A. Brändle: "Drei Mädchen auf einer Spur" - 06. Kapitel

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Am Pfander-See
Samstag, 7. Juni 2014 - 11:22

Ob Marlene mit ihren Eltern und Michaela tatsächlich am Pfander-See bei Rußheim (heute Dettenheim) war? Die Routenbeschreibung lässt eher auf den Waldsee bei Forst schließen. Sei's drum. Es war schönes Wetter und die Ausflügler konnten im kühlen Wasser einer stillgelegten Kiesgrube (Baggerloch) schwimmen.

In diesem Kapitel werden Herr und Frau Theissen eingeführt. Unzweifelhaft Alexander Brändle und dessen Ehefrau Luise.


06. Kapitel: Am Pfander-See

Marlene stand am Fenster und starrte zum tiefblauen Himmel hinauf. Da rief ihr Vater:

Fertigmachen! Wir radeln ins Grüne.“

Bei der Hitze?“ stöhnte Marlene. „Das wäre ja eine Sauna!“

Eben darum, weil es so heiß ist, fahren wir. Pack alles ein: Badezeug, Luftmatratze, Federballspiel. Wir fahren zuerst zur Pfander-Kiesgrube. Wenn es uns dort gefällt, bleiben wir. Das wären etwa zehn Minuten Fahrt.“

Prima, Papa! Dann mache ich mit dir eine Wasserschlacht.“

Der Vater lachte.

Spring nicht gleich aus dem Hemd, Kind! Ich möchte mich ein bisschen ausruhen, im Sand liegen und braun brennen lassen.“

Was treibe ich dann allein im Wasser?“ schmollte Marlene. „Das wird langweilig.“

Ich wüsste eine Lösung. Lade Michaela ein, mitzufahren. Spring los und hole sie!“

Und wie Marlene davon sauste! Ein kurzes Gepolter noch im Treppenhaus — dann schlug die Haustür hinter ihr ins Schloss.

Dunnerlittchen!“ lachte der Vater seine Frau an. „Wenn sie so eifrig lernen — oder beim Geschirrspülen helfen würde ...“

Dann hätte ich morgen kein Porzellan mehr im Schrank“, erwiderte Marlenes Mutter. „Ich packe die Vesperbrote in die Packtaschen. Schau du nach den Fahrrädern. Marlenes Reifen brauchen Luft.“

Da fällt mir ein: Hat das Waisenkind überhaupt ein Fahrrad?“

Ich glaube, ja.“

Gut — erledigt!“

Da kamen die beiden Mädchen auch schon angestürmt. Michaela strahlte:

Darf ich wirklich mitfahren, Herr Theissen?“

Natürlich. Macht euch fertig! Ich möchte vor Mittag noch eine Runde schwimmen.“

Wenig später brachen sie auf. Marlene klingelte vor Übermut durch die ganze Moltkestraße. Vater fuhr voraus, dann kamen die Mädchen, und zum Schluss radelte die Mama.

Sie fuhren ihre bekannte Strecke: Rheinstraßen-Unterführung, Talstraße, Weststadtsiedlung, Ausgang unterer Schlossgarten, Burgweg. Bald bogen sie zum Hardtwald ein. Erst standen hohe, rotborkige Föhren da. Dann führte der Weg durch den dunklen, angenehm kühlen Schatten hoher Tannen, und schon winkte ihnen das Wasser in der stillgelegten Kiesgrube verlockend zu. Ein Schwimmer durchquerte mit ruhigen Stößen den kleinen See.

Fische stießen empor, Kringel breiteten sich aus. Es war ein Bild des Friedens.

Na, ist es hier nicht schön?“ fragte Herr Theissen. „Wir lagern auf der Landzunge, direkt am Wasser.“

Baggersee

Dort wurden die Fahrräder zusammengestellt und Wolldecken ausgebreitet. Die Mutter packte die Badetaschen aus.

Es ist prima, dass wir so früh gefahren sind“, meinte Michaela. „Wir haben nun das schönste Plätzchen, und der See ist noch leer.“

Ich muss gleich ins Wasser, ich halte es nicht mehr aus!“ zappelte Marlene.

Dann los!“ nickte ihr Vater und fing an sich zu entkleiden. Er hatte die Badehose schon an. Die Mädchen rannten mit den Badetaschen zur Tannenschonung hinauf.

Marlene war als erste umgekleidet. Sie stürmte mit den Kleidungsstücken über dem Arm heran, warf sie hin, ohne auf den Protest der Mutter zu achten, sprang mit einem Satz zum Ufer hinunter, bespritzte sich ein bisschen die Arme und Schenkel und tauchte mit flachem Sprung in den See.

So ein Leichtsinn! Du hast dich nicht richtig abgekühlt!“ rief Michaela hinterdrein.

Danke für die Blumen!“ prustete Marlene zurück und schlug mit den Händen und Füßen auf die Wasseroberfläche.

Das Wasser einer Kiesgrube ist doch kalt!“ begründete Michaela ihre Kritik.

In dieser Kiesgrube nicht. Hier brennt die Sonne von früh bis spät auf der ganzen Wasserfläche. Komm 'rein! Oder bist du wasserscheu?“

Schon schwamm Marlene heran und fing zu spritzen an.

Dir zeige ich gleich, dass ich wasserscheu bin!“ Michaela watete ins Nass und tauchte langsam ein. Plötzlich schnellte sie empor, war im nächsten Augenblick unter Wasser verschwunden, tauchte Marlene an und zog ihr die Beine weg.

Das wirkte wie ein Signal. Es gab eine Wasserschlacht in Ufernähe, dass die Tropfen bis zum Lagerplatz hinaufspritzten. Marlenes Mutter hatte sich auf der Luftmatratze ausgestreckt und die Augen geschlossen. Schwapp, wurde sie von einer Spritzwoge übersprüht. Sie fuhr ärgerlich hoch und wollte zu schimpfen anfangen. Aber ihr Mann beruhigte sie durch einen Wink, sprang ebenfalls ans Ufer hinab und rief in die Schlacht:

Aufhören!“

Als die Mädchen voneinander abließen und erschöpft, aber strahlend ans Ufer wateten, befahl er:

Jetzt macht ihr eine Verschnaufpause! Dann schwimmen wir zusammen über den See. Traust du dir das zu, Michaela?“

Ich hab's noch nicht probiert, Herr Theissen. Aber ich kann lange schwimmen. Ich habe den Schwimmschein I gemacht.“

Schwimmschein I — ist das eine Viertelstunde ohne Bodenberührung?“

Ja, ich hätte noch länger schwimmen können.“

Dann schaffst du es. Bis ans andere Ufer mögen es zweihundert Meter sein. Dazu benötigen wir etwa zehn Minuten.“

Wie tief ist die Kiesgrube, Herr Theissen?“

An den tiefsten Stellen zwanzig Meter. Man darf keine Angst haben. Man darf überhaupt nicht an die Tiefe denken und muss ruhig schwimmen, den Blick aufs andere Ufer gerichtet. Dann rückt es schnell heran.“

Wenn Sie mit schwimmen, habe ich keine Angst.“

Mama!“ rief Marlene zum Ufer empor. „Wir schwimmen über den See. Schau bitte auf die Uhr und stoppe die Zeit!“

Von einem Wettschwimmen war nicht die Rede!“ ermahnte der Vater. „Das halten wir auf einer solchen Strecke nicht durch. Wir schwimmen hübsch langsam. Das macht die Muskeln geschmeidig. Ihr werdet morgen einen Muskelkater haben.“

Kann's losgehen, Papa?“

Von mir aus.“

Platsch, flogen sie ins Wasser und schwammen fort. Unterwegs erzählten sie sich etwas. Herr Theissen beobachtete die Mädchen und gab den Rat, gleichmäßiger durchzuziehen und gleichmäßiger zu atmen.

Schnell erreichten sie die Mitte des Kiesgrubensees. Michaela spie lachend Wasser aus.

Es geht prima, Herr Theissen. Ich bin noch kein bisschen müde.“

Gut so! Immer stetig weiter. Das macht Spaß.“

Das Ufer kommt näher!“ rief Marlene, drehte sich auf den Rücken und ruhte sich mit gespreizten Beinen und leichten Handbewegungen aus. Herr Theissen trat auf der Stelle. Michaela warf den Kopf zurück, weil ihr eine Haarlocke übers Auge gefallen war.

Es ist sehr schön hier“, strahlte sie.

Dann schwammen sie weiter. Einsam saß ein Mann am Ufer, die Arme auf die hochgezogenen Knie gelegt. Sein Gesicht war dunkel, von der Sonne verbrannt.

Michaela starrte zum Ufer hin und stieß hervor:

Könnten wir nicht umdrehen? Ich will zurück!“

Marlene begriff sofort. Sie sah den Mann mit den schwarzen Haaren, forschte in Michaelas Gesicht, schwamm zu ihrem Vater hin und flüsterte:

Bitte, Papa, wir schwimmen zurück!“

Warum?“

Der Mann dort stellt Michaela nach!“ Marlenes Augen flehten so sehr, dass er ohne zu überlegen mit den beiden Mädchen kehrtmachte. Als er den Mund öffnete, um Michaela zu fragen, was da los sei, legte Marlene verstohlen einen Finger auf die Lippen und blickte ihn bittend an.

Es gefiel ihm nicht, zu schweigen. Verheimlichte ihm seine Tochter etwas? Das wäre eine neue und schmerzliche Erfahrung für ihn gewesen. Er nahm sich vor, später sein Kind zu fragen. Wenn Michaela nicht sprechen wollte — nun, ihr Vater war er nicht.

Aber die Sache beunruhigte ihn immer mehr. Er schwamm wortlos weiter und bemerkte nicht, dass auch die Mädchen nicht miteinander sprachen.

Als es ihm auffiel, waren sie fast am Ufer. Seine Frau stand dort und winkte ihnen lachend zu.

Warum seid ihr umgekehrt und zurück geschwommen? Ich dachte, ihr würdet auf dem Landweg zurückkehren. Eine solch weite Strecke schwimmen, das könnte ich nie!“

Schließlich spürten die Schwimmenden Sand unter den Füßen und kletterten aus dem Wasser.

Eine gute Leistung!“ erklärte Herr Theissen. Er tat, als wäre nichts geschehen. Da seine Frau immer leicht ängstlich war, würde er Marlene unter vier Augen fragen, warum sie und Michaela sich vor dem fremden Mann fürchteten.

Zum Mittagsbrot wurde kalter Tee getrunken. Dann legten sie sich in die Sonne und ließen sich bräunen.

Amense

Inzwischen bevölkerte sich das Ufer mehr und mehr. Junge Männer, junge Mädchen und ganze Familien lagerten an der Westseite der Kiesgrube. Auch am jenseitigen Ufer wimmelte es von Menschen. Kleine Kinder planschten freudekreischend im seichten Uferwasser oder spielten mit Blechförmchen im Sand. Die Stille war fröhlichem Lachen, Rufen und Planschen gewichen. Irgendwo plärrte ein Kofferradio. Fußball wurde gespielt und Federball. Fotoamateure krochen im Sand umher und knipsten Ameisen.


Wird fortgesetzt

© Alexander Brändle Erben

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Kommentare

Die Pfander-Kiesgrube...

ist der heutige Waldsee in Forst, an dem man heute leider nicht mehr baden darf. Die Kiesgrube war früher aber sehr beliebt, das Wasser war glasklar, an der Westseite befanden sich teilweise über 5 Meter hohe Steilwände und Lößhügel, von denen man tolle Sprünge ins Wasser machen konnte. Der See war bei den Bruchsaler Schülern sehr beliebt, an heißen Tagen traf man sich dort regelmäßig, um zu klönen, Platten zu hören und herumzutoben... Um mit Hermann Hesse zu sprechen: "Schön ist die Jugend...", in meinem Fall "war"...

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