A. Brändle: "Drei Mädchen auf einer Spur" - 08. Kapitel

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Ein böser Verdacht
Mittwoch, 11. Juni 2014 - 20:59

Kennt noch jemand Preußen Münster? Der SC Preußen 06 e. V. Münster, immerhin im Jahr 1963 Gründungsmitglied der Fußball-Bundesliga, ist wohl mittlerweile wie der hier auch genannte KSC ( Karlsruher Sport-Club Mühlburg-Phönix e. V.) etwas in Vergessenheit geraten. Preußen Münster spielte lediglich eine Saison in der 1. Liga, heute in der 3. Liga. Der KSC krebst derzeit in der 2. Bundesliga herum.


08. Kapitel: Ein böser Verdacht

S-t-r-u-p-p-i!“ rief Bettina über den Schulhof. „Würdest du so freundlich sein und mir für Sonntag deinen Plattenspieler leihen?“

Warum nicht? Recht gern. Aber was ist denn los? Hast du Geburtstag? Gibst du eine Party?“

Nein. Deine Eltern wollen sich einmal richtig ausschlafen.“ Bettina lachte breit dazu.

Du bist ein Heide!“ antwortete Marlene.

W-a-s?“

Ja, ein Heide — oder eine Heidin. Wir sind sonntags morgens keine Langschläfer. Wir besuchen um dreiviertel acht den Frühgottesdienst.“

Warum das?“

Weil wir es für richtig halten. Mein Vater sagt: Einmal in der Woche soll man Gott die Ehre geben. Gehen wir früh zur Kirche, dann haben wir den Tag für einen Ausflug vor uns.“

Eswar ja nur Spaß.“ Mit diesen Worten steckte Bettina ihre Humorspritze weg. Das Vesperbrot war ihr wichtiger. Sie erinnerte sich: Mit vollem Munde soll man nicht sprechen.

Monika kickte eine verrunzelte Kastanie zu den Jungen hinüber. Die braune Frucht hüpfte über Steinchen, sprang seitwärts, schoss Assessor Neurod durch die Beine und klatschte Thomas Kurali an die Wange, dass er vor Schreck erstarrte. Er ließ die Stulle fallen, hielt sich die Backe und stieß den Leib- und Magenbrüller „so'n Knubbel!“ aus.

Belvedere

Dann fuhr er herum und suchte den Attentäter. Aber die Mädchen standen lammfromm unter den Sandsteinbogen des Belvedere und unterhielten sich gelangweilt. So sah es wenigstens aus. Wütend drehte er sich weg und klaubte die Wurst und das Brot vom Boden auf.

Die Mädchen der Quinta A bogen sich jetzt vor Lachen. Sie hielten sich den Mund zu, um nicht herauszuplatzen.

Du — bist aber — frech!“ ächzte Bettina.

Die Kastanie ist dem Paff-paff durch die Beine gesprungen!“ kicherte Marlene. „Er hat es nicht gemerkt.“ „Sag, Struppi“, sagte Bettina, „Michaela fehlt.“

Warum? — Ist sie krank?“

Nicht bettkrank“, sagte Marlene. „Ihr wurde die rechte Hand gequetscht. Ein Kind schlug die Tür zu, und Michaela hatte die Hand am Pfosten.“

O jemine! — Das hat bestimmt weh getan!“

Vier Finger sind gequetscht. Die Nägel lösen sich ab. Obendrein hat die Tür sie auch am Kopf getroffen.“

Hast du sie schon besucht?“ fragte Monika.

Ja. Meine Mutter erzählte mir von dem Unfall. Mutter kennt eine Schwester vom Jugendheim.“

Monika musste plötzlich an etwas anderes denken.

Betti! Wir haben dich noch gar nicht gefragt, ob du den Füller wiedergefunden hast. Wo lag er denn?“

Er ...“ stotterte Bettina auf diese plötzliche Frage und schielte Marlene an. „Er — liegt noch irgendwo. Ich — habe ihn nicht gefunden.“

Was? Dein Füllhalter ist nicht wiederzufinden?“ Marlene stand verwundert da. „Er kann doch nicht weggezaubert sein!“

Meine Mutter hat lange danach gesucht“, bestätigte Bettina. „Und dann hat sie mich ausgeschimpft.“

Ein tolles Stück!“ rekapitulierte Monika. „Wir spielen 'Mensch, ärgere dich nicht'. Marlene fällt mit dem Stuhl um und dann ist der Füller weg. Wenn ich Kriminalist wäre ...“

Du bist keiner!“ unterbrach sie Marlene. „Zerbrich dir also nicht den Kopf!“

Du kannst mir einen Sonnenschirm bei Regenwetter verbieten, Struppi, aber sonst nichts!“ ereiferte sich Monika. „Der Füllhalter ist gestohlen worden. Das pfeifen ja ...“

Es klingelte. Die große Pause war vorüber. Die Gymnasiasten und Gymnasiastinnen strömten in das Schulgebäude hinein.

Darüber unterhalten wir uns nach dem Unterricht!“ sagte Marlene entschieden.

Sie trafen sich am Ferdinand-Keller-Brunnen und setzten sich auf eine Bank.

Keller-brunnen

Hör zu, Ballerine“, begann Marlene das Gespräch. „Du hast gesagt, der Füllhalter sei geklaut worden. Das ist ein schlimmer Verdacht. Hast du dir überlegt, wer der Dieb sein könnte?“

Na ja ...“

Nichts na ja! Der Verdacht fällt auf dich, auf mich, auf Michaela und — ganz hoch kriminalistisch gesehen — auch auf Betti, obwohl ihr der Füller gehörte.“

Na, na, deine Phantasie!“ schnippte Monika.

Still!“ rief Marlene. „Was sagst du dazu, Betti? Du bist ja die Betroffene. Ein sauberes Kleeblatt sind wir! Michaela, die krank ist, eingeschlossen, sind wir allesamt des Diebstahls verdächtig!“

So hat es Mone nicht gemeint“, sagte Betti. „Aber da mein goldener Füller nicht wiedergefunden worden ist, macht man sich doch Gedanken ...“

Natürlich, natürlich!“ ereiferte sich Monika. „Logisch ist das! Und Rücksicht darf man dann auf keine nehmen, selbst wenn man mitbelastet ist.“

Nun frage ich ganz dumm“, sagte Bettina. „Hat jemand von euch meinen Füller genommen?“

Marlene schüttelte den Kopf.

Nein!“

Monika zog das Näschen hoch. „So etwas tue ich nicht.“

Dann müsste ich noch die kranke Michaela fragen“, wob Bettina den Faden weiter.

Sagen kann man viel“, erwiderte Marlene. „Nur Beweise zählen...“

Das hat bestimmt wieder dein Vater gesagt“, foppte Monika.

Warum auch nicht, Ballerine?“

Wie lange wollen wir darüber sprechen?“ fragte Bettina. „Zu Hause warten sie mit dem Essen.“

Dann treffen wir uns um fünfzehn Uhr in der Gartenanlage vor dem Bahnhof. Einverstanden?“ Marlene nahm ihr Fahrrad und schob die Büchermappe auf den Gepäckträger.

Ich komme bestimmt!“ rief Monika. Bettina überlegte ein bisschen.

Ich habe zur Bahnhofsanlage den weitesten Weg. Aber ich werde da sein.“

Dann trennten sie sich. Marlene und Monika radelten miteinander los.

Es wurde ein Viertel nach drei, bis Bettina eintraf. „Ich bin nicht so schnell mit den Hausaufgaben fertig geworden. Habt ihr die Nacherzählung des Lesestückes schon geschrieben?“

Das ging leicht!“ sagte Marlene.

Ich habe nur eine Seite geschrieben“, nickte Monika. „Ich denke, wir wollen etwas anderes besprechen.“

Ja, wir sind Diebe!“ stellte Marlene fest.

Nein, wir sind diebstahlverdächtig“, verbesserte Bettina. „Aber ich nicht. Ich klaue doch nicht meinen eigenen Füller! Das anzunehmen, wäre dumm.“

Ach, du hast wohl noch nie einen zackigen Krimi gelesen!“ Marlene beugte sich belehrend vor. „Da tippt man auf alle möglichen Spitzbuben. Und zum Schluss wird das Unschuldslamm des Romans als der Täter entlarvt. Oder der Bestohlene als der Dieb.“

Ich darf keine Krimis lesen“, erklärte Bettina.

Wir haben keinen einzigen zu Hause“, stellte Monika fest. „Vater liest nicht viel. Und Mutter holt sich ab und zu etwas aus der Leihbücherei. Aber ich darf diese Bücher nicht anrühren. Ich möchte wissen, warum sie es mir verbietet.“

Das kann ich dir sagen“, nickte Marlene. „Deine Mutter liest bestimmt Romane, in denen auch böse und schlechte Dinge vorkommen. Das brauchen wir noch nicht zu wissen. Wir sind ja noch Kinder.“

Das verstehe ich nicht“, erwiderte Monika. „Warum lesen die großen Leute so etwas? Sie könnten doch auch Bücher mit gutem Inhalt lesen.“

Marlene zuckte die Schultern. „Ein Buch muss nicht schlecht sein, nur weil darin von Bösem erzählt wird. Das Böse und Schlechte gehört wie das Gute zur Wirklichkeit des Lebens. Durch den Gegensatz wird ein Buch spannend.“

Das ist mir zu hoch“, erwiderte Bettina. „Ich bin auch nicht fürs Lesen. Lieber sehe ich mir im Fernsehen ein Fußballspiel an.“

Kugel, du kriegst eine Eins!“ Monika strampelte mit den Beinen. „Du ein Fußballfan? Als Mädchen?“

Ja, ja, ja! Ich — bin begeistert davon.“

Wer hat denn am Samstag gespielt?“

Der KSC gegen Preußen Münster. Andere auch. Aber dem KSC habe ich zugesehen.“

Wie ist das Spiel ausgegangen?“ fragte Marlene und grinste hintergründig.

Null zu null.“

Und wie stand es bei der Pause?“

Es wurde nur die zweite Halbzeit ...“ antwortete Bettina. Und dann rief sie: „Oh, du! Du — hast mich hereingelegt!“

Marlene und Monika schrien belustigt, klatschten in die Hände, sprangen auf und setzten sich wieder. Sie vollführten einen Lärm, dass Fußgänger vom Bahnhofsplatz herüber starrten.

Wenn ihr ausgetobt habt, können wir ja weiter über den Füller sprechen“, sagte Bettina gekränkt. „Oder möchtet ihr das nicht?“

Marlene meinte:

Spaß muss auch sein! Also — ganz ernsthaft jetzt — ich fasse zusammen: Dein Füller ist verlorengegangen und nicht wiedergefunden worden. Vielleicht hat ihn jemand weggenommen...“

Das — kann nur Michaela gewesen sein“, stellte Bettina trotzig fest.

Halt!“ Marlene schüttelte ernst den Kopf. „Wir stehen alle unter Verdacht. Aber ich kann beschwören, Betti, dass ichihn nicht genommen habe.“

Ich schwöre auch!“ ereiferte sich Monika. „Jetzt sind wir schon fast zwei Jahre zusammen im Gymnasium. Ich denke, niemand von uns hat den Füller genommen. So etwas tun wir nicht.“

Du hast recht, Monika“, nickte Bettina. „Michaela war es.“

Sag das nicht!“ Marlene zog die Augenbrauen zusammen, „Warum sollte Michaela deinen Füller mitgenommen haben?“

Weil — sie sich so einen nicht leisten kann.“

Aus Habgier oder Neid also! Das glaube ich nicht. Ich traue es Michaela nicht zu. Was meinst du, Mone?“

Wir müssen sie fragen. Hat sie es getan, dann werden wir es ihr anmerken, wenn sie antwortet, auch wenn sie lügt.“

Marlene sagte: „Angenommen, sie hätte den Füllhalter. Was sollte sie damit tun? In der Schule könnte sie ihn nicht benützen. Im Jugendheim würden die Schwestern fragen, woher sie ihn hat. Michaela ist doch nicht dumm. Sie überlegt sich alles, was sie tut, so gründlich wie ein erwachsener Mensch.“

Du verteidigst sie“, erwiderte Bettina, „obwohl du sie kaum kennst. Sie ist doch neu unter uns.“

Sie ist jedenfalls vernünftiger als wir alle. Du hast eine merkwürdige Logik. Jeder fremde Mensch ist für dich zuerst ein schlechter Mensch. — Gut. Wir fragen sie geradeheraus. Geht ihr mit? In zehn Minuten wissen wir mehr!“

Ich mag sie nicht offen fragen“, wehrte sich Bettina. „Tu du es allein, Marlene!“

Nein, du hast sie verdächtigt!“ „Ich kann es nicht.“

Ich auch nicht!“ stieß Monika hervor. „Ich finde es schäbig.“

Was sollen wir denn tun?“ fragte Marlene.

Ihr eine Falle stellen!“ rief Bettina.

Du hast Einfälle!“ entrüstete sich Marlene. „Einer Mitschülerin eine Falle stellen? Was soll sie von uns denken, wenn sie es merkt?“

Sie darf es nicht merken.“

Ach, das ist doch unfair!“ rief Marlene. „Dann kann ich ihr nicht mehr in die Augen sehen. Ohne Aufrichtigkeit gibt es kein gutes Zusammenleben.“

Du hast recht, Struppi“, sagte der Zappelphilipp Monika. „Aber es gibt keinen anderen Weg, Klarheit zu gewinnen. Ausnahmen bestätigen die Regel, würde dein Vater sagen. Sollte sich alles aufklären, beichten wir es Mischa. Bist du unter dieser Bedingung einverstanden?“

Ich kann nicht mit solchen Methoden einverstanden sein. Wie habt ihr es euch denn gedacht?“

Monika erklärte: „Am Samstag fängt doch der Jahrmarkt an. Wir alle fahren gern Karussell. Passt auf: wir lassen auf der Schulbank Geld liegen und reden vom Jahrmarkt ...“

Es ist und bleibt gemein!“ schimpfte Marlene. „Man darf niemanden in Versuchung führen!“

Mensch, Struppi, sei doch vernünftig!“ rief Monika. „Ich will die erste sein, die Michaela um Verzeihung bittet, wenn nichts geschieht. Da sie aber ganz fremd für uns ist, da niemand mehr lebt von ihrer Familie, jemand, den man fragen könnte ...“

Ihren Onkel!“

Na, den fragst du bestimmt nicht. Auch weißt du nicht, ob er hier in der Stadt wohnt. Und schließlich ist mit ihm etwas faul!“

Hat Michaela einen Onkel?“ fragte Bettina neugierig.

Ach nein! Einen Bekannten, was weiß ich! Wir sagen Onkel, weil er so alt wie ein Onkel ist“, lenkte Monika hastig ab.

Marlene seufzte in verhaltenem Grimm. „Also — ihr legt Geld auf eine Schulbank ...?“

Nimm es nicht so wörtlich, Struppi!“ sagte Monika. „Ich habe einen alten Geldbeutel. Wir stecken zwei Mark hinein und legen ihn unauffällig so, dass Michaela ihn finden muss. Klar?“

Ich bin einverstanden“, nickte Bettina. „Das ist wie eine Prüfungsaufgabe für einen Jugendklub. Ich habe davon in einem Buch gelesen.“

Du kannst einmal“, schimpfte Marlene, „den 'Götz von Berlichingen' lesen, ein sehr bildendes Theaterstück von Goethe.“

Was hat denn das mit Michaela zu tun?“

Einen Tirolerhut mit Fransen natürlich! Also, bei einer demokratischen Abstimmung bin ich dagegen!“ Marlene war nicht zu beruhigen. „Vor Wut werde ich jetzt telefonieren!“ Sie sprang von der Bank auf.

Wozu?“ Bettina ließ den Mund weit offen.

Wen willst du anrufen?“ fragte Monika misstrauisch.

Den Zoodirektor in Karlsruhe, damit er euch Affen in einen Käfig sperrt! — Aufhören!“ schrie sie gleich darauf und rannte davon, denn es hagelte von zwei Seiten Kopfnüsse. „Aufhören, ich nehm's zurück!“

Als Bettina und Monika von ihr abließen, fing sie zu lachen an und sagte:

Aber telefonieren werde ich doch! Kommt mit!“

Sie hatten nicht weit zu gehen. Der Post gegenüber stand eine Fernsprechzelle. Die drei Mädchen schlüpften hinein. Marlene drehte die Null. Das Fernamt meldete sich.

Hallo, Fräulein!“ rief Marlene in das Mikrophon. „Könnten Sie mir einen Gefallen tun?“

Aber gern“, antwortete die Dame in der Zentrale. „Was darf es sein?“

Ach, wissen Sie, die Schnur an meinem Hörer ist viel zu lang. Bitte, ziehen Sie sie auf Ihrer Seite ein Stück zurück!“

Dann legte Marlene den Hörer rasch auf die Gabel. Die Mädchen verließen fluchtartig die Telefonzelle und liefen kichernd weiter in die Stadt hinein.


Wird fortgesetzt

© Alexander Brändle Erben

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