Auswirkungen von Stuttgart 21 auf das Mittelzentrum Bruchsal als Pendlerstadt

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Montag, 21. November 2011 - 21:18

Am 28. Juni 2011 beantwortete das Ministerium für Verkehr und Infrastruktur eine kleine Anfrage der Abgeordneten Alexander Salomon und Beate Böhlen (beide GRÜNE) zum Thema „Auswirkungen von Stuttgart 21 auf den Verdichtungsraum Karlsruhe/Pforzheim sowie den Landkreis Rastatt und Baden-Baden“ (hier die Fragen und Antworten zum Nachlesen: Kleine Anfrage Drucksache 15/367

Zur Begründung schreiben die beiden Landtagsabgeordnete unter anderem: „sowohl über Bruchsal als auch über Pforzheim sind die Züge stark ausgelastet, die Region Nordschwarzwald fordert einen Halbstundentakt zwischen Karlsruhe und Stuttgart über Pforzheim mit schnellen Zügen. Mit der Einführung der TGV-Verbindungen wurde die Zahl der in Bruchsal haltenden IC-Verbindungen nach Stuttgart reduziert. In einem Presseartikel in den Badischen Neuesten Nachrichten (BNN) vom 8. Juli 2011 machte der Verkehrsclub Deutschland e.V. (VCD) auf eine Angebotsverschlechterung bei den Zugverbindungen von Karlsruhe nach Stuttgart zur Hauptpendlerzeit in Zusammenhang mit dem Stresstest zu Stuttgart 21 aufmerksam.“ 

In der Antwort der Landesregierung wird unter anderem ausgeführt: „Der dem Stresstest zugrunde liegende Fahrplan sieht in diesem Zeitraum (gemeint ist zwischen 7 und 9 Uhr – d. Red.) lediglich eine Ankunft eines Fernzuges von Karlsruhe Hbf um 7:31 mit Halten in Bruchsal und Vaihingen (Enz) vor. Da das derzeitige Angebot im Berufsverkehr mit einer Besetzung von ca. 100 % sehr stark nachgefragt wird, ist das dem Stresstest zugrunde gelegte Fernverkehrsangebot zwischen Karlsruhe und Stuttgart aus Sicht der Landesregierung nicht ausreichend. 

Auf die Nachfrage, ob durch das Bahnprojekt Stuttgart-Ulm bzw. Stuttgart 21 die Anzahl der zur Verfügung stehenden Verbindungen … aus der gesamten Region nach Stuttgart beeinflusst würden und falls ja, in welcher Form, antwortet die Landesregierung u.a., dass nach aktuellem Planungsstand das Grundangebot während der Tagesstunden weitgehend unverändert fortgeführt würde … während der Spitzenstunden (Ankünfte in Stuttgart Hbf zwischen 7 und 9 Uhr) sähe der im Rahmen des Stresstestes vorgelegte Fahrplan aufgrund des reduzierten Angebotes des Fernverkehrs eine spürbare Verringerung des Angebotes vor. „Besonders auffällig ist die Reduzierung der IC Verbindungen von Bruchsal nach Stuttgart von vier Zügen auf einen Zug". 

Aufgeschreckt durch diese Auskunft der Landesregierung schrieb im Oktober 2011 Bruchsals Oberbürgermeisterin, Frau Petzold-Schick, die hiesigen Landtagsabgeordneten an. Sie verwies in Ihrem Schreiben darauf, dass das Mittelzentrum Bruchsal eine Pendlerstadt sei, ein erheblicher Anteil der Bevölkerung pendele an andere Arbeitsorte. Die Oberbürgermeisterin sieht eine gute Verkehrsinfrastruktur als eine Grundvoraussetzung für die Attraktivität von Bruchsal; eine Schwächung dieser Infrastruktur führe unweigerlich zu einer Schwächung des Wirtschaftsraumes Bruchsal. Sie verweist auch auf die Überlegungen zur Entwicklung des Bruchsaler Bahngeländes zur Bruchsaler Bahnstadt, die vor allem für junge Pendlerfamilien als Wohnquartier attraktiv sein soll. Hervorragende Zugverbindungen gerade von und nach Stuttgart seien in diesem Zusammenhang unerlässlich. 

In seiner Antwort an die Oberbürgermeisterin führt der CDU-Landtagsabgeordnete Heribert Recht u.a. aus, dass ihm in seinem Gesprächen mit der Bahn „überzeugend dargelegt“ wurde, dass auch Bruchsal … von der 30-prozentigen Kapazitätssteigerung durch Stuttgart 21 profitieren werde. Er werde sich dafür einsetzen, dass Stuttgart 21 weder zu einer Reduzierung der Taktzeiten noch gar zum Wegfall von Zugverbindungen führt. Die Kritik am Stresstest lässt er nicht gelten, da diesem Test das Angebotskonzept 2020 zugrunde lag, das noch keine verbindlichen Zugbestellungen enthalten kann. Aus Sicht der Bahn sei es deshalb völlig unerheblich, ob es sich bei den in den neuen Bahnhof einlaufenden Zügen um IC oder Regionalexpresszüge handelt. Entscheidend sei die Zahl der einlaufenden Züge. Er halte die Darstellung der Deutschen Bahn für plausibel und glaubwürdig. „Die Pendler aus dem Raum Bruchsal werden davon (Stuttgart 21 – d. Red.) profitieren“. 

Der SPD-Landtagsabgeordnete Walter Heiler argumentiert ähnlich. Es handele sich bei dem dem Stresstest zugrunde gelegten Fahrplan nicht um den abschließenden Fahrplan für das Jahr der Inbetriebnahme. Die zu Grunde gelegte Angebotskonzeption des Fern- und Nahverkehrs werde sich im Laufe des Jahrzehnts mit Sicherheit verändern. „Ganz klar: Jeder Zug, der den Stuttgarter Hauptbahnhof aus dem Raum Mannheim/Karlsruhe/Bruchsal bisher anfährt, kann auch zukünftig verkehren.“ Die beschleunigte und verkürzte Zuglaufstrecke zwischen Stuttgart-Zuffenhausen und dem neuen Hauptbahnhof könne die Fahrzeit um einige Minuten verkürzen. 

Anderer Ansicht ist Manfred Kern von Bündnis90/Die Grünen. Er schreibt, dass es stimme, dass in der Planung der DB drei von vier ICs auf der Strecke Bruchsal – Stuttgart durch Regionalexpresszüge ersetzt werden. Entsprechend länger würden die Fahrtzeiten für die Bewohner/innen der Region. Ebenso bedenklich fände er den Wegfall von vier ICs auf der Strecke Karlsruhe – Stuttgart, was sich ebenfalls negativ auf die Region Bruchsal auswirken würde. Er schlägt statt dessen vor, die Zahl der direkten Non-Stop-Verbindungen wesentlich zu erhöhen und die Regelmäßigkeit und Merkbarkeit der Verbindungen zu verbessern.  

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Kommentare

Ungereimtheiten allerorten

Scheinbar sind die Einstellungen auch auf regionaler Ebene abhängig vom Parteibuch. Kein Wunder, dass der Wähler sich zunehmend aus diesem durchsichtigen Spiel verabschiedet und fragt, ob er dem Abstimmungsaufruf am 27.11. überhaupt folgen sollte...

Auch nach dem 27. 3. 2011 scheint es nur wenige Volksvertreter zu geben, die sich eigene Gedanken machen und wenigstens einmal Ansatzweise einige Argumente der jeweiligen Gegenseite auch nur anhören...

Daneben:

Die "Kleine Anfrage" ist als Gefälligkeitsanfrage zu betrachten, die die beiden Grünen Salomon und Böhlen dazu benutzten, um ihrer eigenen Staatssekretärin Splett zu einer genehmen Antwort eine Plattform zu verschaffen. Auch dies war ja schon schlechter Brauch im alten Landtag - genutzt und beliebt auf allen Seiten. Es geht nicht um Aufklärung eines Sachverhaltes, sondern um steuerfinanziertes Geplänkel. Da ja die MdLs ihre neuen Vollzeitvergütungen irgendwie rechtfertigen müssen, an substantiellen Dingen auf Landesebene aber eher Flaute herrscht, wird diese Art von Schattenboxen weiter zunehmen...

Nach Stuttgart pendeln?

Sicherlich sind gute Bahnverbindungen immer sinnvoll und steigern auch die Lebensqualität, aber wenn die OB ernsthaft glaubt, Bruchsal könne nur als Schlafstadt für Pendler nach Stuttgart (mit über 1h Fahrzeit für die einfache Strecke!) attraktiv sein, dann ist sie völlig fehl am Platz.

Jede Woche 10 Stunden, also mehr als einen ganzen Arbeitstag, im Zug (oder Auto) zu verbringen bedeutet einen ganz erheblichen Verlust an Lebensqualität und wenn es auch sein mag, dass manche Leute das aus dem einen oder anderen Grund tun müssen, so kann man das doch kaum als erstrebenswertes Ziel bezeichnen.

Viel sinnvoller wäre es doch, mehr Unternehmen anzusiedeln und Arbeitsplätze vor Ort zu schaffen, sowie für ein attraktives Angebot an Freizeit- und Einkaufsmöglichkeiten zu schaffen, dann kommen die Zuzügler ganz von selber und das nicht nur zum Übernachten. Aber das wird man wohl kaum erreichen, wenn sich der Einfallsreichtum auf das Erhöhen von Steuern und Parkgebühren beschränkt und man sich ansonsten lieber darüber den Kopf zerbricht, wie man Unternehmensansiedlungen verbieten kann (Beispiel: Toom ggü. Marktkauf) anstatt sie zu fördern...

Anbindung Stuttgart

Einfache Fahrt Bruchsal-Stuttgart: 30 min! Prima für Pendler!

P. hat Recht, danke für die Korrektur

Es gibt tatsächlich eine direkte IC-Verbindung, bei der man nur 1/2 Stunde braucht. Ich hatte nur die ersten paar Verbindungen auf bahn.de angeschaut und da war kein solcher bei...

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