BILD "erklärt" warum unser Strom so teuer ist...

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12 Millionen Leser lassen sich manipulieren und fühlen sich wohl dabei
Freitag, 17. Oktober 2014 - 12:51

Morgens beim Bäcker geht der Blick unweigerlich auf das Titelblatt der auf dem Tresen liegenden BILD. 

Geht es ihnen auch so, mal grinst man, mal schüttelt man den Kopf und mal wendet man sich angewidert ab... Und zwischendrin ist alles möglich.

Und diese Woche erklärt BILD die "Kurve der Wut", was für ein Slogan. Es geht um die Stromkosten in Deutschland und mal wieder verdreht man alles so, wie es der BILD "ins Bild passt".

Sehen sie selbst HIER

Soviele verdrehte Tatsachen erfordern Richtigstellung in vielerlei Hinsicht bzw. eine umfassende Darstellung der Problemkreise im Zusammenhang mit der Strompreisdiskussion.

Aus diesem Grunde möchte ich an dieser Stelle auf einen Kommentar des Solarenergie-Fördervereins Deutschland (SFV) hinweisen, der zahlreiche Punkte in anderem Licht erscheinen läßt.

Ja, ich weiß sehr wohl, dass dieser Verein auch eine Interessenvertretung ist, bin aber davon überzeugt, dass die folgenden Aussagen geeignet sind, sich ein differenzierteres Bild machen zu können. 

Falls sie das anders sehen, freue ich mich schon auf die folgenden Kommentarbeiträge.

Nachstehend die Stellungnahme des Solarenergie-Förderverein Deutschland e.V.(SFV) zur "Kurve der Wut":

 

Bild erklärt die Kurve der Wut

SFV-Kommentar zum Artikel in BILD: "Warum zahlen wir so viel für Strom? - BILD erklärt die Kurve der Wut"

Bild-Artikel: http://www.bild.de/geld/wirtschaft/strompreis/warum-zahlen-wir-so-viel-38157304.bild.html

Die Bild-„Zeitung“ ist das auflagenstärkste Printmedium in Deutschland. Sie erreicht über 12 Millionen Leser. Diese Medienmacht sollte eigentlich mit besonderem Verantwortungsgefühl der „Bild“-Macher quittiert werden; aber bekanntlich ist es genau andersherum: „Bild“ baut seinen Erfolg darauf auf, für komplizierte Probleme einfache Scheinerklärungen anzubieten. Dabei wird nebenbei ziemlich kräftig Politik gemacht. Zwischen Fußball, nackten Frauen und Skurrilitäten werden die Leser mit einer konservativ-populistischen Weltsicht geimpft, die eine vernünftige Sicht auf die Probleme dieser Welt verbaut. Was den Mächtigen bei „Bild“ nicht gefällt, erhält reflexartig das Etikett „Irrsinn“ – drunter geht es nicht.

So auch auf dem Gebiet der Energiepolitik, also beim „Strom-Irrsinn“. Am 15. Oktober 2014 konnte man anlässlich der Mitteilung der Übertragungsnetzbetreiber über eine leichte Absenkung der EEG-Umlage auf bild.de einen Beitrag mit der Überschrift lesen: „Warum zahlen wir so viel für Strom? BILD erklärt die Kurve der Wut“.

Stunde der Wut

Die Kurve der Wut, das ist ein Balkendiagramm, das die Strompreisentwicklung seit 1998 zeigt. Und selbstredend erklärt „Bild“ überhaupt nichts, sondern schürt irrationale Gefühle. Das fängt mit der Grafik bereits an. Sie trägt die Überschrift: „So viel kostet uns die EEG-Umlage“. Die Balken zeigen, dass der Strompreis in einem typischen Drei-Personen-Haushalt von seinem Tiefstand im Jahre 2000 (13,94 Cent pro kWh) bis zum Jahr 2014 auf 29,13 Cent pro kWh gestiegen ist (also nicht „nahezu verdoppelt“, wie „Bild“ schreibt, sondern nominell sogar mehr als verdoppelt). Die Unterteilung der Balken zeigt jedoch, dass gleichzeitig die EEG-Umlage von 0,2 Cent pro kWh auf 6,24 Cent pro kWh angestiegen ist, also um 6,04 Cent. Für die übrigen 9,15 Cent pro kWh der Preissteigerung sind also andere Ursachen verantwortlich. Dass es die Erzeugung, der Transport und Vertrieb von Strom nicht sind, kann man der Grafik ebenfalls entnehmen: Dieser Posten ist 2014 gegenüber 2013 sogar gesunken. Der Strompreisanstieg seit 2000 geht laut Tabelle zum großen Teil auf die Erhöhung von Stromsteuer, Mehrwertsteuer und verschämt unter „sonstige“ subsumierte Kostenfaktoren zurück. Aber all dies kann dem Auge des „Bild“-Lesers egal sein: Durch die Farbwahl, welche die EEG-Umlage in feuerrot, alle anderen Faktoren in angenehm gemäßigten Farbtönen darstellt, wird die unpassende Überschrift optisch beglaubigt.

Im weiteren Text bekräftigt die Autorin des Artikels, Anne Merholz: „Ein Preistreiber: die Öko-Umlage.“ Durch den unbestimmten Artikel „ein“ wird der Kritik vorgebeugt, man argumentiere monokausal; aber alles ist darauf ausgelegt, dass der durchschnittliche „Bild“-Leser, dessen „Kurve der Wut“ man ja eher erzeugen als „erklären“ will, diese Feinheit überliest. Deshalb werden auch keine anderen „Preistreiber“ namhaft gemacht. Zur Bildung der EEG-Umlage erfahren die Leser: „Mit der Umlage wird der Ausbau der erneuerbaren Energien in Deutschland finanziert. Sie wird auf den Strompreis aufgeschlagen.“ „Bild“ verschweigt, wem sie aufgeschlagen wird (nämlich den Normalverbrauchern) und wem nicht (den stromfressenden Industrieunternemen). Später wird immerhin noch enthüllt: „Im Erneuerbare Energien-Gesetz (EEG) ist festgelegt, dass Betreiber einer Solar-, Windkraft-, Wasserkraft- oder Biogasanlage nach dem Anschluss ans Netz auf 20 Jahre garantiert eine feste Vergütung erhalten. Davon wird der für den Strom erzielte Preis abgezogen, der Rest wird über die Öko-Umlage aufgefangen.“ Dass demzufolge ein Großteil der Umlagen-Erhöhung auf die Senkung des Börsen-Strompreises zurückzuführen ist, der seinerseits ein Ergebnis des Erfolgs der regenerativen Energien darstellt, wird allerdings nicht an die große Glocke gehängt. Dann müssten die „Bild“-Leser sich ja fragen, wieso die EEG-Umlagenerhöhung stets unvermindert an die privaten Endkunden weitergereicht wird, der gesunkene Börsenpreis für Strom aber nicht.

Stattdessen erfahren die „Bild“-Leser noch: „Die Milliardenförderung ist hoch umstritten, da sie zu Wettbewerbsverzerrungen führt.“ Wiederum würde man ja gerne hören, wie es mit den anderen, viel umfangreicheren Milliardenförderungen im Stromsektor bestellt ist, vor allem für Atom- und Kohleenergie. Diese stehen nicht auf der Stromrechnung, weil sie durch Steuermittel aufgebracht werden und dadurch besser der Aufmerksamkeit entzogen werden können. 2012 hätten sie, auf den Strompreis umgelegt, mehr als 10 Cent pro kWh betragen, wie eine Studie des „Forum Ökologisch-Soziale Marktwirtschaft“ ergab. Auch der für die Energiewende kontraproduktive Neubau von Höchstspannungstrassen, der von den Stromkunden (außer der wiederum davon befreiten energieintensiven Industrie) aufzubringen ist, ist der „Bild“-Autorin keinen Skandalsatz wert.

Ebensowenig befragt Frau Merholz den gegenwärtigen Luxus, zwei Stromversorgungssysteme gleichzeitig zu betreiben, auf seine psychopathologischen Implikationen („Irrsinn“). Deutschland betreibt heute gleichzeitig ein halb fertiges System mit Solar- und Windanlagen, bei dem im Grunde nur noch die Stromspeicher fehlen, und leistet sich zusätzlich andererseits ein völlig überaltetes – auf Atomkraft und Braunkohle beruhendes – System, mit dem EON, RWE, Vattenfall und EnBW ihr Geld verdienen und in das zur Erhaltung und „Modernisierung“ (Braunkohleerschließung usw.) immer noch weiter Geld hineingesteckt wird. Beide Systeme produzieren gleichzeitig Strom. Und beide passen nicht zusammen, weil Kohle- und Atomkraftwerke nicht hinreichend abgeregelt werden können, wenn genug Strom aus Sonne und Wind vorhanden ist. Immer häufiger muss in Deutschland produzierter Strom deshalb sogar verschenkt werden. Dass die Regierung sich nicht entscheiden kann, diese veraltete Kraftwerksstruktur zügig abzubauen, macht den Strompreis so teuer, dass sich einfache Verbraucher mit Recht darüber aufregen.

Eine Boulevardzeitung bzw. ihr Online-Portal könnte theoretisch die „Kurve der Wut“ auf jene preistreibenden und überdies mit Reaktorkatastrophen respektive mit der Klimakatastrophe verknüpften Technologien und deren Subventionierung lenken. Aber ein Boulevard-Medium, das auf der Seite der Vernunft und der Moral stünde, das müsste wohl erst noch erfunden werden. Vielleicht wäre es auch die Quadratur des Kreises.

Und so gehen denn im interaktiven Kommentarbereich von bild.de die Wellen der Wut so richtig hoch – teils übrigens gegen „die Konzerne“, meist gegen „die Politiker, die uns das eingebrockt haben“, teils auch gegen die Solar-und Windkraftanlagen-Betreiber. Bei einem früheren „Strom-Irrsinn“-Beitrag von bild.de las man vor einem Monat auch so fachkundige Informationen wie: „Jeder Windparkbetreiber bekommt Geld. Egal ob der Strom eingespeist wird oder nicht. Bitte vorher Informieren.“ Jetzt fordert einer: „Alle AKWs wieder ans Netz. Das war die sauberste, sicherste und günstigste Energieerzeugung. Ausserdem Fracking in grossem Umfang erlauben. Weg mit den grünen Moralaposteln. Als führende Industrienation braucen wir billigen Strom. Frankreich überf 60 KKW, Deutschland bald 0. !!!Japan!!! baut neue AKWs! nur Deutschland zockt die Bürger ab !!“ (Schreibweise gemäß dem Original) – Brav gelernt, lieber „Bild“-Leser, die Kurve der Wut funktioniert wunschgemäß.

Um eine nachhaltig bezahlbare Energieversorgung sicherzustellen und die Kosten des Klimawandels in Grenzen zu halten, bräuchten wir aber vielleicht doch eher eine „Kurve des Denkens“.

 

Rüdiger Haude
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Solarenergie-Förderverein Deutschland e.V.(SFV)

www.sfv.de

Eigene Bewertung: Keine Durchschnitt: 3.9 (7 Bewertungen)

Kommentare

Leider

ist der Kommentar des SFV keinen Deut besser, als der aufreißerisch geschriebene BILD-Artikel.

Dem System Solar- und Windkraftanlagen fehlt das Entscheidende, nämlich die Speicher. Bei SFV liest sich das so, als seien Stromspeicher nur ein Klacks. Als bräuchte man sie nur zu- und die Kohle- und Kernkraftwerke nur abschalten.

Die Politiker werden als doof hingestellt, denn sie wollen Stromtrassen, die man nach der Auffassung der SFV gar nicht braucht, weil alles dezentral erzeugbar ist. Dass Seehofer der Osttrasse widerspricht, weil sie nur den Braunkohlestrom verteilt, nimmt der Autor gar nicht zur Kenntnis.

Wenn BILD von Wettbewerbsverzerrung spricht, dann stimmt dies. Denn es kommt darauf an, dass man sehr viel Strom verbrauchen muss, um in die Förderung zu gelangen, alle kleineren Betriebe fallen dabei durch das Raster. Die steuerfinanzierte Fördeung des Kohle und Atomstroms trifft alle mehr oder minder gleichmäßig. Zumindest werden nicht die Vielverbraucher bevorzugt.

".....und leistet sich zusätzlich andererseits ein völlig überaltetes – auf Atomkraft und Braunkohle beruhendes – System...", schreibt der Autor.
Selbst wenn das Regierungsziel 50% des Energiebedarfs bis 2030 durch "erneuerbare Energien" zu decken möglich wäre, wo kommen dann die anderen 50% her? Als Atomstom von Frankreich zukaufen??

Einen Graph (s. Abb.), der in 14 Jahren (1996-2010) einen Anstieg von 13% zeigt (ca 5%-ca.18%), bis zum Jahr 2050 zu extrapolieren, wie es die Bundesregierung in ihrem Energiekonzept 2010 tut, das ist Kaffesatzlesen.Planung

Über die Berichterstattung der Bildzeitung kann man geteilter Meinung sein. "Zwischen Fußball, nackten Frauen und Skurrilitäten werden die Leser mit einer konservativ-populistischen Weltsicht geimpft", meint der Autor. Nur, wenn man selbst einen Artikel schreibt, der einseitig ist, Halbwahrheiten verkauft und dabei eine bestimmte, andere Klientel anspricht, ist man keinen Deut besser.

Strom und Eiscreme

Ich verstehe die ganze Aufregung nicht.

Denn offensichtlich ist die Energiewende für uns als Stromkunden - insbesondere auch als Niedriglohn-Nichtsolardachbesitzer - eine ungeahnte Erfolgsstory.

Gilt doch das Wort von Jürgen Trittin, dass das EEG den Durchschnittshaushalt monatlich nicht einmal den Preis einer Kugel Eiscreme kostet!

Und verdammt noch mal:

Keiner kann doch wohl Solar- und Windkraftlobbyisten dafür haftbar machen, dass Eisverkäufer sich scheinbar beharrlich weigern, ihre Preise anzupassen und pro Kugel endlich € 25 zu verlangen...

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