Am liebsten hätt' ich mitgeweint

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Mein Freund Günther hat ein Riesenproblem
Donnerstag, 8. April 2010 - 16:40

Kürzlich hat mir ein bruchsal.org-Autor erzählt, dass er ständig grübele. Wie ein Kaugummi wälze er seine Gedanken von einer Seite des Gehirns auf die andere. So wie ein Kaugummi nichts von seinem Volumen verlöre, würden auch die Gedanken nicht weniger. Daher müsse man, so schwer es auch falle, wie ein Kaugummi auch die Gedanken ausspucken, um sie loszuwerden.

Und dies tue ich nun mit der Schilderung eines Gespräches, das ich gestern mit einem Freund führte und das mir bis jetzt nicht aus dem Kopf geht:

Gestern Abend klingelte bei mir das Telefon. Mein Freund Günther war am Apparat. Richtig, genau der Günther, den ich vor ein paar Wochen auf dem Bruchsaler Wochenmarkt traf: ALTSCHLAMM-MORAST-UND-GIFT-IN-BRUCHSAL . Günther druckste ins Telefon: „Du, Rolf, könnten wir uns gelegentlich mal treffen zum Schwätzen?" Nun kenne ich Günther wirklich schon lange. Daher war mir sofort klar, dass irgend etwas nicht stimmte. „Klar Günther, komm vorbei. Das Wetter ist nicht schlecht, da könnten wir uns auf den Balkon setzen. Getränkewünsche?" „Prima, Rolf, ich bin gleich bei Dir. Stell' doch für mich ein paar Flaschen Bier kalt. Ich kann's brauchen."

Eine Viertelstunde später klingelte es an der Türe. Es war Günther. Schon der erste Blick reichte um zu sehen, dass meine Vermutung, die ich beim Telefonieren hatte, stimmte - Günther hat ein Problem.

Anstreichen

© Johannes Kretzschmar unter Creative Commons-Lizenz

Wir setzten uns auf den Balkon, ich holte in der Küche seine Bierchen und stellte die Tasse mit meinem Kräutertee an meinen Platz. „Und Günther, was gibt's?" Ich sah genau, wie Günther nach Worten rang. „Rolf, ich hab' ein Problem." Jetzt kam eine längere Pause. „Ich hab' gestern angefangen in unserer Wohnung die Türen zu streichen. Meine Frau liegt mir schon lange in den Ohren. Sie will auch so blütenweiße Türen haben wie in der Wohnung von ihrer Freundin Petra. Und unsere Türen wurden halt schon lange nicht mehr gestrichen. Du kennst sie ja, die sind schon etwas vergilbt. Ich bin also gestern früh, meine Frau war schon auf Arbeit und ich hab' mir die vier Tage nach Ostern von meiner Firma Urlaub genehmigen lassen, ich bin also gestern früh gleich zum Baumarkt gefahren, hab' Farbe, Pinsel, Rollwalze und Schmirgelpapier gekauft und hab' gleich mit dem Abschleifen und Streichen von den Türen angefangen." „Das ist doch toll. Und wo soll da ein Problem sein?" Günther nahm einen großen Schluck aus der Bierflasche, drehte sich mit zitterigen Händen eine Zigarette, entzündete diese und nahm einen tiefen Zug. Er raucht auf Lunge.

„Nun ja. Meine Frau arbeitet, wie Du weißt, halbtags beim Steuerberater. Sie kam also gegen Mittag, schloss die Abschlusstür auf, kam rein, sah mich am werkeln und stieß einen spitzen Schrei aus: „Was machst Du da, was soll das?" Ich erstarrte und sah sie nur nicht verstehend an. „Vor Ostern hab' ich Großputz gemacht und jetzt machst Du so eine Sauerei." Ich entgegnete konsterniert: „Wieso, ich hab doch überall Papier druntergelegt." „Aber der Staub! Überall ist es staubig. Fingerdick der Staub, überall. Und gerade erst hab' ich Großputz gemacht."

Da stand ich nun, mit dem Pinsel in der Hand, wie ein begossener Pudel. Ich dachte eigentlich, dass ich meiner Frau eine Freude machen würde. Aber nix da. Stinkesauer war sie. Nur wegen ihrem dappischen Großputz. Weißt Du, Rolf, irgendwie ist das schon komisch. Das versteh' ich überhaupt nicht. Irgendwann muss man doch mit dem Anstreichen anfangen. Ich habe mir den folgenden Vergleich überlegt. Manchmal räume ich die Geschirrspülmaschine ein. Teller, Pfannen, Messer, Gabeln und so weiter. Und dann räume ich die Geschirrspülmaschine wieder aus und tu das Geschirr in die Schränke und Schubladen. Später geht dann meine Frau an den Schrank und holt zum Beispiel die Pfanne wieder raus um was zu brutzeln. Mit der gleichen Logik müsste ich doch dann schreien: „Halt, die Pfanne nicht benutzen! Die hab ich doch gerade erst sauber gemacht!" Oder beim Mittagessen sagen: „Was, Du nimmst das Geschirr, das ich gerade eben erst sauber gemacht habe?" Aus Günthers rechtem Augenwinkel quoll langsam eine dicke Träne. Sie tropfte auf das Tischtuch, eine kleine Pfütze hinterlassend. Mit feuchten Augen sah Günther mich an und bat mit erstickender Stimme: „Rolf, Du bist mein bester Freund. Was soll ich nur tun?"

Auch als bester Freund fühlte ich mich jetzt leicht überfordert, um für dieses Problem eine Lösung zu finden. Wir einigten uns dann darauf, dass er zukünftig die Finger von allen Arbeiten lässt, die eine gewisse Verschmutzung der Wohnung mit sich bringen könnten. Und jetzt solle er ganz einfach mit dem Streichen aufhören und einen Fachbetrieb mit den Arbeiten beauftragen.

Nach über zwei Stunden Gespräch, sechs Flaschen Bier (Oettinger aus dem hiesigen Getränkemarkt) und etwa acht Selbstgedrehten ging Günther wieder nach Hause. Etwas erleichtert aber doch noch verunsichert.

Ob mein Vorschlag an Günter, einfach nix mehr zu machen der Königsweg ist? Ich weiß nicht. Ich hab ihm noch empfohlen, doch mal an Wolfgang Schmidbauer zu schreiben. Wolfgang Schmidbauer ist einer der bekanntesten deutschen Paartherapeuten, der in einer wöchentlichen Kolumne im ZEITMAGAZIN „Die großen Fragen der Liebe" beantwortet.

Vielleicht hat aber auch ein Leser von bruchsal.org eine zündende Idee zu Günthers Problem? Diese kann er hier gerne als Kommentar veröffentlichen. Oder direkt an bruchsal.org schreiben unter info [at] bruchsal [dot] org. Die Vorschläge werde ich an Günther weiter reichen. Möglicherweise kann Günther über bruchsal.org geholfen werden - so ihm noch zu helfen ist.

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Kommentare

Beim Lesen dieses Artikels

Beim Lesen dieses Artikels musst ich lauthals lachen. Doch das Lachen blieb mir fast im Halse stecken, als mich Günthers Frau Gerda anrief, um die Sache klarzustellen
- dass ihr Mann, dieTüren streiche, ist toll. Findet sie wirklich gut.
- dass sie ihm das allerdings stündlich mitteilen soll, dass er sie andauernd auffordert, seine Arbeit zu begutachten, ihn loben soll ,wie gut er doch als Laie dieses Arbeit bewerkstelligt...na ja.....
- dass sie mal mit ihrem Vorschlag, die Türen doch in der Garage zu streichen sofort abgebügelt wird mit dem Hinweis,
die Türen passen nicht durchs Treppenhaus, na ja....
- dass er im Schlafzimmer anfängt, die Innenseite einer Tür zu streichen (es gibt zwei Türen im Schlafzimmer), im Badezimmer
weiterstreicht (Außenseite) und eine weitere Tür (Toilette, Innenseite) beginnt zu streichen und Gerda nach dem System
fragt, die Antwort bekommt, "du bist auch nie zufrieden" ... na ja

- dass sie Pinsel, viele Pinsel und Rollen ausgewaschen - aber immer noch tropfend neben Waschbecken, Balkon, Küchen-
tisch und Küchenspüle liegen sieht und Tropfen für Tropfen aufs Parkett, Holzdielen und Fliesen sich verteilen, ihn darauf
anspricht, dies doch bitte wegzuwischen, sich anhören muss.."das mache ich bewußt, das trocknet und dann kann man die
Flecken leicht abziehen"...na ja

- dass sich der Staub durchs Abschleifen der Türen überall verteilt und er auf die Bitte, dies doch wegzusaugen, er nur lapidar
meint, sie respektiere seine Arbeit nicht...na ja.....
- dass sich die vielen Malerutensilien in der ganzen Wohnung, Treppenhaus, Balkon verteilen ...na ja....

Aber das war es nicht, weshalb sie, "als Gerda von der Arbeit kam", wie Günther sagt, ausgeflippt ist.

Es war die Küche.
Günther hatte am Abend davor sehr spät noch Hunger und briet sich, wie er sagen würde, eine Kleinigkeit. Die Arbeitsfläche der Küche war besalzt - warum salzen Männer immer aus 2 m Höhe?, obwohl das Stück Fleisch doch recht übersichtlich ist - Messer, Gewürze, Brot, Fett, Pfanne, Teller standen rum....Auf die Bitte aufzuräumen, kam nur "mach ich morgen"...

"Morgen" wurde es auch nicht gemacht...

Aber er hatte eine neue Tür (die anderen sind immer noch nicht fertig) angefangen zu streichen (Außenseite)....

Ich verstehe meine Freundin Gerda.

;

Mein Tipp: Die Türen abhängen

Mein Tipp: Die Türen abhängen und an der frischen Luft abschleifen und streichen. So bleibt die Wohnung sauber...

Rückenfall

Nun fall ihm doch nicht in den Rücken, Micha - das Treppenhaus ist doch zu eng!!
Irgendwann hat so ein Heimtücker - nachdem die Türen eingehängt waren - das Treppenhaus umgebaut. Oder es liegt an der vielen Farbe, die dort inzwischen aufgetragen wurde.
Kurzum - die Türen passen dort nicht durch.
Außerdem sind sie sauschwer.
Und wenn sie passen, muss hinterher das Treppenhaus auch... nee...
Tipp: Es gibt im Baumarkt so Staubsauger für Hand- und Heimwerker - da kann man Kreissägen, Bohrhämmer und - Schleifer anschließen.
So man hat - den Schleifer. "Schleifer von Hand" anschließen geht nicht, ist auch altmodisch.
Also, die Gelegenheit beim Schopfe ergreifen, Schwingschleifer (materialschonend!) und Sauger gekauft - und los geht's.
Und die Ehefrau ist zufrieden.
Wenn man nicht zwischendurch den Sauger öffnet, um den Füllstand nachzuprüfen und dabei das staubige Oberteil auf den Teppich und...
Na, kann sich ja Jeder/Frau/Mann selbst ausmalen...

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