Ausgleichsmaßnahme funktioniert nicht

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"Bisher war es hier noch keinen Tag überflutet"
Donnerstag, 23. August 2012 - 14:06

Saalbachnierung

Teil der Saalbachniederung zw. Karlsdorf und Hambrücken

Die Saalbachniederung ist mit 500 ha das größte zusammenhängende Wiesengebiet Nordbadens. Seit der Renaturierung mitte der 80er Jahre hat sich dort ein einmaliges Natur- und Naherholungsgebiet entwickelt, dessen dauerhafter Bestand ein wichtiges Thema ist.

Saalbachniederung

Am Mittwoch, den 15. August, hatte der NABU-Kreisverband deshalb Politik und Verwaltung zu einer Begehung der Saalbachniederung eingeladen. Auch die Stadt Bruchsal war durch ihre Oberbürgermeisterin vertreten, da sich auf der Außengemarkungsfläche der Stadt Teile der Saalbachniederung erstrecken und die Stadt dort eine Ausgleichmaßnahme für das SEW-Werk in Bruchsal in Höhe von 450.000.- Euro für eine Dammrückverlegung investiert hat.

Rückverlegter Damm

Rückverlegter Damm

Dies sollte dem Gewässer auf einer Fließstrecke von rund einem Kilometer die Möglichkeit bieten, periodisch in eine ca. 13 ha große Fläche auszuufern, d.h. das Gebiet sollte mehrmals im Jahr überschwemmt werden, um zwischendurch wieder abzutrocknen. "An rund 100 Tagen im Jahr sollte der Saalbach eigentlich über seine Ufer treten" (hatte ein Gutachterbüro berechnet), so Franz Debatin von der NABU-Gruppe Hambrücken.

Naßwiesen

So wie hier sollte es eigentlich an 100 Tagen im Jahr aussehen...

Diese Wiedervernässung sollte sich positiv auf die Artenvielfalt der Nass- und Feuchtwiesen auswirken und damit einen weiteren Beitrag zur Renaturierung der Saalbachniederung leisten.Seit Fertigstellung der Maßnahme 2011 hat dies aber, so wie geplant, nicht funktioniert. "Kein einziges Mal waren die Wiesen überschwemmt", so Franz Debatin.

Hat die Stadt Bruchsal 450.000.- Euro in den Sand gesetzt? Oberbürgermeisterin Cornelia Petzold-Schick verwies darauf, daß die Ausgleichsmaßnahme der Stadt Bruchsal sach- und termingerecht ausgeführt worden sei und die Stadt Bruchsal aus Umweltschutzgründen, aber auch im Hinblick auf die Ausgleichsmaßnahme ein großes Interesse am Erfolg der Maßnahme habe, aber "der Ball liege jetzt nicht mehr bei der Stadt Bruchsal", meinte sie, wohl im Hinblick auf die schon geleistete Summe von 450.000.- Euro.

 

Erfolg

So sähe eine erfolgreiche Maßnahme aus...

Eine interessante Frage dürfte tatsächlich sein, wer für die weiteren, erforderlich gewordenen Untersuchungen und deren Umsetzung finanziell aufkommen muß, schließlich gibt es viele Beteiligte, die Stadt Bruchsal, die Gemeinde Karlsdorf, das Regierungsprässidium und das Landratsamt als untere Wasserbehörde, welches für das Wassermanagement zuständig ist. Aber auch die Firma SEW-Eurodrive. Hat man der vielleicht - als Anreiz, hier zu Bauen, diese Kosten erlassen? Ich erinnere mich seinerzeit an den Golfclub Bruchsal. Mußte der nicht seine Ausgleichsmaßnahmen selbst finanzieren? Diesem wurde sogar auferlegt, einen Fußweg das Langental hinauf zu bauen, (der bis heute jedoch nur zur Hälfte fertig ist). Das nur nebenbei.

Worum geht es nun genau? Zum Zeitpunkt der Planung war der Saalbach das einzige Gewässer, das durch die Saalbachniederung führte.

Saalbach

Saalbach in der Niederung

Damals wurde gesetzlich festgelegt, dass in den Saalbach 3 Kubikmeter Wasser pro Sekunde fließen sollten, während der Rest über ein Wehr am Ortsausgang von Bruchsal über den Saalbachkanal abfließen sollte. Es war aber, nachdem das Projekt realisiert war, weniger Wasser für den Saalbach vorhanden, nämlich lediglich 1 1/2 Kubikmeter pro Sekunde, so dass die Wiesen in der Saalbachniederung trotz Dammabsenkung und Dammrückverlegung eben nicht überflutet wurden, bisher noch kein einziges mal.

Die Berechnung soll damals realistisch gewesen sein, doch wurde sie durch die Entwicklung überholt: Der Saalbach ist nicht mehr das einzige Gewässer in der Gegend. Gleichzeitig mit der Dammrückverlegung wurde nämlich eine neue Überleitung in den Wagbach mit einem Auslaufwerk am Saalbach gebaut, so dass nun vom Saalbach aus auch Wasser über ein ca. 800m langes Verbindungsstück in den neuen Wagbach und die Wagbachniederungen fließt. Soweit zur “Planung".

Auslaufwerk

Auslaufwerk am Saalbach

Überleitung zum Wagbach

Ca. 800 m lange Überleitung zum Wagbach

Auch andere Faktoren spielten bei dieser Entwicklung eine Rolle: Da weniger Wasser den Saalbach herunterkommt, bilden sich auch Schlammablagerungen, da die Fließgeschwindigkeit absinkt. Außerdem ist der Saalbach durch Düngung nährstoffreich, was das Krautwachstum im Bach verstärkt, hinzu kommt, dass große Saalbachabschnitte relativ offen sind, also nicht beschattet, was das Krautwachstum nochmals begünstigt. Dieses Kraut bildet ein “Abflußhindernis”, was vor allen Dingen den Karlsdorfern Sorgen bereitet, die befürchten nämlich Wasser und Feuchtigkeit in den Kellern und bei Hochwasser sogar Überflutungen.

Saalbach in Karlsdorf

Saalbach in Karlsdorf

Nun kann man, zur Lösung dieser Probleme, an verschiedenen Stellschrauben drehen, wie Joachim Schneider, Leiter Amt für Umweltschutz und Arbeitssicherheit beim Landratsamt ausführte, aber alles kostet Geld, und diese Tatsache ist ein weiteres Problem. Bruchsal zum Beispiel möchte nicht noch weiteres Geld hinblättern, Karlsdorf möchte, bevor eventuell zu seinem Nachteil Maßnahmen ergriffen werden, eine wissenschaftliche Untersuchung über die Folgen eines erhöhten Wasserdurchflusses auf dem Tisch haben, “dann könne man darüber reden”, so Bürgermeister Sven Weigt.

Um sichere Verhältnisse zu haben, so Joachim Schneider, könnte der Damm in Karlsdorf z.B. um 20 cm erhöht werden, die Beschattung des Saalbachs durch Anpflanzung von Gehölzen, um der Verkrautung entgegen zu wirken, wäre auch eine Möglichkeit, auch das Ausbaggern des Bachlaufs würde Abhilfe schaffen, ist aber nicht durchführbar, da eine solche Maßnahme Millionen kosten würde.Weitere Möglichkeiten wären die Regelung der Wasserentnahme für den Wagbach und die weitere Absenkung des Damms am entsprechenden Saalbachabschnitt.

Ein Ergebnis der Begehung war die Zusage des Landrats, in Zusammenarbeit mit dem Regierungspräsidium die Schwachstellen zu identifizieren, um sichere Verhältnisse zu gewährleisten. Ziel für alle sollte es sein, ein funktionsfähiges Feuchtwiesengebiet zu schaffen, das realisierbar und vor allen Dingen finanzierbar ist. Für den Herbst wurde ein runder Tisch mit allen Beteiligten, dem Landkreis, dem Regierungspräsidium (betreibt die Wehranlage), dem NABU, der Stadt Bruchsal, den Gemeinden Karlsdorf-Neuthard, Hambrücken und Forst angekündigt, um die Ergebnisse der “Schwachstellenuntersuchung” zu besprechen und ein gemeinsames Maßnahmenkonzept zur Beseitigung der gefundenen Schwachstellen zu finden, um den Erfolg der Ausgleichsmaßnahme zu garantieren und eine Weiterentwicklung des Projekts Saalbachwiesen sicherzustellen.

Da der Landkreis nicht viel zur Finanzierung beitragen dürfte, darf man gespannt sein, was dabei herauskommt - bei den Sparzwängen, denen alle unterworfen sind.

Mehr noch als dieses Problem macht Franz Debatin und den Vertretern des Naturschutzes aber eine andere Sache Sorgen. "Die Saalbachwiesen sind kein offizielles Naturschutzgebiet, ihre Existenz ist im Prinzip alle 5 Jahre in Gefahr", so Franz Debatin. Durch den sogenannten "Vertragsnaturschutz" sind große Teile der Saalbachniederung durch Extensivierungsmaßnahmen von landwirtschaftlichen Nutzflächen in Wiesen umgewandelt worden.

Trockenwiesen

Saalbachniederung - Trockenwiese

Die Verträge mit den Landwirten, in denen diese sich gegen einen finanziellen Ausgleich verpflichten, ihre Wiesen nicht nur zu erhalten, sondern auch naturverträglich zu nutzen, müssen alle 5 Jahre neu geschlossen werden. "Wenn bei steigenden Mais- und Getreidepreisen", so Franz Debatin, "ein Landwirt sich entschließt, seine Flächen nach Ablauf der 5 Jahre wieder landwirtschaftlich zu nutzen, so kann man ihm dies nicht verweigern, nach Ablauf der 5 Jahre kann sich jeder Landwirt neu entscheiden", weshalb sich weiterhin intensiv um den Fortbestand des Gebietes gekümmert werden müsse, die NABU-Gruppe Hambrücken kaufe deshalb so viel Gelände wie möglich in der Saalbachniederung auf.

Dabei ist sicherlich der Scheck über 2000.- Euro sehr hilfreich, den Gilbert Bürk von der Bürgerstiftung Bruchsal überreichte (von links: Uwe Prietzel, GeschFü NABU BW, Franz Debatin, NABU-Gruppe Hambrücken, OB Cornelia Petzold-Schick, Bruchsal, Gilbert Bürk, Bürgerstiftung Bruchsal, Landrat Dr. Christoph Schnaudigel, Artur Bossert, NABU-Kreisverband).

Schecküberreichung

Schecküberreichung

Nach dem offiziellen Teil gab es einen Umtrunk und dann noch ein Highlight der besonderen Art: Jeder, der wollte (und konnte) hatte die Gelegenheit, sich mit einem Hubkorb ca. 25 m hoch in die Lüfte heben zu lassen, um seinen Horizont bezüglich der Saalbachwiesen entsprechend zu erweitern.

Überblick

Up up and away...

Wie es sich gehört, ging Landrat Dr. Schnaudigel mit gutem Beispiel voran, gefolgt von Bruchsals Oberbürgermeisterin. Nachdem alle wieder auf dem Boden der Tatsachen standen, wurden noch manche Vorgespräche über die weiteren Maßnahmen und (höchstwahrscheinlich) über die anfallenden Kosten geführt, wobei der Ball vermutlich vom einen zum andern weitergereicht wurde...

Wie immer: Für eine bessere Wiedergabequalität nach dem Start des Videos auf das Zahnradsymbol klicken, dann auf 720 oder 1080p. Hinweis: Es ist mir bei diesem Video aus technischen Gründen nicht ganz gelungen, den Tonpegel auf einem einheitlichen Level zu halten, so daß Sie die Lautstärke vielleicht hin und wieder nachregulieren müßten. Ich bitte, diesen Umstand zu entschuldigen.

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Kommentare

Möglicherweise

kennt der eine oder andere die Lage dieser zusammenhängenden Wiesenfläche nicht. Auf dem Flyer des RP sind die Grenzen gut zu erkennen.

www.rp-karlsruhe.de/servlet/PB/show/1329470/index.htm

Lage

Hier die genaue Lage der Saalbachwiesen: Der rote Bereich zwischen Forst und Graben-Neudorf.

Lage Saalbachwiesen

 

Hier nochmals auf Google Earth:

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