütend. Er war schon außer sich, er hat zweimal nach Ihnen gefragt.“

Was nun in der Klasse geschah, ist kaum zu beschreiben. Die Jungen und Mädchen bogen sich vor Lachen. Die Bänke wackelten. Selbst der Direktor, ein großer, stattlicher, schwarzhaariger Mann, konnte nicht ernst bleiben. Er brachte mit Mühe die Worte hervor:

Es ist schon gut.“ Dann ging er eilig hinaus. „Mensch, Knubbel, du bist übergeschnappt!“ rief Klaus-Peter und deutete unmissverständlich an die Stirn.

Ja, tipp dich nur an“, schalt Thomas Kurali zurück. „Hältst du mich wirklich für so dumm?“ Zur Klasse gewendet, sagte er laut: „Wenn mich einer oder eine verpfeift, dann gibt es Haue!“

Dann wurde so viel gesprochen, gelacht und gestikuliert, dass man das eigene Wort kaum noch verstehen konnte.

Es läutete. Die Jungen und Mädchen strömten hinaus. Bettina hielt Marlene an der Bluse fest und tuschelte ihr zu:

Weißt du schon? Der Geldbeutel ist weg!“

Ist er verschwunden? Wirklich?“

Ganz bestimmt. Sollen wir Michaela gleich danach fragen?“

Mach, was du willst!“ rief Marlene, riss sich los und rannte davon. Ihr war, als zerbräche etwas in ihr.

Auf dem Hof sah sie sich nach Michaela um. Sie war nirgends zu sehen. Die Klassenkameraden und Klassenkameradinnen liefen durch das Belvedere fort. Wieso eigentlich? Ach so, die Schule war aus. Sie hatte ihre Schulmappe unter der Bank liegenlassen. So etwas Dummes!

Rasch lief sie zurück. Das Klassenzimmer gähnte sie leer an. Sie stopfte hastig die Bücher und Hefte in die Mappe und rannte aus dem Zimmer.

Als sie die Steinstufen zum Schulhof hinunterlief, hörte sie hinter sich eine Stimme.

Hallo, Struppi! Bist du die letzte? Darf ich mitgehen?“

Das war doch — ja — das war Michaelas Stimme! Marlene drehte sich um und starrte das Mädchen an.

Wo kommst du her?“

Vom Direx.“

Was hast du bei ihm gemacht?“

,,Zuerst war ich im Sekretariat. Aber das Fräulein hat mich gleich weitergeschoben. Ich wollte nicht zum Direktor.“

Was hast du denn im Sekretariat gewollt?“

Ich habe etwas abgegeben.“

Was? Lass dir doch nicht jedes Wort aus der Nase ziehen!“

Ich soll nicht darüber sprechen, hat der Direx gesagt. Es würde sonst nur dummes Gerede aufkommen.“

Jetzt kriegst du Schläge, wenn du nicht sofort erzählst ...“

Michaela sprang an Marlene vorbei die Stufen hinunter, über den Hof zum Fahrradschuppen und rief übermütig:

Fang mich doch! Frag mich doch! Krieg mich doch!“

Marlene war erbost. Sie rannte wirklich los, um das Mädchen an den Haaren zu ziehen. Sie sollte ihr endlich sagen, wozu sie beim Direktor gewesen war.

Michaela lachte:

Aber Struppi, warum ärgerst du dich denn? Bist du so neugierig?“

Marlene verhielt den Schritt und sagte ernst: „Denke nicht, ich wollte mich in ein Geheimnis drängen! Ich habe nicht ohne Grund gefragt. Du wirst ihn erfahren.“

Sie sah, dass Monika und Bettina am Hoftor warteten.

Siehst du die beiden dort?“ Sie deutete mit dem Arm hinaus. „Sie werden an dich die gleiche Frage stellen oder ...“

Ihr habt einen Sonnenstich“, stellte Michaela fest. „Anders kann ich es mir nicht erklären, dass ihr meine Person plötzlich so wichtig nehmt.“

Wir haben dich schon immer wichtig genommen, weil du allein stehst und neu in der Klasse bist.“

Du lieber Himmel!“ stöhnte Michaela mit komischem Augenaufschlag. „Ich beichte ja schon — ich bin ins Sekretariat gegangen, um einen Geldbeutel abzugeben, den ich im Klassenzimmer am Boden gefunden hatte.“

Einen Geldbeutel? War etwas darin?“ Marlene wagte kaum zu atmen.

Das weiß ich nicht. Ich habe nicht nachgesehen. Es soll sich ein Erwachsener, in diesem Fall der Direx, mit der Sache herumschlagen. Ich bin den Fund jedenfalls los.“

Marlene packte ihr Sportrad.

Entschuldige, dass ich gefragt habe. Ich war eine neugierige Pute.“ Sie stieg auf und strampelte los. Plötzlich pfiffen die Vögel wieder im Stadtgarten. Und die Sonne schien so hell! Und Hunger hatte Marlene! — Monika würde sich entschuldigen müssen!


Wird fortgesetzt

© Alexander Brändle Erben


* Dr. Bruno Schwalbach (1917 - 2009) war von 1960 bis 1969 Leiter des Bruchsaler Schönborn-Gymnasiums. Nach seiner Tätigkeit am Schönborn-Gymnasium wechselte er an die Schulleitung des Bismarck-Gymnasiums in Karlsruhe. Dr. Schwalbach lebte bis zu seinem Tode in Bruchsal.

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