A. Brändle: "Drei Mädchen auf einer Spur" - 01. Kapitel

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Ein Wolfsgeheul
Samstag, 24. Mai 2014 - 18:21

Drei Mädchen auf einer Spur

von ALEXANDER BRÄNDLE

(1965)

Alexander Brändle - Teil 1

Wie in der bei bruchsal.org bereits veröffentlichten Lebensgeschichte von Alexander Brändle angekündigt, beginnt bruchsal.org heute mit dem Abdruck von dessen Kinderbuch "Drei Mädchen auf einer Spur". Um das Geschehen etwas transparenter zu machen - wurde das Buch doch vor bald 50 Jahren geschrieben - wird versucht, vor jedem Kapitel den Text ein klein wenig zu erläutern und insbesondere auch den Personen des Buches, die oft noch in Bruchsal oder der Nähe leben, "ein Gesicht" zu geben. Aus datenschutzrechtlichen Gründen können selbstverständlich die tatsächlichen (Nach)namen der Personen nicht genannt werden; die Vornamen entsprechen zumeist den tatsächlichen.

Bruchsal.org möchte ganz herzlich den Erben von Alexander Brändle danken, die ihr Einverständnis zur Wiederveröffentlichung dieses kleinen Teils der Bruchsaler Zeitgeschichte gaben.

 

Erläuterungen zum 1. Kapitel

Im ersten Kapitel werden bereits die wichtigsten Personen des Kinderromans eingeführt.

Marlene ist die damals etwa zwölf Jahre alte Tochter von Luise und Alexander Brändle. Marlene trug den Spitznamen „Struppi“ wegen ihres schier nicht zu bändigenden Haarschopfes.

Monika "Fallhorn" ist die Tochter eines bekannten Lehrers der Bruchsaler Stirumschule, der dort vor allem die höheren Klassen betreute.

Thomas „Knubbel“ Kurali war ebenfalls Lehrersohn, wobei sein Nachname nicht tatsächlich Kurali war.

Erika wohnte in der Schlossgartensiedlung. Bereits als junges Mädchen soll sie schon eine die Mitschüler an Körpergröße überragende Persönlichkeit gewesen sein.

Irene wohnte im Schlossraum, ihr Vater war ein hochstehender, in Bruchsal tätiger Landesbeamter. Hanni wohnte ganz in der Nähe des Schönborn-Gymnasiums und konnte so, anders als viele Schüler, die von auswärts mit dem Bus oder Zug einpendelten, dadurch morgens etwas länger schlafen. Ebenso Bettina, genannt "Kugel", die in einer Villa gleich gegenüber des Gymnasiums wohnte.

Klaus-Peter war aus Forst und tatsächlich stolzer Besitzer eines Pferdes. Mittlerweile trägt er einen Dr.-Titel und ist heute noch Mitglied im Reit- und Fahrverein Forst.

Ulrich betreibt heute eine gutgehende Rechtsanwaltspraxis.

Michaela „Huber“ war tatsächlich kurze Zeit eine Mitschülerin von Marlene. Michaela wuchs bei Onkel und Tante auf, da ihre Eltern früh verstorben waren. Kurz nach dem Tod ihrer Tante verließ sie die Schule wieder.

Knox

Studienrat Werner Kneucker. Foto: privat

Studienrat „Knox“ Knollberger hieß im wahren Leben Werner Kneucker. Die Schüler des Schönborn-Gymnasiums gaben ihm aber diesen Spitznamen. Er war für die immer nur „der Knox“.

"Assessor Neurod", auch "Paff-Paff" genannt, war Heinrich Neureuther aus Heidelberg, der Deutsch und Mathematik unterrichtete und Thomas-Mannsche-Sätze liebte.

Die Schüler mussten beim Eintreten des Lehrers aufstehen und wurden zu Beginn des Lateinunterrichts mit „Salvete discipuli discipulaeque!“ begrüßt. Die Schüler antworteten mit „Salve magister!“ und durften sich dann wieder setzen.

Bis in die 70er Jahre waren im Kinderheim St. Josef in der Durlacher Straße elternlose Kinder untergebracht, die von den Schwestern des Ordens der barmherzigen Schwestern vom heiligen Vinzenz von Paul betreut wurden.

Es sollte hier nochmals erwähnt werden, dass es sich um ein Kinderbuch handelt und entsprechend auch geschrieben wurde. Ebenso ist festzuhalten, dass die erzählte Geschichte rein fiktiv ist, sich so nie zugetragen hat.

 

01. Kapitel: Ein Wolfsgeheul

Es war drei Minuten vor der Lateinstunde.

Ruhe!“ rief Marlene. Auf der Mädchenseite ebbte das Geschnatter ab.

Was gibt es denn?“ fragte ein Mädchen.

Monika schreibt ihren Namen!“ witzelte Marlene. Ein Auge zugekniffen, den Zeigefinger scherzhaft auf den Lippen, mit Borstenfrisur und Stupsnase, bot sie das Bild einer gern zu Schabernack aufgelegten Quintanerin. Sie streute grüne Katzenblicke und sah in dem blauen Strickrock und dem weinroten Pulli mit dem hohen Kragen sehr sportlich aus.

Zwei Minuten vor der Lateinstunde knallte Monika ihren Füllhalter vor Marlene auf das Pult, dass die Tintentropfen spritzten. Ein Tropfen traf Knubbels Nasenspitze. Der so bekleckste Schüler mit dem bürgerlichen Namen Thomas Kurali sagte ärgerlich: „So'n Knubbel!“, wischte die feuchte Spur mit spitzem Finger ab und schoss kurzerhand einen Radiergummi nach der Attentäterin.

Aber er traf nicht Monikas Wuschelkopf, sondern in Marlenes Pullikragen. Als sie entschlossen danach fischte, öffnete sich die Tür, und der „geliebte Knox“, nämlich Oberstudienrat Knollberger, trat über die Schwelle. Er kannte diese Klasse der Unterstufe am humanistischen Gymnasium aus reicher Erfahrung und verstand es, mit einem Blick alles zu erfassen. Nun sah er Marlene an und sagte:

Du tust ja so, als suchtest du nach Flöhen! Setz dich ordentlich hin!“

Er schloss die Tür, trat in die Mitte des Zimmers und hob seine Stimme zu einem feierlichen:

Salvete discipuli discipulaeque!“ (Seid gegrüßt, Schüler und Schülerinnen!)

Die Klasse antwortete im Chor:

Salve magister!“ (Sei gegrüßt, Lehrer!)

Considite!“ (Setzt euch!)

Oberstudienrat Knollberger, als Endvierziger ein ruhiger, besonnener Mensch, hatte sich durch seine festgefügte Persönlichkeit bei der Klasse beliebt gemacht. Sie vertraute seinem Gerechtigkeitssinn.

Aber Marlene liebte ihn im Augenblick nicht. Sie saß in verkrampfter Haltung da, denn im Nacken kitzelte noch immer Knubbels Radiergummi.

Hefte austeilen! — Schneller bitte! — An die Arbeit! — Halt! — Zunächst setzt euch mal auseinander — wie üblich. Ulrich in die letzte Bank, und zwar allein. Klaus-Peter nach vorn und — ja, Marlene nach links!“

Als es endlich still geworden war, verteilte der Klassenlehrer den Text der Lateinarbeit auf maschinengeschriebenen Blättern.

Strengt euch an! Ich lege auf diese Arbeit großen Wert!“

Er blickte über die Bankreihen hin und fand an Marlene wieder etwas auszusetzen.

Warum sitzt du so steif? Hast du einen Kleiderbügel im Kreuz?“

Nein, Herr Oberstudienrat, aber Knubbels ...“

Dummes Geschwätz!“ unterbrach sie der Oberstudienrat. „Ich lehne diese Spitznamen ab. Du weißt das. Äh — macht das in der Pause miteinander aus. — Ich bitte jetzt um Aufmerksamkeit! Bitte anfangen!“

So schrieb Marlene — welch historisch einmalige Situation — eine Lateinarbeit unter leichtem Druck eines Radiergummis auf die Genickmuskeln.

In der Pause sah man bedrückte Mienen. Die überraschend schwere Lateinarbeit wurde mit „Liebeserklärungen“ bedacht.

Dann wurde die „Neue“ vorgestellt, eine Schülerin von auswärts.

Oberstudienrat Knollberger kam mit dem Mädchen in die Klasse. Sie hieß Michaela Huber, und Mädchen wie Jungen fanden die schwarzlockige, ein wenig mollige Schülerin im bunten Kleid sympathisch.

Warum blickt sie so ernst? dachte Ulrich, der Klassenprimus. Wie zur Antwort auf seine stumme Frage sagte der Klassenlehrer:

Ich bitte euch, Michaela gut aufzunehmen und ihr in allen Dingen behilflich zu sein. Sie hat Schweres erlitten — ungewöhnlich Schweres. In früher Kindheit schon hat sie die Eltern verloren. Und jetzt sind auch ihre Pflegeeltern gestorben. Ein Autounfall ...“ Er stockte und räusperte sich.

Die Mädchen und Jungen standen stumm. Das Leid ihrer neuen Klassenkameradin rührte sie an, aber sie wussten ihr Mitgefühl nicht anders zu zeigen als durch betretenes Schweigen. Wer sorgte jetzt für Michaela?

Der Neuen wurde der leere Platz neben Marlene angewiesen. Der Deutschunterricht begann. Es musste die Ballade „Das Riesenspielzeug“ von Adalbert von Chamisso vorgetragen werden. Oberstudienrat Knollberger war zufrieden.

Auf dem Heimweg holten Marlene und Monika die neue Klassenkameradin ein. Michaela hatte anscheinend den gleichen Weg wie sie. Monika besann sich nicht lange, sondern fragte:

Wo wohnst du, Michaela?“

Im Jugendheim Sankt Josef.“

Monika riss die Augen auf. Sie war ein zierliches, vorlautes, schauspielerisch und tänzerisch begabtes Persönchen.

Bei den Waisenkindern?“ fragte sie verwundert.

Ach was, Ballerine!“ sagte Marlene. „In Sankt Josef wohnen nicht nur Waisenkinder. Viele Kinder werden von ihren Eltern samstags abgeholt und sonntags abends zurückgebracht.“

Michaela schwieg dazu. Monika schnippte:

Danke für die Belehrung, du kluges Kind.“ Dann wandte sie sich Michaela zu:

Weißt du, Michaela, unser Struppi ist sooo gescheit! Dagegen sind wir Dummköpfe.“ Dabei drehte sie Marlene eine lange Nase. „Und deswegen, Michaela, hole ich dich am Samstag ab. Du kannst über das Wochenende bei uns wohnen.“

Michaela wandte sofort ein:

Das Jugendheim wird von geistlichen Schwestern geleitet. Ob sie das erlauben?“

Sie werden froh sein, wenn sie sonntags auf weniger Kinder zu achten haben. Ich möchte nicht Tag und Nacht auf eine Rasselbande von Kindern aufpassen müssen. Ist es nicht so, dass Waisenkinder oft recht ungezogen sind?“

Diese Frage und überhaupt das Wort Waise gefielen Marlene nicht. Zum Glück machte sich Michaela nichts daraus. Sie fragte in ruhigem Ton nach beiden Seiten:

Darf ich euch besuchen, wenn ich mit den Schulaufgaben Schwierigkeiten habe?“

Klar!“ schrien Marlene und Monika gleichzeitig. „Danke!“ sagte Michaela.

Hast du denn überhaupt keine Familienangehörigen mehr?“ fragte Monika.

N-e-i-n“, tropfte es zögernd, „eigentlich nicht.“

Dann warf das Mädchen den Kopf zurück, als wolle es einen unerwünschten Gedanken verscheuchen oder die Unterhaltung in eine andere Richtung lenken.

Marlene stieß Monika an, und diese verstand die Zurechtweisung und schwieg nun. An der Straßenecke vor dem Jugendheim blieben sie stehen.

Struppi, du bist zu weit mitgegangen!“ stellte Monika fest.

Ich laufe gern“, antwortete Marlene. „Ich bin doch keine alte Frau, die jeden Schritt zählt. Eine — zwei — drei Ecken, und ich bin daheim. Morgen früh ist mein Weg kürzer als der deine.“

Michaela fragte:

Habt ihr schon bemerkt, dass unsere Vornamen alle mit M anfangen? Marlene, Monika und Michaela!“

Ein Triumvirat!“ witzelte Marlene.

Deine Geschichtskenntnisse über die Römer sind nicht so gut, dass du hier damit prahlen solltest!“ neckte Monika die Freundin und fixierte dann Michaela. „Du hast auch keinen Onkel oder eine Tante?“

Nein!“ antwortete Michaela kurz und hart und schaute zu Boden.

Marlene überlegte einen Augenblick und sagte dann leise:

Hätte ich so geantwortet, dann wäre es gelogen.“

Michaela fuhr herum und stieß ärgerlich hervor:

Einen Onkel — habe ich noch — einen Bruder meiner Pflegemutter. Ich weiß nicht, wo er lebt. Er hat uns — nur einmal vor zwei oder drei Jahren besucht.“ Sie blickte wieder zu Boden und ein bitterer Zug lag plötzlich über dem runden Gesicht.

Ich hole dich morgen früh ab. Ist es dir recht?“ fragte Monika schnell.

O ja!“ antwortete Michaela.

Dann für heute auf Wiedersehen, Struppi! Wir müssen endlich weiter. Das Essen wartet.“

Auf Wiedersehen, Marlene“, sagte auch Michaela.

Die mit Abschiedsgrüßen fort komplimentierte Schülerin rannte los und winkte zurück.

Wiedersehen, Moni, Wiedersehen, Michaela, ich hab' einen Bärenhunger!“

Es war eine verrückte Woche. Oberstudienrat Knollberger hatte mit der Lateinarbeit eine harte Nuss zu knacken gegeben. Michaela war in die Klasse gekommen. Und was geschah noch?

Assessor Neurod ließ am nächsten Tag eine Mathematikarbeit schreiben. Das schlug ein. Proteste halfen nichts und auch nicht geflüsterte Bemerkungen wie:

Der Paff-paff ans Telefon! — Ein Blitz müsste die Hefte treffen! — Eine Stinkbombe sollte man werfen!“

Assessor Neurod, wegen seines Zigarrenrauchens „Paff-paff“ genannt, überhörte die Liebenswürdigkeiten und ließ beginnen. Geometrische Figuren waren zu zeichnen wie Kegel, Dreieck und Quadrat und ihr Inhalt zu errechnen. Die Schüler und Schülerinnen begannen zu schwitzen.

Klaus-Peter Gaisenheiner, der Größte der Klasse, bediente sich seiner neuesten Erfindung. Er hatte links und rechts in der Bank eine Ringschraube eingedreht und eine Schnur hindurch gefädelt. Daran zog er einen Fragezettel, an einem Angelhaken befestigt, zum Nachbarn hinüber. Und jener gab ihm auf diesem genial erdachten Transportwege die Antwort zurück. Die heimliche Nachrichtenübermittlung gelang auf Anhieb. Ein rascher Blick auf die Knie war unverdächtig. Dort hielt Klaus-Peter den Zettel. Seine geneigte Kopfhaltung konnte bedeuten, dass er ernsthaft nachdachte.

Michaela arbeitete ruhig und sicher. Sie war es gewohnt, auf sich allein gestellt zu sein. Marlene seufzte hin und wieder und kratzte mit dem Winkelmesser auf dem Pult herum. Monika zog das Näschen kraus, erkannte, dass sie die dritte Aufgabe nicht würde lösen können, betrachtete tadelnd einen abgebissenen Fingernagel und schlug entschlossen das Heft zu.

Gott sei Dank ging auch diese Stunde zu Ende. Das „Mamomi-Trio“, wie es bereits genannt wurde, sprach unter einem Kastanienbaum im Hof über die „Mathe“.

Der Paff-paff macht sich unbeliebt! — Du wirst sehen, in Mathe rassele ich durch. Hast du bei der zweiten Aufgabe auch achtundneunzig Kubikzentimeter herausgebracht?“

Als es zur letzten Stunde klingelte, meinte Monika noch:

Unser Knox könnte endlich an den Schulausflug denken. Es ist höchste Zeit!“

Dann schob sich das Mamimo-Trio mit anderen Schülerinnen in das Gebäude hinein.

Klaus-Peter zischte einem Kameraden ins Ohr: „Siehst du, Knubbel, Michaela hat sich Monika und Marlene angeschlossen. Wir Männer sind nicht gefragt.“

Lass doch die Kicherlieschen!“ bekam er zur Antwort. „Holst du mich Sonntag zum Fußballspiel ab? Oder hoppelst du?“

Klaus-Peter war Reiter. Er besaß sogar ein eigenes Pferd und war im Reitverein. Auf einem Pferd „hoppeln“ — das war eine Beleidigung. Blitzschnell zuckte sein Knie vor. Der „Gemaßregelte“ aber lachte nur und sagte: „Du mit deinem Pferdefimmel! Kauf dir lieber Zuckerkringel! Fällst bestimmt von deinem Schimmel ...“ Aber Klaus-Peter unterbrach ihn:

Hör auf zu dichten! Du hast einen lyrischen Webfehler.“

Knubbel antwortete darauf nicht, denn sie waren im Klassenzimmer angelangt. Knox war schon da und wartete verschmitzt lächelnd, bis alle saßen. Dann verkündete er:

Nächsten Dienstag machen wir unseren Klassenausflug!“

Ein Wolfsgeheul war die Antwort. Als es wieder ruhig geworden war, fuhr Oberstudienrat Knollberger fort:

Wir wandern auf den Sankt Michaelsberg. Nehmt Proviant in einem Rucksack oder Brotbeutel mit. Getränke könnt ihr oben im Gasthaus kaufen.“

Das habe ich geahnt!“ tuschelte Monika. „Unser Knox ist 'Klasse'!“

So klang die Woche versöhnlich aus.

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Kapitel 02 folgt.

© Alexander Brändle Erben

 

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