Auschwitz-Zug hielt in Bruchsal

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Freitag, 10. Februar 2012 - 18:46

Zug Auschwitz

Zug nach Auschwitz

Zwei heute noch lebende prominente Zeitzeugen, die jedermann kennt, betonen immer wieder, sie haben den Namen "Dachau" und "Auschwitz" erst nach Kriegsende zum ersten Mal gehört. Dabei war der eine von ihnen der Sohn des Staatssekretärs im Außenministerium und war als  Regimentsadjutant bei der unmenschlichen Belagerung von Leningrad dabei gewesen. Der andere, ein flotter Hamburger, brachte es in Russland bis zum Oberleutnant und später zum Bundeskanzler. Beide Offiziere mussten jedesmal auf dem Weg zur Front durch Warschau fahren und hätten dort das riesige Ghetto sehen müssen, welches mitten in der polnischen Hauptstadt beinahe eine halbe Million verhungerter Menschen eingepfercht hatte.

Die kleine badische Kreisstadt Bruchsal hingegen war im deutschen Südwesten gelegen und weitab vom Kriegsgeschehen. Allerdings war sie ein Eisenbahn-knotenpunkt. Die Züge kamen aus vier Himmelsrichtungen: Karlsruhe, Saarbrücken, Heidelberg und Stuttgart. Die Dampfloks einzelner Güterzüge wurden hier umgespannt. Die Lokomotiven erhielten frisches Wasser und luden Koks auf. Die Wehrmacht hatte im Bahnhof eine Rot-Kreuz-Station zur Versorgung von Soldaten durchfahrender Wehrmachtszüge eingerichtet. Da hielt im Güterbahnhof ein ganz besonderer Zug. Die damalige Schwester Anne Vittallowitsch hatte hier genauso wie ihre Kolleginnen vom Roten Kreuz ein furchtbares Erlebnis, wie die "Bruchsaler Rundschau" berichtete:

"Doch im Spätjahr 1944 ereignete sich ein Vorfall, der Anne Vittallowitsch einen Stich ins Herz versetzte: "Auf ein Abstellgleis am Güterbahnhof wurde abends ein Güterzug voller Juden rangiert, der wahrscheinlich nach Auschwitz gehen sollte. Die armen Menschen waren wie Vieh in den Waggons zusammengepfercht, halb verhungert und verdurstet. Obwohl es streng verboten war, befahl uns Hilda Bellm sofort ein paar Töpfe Kaffee zu machen und diesen in Kannen zu dem Zug zu bringen, was wir auch taten. Wir hatten höllische Angst und dennoch waren die Juden so dankbar dafür. Doch die Sache wurde verraten."

Einsatzleiterin Hilda Bellm, die sich bereits im Ersten Weltkrieg große Verdienste um den DRK-Bahnhofsdienst und die Pflege der knapp 18.000 Verwundeten in den sieben Bruchsaler Reservelazaretten erworben hatte, wurde am nächsten Tag zu NSDAP-Kreisleiter Emil Epp zitiert. Zur Rede gestellt zeigte sie auf das Rote Kreuz auf ihrem Ärmel und erklärte: "Nach Genfer Konvention habe ich allen Notleidenden Hilfe zu leisten, egal ob es sich dabei um Katholiken, Protestanten oder Juden handelt!" Für diese Äußerung wurde Hilda Bellm fristlos aus dem DRK Bruchsal ausgeschlossen und erhielt Zutrittsverbot zum Bahnhof. Dieses galt auch für ihre Helferinnen.

Anne Vittallowitsch: "Von da an kochten wir im Friedrichshof Kaffee und schmuggelten ihn auf den Bahnhof." Doch die permanenten Jagdbomberangriffe machten auch die "illegale" Verpflegung der Züge im Frühjahr 1945 praktisch unmöglich. Erst nach Kriegsende, als das DRK sinnigerweise aufgrund der Tatsache verboten war, dass es organisatorisch eine NS-Gliederung war, waren die Dienste der Schwestern wieder gefragt.

Anne Vittallowitsch: "Wir organisierten uns privat und versorgten hauptsächlich Flüchtlingszüge". Das Amerikanische Rote Kreuz stellte für diese, wie auch danach für die Gefangenen- und Heimkehrzüge, aus alliierten Beständen Lebensmittel und Bekleidung zu Verfügung.

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Kommentare

Zeitgeschichte

ich finde es sehr lobenswert, wenn sich heute noch Zeitzeugen finden und ihre Erfahrungen mitteilen, denn vieles aus den Medien wird verschwiegen!

Man sollte dann auch wie vorgenannt Ross und Reiter nennen.

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