A. Brändle: "Drei Mädchen auf einer Spur" - 07. Kapitel

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Michaela benimmt sich seltsam
Montag, 9. Juni 2014 - 10:43

07. Kapitel: Michaela benimmt sich seltsam

Marlene und Michaela hielten es liegend nicht lange aus. Sie sprangen auf und plapperten:

Wir wandern um den See herum. Vielleicht treffen wir Bekannte.“

Marlenes Vater dachte daran, dass seine zweite Schwester mit ihrem Mann und ihrem jüngsten Kind, der zweijährigen Brigitte, ab und zu herkam. Sie lagerten meist am Ostufer.

Dann lauft los! Aber bleibt beieinander und geht nicht ins Wasser, ehe ihr hierher zurückgekommen seid.“

Nein, Papa!“ rief Marlene, fasste die Schulkameradin an der Hand und rannte mit ihr den Hang zum Stangenwald hinauf. Auf dieser Seite des Sees lagen große Sandaufschüttungen, über die ein dünner Rasen gewachsen war. Die höchste Aufschüttung glich mit ihrer Höhe von 30 m über dem Wasserspiegel einem Bergrücken.

Dort hinauf strebten die beiden Mädchen. Sie tappten barfuß durch Sand und Gras und ließen die Sonne auf ihre jungen Körper brennen.

Du, Mischa!“ Marlene blieb plötzlich stehen. „Dort saß doch dein Onkel! Wir müssen einen anderen Weg gehen.“

Michaela tappte weiter.

Wir laufen hinter dem halbzerfallenen Steinhaus vorbei. Dann sieht er uns nicht. Er saß doch vorn am Ufer.“

Sie stiegen den Hang hinauf, auf den Zehen balancierend, denn das steilste Stück war übersät mit großen, abgeschliffenen Kieselsteinen. Als sie schwer atmend oben standen, sahen sie den Kiesgrubensee wie eine Pfütze unter sich liegen. Marlene schielte zum Ostufer hin und sagte:

Wenn du nur erzählen würdest, warum du Angst vor ihm hast!“

Da Michaela nicht antwortete, fuhr Marlene fort:

Mein Vater wüsste gewiss eine Lösung. Dann wärst du die Angst los.“

Ich — werde schon damit fertig, übrigens — dein Vater hat es doch gemerkt — warum fragt er nicht?“

Weil er uns für so vernünftig hält, dass wir von selbst reden. Ist er nicht ein prima Vater?“

O ja — wenn ich nur auch einen hätte ...“

Sie gelangten am Rand des Waldes entlang hinter das dachlose Steinhaus. Michaela blieb stehen, tippte Marlene lächelnd an und meinte:

Ich habe eine Idee! Zu deinen Eltern ist es von hier links herum und rechts herum gleich weit. Wir machen einen Wettlauf. Ich renne links und du rechts um den See zurück!“

Dann müsstest du über den Sandberg.“

Nein, dahinter ist ein ebener Pfad. Ich habe ihn von oben gesehen. Wer zuerst ankommt, muss dem anderen etwas schenken. Einverstanden?“

Aber wir sollten doch beisammen bleiben, hat mein Vater gesagt ...“

Wir kommen ja etwa gleichzeitig an. Dann ist alles in Ordnung.“

Ich weiß nicht — dein Onkel ... Hast du plötzlich keine Angst mehr vor ihm?“

Doch. Aber er hat mich nicht gesehen. Der denkt nicht daran, dass ich hier sein könnte.“

Marlene spähte durch die leeren Fensterhöhlen. Aber sie konnte das Seeufer nicht sehen. Es lag zu tief.

Wenn es dir großen Spaß macht — mir ja eigentlich auch — , dann rennen wir los!“

Sie zählten gemeinsam. „Eins — zwei — drei!“

Marlene rannte nach rechts, Michaela nach links. Nach wenigen Metern konnten sie einander schon nicht mehr sehen. Steinhaufen, Gestrüpp, Bodenwellen waren zwischen ihnen.

Marlene lief gleichmäßig am Ufer entlang und machte um die Gruppen lagernder Badegäste einen Bogen. Über leere Decken und Luftmatratzen sprang sie federnd hinweg. Schon von weitem erkannte sie ihre Eltern in dem Gewimmel. Sie saßen aufrecht und blickten über das Wasser, in dem jetzt viele Menschen schwammen. Michaela war noch nicht zu sehen! Gut so, dann würde sie, Marlene, Erste werden.

In einer Ufermulde spielten zwei Kinder. Marlene rannte zwischen ihnen hindurch, stolperte über ein Blechschäufelchen, überschlug sich und purzelte ins Wasser hinein. Die beiden Kinder kreischten vor Schadenfreude. Marlene raffte sich auf, schüttelte sich, dass es spritzte, und rannte weiter. Schon war die Fahrräder-Pyramide gut zu erkennen. Ein paar Sätze noch — keuchend blieb sie hinter dem Lagerplatz stehen.

Papa! Mama! Ich hab' ein Wettrennen gewonnen!“ Erschöpft ließ sie sich auf die Decke fallen.

Ein Wettrennen — mit wem?“ fragte ihr Vater.

Mit Michaela. Wer zuerst hier ist, hat gewonnen.“

Wo steckt sie denn?“

Sie wollte auf der anderen Seite laufen. Eigentlich müsste sie schon hier sein — sie hat den kürzeren Weg.“

Der Vater stand auf und spähte das Ufer entlang. Er war beunruhigt. Wo blieb Michaela? Er fühlte sich für sie verantwortlich.

Komm! Wir suchen sie!“ sagte er kurz. Sie liefen sofort los.

Da und dort lagerten Badegäste, auch am Fuße des riesigen Sandberges. Aber von Michaela war nichts zu sehen.

Kinder

Vater und Tochter kletterten den Steilhang hinan und suchten mit den Blicken die Umgebung bis zum Ostufer ab. Nichts ... Überall sahen sie nur fremde Gesichter. Sie eilten zum Ostufer. Ein Dutzend Kinder plätscherte im Ufersand. Michaela aber schien spurlos verschwunden zu sein, und auch ihr Onkel war nirgends zu sehen.

Herr Theissen wurde sehr aufgeregt.

Marlene, das ist kein Spaß mehr! Wo treibt sich Michaela herum? Sie ist doch sonst so vernünftig. — Sprich! Warum fürchtet sie sich vor dem Mann, der am Ufer saß? Wieso stellt er ihr nach? Das sagtest du doch! Ich muss jetzt wissen, was da gespielt wird! Was weißt du?“

Ich weiß gar nichts, Papa. Der Mann, der da am Ufer saß — ist Michaelas Onkel. Sie fürchtet sich vor ihm.“

Komisch. Vor ihrem Onkel?“

Ja. Aber sie kennt ihn kaum.“

Wenn es ihr Onkel ist, darf ich mich nicht einmischen. Anderer Leute Verwandtschaftsangelegenheiten gehen mich nichts an. Nur finde ich es ungezogen, dass sie sich jetzt irgendwo herumtreibt.“

Sie hat Angst vor ihrem Onkel, Papa.“

Sollen wir den ganzen Wald durchstreifen? Herrschaft noch mal, ist das eine Sonntagnachmittagserholung!“

Da kam sie heran gesprungen, die Verlorengegangene, ausdem Weg zwischen der Tannenschonung und dem Stangenwald. Sie lachte — aber verkrampft. Dann plapperte sie verlegen und aufgeregt:

Es tut mir leid. Ich bitte um Entschuldigung. Darf ich jetzt nach Hause fahren?“

Marlenes Vater sah sie ernst, fast vorwurfsvoll an.

Wir haben uns um dich gesorgt. Du solltest sagen, warumdu dich vor deinem Onkel fürchtest. Ich hörte, er verfolgt dich. Was heißt das?“

Ach, Herr Theissen — ich hatte Streit mit ihm — wegen — meiner Pflegemutter. Aber jetzt ist alles erledigt. Ich bin doch fremd für Sie. Sie sorgen sich um mich? Ich möchte für mich bleiben. Ich — ich brauche kein Mitleid!“

Die letzten Worte klangen schrill. Michaela sprang davon, schnurgerade auf den Lagerplatz zu. Marlene schritt an der Seite ihres Vaters langsam hinterdrein.

Was sagst du dazu, Kind?“

Michaela ist durcheinander. Sie muss wieder mit ihm gesprochen haben. So kenne ich sie nicht.“ In Marlenes Stimme schwang eine Bitte um Verständnis.

Herr Theissen nickte.

Ich bin noch nicht so alt, dass ich junge Menschen nicht mehr verstehen könnte, Kind. Aber Mädchen sind wirklich schwierig. Warum plagt sich deine Klassenkameradin mit Geheimnistuerei? Sie will mit ihrem Problem allein fertig werden. Weshalb? Ist ihr Stolz verletzt? Ich frage mich, ob ich als junger Mensch auch so war. Nein, so war ich nicht!“

Als sie sich ihrem Lagerplatz näherten, sahen sie, dass Michaela in den Wald lief, um sich umzuziehen.

Wisst ihr schon“, sagte die Mutter, „Michaela will nach Hause. Sollen wir sie allein wegfahren lassen?“

Wenn sie die Landstraße durch den Forst benutzt, ja!“ erwiderte ihr Mann. „Sie soll sich nicht durch uns beaufsichtigt fühlen. Das wird ihr weiterhelfen.“

Marlene schlang ihre Arme um Vaters Nacken und küsste ihn mehrere Male. „Papa, du bist großartig!“

Schon gut, Kind! Leicht fiel mir die Entscheidung nicht!“

Michaela trat aus dem Wald hervor, packte ihre Badesachen ein und sagte mit abgewendetem Gesicht:

Herr Theissen, es war sehr schön. Ich möchte gern — wenn Sie erlauben — wieder einmal mit Marlene hier baden gehen ...“

Du hättest noch bleiben können“, erwiderte Marlene eifrig. „Wir fahren erst fort, wenn die Sonne sinkt, wenn die Schnaken aus dem Wald kommen. Die stechen nämlich schlimm!“

Ach, heute bin ich mir selbst böse“, sagte Michaela und hatte schon den Lenker ihres Fahrrades gefasst.

Ich gehe jetzt — ich will der Schwester Oberin und Schwester Klothilde noch helfen. Es sind viele kleine Kinder im Jugendheim. Auf Wiedersehen — und vielen Dank für die Einladung!“

Sie stieg auf und fuhr in Richtung des Dorfes davon. Die Familie Theissen sah ihr nach. Marlene seufzte:

Das ist eine schwierige Freundin!“

Ihre Mutter meinte dazu:

Schließe nicht so schnell Freundschaften. Es genügt, wenn sie deine Kameradin ist.“

Ich bin sehr gern mit ihr zusammen.“

Da mischte sich der Vater ein:

Das glaube ich dir. Michaela wirkt fest und ruhig, du hingegen bist unser unruhiges Quecksilber mit Humor-Rosinen im Oberstübchen.“

Schwimmvögel

Sie lachten, der Bann löste sich. Marlene rannte zum Wasser hinunter und spritzte mit beiden Händen ihre Eltern nass.

Hör auf!“ rief die Mutter und fuchtelte drohend mit den Händen. Der Vater wich seitlich aus, sprang ins Wasser, bückte sich und — plitsche, platsche, tropfte Mutter vom Scheitel bis zur Sohle.

Unverschämtheit!“ protestierte Frau Theissen. Sie sah jedoch nur lachende Gesichter. Also machte sie gute Miene zum bösen Spiel und sprang ebenfalls ins Wasser hinein. Schon schwammen alle drei im Bogen durch den Kiesgrubensee. Marlene tauchte dabei, versuchte zu kraulen, drehte sich auf den Rücken, klatschte mit den Händen auf das Wasser und war wieder so recht vergnügt, wie es ihrer Natur entsprach.

Die Mutter, ein wenig auf Zurückhaltung bedacht, fragte ihren Mann:

Was soll nur aus dem Kinde werden, wenn es ins Heiratsalter kommt? Schwimmen kann Marlene, zeichnen, singen, sie lernt zwei oder drei Fremdsprachen, aber vom Kochen hat sie noch nicht die geringste Ahnung.“

Fängst du schon wieder damit an?“ erwiderte der Vater. „Lass es gut sein, Kochen und Backen lernt sie schon noch. Das ist meine geringste Sorge.“

Marlene kam herangeschwommen, strahlend, speiend, das runde Gesicht voll perlender Tropfen.

Ich hab' alles gehört, Mama!“ Sie tat beleidigt wie eine Filmdiva und flötete mit kokettem Augenaufschlag: „Dass du deinem eigenen Fleisch und Blut sooo wenig zutraust! — Ich bin zutiefst empört. Ich kann kochen auf beide Arten!“

Die Mutter war verblüfft, suchte mit den Füßen festen Grund und fragte, als sie glücklich stand und das Wasser ihr fast zum Kinn reichte:

Auf beide Arten? Was meinst du damit?“

Oh, das ist einfach. Ich koche einmal so, dass geladene Gäste wiederkommen, und das andere Mal so, dass ungeladene nicht wiederkommen.“

Schwupp — tauchte sie unter. Die Beine strampelten aus der Flut. Der rechte große Zeh stieß in Papas Nase, dass er vor Schmerz zu schwimmen vergaß.

Anschließend jagte ein ausgewachsener Hecht einen grasgrünen Hering, gab ihm einen Klaps auf den Po und trug den spritzenden, zappelnden Menschenfisch ans Land.


Wird fortgesetzt

© Alexander Brändle Erben

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