Beim "Denner"

DruckversionPer e-Mail versenden
Geschichten aus dem "Denner" - Erinnerungen an einen Ferienjob Teil 1
Dienstag, 3. Dezember 2013 - 13:01
Denner

In Anlehnung an Rolf Schmitt's "Denner-Report": Ja, ja, das waren noch Zeiten... Da ich in der Huttenstraße schräg gegenüber der Brauerei Denner und dem der Huttenstraße zugewandten Sudhaus mit den riesigen, gut einsehbaren Kupferkesseln hinter einer großen Glasfassade aufgewachsen bin,

Gebäude Huttenstraße

Gebäude schräg gegenüber vom Denner

habe ich die Brauerei, den "Alten (Ludwig) Denner", die Huttenstraße und die Andreasstaffel, die direkt an der Brauerei vorbeiführte (man konnte von dort in den Innenhof schauen, eine kleine Tür führte zur Andreasstaffel), noch gut in Erinnerung, zumal die Andreasstaffel auch jahrelang mein Schulweg war.

Andreasstaffel

Andreasstaffel, aus: "Bruchsal im Bild" von Ekkehart Krauth

Die Brauerei Denner lag am oberen Ende (oder am Anfang, je nach Standpunkt) der Seilersbahn in der, wie schon erwähnt, Huttenstraße.

Brauerei Denner

Foto aus: "Bruchsal im Bild" von Ekkehart Krauth, 1953

In der Lücke links des Denner-Gebäudes wurde später ein neues Sudhaus errichtet (heute ein Wohnhaus), deren kupferne Sudkessel durch eine Glasfront zur Huttenstraße hin gut einsehbar waren.

Sudkessel

Sudkessel, Bild Stadtarchiv

Meine früheste Erinnerung stammt aus den 1950er Jahren, als meine Familie gerade in das Haus Huttenstraße 20b umzog, einst Gelände des Wehrmachtgefängnisses. Das Haus, wie auch das gesamte Areal wurde am 1. März zerbombt, die beiden Gebäude 20a und 20b in der Huttenstraße jedoch schnell wieder aufgebaut, um dringend benötigten Wohnraum zu schaffen. 1950 zogen dort denn auch lauter Staatsbedienstete ein, Mitarbeiter der JVA ("Zuchthauswärter", wie man damals sagte), Polizeibeamte, Lehrer und Finanzbeamte. Mein Vater war einer der Finanzbeamten. Das "Finanzamt" war nicht weit weg, nämlich um die Ecke in der Seilersbahn innerhalb eines Seitenflügels der "Psycha". Der Eingang befand sich im Rest der hohen Gefängnismauer, es war eine kleine Tür. 

Tür

Eingang zum "Finanzamt Bruchsal" in den 1950er Jahren. Aus: "Seilersbahn" von Rainer Kaufmann

Rainer Kaufmann schreibt in seinem Buch "Seilersbahn": "Das Areal des Wehrmachtsgefängnisses umfaßte nahezu das gesamte Gelände des heutigen Bürgerzentrums und des Bürgerparks. Der Haupteingang war in der Huttenstraße. Identisch mit dem Haupteingang der von Balthasar Neumann geplanten fürstbischöflichen Kaserne. Die beiden Wachhäuschen sind heute noch vorhanden, die beiden angrenzenden Gebäude heute ansehnliche Wohnhäuser."

Wachhäuschen

Wachhäuschen

Zum Wehrmachtsgefängnis gäbe es ebenfalls viel zu erzählen, das bleibt jedoch einem anderen Bericht vorbehalten. Zurück zum "Denner":

In den frühen 1950er Jahren wurde das Bier teilweise noch mit Pferdefuhrwerken ausgefahren, die "Äpfel" lagen überall in der Huttenstraße und der Seilersbahn herum und, Rabauken, wie wir damals nach dem Krieg waren, wurde unter den vielen Kindern, die die Huttenstraße bevölkerten, so manche "Apfelschlacht" ausgetragen, wobei ich mich noch gut an eine Situation erinnere, als mein Schulkamerad Michael, Sohn des damaligen Braumeisters, gerade zum "Apfelwurf" gegen die Gegenseite ansetzte, er hatte ein ansehnliches Exemplar in der Hand, holte aus und wollte "abfeuern". Dabei hätte er jedoch nicht seinen Mund öffnen sollen, denn er erhielt, gerade als er, voller Vorfreude auf einen eventuellen Treffer werfen wollte, selbst einen "Volltreffer" in den freudig geöffneten Mund hinein. Von da an hat er sich nie wieder an einer "Apfelschlacht" beteiligt.

Ebenfalls noch in guter Erinnerung ist mir der Tag, als ich vom "Denner's Peter" gebissen wurde. Der "Denner's Peter" war nicht etwa der Sohn von Denners, sondern der Hund vom alten Denner, ein grauer Riesenschnauzer, der sich frei auf dem Gelände bewegte, manchmal auch in der Huttenstraße herumschnüffelte und der hin und wieder von den Schulkindern geärgert wurde, und oft auch von den Arbeitern der Brauerei.

Peter war ein lieber Kerl und vertrug sich eigentlich mit jedem. Eines Tages jedoch, ich war gerade auf dem Nachhause-Weg von der Freiherr-vom-Stein-Schule auf der Reserve, etwa in der zweiten Klasse, von der Andreasstaffel kommend und nach rechts in die Huttenstraße abbiegend, am Tor des Dennergebäudes vorbei, kam plötzlich der "Denner's Peter", wie er von uns Kindern genannt wurde, wie ein Blitz aus dem dämmrigen Torbogen geradewegs auf mich zugeschossen, sprang mich an und biß mir in die Schulter, drehte sich um, um wieder im Schatten des Torbogens zu verschwinden - irgendwer hatte ihn mal wieder geärgert und er ließ seinen Frust an mir aus.

Der "Alte Denner" ließ sich aber nicht lumpen und zahlte ein kräftiges Schmerzensgeld zusammen mit einer Ration Bier für meine Eltern. Man hörte ihn den ganzen Tag in seiner etwas hohen Fistelstimme mit seinen Leuten herumschreien. Er meinte es aber nicht so. Er war im Grunde eine herzensgute Seele, die so manches durchgehen ließ. Er paßte beim Beladen der Bierautos mit Argusaugen auf, damit auch ja kein zusätzlicher Kasten oder Faß mitgenommen und "schwarz" verkauft wird.

Im Sommer, wenn es heiß war, wurde das von der Brauerei produzierte Stangeneis zu den einzelnen Wirtschaften ausgefahren, es gab damals noch keine Kühlschränke, sondern nur dunkle, kühle Keller, wo das Bier in Fässern oder Kästen gelagert wurde. Im Sommer also wurden diese Keller mit Stangeneis versorgt, damit das Bier nicht verdirbt. Die Bierautos hinterließen eine lange Tropfspur bei der Ausfahrt aus dem "Denner-Tor", und man konnte sehen, wohin sie abgebogen sind, ob nach rechts oder links in die Huttenstraße oder geradeaus in die Seilersbahn. Auch rutschten manchmal ganze Stangen von den Lastern auf die Straße, zerbröselten zu Eisbrocken, die wir Kinder aufnahmen und lutschten.

Auf dem Schulweg begleitete uns Kinder das ununterbrochene Rauschen des Wassers über die Kühlschlangen der Bierkühlanlage, welche direkt an der Andreasstaffel in Höhe der Felsen stand. In den Rohren wurde das frisch gebraute Bier gekühlt, bevor es in die Edelstahltanks in den Felsenkellern abgefüllt wurde.

Biertanks

Biertanks, Stadtarchiv Bruchsal

Auch der Tag, an dem mein Schulkamerad Michael aus Bruchsal weg zog, ist mir noch gut in Erinnerung. Das war in der 4. Klasse. Michael wohnte da, wo heute der Bäcker Kirchner seinen Laden hat. Von der Andreasstaffel aus konnte man das Haus gut sehen, denn die Sicht war noch nicht durch das neue Dennergebäude mit Lager und Abfüllraum versperrt.

Morgens, als ich zur Schule ging, stand der Möbelwagen vor dem Haus, als ich wieder von der Schule nach Hause eilte, war der Möbelwagen weg, eine langjährige Freundschaft wurde dadurch jäh beendet.

Als Sohn des Braumeisters gab es bei Michael zu Hause immer genügend Limonade (Brassi, Ravilla) und Malzbier, eine Seltenheit zur damaligen Zeit.

Brassi

Foto: privat

Michael mußte weg ziehen, weil sein Vater einen großen Schaden beim Bierbrauen verursachte. Er hatte es einmal versäumt, als Braumeister die Sauberkeit eines der großen, 50.000 Liter fassenden, kupfernen Sudkessels vor der nächsten Befüllung zu kontrollieren. Und, wie es das Schicksal wollte, hatte ein Mitarbeiter nach der Reinigung und vor der Neubefüllung das Reinigungsmittel nicht sorgsam genug entfernt - dieser Sud war natürlich verdorben und Michaels Vater mußte als Braumeister die Konsequenzen tragen (ebenso der Mitarbeiter).

Als später die neue Abfüllhalle gebaut und die Andreasstaffel darum herum verlegt wurde, war der klirrende Lärm der Flaschen auf dem Förderband ganztags in der gesamten oberen Huttenstraße zu hören, zusammen mit dem würzigen Geruch von Malz, den ich mein ganzes Leben in Erinnerung haben werde, ein Kennzeichen dieser Straße.

Ich wurde älter und nahm bald auch einen Job in den Großen Ferien an. Wo? Natürlich beim "Denner". Dieser beschäftige immer drei bis fünf Schüler über die Sommer- und Herbstferien. Da er mich als "Opfer" seines Hundes nicht vergessen hatte, wurde ich bei den Einstellungen immer bevorzugt. Fortsetzung folgt im 2. Teil.

Denner-Wappen

Denner-Wappen, Stadtarchiv Bruchsal

Eigene Bewertung: Keine Durchschnitt: 4.2 (10 Bewertungen)

Kommentare

Brauerei Denner

Schön zu lesen. Er kanns halt, der Waldemar. Vieles habe ich ähnlich erlebt, einige Jahre später. Freue mich auf die Fortsetzung.

Inhalt abgleichen Inhalt abgleichen