A. Brändle: "Drei Mädchen auf einer Spur" - 03. Kapitel

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Seltsame Pfiffe
Mittwoch, 28. Mai 2014 - 19:52

03. Kapitel: Seltsame Pfiffe

Kurz darauf ging es weiter, den Waldrand entlang. Bald sahen sie von fern die Kapelle St. Michael. Daneben stand das Gasthaus.

Michaelsberg

Foto: privat

Klaus-Peter hatte sich wieder einmal mit Knubbel in den Haaren. Sie stritten über die Sinnesorgane. Knubbel wollte es nicht einleuchten, dass manche tierischen Sinnesorgane der menschlichen Technik überlegen seien. „Primus Ulli soll herkommen!“ rief er erbost.

Nach erregter Debatte bekam Klaus-Peter recht. Den Bewunderern der Technik wurde der unfassbar feine „Radar“-Sinn der Fledermäuse entgegengehalten, die Fähigkeit der Klapperschlangen, winzige Bruchteile von Temperaturschwankungen wahrzunehmen, und anderes mehr. Die Sinnesorgane der Tiere wurden auch mit denen der Menschen verglichen.

Wer sieht besser als der Mensch?“ fragte Klaus-Peter scherzhaft Knubbel.

Ein Adler!“

Wer hört besser als der Mensch?“ „Die Katze.“

Wer riecht besser als der Mensch?“ „Das Veilchen.“

Gut. Setz dich!“ sagte Klaus-Peter zufrieden. Monika klagte: „Ich werde müde!“

Ich auch!“ sagte Marlene. „Das Wandern ist des Müllers Lust — des Müllers Töchter sind gefahren.“

Was soll daraus werden, wenn ihr jetzt schon auf Vatis Arm wollt?“ fragte Michaela. „Denkt einmal an den Rückweg und die geplanten Spiele.“

Gott sei Dank, dass du wieder auftaust!“ sagte Marlene und rief dann: „Endspurt zur Kapelle! Wer Erster wird, darf auch den Heimweg zu Fuß gehen. Achtung! Fertig! Los!“

Bei dem Rennen, das nun begann, hätten auch Großväter eine Siegeschance gehabt. Klaus-Peter gewann. Von den Mädchen wurde Michaela Siegerin. Bettina kam als letzte schnaufend ins Ziel gewalzt.

Deckengemälde

Zunächst wurde die Kapelle besichtigt: die gotischen Fenster, Christus mit dem vergoldeten Kreuz über dem Altar, farbige Deckengemälde von Sankt Michael, wie er Luzifer besiegt, und die Figuren der vierzehn Nothelfer in einer Seitennische. Wer ein Gebet sprechen wollte, fand Zeit dazu und wurde nicht gestört.

Im Gasthof gab es das zweite Frühstück. Dann rief Oberstudienrat Knollberger zum Geländespiel „Räuber und Prinzessin“ auf. Die Rucksäcke und Brotbeutel ließ man auf den Bänken liegen. Voll Tatendrang rannten zuerst die Jungen hinaus.

Der Klassenlehrer inspizierte das Gelände. Ein gesprengter Bunker wurde zum Schloss der Prinzessin erhöht. Die Räuber mussten dieses Schloss anschleichen und versuchen, ungesehen einzudringen. Ein Anschlag mit der Hand an die Bunkerwand genügte. Dann würden die Prinzessinnen als geraubt gelten.

Die Aufgabe der Mädchen bestand darin, die Räuber rechtzeitig zu erspähen und anzurufen. Dann musste der Gesehene zur Kapelle zurückkehren, ehe er erneut anzuschleichen versuchte. Der Knox fungierte als neutraler Schiedsrichter.

Das Mamomi-Trio übernahm das Kommando der Verteidigung und postierte die Mädchen geschickt hinter Sträuchern, die aus den geborstenen Betonstücken wuchsen. Michaela beobachtete in Richtung Kapelle. Monika kroch den Westhang ein Stück hinunter und belauerte den Fußpfad, der von Untergrombach heraufführte. Marlene führte etwas Besonderes im Schilde. Sie verriet es nicht.

Der Lehrer gab das Zeichen zum Beginn. Die Jungen zogen davon, die Mädchen verbargen sich. Marlene aber schlich unter der schrägen Bunkerdecke zu einer Schießscharte, zwängte sich hindurch und stand nun auf der Nordseite zwischen dichtem Gestrüpp. Sie schaute nach oben. Die Betondecke hing schräg, oben schien ein Stück Decke flach zu liegen. Nun — sie hatte ihre Blue Jeans an, die vertrugen schon etwas. Sie überlegte nicht lange. Auf Händen und Füßen kroch sie hoch. Es war ein Wagnis. Käme sie ins Rutschen, könnte sie sich die Beine brechen.

Schließlich konnte sie den zackigen Rand der gesprengten Decke greifen und sich hochziehen. Nach einer kurzen Verschnaufpause schob sie sich auf das waagerechte Stück des Bunkers. Hier blieb sie auf dem Bauch liegen.

Sie hätte jauchzen mögen vor Freude! Der freie Hang zur Kapelle unter ihr war gut zu übersehen, auch die Mulden mit den Weißdornhecken. Wenn sie ein wenig den Kopf drehte, blieb ihr auch auf dem Pfad vom Dorf her nichts verborgen. Sie sollten kommen, die Jungen, die Angeber! Keinem würde der Einbruch gelingen.

Mone!“ rief sie halblaut nach unten. „Monika! Michaela! Bettina!“

Ja?“ kam es verhalten aus der Tiefe. „Marlene?“

Ja! Ich liege über euch auf der Bunkerdecke. Ich kann das Gelände gut übersehen. Aufgepasst! Ich sage euch an, wenn sich ein Räuber anschleicht. Ihr springt dann hinaus und überrascht ihn. Verstanden?“

Rufe die Jungen doch selbst ab!“

Nein! Dadurch würde ich meinen Beobachtungsplatz verraten. Vielleicht müsste ich dann hinunter. Ihr kennt doch Knox! Er ist übervorsichtig, als wären wir Babys.“

Gut. Sage uns Bescheid!“

Dann kam die große Stille des Versteckspielens. Viele Minuten verstrichen, ohne dass etwas geschah. Die Mädchen flüsterten leise miteinander.

Marlene spähte aufmerksam nach den Feinden aus. Da — schwankte dort nicht ein Strauch? Ha, er bewegte sich gar vom Fleck! Hoppla, dachte Marlene, da will uns ein ganz Schlauer hereinlegen! Aber ich habe schließlich auch Karl-May-Bücher gelesen!

Achtung! Ihr da unten! Von halbrechts schleicht Klaus-Peter an. Er schiebt einen Busch vor sich her!“

Monika antwortete leise: „Wir schnappen ihn uns. Siehst du sonst noch etwas?“

Nein. — Still!“

Irgendwo brachen Äste. Marlene lugte nach allen Seiten. Aber sie sah keinen zweiten Angreifer.

Da knackte es wieder. Aber wo nur? Es musste ein sehr schlauer, geschickter sein.

Da hörte sie leise Pfiffe, lange und kurze in rhythmischer Folge. Hoppla, hatte Papa nicht erzählt, im Kriege habe er als Funker nach dem Morsealphabet Nachrichten tasten und aufnehmen müssen? Jeder Buchstabe sei ein rhythmisches Tonzeichen.

Da pfiff es wieder: lang-lang — kurz-kurz — lang-kurz-lang-kurz — kurz-kurz-kurz-kurz — kurz-lang — kurz — kurz-lang-kurz-kurz — kurz-lang.

Nein, das war kein Vogel, nein!

Monika!“ Ja?“

Hast du das Pfeifen gehört?“

Nein — oder doch! Warum fragst du? Sperlinge und Meisen gibt's ja hier genug. Du  ...“

Achtung! Klaus-Peter — rechts — noch zwei Meter — schnell!“

Monika sprang aus der Deckung, riss den Tarnbusch vor Klaus-Peter weg und rief: „Klaus-Peter gefangen!“

Ihr habt mehr Glück als Verstand!“ zischte der Schüler ärgerlich, stand auf und trottete über die Wiese zurück.

Monika wechselte sofort den Platz und rief Marlene zu: „Danke, Struppi! Heute bleiben wir bestimmt Sieger. — Hallo, Mischa, ist auf deiner Seite noch nichts zu sehen?“

Sie erhielt keine Antwort.

Michaela! — Michaela! — Nanu, was treibst du denn?“

Monika kletterte durch den Bunker und suchte die Klassenkameradin. Aber Michaelas Platz war leer.

He, Struppi!“

Was ist?“

Siehst du wieder etwas? Ist kein Feind in Sicht?“ „Nein — noch ist es still!“

Dann halte dich fest und höre zu: Michaela ist verschwunden!“

Ach — das ist doch nicht möglich! Wo ist sie denn?“ „Sie ist in ein Mauseloch geschlüpft und strickt einen Katzenpullover.“ „Warte!“

Marlene spähte nach Osten in das Buschwerk. Wo war Michaela? Wie hatte sie sich unbemerkt davonmachen können? Wozu überhaupt? War sie zum „Feind“ übergelaufen? Wollte sie das Geheimnis der Burgverteidiger verraten? Nein, so etwas tat Michaela nicht! Aber aus welchem anderen Grunde mochte sie sich davongeschlichen haben? Irgendwo in der Nähe war ein steiler Steinbruch. Michaela kannte diesen Berg nicht. Wenn sie hinunterstürzte …

Marlene wurde es heiß vor Unruhe. Sie begann zu schwitzen. Ihr fielen die merkwürdigen Pfiffe ein. Waren sie Signale für Michaela? Hatte jemand sie mit Pfeifzeichen gerufen? Dann kannte sie also die rhythmischen Zeichen. Dann konnte es nur ihr Onkel sein, der sie gerufen hatte. Dann hieß es …

Marlene warf sich herum und rutschte die Betonplatte hinunter. Die Füße zu einem federnden Aufprall angezogen, fuhr sie in Weißdornen hinein. Es piekte höllisch durch die Hose.

Sie wühlte sich schnell heraus. Oberstudienrat Knollberger musste benachrichtigt werden. Das Spiel war zu Ende.

Monika! Bettina! Hanni! Erika! Irene! Heraus aus dem Bunker! Knox suchen! Michaela ist verschwunden! Wir müssen sie finden! Vielleicht ist ihr etwas zugestoßen!“

Von ihrem Verdacht hinsichtlich des Onkels wollte Marlene nicht sprechen. Sie hatte versprochen, zu schweigen ...

Wird fortgesetzt

© Alexander Brändle Erben

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