A. Brändle: "Drei Mädchen auf einer Spur" - 04. Kapitel

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Wo steckt Michaela?
Samstag, 31. Mai 2014 - 9:24

04. Kapitel: Wo steckt Michaela?

Der Klassenlehrer pfiff das Geländespiel sofort ab. Ruhig ordnete er an: „Alle ausschwärmen und Michaela suchen! Nicht allein, immer zu zweit!“ Er teilte die Jungen und Mädchen ein. „Aber nicht weit in den Wald eindringen Wer in seinem Abschnitt nichts findet, kehrt sofort um! Bleibt auf der Bergkuppe und vergesst nicht zu rufen. Und nun los!“

M-i-c-h-a-e-l-a!“ schallte es nach allen Himmelsrichtungen hinaus. Die Jungen und Mädchen scherzten und lachten noch und suchten ihre Unruhe durch kleine Späße zu übertönen. Gewiss hatte sich Michaela mal zur Abwechslung etwas einfallen lassen und eine kleine Aufregung verursachen wollen — ein Spiel sozusagen. Oder war ihr vielleicht doch etwas zugestoßen?

Oberstudienrat Knollberger lief auf dem Serpentinenweg hin und her. Von hier hatte er eine gewisse Übersicht über die Suchtrupps.

Ja, das war eine böse Überraschung, die schlimmste, die einem Lehrer zustoßen konnte. Eine Schülerin war verlorengegangen — und zwar ausgerechnet sein Mündel!

Marlene und Monika waren zusammengeblieben. Marlene strebte dem oberen Rand des Steinbruchs zu. Von dorther, so glaubte sie, hatte sie die Pfiffe vernommen — und auch das Brechen von Ästen. Ja, jetzt wurde es ihr bewusst.

Bestimmt hat der Onkel nach ihr gepfiffen!“ stieß Monika mit glühenden Wangen hervor. „Was mag er von ihr wollen?“

Vielleicht ... O Gott! — Mone — das Geheimnis!“

Das meinte ich ja!“

Und Michaela hat sich rufen lassen — erinnere dich an ihre Angst!“

Ja, wenn wir nur eine Ahnung hätten ...“ „Sie wird nicht sprechen.“

Wahrscheinlich nicht. Mir kommt es vor, als bedrücke sie etwas.“

Ja, ein Schuldgefühl ...“

Sie blieben wie angewurzelt stehen. Leise hatte es gerufen: „Marlene — Monika!“

Sie fuhren herum und sahen Michaela. Sie lehnte an einem Baum, sah sehr unglücklich aus und wischte sich soeben über die Augen. Marlene fiel in der Hast des Losstürzens über eine Wurzel. Monika trat bis über die Knöchel in einen Ameisenhaufen und führte gleich darauf einen Wald-Cha-Cha-Cha auf. Es brannte höllisch an den Füßen.

In der Erregung des Augenblicks vergaßen sie alle Schmerzen und stürzten weiter. Sie sahen nur noch Michaela.

Monika rief empört:

Wo warst du?“

Marlene fragte:

War es der Onkel?“

Ja - und deshalb lasst mich in Ruhe! — Ich kann euch nichts erzählen. — Ich darf es nicht!“

Was wird der Knox sagen — als dein Vormund?“

Ihr müsst mir helfen. Unbedingt! Sagt zu ihm — ich hätte austreten müssen. Bitte, bitte, bitte!“

Monika nickte, betonte aber ernst:

Es ist nicht richtig, was wir tun. Du solltest dich Erwachsenen anvertrauen!“

Richtig!“ sagte Marlene. „Große Leute wüssten für dein Problem eine Lösung. Warum sprichst du dich nicht aus?“

Nein, nein, nein!“ schrie Michaela. „Kein Wort zu Herrn Knollberger! Kein Wort! Ihr wisst ja nicht ... Er hat mir gedroht — wenn ein Wort ...“

Sei ruhig!“ beschwichtigte Marlene. „Wir vertrauen dir — und du kannst uns vertrauen. Mein Vater sagt immer: Alles wird einmal gut, man muss nur Geduld haben.“

Sie gingen rasch durch den Wald zurück auf die Wiesen und von dort den Fußpfad hinunter. Oberstudienrat Knollberger war anzusehen, wie sehr ihn der glückliche Ausgang des Zwischenfalls erleichterte.

Auf dem Heimweg brachte Klaus-Peter die Gesellschaft wieder in ausgelassene Stimmung. Er zog ein betrübtes Gesicht, angelte nach dem Taschentuch und tat, als könne er nur mit letzter Überwindung Tränen zurückhalten.

Oberstudienrat Knollberger rief ihn heran und fragte:

Was ist denn los, Klaus-Peter? Warum flennst du?“

Ach, Herr Oberstudienrat, es ist zu traurig!“

Was ist traurig?“

Wissen Sie — ich muss an etwas Schreckliches denken. Der Vater von Thomas hat dichtes schwarzes Haar auf dem Kopf ...“

Na und?“

Monikas Vater hat dichtes blondes Haar, wie ein Künstler ...“

Ja, ja — was soll das?“

Eben darum bin ich so traurig — mein Vater hat nur noch den bloßen Kopf!“

Mit dem letzten Wort verzog sich der Spötter aus der Reichweite des Oberstudienrates, denn er dachte daran, dass unter dem breitrandigen Hut des Lehrers auch nichts war als eine nackte Fläche.

Dem Lehrer schien es einen Augenblick in der Hand zu jucken. Dann aber lachte er herzlich.

Als die Jungen und Mädchen das Klima für weiteren Spaß als günstig erkannten, umringten sie auf einen Wink von Klaus-Peter den Klassenlehrer, standen plötzlich still und starrten zu Boden. Klaus-Peter rief:

Rakete — los!“

Jetzt trampelten sie heftig, schlugen sich auf die Oberschenkel und klatschten, immer schneller werdend, in die Hände. Dann fuhren sie mit den Zeigefingern rund im Mund herum, zischten immer lauter und ließen das Zischen mit einem Knall enden. Dazu starrten sie gebannt in die Luft, bis endlich ein befreiendes „Aaaaaaaaah!“ die Spannung löste.

Der Knox schüttelte den Kopf und fragte:

Wer hat euch das beigebracht?“

Aber schon rannten die Schüler und Schülerinnen den Hang hinan. Trotz des allgemeinen fröhlichen Treibens ließen Marlene und Monika Michaela nicht aus den Augen.

Als sie in die Karlsruher Straße hinein schlurften, drehte sich Knubbel um und rief: „Ein Lied, ihr Schlafmützen!“

Sie fanden beim Singen rasch in einen Gleichschritt und freuten sich über das Lächeln der Leute in den offenen Fenstern.

Uhr

Das JKG im Jahre 1953. Foto: Stadtarchiv Bruchsal

Vor der Uhr der Justus-Knecht-Schule machten sie halt. Da löste sich Marlene mit blitzenden Augen aus der Schar und rief:

Ein schönes Wort!“

Alle: „Schnaps!“

Marlene: „Die Mehrzahl!“

Alle: „Schnäpse!“

Marlene: „Ein Schluck aus der Kognakflasche!“

Alle: „Gluck!“

Marlene: „Noch einer!“

Alle: „Gluck, gluck!“

Marlene: „Dasselbe zurück!“

Alle: „Krr, krr, krr!“

Marlene: „Drei chinesische Salutschüsse!“

Alle: „Tsching, tschang, tschung!“

Marlene: „Ein kurzes militärisches Lachen!“

Alle: „Ha!“

Marlene: „Dasselbe mit einer Schleife!“

Alle: „Haaaaaaaaa-ha!“

Marlene: „Und nicht wie die alten Weiber!“

Alle: „Hi, hi, hi, hi, hi!“

Marlene: „Antreten zur Damenwahl!“

Alle: „Aaaaaaaaaaaaah!“

Marlene: „Ein Sprung ins kalte Wasser!“

Alle: „Brrrrrrrrrrrrr!“

Marlene: „Wie rutscht die Großmutter in die Badewanne?“

Alle: „Tschschschschschschschschsch — wumm!“

Oberstudienrat Knollberger rief über die Köpfe hinweg:

Schluss für heute! Danke schön! Ihr habt euch brav gehalten!“

Auf Wiedersehen, Herr Knollberger!“

Der Knox musste viele Hände drücken und war schließlich sehr froh, endlich allein zu sein.

Seine Quinta A war schon eine Rasselbande!


Wird fortgesetzt

© Alexander Brändle Erben

 

 

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Kommentare

Drei Mädchen auf einer Spur -Fortsetzungsgeschichte

Bin zwar schon etwas älter (57) freue mich aber trotzdem über die Wiederbelebung dieses Kinderbuches aus Brusl und glaube mich daran zu erinnern die Eine oder Andere Geschichte von Herrn Brändle schon als Kind gelesen zu haben. Was ich nicht wusste ist das Herr Brändle quasi in meiner direkten Nachbarschaft, ich bin in der Schwimmbadstrasse aufgewachsen ,gelebt hat.

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