9. November – Bruchsaler Gedenktag driftet ab

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Agitation und Propaganda
Sonntag, 10. November 2013 - 11:33

Das hatte der Gedenktag am 9. November 2013 - 75 Jahre nach dem Brand der Bruchsaler Synagoge - nicht verdient!

Nach dem außergewöhnlichen Konzert in der Lutherkirche, das weit mehr Besucher verdient gehabt hätte, machten sich fast alle zum Platz der ehemaligen Synagoge vor dem Feuerwehrhaus auf, um dem von der Stadt Bruchsal und der „Friedensinitiative Bruchsal“ veranstalteten Gedenken beizuwohnen.

Frau OB Petzold-Schick erinnerte dort eingangs mit sehr würdigen und mahnenden Worten an die bedrückenden Ereignisse des 9. November 1938.

Doch danach setzte ein Vertreter der Friedensgruppe - offensichtlich in fast völliger Verkennung des tatsächlichen Anlasses - zu einem Rundumschlag gegen die verfassungsrechtlichen Verhältnisse der Bundesrepublik Deutschland an.

In bester linksradikaler Manier ließ er kein gutes Haar an den gegenwärtigen rechtsstaatlichen Institutionen. Er lieferte eine minutenlange Propagandarede zu Radikalenerlass, Überwachung von linken Gruppen, Blindheit gegenüber Rechtsradikalen und vermeintlichen Exzessen der Polizei. Die Themenpalette kann und muss hier nicht vollumfänglich aufgelistet werden; sie hatte aber mit der Pogromnacht wenig bis nichts zu tun.

Viele Zuhörer, erst erstaunt und ihren Ohren nicht trauend, dann aber zunehmend befremdet angesichts der völligen Zweckentfremdung und Vereinnahmung dieses Gedenktages durch krude, ideologisch verbrämte Agitation, wandten sich innerlich ab. Kopfschütteln und Gemurmel ging durch die Reihen der Veranstaltungsteilnehmer.

Andere Besucher verließen mit erkennbarem Unmut vorzeitig den Platz vor dem Feuerwehrhaus.

Auch unserer OB, die sich nach ihrer Rede auf der Seite der „Friedensinitiative Bruchsal“ platziert hatte, war meines Erachtens eine innere, danach auch eine äußere Unruhe anzumerken. In unruhigen Schritten verfolgte sie das Drama. Viel hätte am Ende wohl auch nicht gefehlt und sie hätte dem Sprecher der Friedensinitiative das Mikrofon entzogen bzw. die Lautsprecher abgedreht.

Es ist traurig, dass die Erinnerungsveranstaltung durch einen offensichtlich besserwisserischen, intoleranten und ideologisch verbohrten Vortrag missbraucht wurde.

Einige Vertreter der „Friedensinitiative Bruchsal" haben offensichtlich bis heute wenig verstanden und ein recht gestörtes Demokratieverhältnis!

Traurig, dass die Veranstaltung so aus dem Ruder lief!

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Kommentare

Der Ring schließt sich...?

Oder doch nicht?
Agitation...
Reaktion: Mikrofon weg, Lautsprecher aus...
Darf man das?
Vor 75 Jahren offiziell Staatsverbrechen.
Aus heutiger Sicht: Widerstand! Mutig.
Und 2013?
...
Der Ring der Undemokraten schloss sich.
Die sogenannten Demokraten?
Waren unruhig...

Konnte die "Stadt Bruchsal"

was immer das auch ist, das Gedenken nicht aus eigener Kraft bewältigen? Und wenn man sich schon zu einer Veranstaltung zusammen tut, spricht man sich dann nicht ab? Mußte man mit dieser "Themenpalette" nicht rechnen?

Ob man das Ganze unter " gestörtes Demokratieverhältnis" einordnen kann weiß ich nicht, da aus meiner Sicht diese Gedenken nichts mit Demokratie, sondern mehr mit Mitgefühl, Besinnung und Scham zu tun haben. Auf das Wort "Propaganda" hätte ich zudem in dem Bericht gern verzichtet.

Frage mal so nebenbei

Was hat eigentlich die Bruchsaler oder andernorts die Leute nach 1945 gehindert niedergebrannte Synagogen an Ort und Stelle wieder aufzubauen? -Vielleicht hätte man dann solche Diskussionen nicht...

Ich denke...

...das Nazi-System...

" ... Nazi-System ... " - nach 1945 ?!

Gab/gibt es NACH 1945 in Deutschland ein "Nazi-System" ?

Zu lang, zu unpassend

huhi hat recht. So sehr ich auch den Beitrag der Friedensinitiative inhaltlich richtig fand (fünf Minuten davon waren wegen des Glockengeläutes nicht zu hören), so sehr stieß mir unangehnehm auf fest zustellen, daß dieser inhaltlich überhaupt nicht zu dieser Veranstaltung passte. Eine wichtige Feierstunde wurde durch weitgehend richtige, aber völlig deplazierte Aussagen von ihrem feierlichen Charakter beraubt. Der vorgetragene Text der Friedensinitiative war auch viel zu lang. Die Stadtverwaltung sollte überhaupt solche Veranstaltungen besser vorbereiten. Ärgerlich ist wenn man nichts versteht weil die Lautsprecheranlage nicht funktioniert.

@Beobachter3

Nazionalsozialisten nach 45?
Wer hat wohl unterrichtet? Wer hat Recht gesprochen? Wer hat in den Ländern regiert? Wer war Landrat? Ministerpräsident in BW und Bayern konnte man werden und Bundeskanzler (Ohrfeige Klarsfeld vs Kiesinger). Wer war nach 45 im Amt, die Widerstandskämpfer oder die, die im Nazideutschland auch schon im Amt waren? Wer führte wohl die enteigneten Firmen während des Krieges und nach 45 weiter?

Entnazifizierung durch die Besatzungsmächte änderte weder die Gesinnung noch die Taten. Deshalb wurde die Aufarbeitung auch bis in die späten 60er behindert.

Gedenkfeier 2010 - was wurde daraus?

@ Filou

Was meinen Sie, weshalb ich explizit danach gefragt habe ...?!
Man sollte nicht in Andeutungen stecken bleiben.
Im Übrigen habe ich nicht Sie zitiert.

Eine Gesinnung endet nicht mit einer bestimmten Jahreszahl und offensichtlich auch nicht mit dem Wegsterben der letzten Zeitzeugen bzw. der betreffenden Generation.

Wie weit wir mit der "Aufarbeitung" bis heute gekommen sind, inwieweit sie überhaupt stattgefunden hat in den Köpfen und Institutionen, was wir daraus gelernt haben, welche Konsequenzen gezogen wurden usw. -
das ist ein Thema für sich.

Rede zum 9. November 2013

Mit großem Interesse verfolge ich die Kommentare auf die Rede der Friedensinitiative Bruchsal am 9. November und habe mich gefragt, was Huhi mit Abdriften meint.
Wir setzen uns seit Jahrzehnten mit der Asylfrage, der Fremdenfeindlichkeit sowie mit dem Antisemitismus und dem Antiislamismus auseinander. Aber das Gedenken an die Pogromnacht wäre ein verlogenes Ritual, wenn wir aus diesen Erinnerungen keine Beschäftigung mit unserer mit unserer Gegenwart und Zukunft machen und keine Schlüsse ziehen und Forderungen ableiten würden.
Wenn wir unsere Geschichte ernst nehmen, müssen wir hier endlich anders handeln! Doch viele sehen sich in der jetzigen Lage außerstande dazu.
Zitat aus der Rede
"Die wirtschaftliche Situation wird für viele Menschen schwieriger und es reicht oft schon, den wirtschaftlichen Abstieg zu fürchten,
dass im Konkurrenzkampf die Menschlichkeit auf der Strecke bleibt. Statt Kritik am System und an den bestehenden Verhältnissen zu wagen, werden Sündenböcke gesucht. Rassismus und Faschismus finden überall dort einen Nährboden, wo Minderheiten diskriminiert werden, wo soziale Ungleichheit als >naturgegeben< betrachtet wird, wo nach neuen Herrschern gerufen wird und wo Menschen gegeneinander ausgespielt werden". Ich weis wirklich nicht was daran falsch sein soll, wenn nicht an diesem Ort des Gedenkens das gesagt wird, was letztendlich zum Völkermord geführt hat und dass wir uns heute immer noch, und jetzt mit den neuen Verbrechern, auseinandersetzen müssen.

Nazi-System nach 1945

Entschuldigung , habe das "nach 1945" doch glatt überlesen...

@ Argumente

Danke für Ihren Beitrag und Ihre Stellungnahme.

Ich finde es bedenklich, wenn (wichtige und notwendige) Gedenktage für Opfer des Nationalsozialismus (Juden, Sinti und Roma, Kommunisten, Sozialisten, Pazifisten, Schwule, Behinderte) die kritische Auseinandersetzung mit den Gründen, die überhaupt dazu geführt haben, ERSETZEN sollen.

Solche Gedenktage sollten nicht "nur" an die Opfer selbst erinnern, sondern auch an das politische System, das dafür verantwortlich war bzw. sie zu solchen gemacht hat.
Wenn nicht bei solchen Anlässen - wann dann ?!
Wenn man sich dann entsprechend zu Wort meldet, wird das offenbar bis heute als "Abdriften, Propaganda; krude, ideologisch verbrämte Agitation; linksradikale Manier, wenig Verständnis, gestörtes Demokratieverhältnis" usw. interpretiert bzw. abgelehnt.
Es wird als "die würdigen Feierlichkeiten störend" gesehen -
und das unter dem Eindruck der jüngsten NSU-Anschläge und -Morde und der deutschen und europäischen Menschen verachtenden Asylpolitik (Stichwort "Mittelmeer als Massengrab") !

Die Zerstörung (das In-Flammen-Aufgehen) der Bruchsaler Synagoge vor 75 Jahren durch Nazi-Horden kann nicht als isoliertes Einzelereignis betrachtet werden -
und geradezu zynisch ist es, auf diesem Grundstück (bei offenbar ungeklärten Besitzverhältnissen) dann später ausgerechnet ein städtisches Feuerwehrhaus zu errichten ...

75. Jahrestag, Gedenken an die Pogrmnacht in Bruchsal

Falls jemand die Rede der Friedensinitiative Bruchsal sucht hier stehts:

http://www.bruchsal.org/source/friedensinitiative-bruchsal

9. November 2013

Auch vielen Dank für Ihre Ausführung und für die klaren Worte. Nach dem Artikel in der Bruchsaler Rundschau vom 12.11.2013, in dem nicht auf die Inhalte eingegangen wird, aber genau das wäre erforderlich. Lediglich kommt Kritik an der Länge des Vortrages und er sei unpassend für ein Gedenktag. Jene, die so reagieren, haben keine Gegenargumente oder sie wollen sie nicht öffentlich äußern und darüber, warum sie es nicht wollen, könnte jetzt spekuliert werden.

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