Beim "Denner", Fortsetzung

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Geschichten aus dem "Denner"-Erinnerungen an einen Ferienjob
Sonntag, 8. Dezember 2013 - 13:46
Bierkrug

Prost!

Ich wurde älter und nahm bald auch einen Job in den Großen Ferien an. Wo? Natürlich beim "Denner". Dieser beschäftigte immer drei bis fünf Schüler in den Sommer- und Herbstferien.

Meinen ersten Job hatte ich mit 14. Der war eigentlich sehr verantwortungsvoll, setzte man mich doch an die Ausleuchtungsanlage direkt links neben der Abfüllmaschine. Es herrschte ein Höllenlärm und man konnte sich nur durch Zeichen oder Schreien verständigen. 

Links neben dem Abfüller, stehend, war der Arbeitsplatz des Ausleuchters, sitzend. Der Abfüller mußte die Flaschen per Hand verschließen. Es gab damals noch keine Kronenverschlüsse, sondern nur die Bügel,

Bügelverschluß

Bügelverschluß, privat

und der Mann machte den ganzen Tag immer die gleichen Bewegungen, nämlich mit beiden Händen an die aus der Maschine kommenden, abgefüllten Flaschen greifen, Bügel fassen und verschließen. Das ging nicht immer reibungslos. Manchmal stellte sich eine Flasche quer oder platzte beim Abfüllen. Dann mußte die Anlage angehalten, die Scherben entfernt oder die Flasche aufgerichtet werden. Das waren dann willkommene Pausen für den Ausleuchter, der im Übrigen alle zwei Stunden abgelöst wurde, d.h. 2 Stunden ausleuchten, zwei Stunden eine andere Tätigkeit, z.B. an der Flaschenspülmaschine im Keller.

Danach fuhren die nunmehr vollen Flaschen zur Etikettierstation, wo ihnen, oben und in der Mitte, das Denneretikett verpasst wurde.

Oberes Etikett um den Bügel

Obere Etiketten um den Bügelverschluß, privat

Flschen

Bügelverschlüsse, privat

An der nächsten Station wurden die Flaschen von Ferienjobbern in Kästen verfrachtet, und diese rollten auf den Förderrollen durch ein Loch in der Wand in den Kühlraum, wo sie bis zur Auslieferung durch die Bierfahrer gelagert wurden.

Die Kästen mußten in diesem Raum 8-fach hoch gestapelt werden. Ab dem 16. Lebensjahr wurde ich dazu eingeteilt, denn der Job war nicht beliebt, eine Knocharbeit, 8 Stunden lang ununterbrochen schwere Bierkästen nach oben stemmen sowie die Kästen für die Auslieferungsfahrer auf die Förderrolle stellen und herausgeben. Da weiß man am Abend, was man getan hat. Vorschriften wegen "Kinderarbeit" gab es damals noch nicht.

Vorher war ich jedoch, wie schon erwähnt, an der Ausleuchtestation eingesetzt. Im Bild unten sehen Sie diese Station links neben der Abfüllmaschine, ein Mann sitzt davor, die leeren Flaschen kommen von links aus dem Keller, wo die Reinigungsanlage stand. Das große Fenster zeigt zur Huttenstraße.

Abfüllanlage

                                             Photo Stadtarchiv Bruchsal

An dieser Station saß ich während der Ferien, vor mir die helle, durch Neonröhren weiß erleuchtete emaillierte Blechwand, und jede am Bügel oder sonst beschädigte oder verschmutzte Flasche mußte aussortiert werden.

Dies diente auch dem Schutz des Abfüllers, denn der hatte keine Zeit, zu schauen, ob die Flasche am Hals oder am Bügel unbeschädigt war. Wenn man also eine beschädigte Flasche übersah, konnte sich der Abfüller schwer an den Händen verletzen.

Zur Eingewöhnung ließ man anfänglich die Abfüllmaschine etwas langsamer laufen und der Abfüller schaute anfangs immer mal argwöhnisch zu mir herüber, ob ich auch aufmerksam bei der Sache war, und er ermahnte mich immer wieder, indem er herüberschrie, ja aufzupassen, aber am zweiten Tag lief die Maschine wieder auf Vollast, im Sommer wurde ja Bier in Massen verkauft.

Bei Maximalausstoß mußten sogar zwei Abfüller tätig sein, einer alleine kam mit dem Verschließen einfach nicht mehr nach, entsprechend schnell liefen die Flaschen am Ausleuchtkasten vorbei, und nach 4 Stunden des Auf-den-Schirm-Starrens brannten einem die Augen schlimmer als jetzt bei der Computerarbeit.

Auf obigem Bild sieht man noch - wahrscheinlich einen Ferienjobber - wie dieser die Flaschen in Kästen stellt, bevor sie auf dem Rollenband in den Kühlraum rollen.

Bei mir hat sich kein Abfüller geschnitten, dafür ich mich, die Fingerkuppe des rechten Mittelfingers war eines Tages fast weg, es blutete fürchterlich - was hat man getan? So zimperlich wie heute ging es damals nicht zu, man tat Jod drauf, hat einen Verband angelegt, einen Fingerschuh drüber (offensichtlich hatte man "Erfahrungen") und die Produktion ging weiter. Die Narbe habe ich heute noch.

Es gab aber auch bessere Tätigkeiten für uns Ferienjobber. Die Zweitbeste Tätigkeit war die des Abfüllers an der Limonademaschine. Diese stand halb im kühlen Felsenkeller, und man mußte sie ganz alleine bedienen, d.h. das Limonadepulver anrühren, in die Maschine geben, Kohlensäure und Wasser anschließen (die Brauerei hatte eine eigene Quelle), Abfüllgeschwindigkeit einstellen und abfüllen.

Es war also eine gewisse Selbstständigkeit mit dieser Arbeit verbunden. Es gab drei Sorten Limonade: "Ravilla gelb" (Orange), "Ravilla weiß" (Zitrone) in 0.75 Liter-Flaschen und "Brassi" in kleinen, geriffelten, braunen 0.25 Liter-Fläschchen, eine Orangenlimonade, die auch am besten schmeckte. Das "Ravilla weiß" kam Jahre später als "7up" wieder zu Ehren.

Brassi

Photo privat

Halb im kühlen Felsenkeller war man vor der Hitze der Sommertage abgeschirmt und man konnte so viel Limonade trinken, wie man wollte, man griff sich einfach eine Flasche, die soeben befüllt wurde.

Felsenkeller

Einer der tiefen, alten Felsenkeller nach Abriß der vorgelagerten Gebäude

Felsenkeller
Felsenkeller

Weitere Kellereingänge

Der beste Job war der des Bierfahrers. Ab dem 17. Lebensjahr wurde ich als Beifahrer auf den großen Opel-Lastwagen eingesetzt.

Fuhrpark Denner

Fuhrpark Denner, Stadtarchiv Bruchsal

Auf dem Photo oben sind diese Lastwagen ganz hinten zu sehen. Nach dem Laden an der Rampe, im Vordergrund ist die mit Kästen beladene Laufrolle aus dem Kühlraum zu sehen, ging es los, man konnte es gemütlich angehen lassen und etwas von der "Welt" sehen. Die "Welt", das war das Absatzgebiet vom "Denner Bräu".

Absatzgebiet Denner Bräu

Absatzgebiet Denner-Bräu, Stadtarchiv Bruchsal

Das Verbreitungsgebiet umfaßte den ganzen ehemaligen Landkreis Bruchsal. Man lernte so auch die kleinste Wirtschaft in Bruchsals Obervorstadt und Umgebung kennen, damals noch so richtig urig. 

Das Lastauto wurde an der Rampe hinter dem neuen Gebäude mit der Flaschenbierabfüllanlage beladen. Dann bekam man seine Route mitgeteilt und machte sich auf den Weg. In jeder Wirtschaft gab es ein Schnäpschen und bei einigen sogar noch was zum Vespern, im Grünen Baum zum Beispiel. Manchmal hatte man noch eine Ladung Stangeneis auf der Pritsche, das dann in die tiefen Keller der Wirtschaften verfrachtet wurde.

Schwer war das Abladen der Holz- und später der 30,50 und 100 Liter Aluminiumfässer. Dafür gab es Rutschen, doch in die tiefen Keller mußte man die Fässer rollen und schwer aufpassen, daß man nicht überrollt wurde.

Abends ging man nach der Arbeit immer "leicht beschwingt" nach Hause. Die Bierfahrer sind aber  nie von der Polzei kontrolliert worden.

"Leicht beschwingt" war man manchmal auch nach einer "Bierprobe" mit den Bierbrauern. Diese tranken nur Bier, in welchem die Bierhefe noch drin war, niemals aus abgefüllten Flaschen. Die Bierhefe setzte sich in den großen Edelstahl-Lagetanks unten ab, vor der Abfüllung wurde sie durch Filterung entfernt. Man konnte unten an den Kesseln Hahnen öffnen, und heraus lief ein völlig trübes, aber köstlich schmeckendes Bier. Man hätte es auch so verkaufen können, aber der Kunde will eben ein klares Bier. Er weiß nicht, was ihm da entgeht....

Biertanks

Edelstahl-Biertanks, Stadtarchiv Bruchsal

Ab dem 18. Lebensjahr, im Besitz des Führerscheins, durfte man dann selbst Bier fahren, allerdings nur die VW-Pritschenwagen. Auf dem Bild oben, Fuhrpark Denner, ist ganz rechts "mein Auto" zu sehen. Mein Beifahrer war ebenfalls ein Ferienjobber. Man kann sich vorstellen, was da los war. Wenn man sich beeilte, war man schon zwei Stunden vor der geplanten Zeit fertig. Dann konnte man es sich auf der Pritsche bei ein paar Bierchen gemütlich machen - ein Traumjob!

Ach ja, fast hätte ich es vergessen, jeder Beschäftigte der Brauerei bekam ein wöchentliches Kontingent Bier zugeteilt, ersatzweise auch Limonade oder Malzbier. In unserem Gewölbekeller in der Huttenstraße stapelten sich nie so viele Bierkästen wie in den Sommerferien. Das Bier hielt damals aber ungekühlt nur einige Wochen, dann wurde es schal, es mußte also zeitnah konsumiert werden. Mein Vater, Weintrinker, mutierte in den Sommerferien zum Biertrinker.

Bierdeckel

Die Auszahlung des Lohns war auch ein ganz besonderes Ritual. Dieser wurde nämlich Freitag Nachmittag in braunen Papierlohntüten bar ausbezahlt, zusammen mit der Abrechnung. Die Arbeitsstunden wurden per Stechuhr ermittelt.

Die Belegschaft wartete im Gemeinschaftsraum, wo gevespert und das mitgebrachte Mittagessen eingenommen wurde, auf ihre Lohntüte. Jeder wurde einzeln aufgerufen und mußte dann runter ins Büro, dessen Eingang sich in der dämmrigen Toreinfahrt befand, linker Hand, von der Straße aus gesehen.

Die Buchhaltung machte Frau Denner zusammen mit einer Angestellten. Frau Denner überreichte dann auch die Lohntüte mit der Ermahnung, nachzurechnen, und die Arbeitswoche war beendet, wenn man nicht noch am Samstag und Sonntag Überstunden machen wollte.

Meine Denner-Biergläser hüte ich wie einen Augapfel. Später habe ich auch beim Gerüstbau-Holoch gejobbt, weil da mehr bezahlt wurde. Unter anderem war ich beim Eingerüsten der drei Hochhäuser in der Karl-Berberich-Straße dabei. Aber das ist eine andere Geschichte...

Biergläser
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Kommentare

Der Denner stand auch im Klassenbuch

Wir hatten auf dem Schiff (vulgo Schönborngynasium) eine Pläsier daran, neue Lehrer oder verplante Referendare in folgender Weise zu foppen: Der guten Ordnung halber begann jeder Fachunterricht mit der Frage des Lehrers nach den Anwesenden. Wenn jemand krankheitshalber fehlte, wurde dies ins Klassenbuch eingetragen.
Fragte bei uns also so ein neuer Lehrer, der die Klasse nicht kannte, nach Fehlenden erhielt er wie aus der Pistole geschossen die Antwort: "Der Denner". Mit der Nachfrage des Klassenlehrers, wie denn der Denner mit Vornamen heisse, verriet er, dass er uns auf den Leim gegangen war und mit unserer Antwort "Ernst" erhielt also der ehrenwerte Herr Denner noch lange nachdem er auf unserem Bildungsinstitut sein Abitur gemacht hatte, weiterhin Klassenbucheinträge wegen Fehlens beim Unterricht.

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