Die Andreasstaffel - wie sie war und wie sie wurde

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Sonntag, 9. Juni 2013 - 16:32

Eine der schönsten Motive in Bruchsal ist bzw. war die Andreasstaffel, früher Andreashöhe genannt, eine Verbindung von der unten liegenden Huttenstraße zur Reserve bzw. Stadtgarten.

Der Bruchsaler Bäckermeister Andreas Rössler hatte sich 1867 mit diesem Staffelweg einen direkten Zugang zu seinen beim Belvedere gelegenen Weinbergen geschaffen. Oben, am Ende der Staffel, auf der im Volksmund so genannten „Andreashöhe“ baute er sich sein „Wengertsheisl“, ein mit gotischen Fenstern und Zinnen geschmücktes Weinberghäuschen, schlicht eingerichtet mit Tisch, Stuhl, Ofen und einem Kanapee, im Keller sollen immer einige Fläschchen Wein - oder gar ein ganzes Fässchen? - parat gelegen haben. In dieser Klause verfasste Andreas Rössler das 1863 erschiene Büchlein „Geschichte der Stadt Bruchsal - von ihrer Entstehung an bis zum Tode ihres letzten Fürst-Bischofs 1810“, das allerdings den Anforderungen der heutigen Geschichtsforschung nicht mehr entsprechen soll.

Nach dem Tod von Andreas Rössler im Jahre 1875 kaufte die Stadt Bruchsal die Treppe, baute sie um und machte sie zum öffentlichen Verkehrsweg zum 1901 angelegten Stadtgarten. Viele Postkarten, insbesondere aus den 1900 bis 1920er Jahren, zeugen von der Beliebtheit dieses Ur-Bruchsaler-Motivs.

Andreasstaffel

Andreashöhe, ca. 1890.

Andreasstaffel

Andreashöhe, ca. 1901. Gemälde des Bruchsaler Kunstmalers Eichrodt (1872-1943).

Andreasstaffel

Andreashöhe, ca. 1908.

Andreasstaffel

Andreashöhe, ca. 1910.

Andreasstaffel

Andreashöhe, ca. 1910.

Andreasstaffel

Andreashöhe, ca. 1916.

Andreasstaffel

Zeichnung des Kunstmalers J. M. Kitschker (1878-1929) aus dem Jahre 1908.

Für Kinder war es in früheren Jahren ein beliebtes Spiel und Zeitvertreib, die Treppenstufen von oben bis ganz unten auf und ab zu rennen, um so seine Kräfte mit den Schul- und Klassenkameraden zu messen. Ein beliebter „Denk“sport war auch, besonders für Schüler der unteren Klassen der Freiherr-vom-Stein-Schule beim Nachhauseweg in die Obervorstadt, anhand der Stufen das Zählen im Zahlenraum über 100 zu üben.

Erstmals wurden rigorose Eingriffe in die Andreasstaffel durch den Bau der Produktionsanlagen der Brauerei L. (Louis/Ludwig) Denner in den 1960er Jahren vorgenommen. Der untere Teil der Andreasstaffel wurde abgeräumt, eine lange Gerade führte sodann entlang des Brauereigebäudes nach unten in die Huttenstraße. Älteren Bruchsalern dürfte das Aroma des Brauprozesses aus dem Denner'schen Sudhaus heute noch in die Nase stechen; den Würzgeruch konnte man einfach nicht ignorieren, wenn man oberhalb der Andreasstaffel stand bzw. diese nach unten in die Huttenstraße ging. Auch das Klappern der Flaschen in der Denner'schen Abfüllanlage war ein Klang, der sich in die Erinnerung vieler Bruchsaler eingegraben haben dürfte.

Denner

Das Produktionsgebäude der Brauerei Denner in der Huttenstraße. Die Keramik an der Hauswand scheint verloren.

Andreasstaffel

Holzschnitt des Künstlers Archibald Bajorat, Anfang der 1980er Jahre.

Andreasstaffel

Situation kurz vor dem Abriss des Denner-Gebäudes. Foto: Stadt Bruchsal.

Mit diesem Umbau war der Charme der Andreasstaffel nun verloren. Der Blick von der Huttenstraße hoch auf die Andreashöhe war durch das Dennergebäude verwehrt. Um die neu gebaute kahle Betonmauer ein wenig aufzulockern, wurde ganz am Ende der neu gestalteten Andreasstaffel in die Betonbewehrung ein Ammonit als Blickfang einbetoniert.

Der endgültige „Todesstoß“ wurde der Andreasstaffel durch den Bau eines Erweiterungsbaues des evangelischen Altenzentrums 2005/2006 versetzt. Im Jahre 1969 wurde die Brauerei Denner durch die Karlsruher Brauerei Moninger übernommen, es wurde jedoch noch bis zur Stilllegung der Brauerei und Mälzerei im Jahr 1976 Bier gebraut. Begleitet von der heute in Bruchsal unvergessenen Denner-Affäre, in die unter anderem die Sparkasse Kraichgau und der damalige Oberbürgermeister Bernd Doll verwickelt waren (http://www.bruchsal.org/story/w%C3%BCrde-verdient-man-sich-herr-doll-man-holt-sie-sich-nicht-ab%E2%80%A6#comment-7099), wurde das Brauhaus abgerissen und das evangelische Altenzentrum bis auf dieses Areal erweitert. Die wunderbare Keramik mit dem Wahrzeichen der Brauerei Denner, das auf der Frontseite des Braugebäudes angebracht war, ein zeit- und stadtgeschichtlich äußerst wertvolles Dokument, soll ebenso wie der oben erwähnte Ammonit verschwunden sein.

Als Ziele der „Sanierung“ dieses Gebietes wurden von der Stadtverwaltung formuliert:

Rückbau der Brauereibrache Denner unter Erhalt des ehemaligen Gaststättengebäudes an der Huttenstraße sowie Rückbau der Andreasstaffel zur Bereitstellung einer baureifen Fläche für die Erstellung eines Neubaues für ein zweites Pflegeheim. • Wiederherstellung der Andreasstaffel auf ihrem historischen Verlauf. Modernisierung und Instandsetzung der Gebäude entlang der Huttenstraße. Behindertengerechte Überwindung des Höhenunterschiedes zwischen Adolf-Bieringer-Straße und Huttenstraße mit einem öffentlichen Aufzug (dieses Sanierungsziel wird wegen den derzeit fehlenden Finanzmitteln zurückgestellt).

Diese Ziele und die detaillierte Abwicklung der Sanierung ist auf der Internetseite der Stadt Bruchsal veröffentlicht: http://www.bruchsal.de/servlet/PB/show/1354126/Schlussbericht%20Andreasstaffel.pdf

Andreasstaffel

Die "Sanierung" der Andreasstaffel. Grün = Verlauf vor Bau des Dennergebäude, rot = Verlauf nach Bau.

Sicher wurde die Andreasstaffel auf ihrem historischen Verlauf wieder hergestellt. Wie aber das nachstehende Foto zeigt, ist von der Andreasstaffel, einem der letzten historischen Bauwerke, die den Luftangriff vom 1. März 1945 überstanden, nichts städtebaulich Interessantes mehr übrig geblieben. Wie so vieles in Bruchsal wurde auch dieses Kleinod Wirtschaftsinteressen geopfert.

Andreasstaffel

Die Andreasstaffel heute. Foto: privat (2013).

 

 

© Rolf Schmitt

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Kommentare

Danke,

sehr schöner Bericht! Das Jahr in der ersten Zeile im 3. Absatz, sollte das nicht 1875 heißen?

Tippfehler. Danke für den

Tippfehler. Danke für den Hinweis. Eben geändert.

Andreasstaffel

Als "Huttensträßler" bin ich mehrere Jahre in die Freiherr-vom-Stein-Schule gegangen und mein Schulweg führte natürlich über die Andreasstaffel. Solange ich die Schule besuchte, war ich der ungeschlagene Meister im "Andreasstaffel-Hoch-und-Runter-Rennen". Auch sind wir oben über die Mauer geklettert und dann seitwärts runter an der Figur im Bogen vorbei. Die Andreasstaffel war zu meiner Schulzeit noch so wie auf den Abbildungen oben 1910 und 1916. Das Tor unten rechts führte in den Garten und Weinberg des damaligen "Altersheims" in der Huttenstraße, wo man oft den "Zeppelin" arbeiten sah.

Im neuen Denner-Gebäude befand sich im Übrigen nicht nur das Sudhaus, sondern auch die Abfüllanlage, von der man den ganzen Tag das Klirren der Flaschen hörte. An diese Anlage habe ich heute noch eine "Erinnerung": Als Schüler arbeitete ich in den Großen Ferien jedes Jahr einige Zeit beim Denner, wie auch andere Schüler. Mich setzte man an die Ausleuchtungsanlage gleich neben der Abfüllmaschine. Ich mußte schmutzige und schadhafte Flaschen aussortieren, eine verantwortungsvolle Aufgabe, denn der Mann an der Abfüllanlage, der die Flaschen per Hand schließen mußte, konnte sich an schadhaften Flaschen verletzen. Derjenige aber, der sich verletzte, war ich, denn ich schnitt mir eines Tages an einer schadhaften Flasche die halbe Fingerkuppe des rechten Mittelfingers durch. Die Narbe habe ich noch heute.

Andere Stationen beim Denner waren die Sprudel-Abfüllanlage ("Ravilla" und "Brassi" gelb und weiß), an der ich dann abgefüllt habe. Diese stand hinter dem alten Denner-Gebäude halb im Berg, und es war sogar im Sommer sehr kühl dort.

Die schönste Beschäftigung war dann die eines Bierfahrers, zuerst als Beifahrer auf den großen Lastwagen, und dann, nach Erlangung des Führerscheins, durfte ich den VW-Pritschenwagen fahren zusammen mit einem anderen Ferienjobber.

Man mußte das Gefährt an der Rampe hinter dem neuen Dennergebäude laden, bekam seine Route mitgeteilt (welche Wirtschaften beliefert werden mußten) und machte sich auf den Weg. Der alte Denner paßte beim Beladen mit Argusaugen auf, damit auch ja kein zusätzlicher Kasten oder Faß mitgenommen und "schwarz" verkauft wird.

In jeder Wirtschaft gab es ein Schnäpschen und bei einigen sogar noch was zum Vespern (im Grünen Baum zum Beispiel). Manchmal hatte man noch eine Ladung Stangeneis auf der Pritsche, das dann in die tiefen Keller der Wirschaften verfrachtet wurde.

Auch bekam man jede Woche ein "Bierkontingent" von 3 (!) Kästen mit nach Hause. Den Lohn erhielt man ebenfalls wöchentlich in einer Papiertüte und man mußte ihn bei der Frau Denner abholen, die die Buchhaltung machte, Toreinfahrt rein und links ins Büro. Man erfuhr so unmittelbar, was man geschafft hatte.

Der alte Denner war den ganzen Tag auf dem Betriebsgelände zu sehen, wo er mit den Leuten in seiner hohen Fistelstimme herumschrie, er meinte es aber nicht so, er war im Grunde eine herzensgute Seele, die so manches durchgehen ließ.

Es gab auch einen Hund, einen grauen Riesenschnauzer namens "Peter", von den Schulkindern "Denner's Peter" genannt, er vertrug sich mit allen, nur mich hat er eines Tages in die Schulter gebissen, weil ihn ein paar Arbeiter wieder mal geärgert haben und ich gerade passend vorbeilief. Das muß so in der ersten oder zweiten Klasse gewesen sein. Der alte Denner zeigte sich aber sehr großzügig beim Schmerzensgeld, da ließ er sich nicht lumpen.

Das alte Sudhaus befand sich übrigens links neben dem alten Dennergebäude, heute ist ein Wohnhaus darauf. Ursprünglich war das ein Glashaus, in welchem sich gut sichtbar ein riesiger Kupferkessel befand. Braumeister war der Vater meines besten Freundes und Klassenkameraden Michael.

Eines Tages waren 100.000 Liter Bier nicht zu gebrauchen, weil der Kessel vor dem Neubefüllen nicht vollständig von Reinigungsmitteln befreit war, was der Braumeister hätte überwachen sollen. Diesem wurde gekündigt, und mein Freund mußte mit seinen Eltern weg von Bruchsal ziehen, an die neue Arbeitsstelle seines Vaters bei einer anderen Brauerei.

Das sind so meine Erinnerungen an die Andreasstaffel und die Brauerei Denner.

Man wird wehmütig

Man wird wehmütig, wenn man sich die alten Fotographien und Stiche anschaut.

Warum wird alte, historische Bausubstanz nicht erhalten?

Muss alles platt gemacht werden - aus rein wirtschaftlichen Gründen und Interessen?

Ich habe heute noch den Malz-/Sud-Geruch der Brauerei Denner in der Nase, und als Schönborn-Schülerin bin ich morgens jahrelang leicht verspätet die Andreasstaffel hochgehetzt ...

Auch von mir ein Danke ...

... an Rolf Schmitt für den interessanten Bericht - und ein extra-Dankeschön an Waldemar Z., für die Erinnerungen in seinem Kommentar! Ganz toll und so anschaulich beschrieben, dass man sich direkt in die Szenen hineinversetzt fühlt.

Ich lese ihre Beiträge immer wieder gerne und finde es großartig, dass sie sich dafür die Zeit nehmen.

Wehmut ...

... überkommt auch mich, wenn ich in der Huttenstraße die kläglichen Reste der Andreasstaffel suche. Geblieben ist doch eigentlich nur der tolle Blick über Bruchsal und die Rheinebene von ganz oben.
Danke an Waldemar Z. für die ergänzenden Erinnerungen an die Brauerei, an unsere Ferienjobs, an den alten Denner mit seinem 300er Mercedes.

Noch Andreasstaffel

Hier eine Ergänzung zum Bericht "Andreasstaffel":

http://www.bruchsal.org/story/bruchsaler-steinbr%C3%BCche-teil-ii

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