Eine bemerkenswerte Veranstaltung

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Buchvorstellung
Mittwoch, 14. November 2012 - 3:48

Familie Oppenheimer

Otto und Emma Oppenheimer

Um es gleich vorweg zu sagen: Nach einhelliger Meinung der Teilnehmer war dies eine der bemerkenswertesten und eindruckvollsten Veranstaltungen, welche die Stadt Bruchsal je durchgeführt hat. Das wird Rolf Schmitt sicherlich freuen, obwohl er normalerweise nicht so sehr gerne in der Öffentlichkeit steht.

Die Bruchsal.Org-Leser kennen ihn als einen der Initiatoren dieser Internet-Zeitung, als Autor vieler Beiträge und er ist, zusammen mit Thomas Adam (Leiter der Abteilung Kultur im Hauptamt der Stadt Bruchsal) und Thomas Moos (Stadtarchivar und Leiter des Stadtarchivs Bruchsal), einer der Herausgeber eines neuen Buches über die jüdische Familie Oppenheimer, welches nun erschienen ist und am Samstag, den 10. November im Bruchsaler Bürgerzentrum im Rahmen einer Buchvorstellung feierlich präsentiert wurde.

Ja, man muß schon sagen “feierlich”, was sicherlich mit dem Titel und der Thematik des Buches (Oppenheimer. Eine jüdische Familie aus Bruchsal. Spuren-Geschichten-Begegnungen) zu tun hat. Rolf Schmitt war der Initiator und die treibende Kraft, wie es Dr. Jochen Wolf in seiner Rede (s. Video unten) darlegte. Er, Rolf Schmitt weckte das Interesse aller Beteiligten an der Familie Oppenheimer, und er habe ab 2010 ein umfangreiches Netz an E-Mail-Kontakten in die USA aufgebaut, wo die Nachkommen der Familie Oppenheimer leben.

Es war das "Jahr des Internets und der E-Mails”, wie auch Thomas Adam betonte, denn ohne das Internet wäre das Buch gar nicht zustande gekommen. “Rolf Schmitt hat ein großes Reservoir an Ansprechpartnern aufgetan, die plötzlich alle da waren und ihre Geschichte erzählen wollten”, so Dr. Wolf.

Dr. Wolf sah sich plötzlich in der Funktion eines “Zuträgers”, wie er augenzwinkernd bemerkte, die er aber gerne ausfüllte, denn in dieser Funktion konnte er den ersten persönlichen Kontakt mit Abkömmlingen der Familie Oppenheimer in den USA knüpfen, z.B. mit Harry L. Ettlinger, einem Enkelsohn Otto Oppenheimers, den er anläßlich eines beruflichen Aufenthalts in New York traf.

Nachfahren der Oppenheimers

Links: Harry L. Etttlinger, Enkelsohn, Hanne Ansell, Enkeltochter

Dr. Wolf war beeindruckt von Herrn Ettlinger, über die Art und Weise, wie dieser ihm gegenüber trat, ohne den Eindruck zu vermitteln, dass er eventuell Haßgefühle empfinde, wegen der Vergangenheit befangen oder betrübt sein könnte, nein, er sei, ganz im Sinne seines Großvaters, offen, freundlich, optimistisch und positiv eingestimmt gewesen und habe sich als den “glücklichsten Menschen der Welt bezeichnet dass, obwohl es nun schon so lange gedauert habe, eine Wiederaufnahme der Beziehungen zur alten Heimat nun nahe schien und sogar ein Platz nach seinem Großvater benannt werden sollte".

Auch Thomas Adam wußte anschaulich über die Entstehung des Buches zu berichten. Ursprünglich seien lediglich 60 Seiten geplant gewesen, nun sind es über 300 Seiten geworden und es ist noch so viel Material vorhanden, dass man den Umfang des Buches beliebig erweitern könne (vielleicht kommt noch ein zweiter Teil?).

Auch er betonte, dass das Buch ohne das Internet nicht möglich gewesen wäre. Vor allen Dingen zeichnete er ein anschauliches Bild der Familie Oppenheimer, die eine florierende Tuchgroßhandlung betrieb. Während der Naziherrschaft mußte die Tuchhandlung an einen “Arier” verkauft werden und die Familie emigrierte zunächst in die Schweiz.

Im Exil

Emma und Otto Oppenheimer in den USA

Drei Jahre später emigrierte sie in die USA, wo Otto Oppenheimer 1951 im Alter von 75 Jahren in New York verstarb.

Otto Oppenheimer und seine Brüder taten viel Gutes für die Stadt, sie waren Kunstmäzen, Vereinsförderer, Vereinsvorsitzende, Synagogenvorsteher, Stadtverordnete, Sitzungsbeiräte und Wohltäter im sozial-karitativen Bereich. Otto Oppenheimer war auch Mitglied der Großen Karnevalsgesellschaft Bruchsal und schrieb im Jahre 1901 die bekannte Brusler Nationalhymne “Der Brusler Dorscht”,

Brusler Dorscht

"Brusler Dorscht" - bisher unbekannte Zeichnung des Malers Karl Hubbuch für seinen Freund und Mäzen Otto Oppenheimer

aber auch Sommertagsumzugs-Lieder wie “Was stelzt uff’m Dach dort”, was mir aus meinen eigenen Kindheitserinnerungen noch in den Ohren klingt.

Thomas Adam hob auch die unglaubliche Heimatliebe der gesamten Familie Oppenheimer hervor und reflektierte darüber, wie man, wie Emma Oppenheimer, sechs Jahre nach Ende des Krieges, neun Jahre nach dem Tod von Familienangehörigen im Konzentrationslager, und dreizehn Jahre nach ihrer Flucht aus Deutschland schreiben konnte, dass sie und ihr Mann das “Heimatgefühl nach dem lieben Brusl” nie verwunden hätten, so fest seien sie mit ihrer Heimat verbunden gewesen.

Er fragt, ob man es von Menschen erwarten oder es überhaupt für möglich halten könne, solche Worte über eine Heimat zu finden, aus der sie vertrieben wurden und die durchaus auch aktiv an ihrer Vertreibung mitgewirkt habe. Ein anderes Zitat aus der Familie Oppenheimer: “Wir alle, Christen wie Juden, lieben den Fleck Erde, auf dem wir geboren, die Stätte, an der wir jung gewesen sind und darüber hinaus das Land, das unsere Sprache spricht, es gehört zum Bittersten was es gibt, die Heimat aufzugeben”, so Karl Oppenheimer und seine Frau Klara.

Immer wieder das Bekenntnis zur Heimat, die man liebt, und die man nicht aufgeben will. Dieses Heimatgefühl bleibt über die Ausgrenzung hinweg, die Vertreibung, den Krieg und die wirtschaftlich schweren Jahre in der Emigration. Wie bitter muß es für die Oppenheimers gewesen sein, die Heimat aufzugeben und die Menschen verlassen zu müssen, zu denen man sich ebenfalls herzlich verbunden fühlte. Das waren die Nachbarn, die Freunde, die Mitarbeiter.

Was die Familie Oppenheimer auf sozial-karitativem Gebiet geleistet hat, entspringt ebenfalls dieser Heimatliebe und der Verbundenheit mit den Menschen. Ohne Otto Oppenheimers Vater zum Beispiel gäbe es nicht das katholische St. Josephshaus in der Peter-und-Paul-Straße, wo heute ein Wohnheim für psychisch Erkrankte zu Hause ist. Ich weiß von meiner Großmutter, dass die Familie laufend großzügige Kleiderspenden an ärmere Familien abgab. Diese Familie war unglaublich engagiert, eben ein Stück Bruchsaler Leben, Bruchsaler Gemeinschaft, Bruchsaler Gesellschaft.

Auch den Maler Karl Hubbuch hätte es wohl nicht so gegeben wie wir ihn kennen, hätte ihn nicht Otto Oppenheimer als Kunstmäzen unterstützt.

Karl Hubbuch

Nochmals: Karl Hubbuch

Ohne das 1951 in einem Brief an Fritz Holoch (Urgroßvater des CDU-Fraktionsvorsitzenden Mathias Holoch) übermittelte Heimatgefühl und das Internet wäre wohl das Buch nicht entstanden, so Thomas Adam, womit sich seine Eingangsfrage, welchen Zusammenhang es wohl zwischen Heimat und Internet gäbe, nun auch beantwortet. Wohl nichts von dem, was uns die Heimatgeschichte nun neu erschließt, wäre ohne das Internet zustande gekommen, auch nicht die Kontakte zur Familie Oppenheimer und deren Besuch hier in Bruchsal.

Bruchsals Oberbürgermeisterin Cornelia Petzold-Schick erwähnte eingangs zunächst das Datum der Buchvorstellung, welches zwischen dem 09. und 11. November liegt, dem Jahrestag der Reichsprogromnacht und dem Beginn der närrischen Jahreszeit. “Das eine steht für ein Unrechtssystem, für Mord und Judenverfolgung, das andere für Frohsinn, Ausgelassenheit und heiteren Überschwang”, wobei sie insbesondere Otto Oppenheimer als “Klammer um zwei Termine” nannte, “die eigentlich nicht zusammenpassen.” Sie würdigte zunächst die ehrenamtliche Arbeit aller an der Entstehung des Buches Beteiligten, insbesondere aber nochmals Rolf Schmitt, ohne dessen Engagement dieses Buch wohl nicht geschrieben worden wäre. Die Oberbürgermeisterin wünschte sich, dass in unseren Schulen für den Geschichtsunterricht, für die politische Bildung in Vereinen und in Jugendgruppen das Buch zur Hand genommen und sich damit auseinandergesetzt wird.

Die Feier fand auch äußerlich ihren entsprechenden Rahmen: Als Bezug zur Fasnacht stand die Fastnachtsgarde auf der Treppe zum oberen Foyer Spalier und begrüßte die Gäste.

Spalier

Begrüßung durch Fastnachtsgarde

Ein Leierkastenmann (Stefan Schuhmacher) intonierte dazu die passende Musik.

Leierkastenmann

Stefan Schuhmacher mit einer Drehorgel des Deutschen Musik-Automaten-Museums

Die Narren Michael Vettermann, Markus Böhmer und Heimfried Werner gedachten, einen Tag vor Eröffnung der neuen Kampagne, des Fasnachters und Autors des “Brusler Dorscht” Otto Oppenheimer, der Intendant der Badischen Landesbühne, Carsten Ramm trug ein Gedicht Otto Oppenheimers vor und las Auszüge aus Briefen von Emma und Otto Oppenheimer aus der Emigration nach Bruchsal. Wolfgang Wittke, Leiter der Stadtkapelle Bruchsal, begrüßte die Gäste mit einem besinnlichen Klarinettensolo, die Stadtkapelle intonierte im Lauf des Abends noch das Sommertagszugs-Lied “Was stelzt uff’m Dach dort” sowie die "Bruchsaler Nationalhymne” vom “Brusler Dorscht”,

Schellackplatte

Schellackplatte "Brusler Dorscht" aus den 1920ern

welche dann auch noch von einer original Schellack-Platte aus den 1920er Jahren auf einem alten Grammophon des Deutschen Musikautomatenmuseums abgespielt wurde. Ein Film über den Besuch der Oppenheimer-Nachkommen in Bruchsal vom 20. bis 22. Mai 2001 zeigte nochmals das Geschehen rund um die Umbenennung des Holzmarkts in Otto-Oppenheimer-Platz. Wer möchte, kann sich dieses Video nun anschauen

oder die Zusammenfassung des Abends, vielleicht dem Grammophon mit der original Schellack-Platte lauschen und sich die Reden von Oberbürgermeisterin Cornelia Petzold-Schick, Thomas Adam und Dr. Jochen Wolf ansehen und anhören.

Nachfolgendes Video zeigt das Abspielen der Schellack-Platte "Brusler Dorscht" auf einem alten Grammophon. Mal reinhören: Wer die gesamte Rede der Oberbürgermeisterin hören möchte, der klicke in dieses Video: Nun noch die Beiträge von Thomas Adam und Dr. Jochen Wolf:

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Kommentare

Nicht nur eine

Nicht nur eine bemerkenswerte, sondern auch eine beeindruckende Veranstaltung, die mich tief berührt hat!

Hab den Ex-OB vermisst,

und so einige andere Herrschaften. Sie hätten mit ihrer Anwesenheit endlich wahre Größe zeigen können. Aber dafür bedarf es einer gewissen Bildung, die man hat oder eben nicht.

Bildung - Charakter

Vielleicht ist es doch keine Frage der Bildung sondern eine Frage des Charakters.
Ob ein Mensch ein Gentleman ist, erkennt man an seinem Benehmen denjenigen Menschen gegenüber, von denen er keinen Nutzen hat.
(William Lyon Phelps - US-amerikanischer Literaturwissenschaftler und Autor.

Ebbecke

Der Bericht ist für mich interessant, weil der Name Hans Ebbecke erwähnt wird. Für mich ist dieser Bericht auch von Interesse, weil ich im Besitz von zwei Zeichnungen (Bildern) von Otto Oppenheimer bin. Ich habe diese Bilder vom Nachlass meiner Tante Marie Seitz, die Anfang der 60er Jahre sich mit Hans Ebbecke verehelicht hat. Wahrscheinlich hat Hans Ebbecke diese Bilder von Otto Oppenheimer bekommen.

Es grüßt Gustl Seitz aus Nußloch

Ebbecke

Der Bericht ist für mich interessant, weil der Name Hans Ebbecke erwähnt wird. Für mich ist dieser Bericht auch von Interesse, weil ich im Besitz von zwei Zeichnungen (Bildern) von Otto Oppenheimer bin. Ich habe diese Bilder vom Nachlass meiner Tante Marie Seitz, die Anfang der 60er Jahre sich mit Hans Ebbecke verehelicht hat. Wahrscheinlich hat Hans Ebbecke diese Bilder von Otto Oppenheimer bekommen.

Es grüßt Gustl Seitz aus Nußloch

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