A. Brändle: "Drei Mädchen auf einer Spur" - 02. Kapitel

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Michaela hat ein Geheimnis
Dienstag, 27. Mai 2014 - 11:55

In diesem Kapitel wird der Jüdische Friedhof in Obergrombach erwähnt.

Nach der Befreiung ordnete der Landrat von Bruchsal im Juli 1945 die Wiederherstellung dieses Friedhofes an:

„Der jüdische Friedhof Obergrombach ist nun sofort in seinen früheren Zustand zu versetzen, insbesondere sind die Grabsteine beizuschaffen und ordnungsgemäß auf das entsprechende Grab zu stellen. Hierzu sind die Einwohner von Obergrombach heranzuziehen. In erster Linie wird man mit den Arbeiten aktive Nationalsozialisten beauftragen, die jedoch unter zuverlässiger Aufsicht stehen müssen, damit keine Verwechslungen bezügl. der Grabsteine vorkommen. Diese Arbeit ist trotz evtl. Erntearbeit sofort in Angriff zu nehmen und muss in kürzester Zeit und sauber durchgeführt werden.“

1946 wurden in der nahegelegenen Obergrombacher Hohl, einem Hohlweg, etwa 70 Grabsteine geborgen, die dort als Wasserrinnen eingebaut waren. Nach Ansicht des zuständigen Beamten bei der Bruchsaler Stadtverwaltung wären noch mehr Grabsteine zu bergen gewesen, wenn die Überwucherung beseitigt worden wäre. Anfang der 1950er Jahre pflegte ein Landwirt aus Obergrombach im Auftrag und gegen Rechnung der in New York ansässigen Jewish Restitution Successor Organization (JRSO) den Friedhof. Später übernahm die Stadt Obergrombach, ab 1961 die Stadt Bruchsal die Betreuung. Anfang 1989 wurde die Bruchsaler Stadtverwaltung erneut auf Grabsteine in der Obergrombacher Hohl hingewiesen. Ab 1992 wurden insgesamt 850 Grabsteine in der Hohl geborgen und auf den Friedhof zurückgebracht.(http://www.alemannia-judaica.de/obergrombach_friedhof.htm)

 

02. Kapitel: Michaela hat ein Geheimnis

Betti! — Hierher!“ rief Marlene über die Kreuzung. Sie stand als erste vor dem Gasthaus „Prinz Max“ und wartete auf die anderen Ausflügler. Bettina winkte zurück und kam herübergelaufen.

Sag mal, Kugel“, fragte Marlene, „warum hast du gestern eine Stunde Arrest bekommen? Du hast doch gar nichts angestellt!“

Doch, hab' ich.“

Was, du? Du hast zu einem Streich doch eine viel zu lange Leitung!“

Du bist frech, Marlene!“

Ich beweise dir, dass du langsam bist. — Am letzten Samstag hast du doch die Straße fegen müssen, nicht?“ „J-a-a!“

Ich kam gerade vorüber. Und ich habe gesehen, dass du mit dem Besen eine Schnecke totgeschlagen hast, weil sie dich beim Fegen zweimal überholt hatte.“

Bettina musste ein Weilchen nachdenken, bis sie Marlenes Worte begriffen hatte. Dann sagte sie:

Du immer mit deinem Unsinn!“

Jetzt weiß ich immer noch nicht“, sagte Marlene, „warum du Arrest hattest!“

Ach, weil ich — etwas vergessen hatte.“ „Die Hausaufgaben?“

Nein, das wüsstest du doch vom Unterricht her.“ „Nun rede schon!“

Ach, es hieß doch, es gäbe Noten in Geschichte. Davor hatte ich Angst.“

„Warum?“

Weil ich die Daten nicht behalten kann!“

Oh, Dummchen, so schwer sind die gar nicht. Du musst sie nur lernen!“ Schalk blitzte in Marlenes Augen auf. „Ich weiß eine leichte Geschichtsfrage: Wie lange hat der Dreißigjährige Krieg gedauert?“

Bettina guckte erstaunt und antwortete:

Das haben wir noch nicht durchgenommen.“

Oh, Kugel!“ seufzte Marlene. „Also sage schon: warum, weshalb, wieso, was war los?“

Ich wollte den Unterricht schwänzen. Ich habe angerufen, ich sei erkältet.“

Wer war am Apparat?“

Der Direx.“

Hat er deine Stimme erkannt?“

Nein, er hat gefragt, wer am Telefon sei.“

Und was hast du geantwortet?“

Ich — ich sagte: Hier spricht meine Mutter. — Als ich's merkte, war's zu spät.“

Marlene starrte Bettina wie ein Wundertier an.

Ja, das kann ich verstehen“, sagte sie schließlich ernsthaft.

Plötzlich war der Gehweg voll jungem Leben. Von allen Seiten strömten Schüler und Schülerinnen herbei. Oberstudienrat Knollberger erschien in Sporthemd und Kniebundhose. So hatten ihn die Schüler noch nicht gesehen.

Augen zu! Rührt euch!“ kommandierte er. „Alles da? — Gut. Ab durch die Mitte!“

Schon marschierte er los. Richtung Eichelberg — Naturfreundehaus. Seine Quinta A trottete, tanzte, sprang, schlurfte und trippelte hinterdrein.

Das Mamomi-Trio ging zwischen Knubbel und Klaus-Peter. Sie nahmen fast die Straßenbreite ein. Der Klassenlehrer scheuchte sie ein paarmal an den Straßenrand, aber immer wieder formierten sie sich schwatzend und lachend in die Breite.

Monika wurde zappelig, als sie sich nicht im Mittelpunkt der Unterhaltung sah.

Herr Knollberger!“ flötete sie in lammfrommem Ton. „Ich habe herausgefunden, dass Wörter mit der Vorsilbe ,un' meist etwas Schlechtes, Unangenehmes bedeuten.“

Soso, das hast du herausgefunden!“ erwiderte der Lehrer gutgelaunt. „Dann nenne uns einige Beispiele!“

Ungeziefer — Unfug — Unrat ...“

Na, mehr weißt du nicht?“

Doch, noch ein sehr wichtiges Wort: Unterricht!“ Alle lachten. Oberstudienrat Knollberger schmunzelte und sagte:

Auf Monikas Schulwitz kann ich euch eine wahre Begebenheit erzählen. Es geschah in einer Sexta. Adalbert Salm — so hieß der Schüler — hatte einen sehr guten Hausaufsatz über die Bedeutung des Waldes geschrieben. Ich fragte ihn, ob ihm sein Vater geholfen habe. Die Antwort lautete prompt: ,Nein, er hat mir nicht geholfen.' Zunächst gab ich mich damit zufrieden und ließ ihn den Aufsatz vorlesen. Da erschienen mir einige Satzgliederungen doch zu 'erwachsen', und ich fragte ihn nochmals: 'Adalbert, hast du mich auch nicht angelogen? Hat dir dein Vater wirklich nicht geholfen?' Er sagte empört: ,Ich habe nicht gelogen, mein Vater hat den Aufsatz allein geschrieben!'“

Die Gruppe löste sich lachend auf und bog gleich darauf in den Wald des Eichelberges ein. Der Weg stieg an. Laub raschelte unter den Füßen. Die hohen Bäume spendeten reichen Schatten. Sonnenkringel spielten auf Strauchblättern.

Hier müsste die Schule stehen“, meinte Ulrich. „Dort das Lehrerpult, da die Bänke. Hier ließe sich lernen, was?“

Marlene stieß Monika an und tippte sich an die Stirn.

Der hat einen leichten Sonnenstich.“

Ulrich hörte das und warf ihr einen Tannenzapfen an die Nase. Die Mädchen kreischten. Dann fiel Marlene etwas ein.

Aus welcher Gegend stammst du?“ fragte sie Michaela. „Aus Schlesien.“

Na, da gibt es ja auch mehr Bäume als Häuser. Oder hast du in einer Großstadt gelebt?“

Nein, ich wohnte einsam, in der Nähe eines Dorfes. Das Haus stand ganz allein. Mein Vater war Förster. In seinem Revier lagen drei fischreiche Seen, und einmal hat mein Vater am Ufer einen Adler geschossen.“

Da begannen einige zu singen: „Das Wandern ist des Müllers Lust ...“ Alle fielen ein.

Jenseits der Schluchten der Schindgasse war ihr Weg ein steil aufwärts führender Pfad, auf dem sie nur einzeln hintereinander gehen konnten.

Dann sahen sie weit vor sich ein eisernes Tor. Tannen säumten jetzt den Pfad. Keiner aus der Klasse war hier schon gegangen.

Das dort ist der alte Judenfriedhof“, erklärte Oberstudienrat Knollberger. „Er wurde gegen Ende des Hitlerregimes größtenteils zerstört. Man hat Grabsteine umgeworfen, zerschlagen und fortgeschleppt — eine Frucht des Judenhasses in unserem Vaterland.“

Friedhof

Arbeiter, in der Mehrzahl Gastarbeiter aus Italien, zogen einen neuen Zaun um den Friedhof.

Michaela betrachtete den Wald und die Grabstätten mit ernster Ruhe. Sie fühlte sich glücklich dem Alltag entrückt. Marlene und Monika hingegen hüpften herum und begeisterten sich an den unscheinbarsten Dingen.

Schau, Monika! Die Ameise! Sie schleppt ein weißes Ei, es ist größer als sie selbst!“

Ja, wie stark ein so kleines Tier doch ist!“

Da stieß ihr Marlene die Faust in die Hüfte und flüsterte hastig:

Schnell, schau mal! Was ist mit Michaela?“

Das schwarzlockige Mädchen stand reglos, die Hände geballt, vor dem Friedhofstor. Sie starrte nach einem Arbeiter, der eine Abflussrinne für das Regenwasser schaufelte.

Es war, als spüre er, dass er beobachtet wurde; denn er hob den Kopf, stutzte, starrte Michaela an und zog sich mit einem Griff die Schirmmütze über die Augen. Er bückte sich wieder über den Graben, aber irgendwie schien seine Haltung jetzt störrisch und böse.

Michaela zitterte. Sie öffnete den Mund, aber kein Laut kam ihr über die Lippen. Da nahm Marlene entschlossen Michaela am Arm und zog sie sanft vom Tor weg.

Was ist dir, Michaela?“ fragte sie besorgt.

Michaela war offensichtlich ganz durcheinander. Immer wieder blickte sie ängstlich nach dem Mann zurück.

Auch Monika eilte herbei. Die Freundinnen drängten Michaela weiter durch den Wald, der bald endete. Vor ihnen dehnten sich Felder im Sonnenlicht.

Erzähle, Michaela!“ drängten die Freundinnen. „Was ist geschehen? Wovor fürchtest du dich? Kennst du den Arbeiter mit der Schirmmütze?“

Michaela schluchzte ein bisschen, presste den Mund zusammen und sagte schließlich:

Es ist — mein Onkel ...“

Monika plapperte:

Meine Onkels habe ich alle sehr gern. Man bekommt großartige Geschenke von ihnen.“

Michaela schluckte, aber sie sagte nichts.

In diesem Augenblick rief Oberstudienrat Knollberger seine verstreute Herde zu einer Rast zusammen.

Mit Johlen und Geschrei wurden die schönsten Fleckchen am Waldrand erobert. Es knallten die Verschlüsse von Sprudelflaschen, es gluckerte in durstige Kehlen.

Marlene biss kräftig in ihre Brote und fragte Michaela:

Warum hast du vor deinem Onkel Angst?“

Ich kann es nicht sagen. Es ist — ein Geheimnis — meiner Pflegemutter ...“ Monika folgerte: „Da du mit ihm nichts zu schaffen hast, er auch nicht dein Vormund ist — halt! Wer ist eigentlich dein Vormund? Wer keine Eltern hat, muss zumindest einen Vormund haben!“

Das erratet ihr nie!“ Michaela lächelte flüchtig. „Kennen wir ihn?“ fragte Marlene betroffen. „Ja.“

Wer ist es?“ „Ratet!“

Das ist zu schwer.“

Monika meinte: „Es müsste jemand aus unserem Verwandtenkreis sein.“ „Kein Verwandter!“ „Ein Bekannter?“ „Mhm!“ nickte Michaela.

Struppi, ahnst du etwas?“

Warte! — Michaela — ein Lehrer?“

Ja!“

Der Knox?“ „Erraten!“

Mensch, Mone, Ballerine! Ist das ein ulkiger Zufall! Der Knox ist Michaelas Vormund! Wie ist er denn dazu gekommen?“

Ich weiß es nicht“, antwortete Michaela. „Du müsstest schon beim Vormundschaftsgericht fragen.“

Sag mal“, spann Monika den unterbrochenen Faden weiter, „wohnt dein Onkel auch in der Stadt?“

Ich weiß es nicht. Er ist immer weit fort — immer unterwegs.“

Ein Vagabund also!“ stellte Monika grimmig fest.

Nein!“ antwortete Michaela. „Das trifft nicht zu. Er — ach — er ist eben ein ruheloser Mensch.“

Lassen wir das!“ sagte Marlene. „Es geht uns nichts an. Wir waren nur besorgt, weil du erschrakest. Aber nun wollen wir nicht mehr darüber reden. Das versprechen wir dir. Klar, Mone?“

Ich verrate nichts.“

Dafür musst du uns versprechen“, sagte Marlene zu Michaela, „uns immer zu sagen, wenn du Hilfe brauchst. Ist es sehr schlimm, dass dein Onkel in der Nähe ist?“

Ach, ich weiß nicht ...“ murmelte Michaela.

(wird fortgesetzt)

© Alexander Brändle Erben

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