150 Jahre Brauerei Denner - Teil 2

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Vom Aufbäumen der Konkurrenz, einem Mordfall und der Zerstörung 1945
Sonntag, 24. November 2013 - 16:02

Bedürfnis nach einem ordentlichen Branntwein

Eigentlich war es auch in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts nichts Ungewöhnliches, wenn in Lokalen Branntwein an die Gäste ausgeschenkt wurde. Als Wirt brauchte man lediglich eine Genehmigung des Gemeinderates, die üblicherweise auch anstandslos erteilt wurde. Recht erstaunlich ist jedoch der Wortlaut, mit dem Louis Denner die Notwendigkeit des Branntweinausschankes in seinem Wirtshaus begründete:

„Es ist für den größten Teil der Biertrinker ein Bedürfnis, abends auf das genossene Bier ein Kirsch- oder Zwetschgenwasser zu trinken. Auch gehen wohl im Winter als auch namentlich im Sommer viele Feldarbeiter, Maurer und Zimmerleute von auswärts vorbei, die morgens ohne Frühstück von zu Hause weggehen und für die es bestimmt ein Bedürfnis ist, vor der Arbeit einen ordentlichen Branntwein zu bekommen.“

Diese Argumentation dürfte auch 1875, als dieser Antrag gestellt wurde, eher nicht den Erkenntnissen von Medizin und Ernährungswissenschaft entsprochen haben. Dennoch herrschte wohl in der arbeitenden Bevölkerung die Überzeugung, dass Branntwein ein vollwertiger Ersatz für eine Mahlzeit sei. Auch Bier hatte und hat ja sogar heute noch den Ruf, flüssiges Brot zu sein. Auf Anfrage des Bezirksamtes erteilte der Gemeinderat die Branntwein-Ausschankkonzession und stellte lapidar fest:

„Der Ausschank von Branntwein entspricht dem Bedürfnis des Publikums, weil in der Stadt viele Tagelöhner und Fuhrleute wohnen, welche früh zur Arbeit gehen, in welcher Zeit noch keine warmen Speisen bereitet sind und so der Genuss von Branntwein für dieselben ein Bedürfnis ist“.

Vielleicht hatten die Mitglieder des Gemeinderates das geflügelte Wort „Es gibt mehr alte Schnapstrinker als alte Ärzte“ im Hinterkopf, als sie diese eher von medizinischer Unkenntnis geprägte Begründung ins Feld führten?


Das letzte Aufbäumen der Konkurrenz

Louis Denner verstarb im August 1895. Zum Zeitpunkt seines Todes existierten zwar noch wenig mehr als ein Dutzend der Brauereien, die 1863 bei der Gründung der Brauerei L. Denner bestanden, doch diese befanden sich bereits in Abwicklung und gingen in den Jahren 1896 bis 1900 in der Bruchsaler Aktienbrauerei AG auf. Die ehemaligen Besitzer der abgewickelten Brauhäuser wurden Aktionäre dieser gemeinschaftlich betriebenen Bierbrauerei. Für deren Betrieb wurde von den Aktionären an der Ecke Styrumstraße / Reserveallee, am Fuße des Steinsbergs, ein stattliches Brauereigebäude mit ausgezeichnet ausgestattetem Sudhaus und Malzspeicher errichtet, denn dort besaßen die Bierbrauer Heinrich Weckesser, Karl Memwarth jun. und Eugen Greulich bereits tief in den Berg hineingehauene Felsenkeller.

Brauerei

Blick vom Stadtgarten Richtung Schloss. Links die Bruchsaler Aktienbrauerei. Um 1920. Foto: privat

1903 erreichte diese neugegründete Bruchsaler Brauerei einen Bierausstoß von 27.161 Hektolitern. Doch der Brauerei war keine lange Existenz beschieden. Mutmaßlich 1912 wurde die Bruchsaler Aktienbrauerei geschlossen und die Gebäude 1922 von der Stadt zum Abbruch angekauft. Heute erinnert nur noch der Brauereiweg - die einstige Betriebszufahrt - an die frühere Braustätte.

 

Die zweite Bruchsaler Denner-Generation

Denner

Ludwig Jakob und Kätchen Denner. Um 1930. Foto: privat

Seit dem Tod von Louis Denner im Jahre 1895 leitete dessen 1868 geborener Sohn Ludwig Jakob den Betrieb. Ludwig war seit 1895 mit der 1874 geborenen Katharina (Kätchen) Spitz verheiratet. Kätchen scheint ihren Ehemann bei dessen Bestrebungen um Erhalt und Ausweitung der Brauerei spürbar unterstützt zu haben. Sie wird als geschäftstüchtige und umsichtige Frau beschrieben, die darüber hinaus doch auch Gefallen an den Schönen Künsten fand. Obwohl schon hoch in den Siebzigern, hatte sie auch nach dem Zweiten Weltkrieg ein Abonnement beim Badischen Staatstheater in Karlsruhe. Ein Enkel des Bruchsaler Architekten Eduard Holoch erinnert sich:

„Meine Großeltern, die nicht weit von Frau Denner entfernt ebenfalls in der Huttenstraße wohnten, hatten auch ein Abonnement beim Badischen Staatstheater. Daher haben sie die alte Frau Denner bis zu deren Tod regelmäßig im Auto nach Karlsruhe zu Schauspiel- und Konzertaufführungen mitgenommen.“

Ludwig und Kätchen Denner gliederten der Brauerei eine eigene Mälzerei an und versuchten kontinuierlich, mit der technischen Entwicklung im Braugewerbe Schritt zu halten. Noch vor dem Ersten Weltkrieg wurde ein neues Sudhaus errichtet sowie eine noch recht neue Erfindung zur künstlichen Kälteerzeugung installiert, eine Eisanlage der Marke Linde. Diese innovative Technologie erhöhte die Betriebssicherheit einerseits und die Wirtschaftlichkeit der Bierherstellung andererseits beträchtlich, denn jetzt konnte das ganze Jahr über Gerstensaft produziert werden und es musste in den Sommermonaten nicht fünf bis sechs Monate mit der Produktion ausgesetzt werden. Darüber hinaus gelang es den Eheleuten Denner, den Kundenkreis wesentlich über Bruchsal hinaus zu erweitern.

Ludwig Jakob Denner und seine Ehefrau Kätchen hatten zwei Kinder. Die Erstgeborene, Frieda Luise, erblickte 1896 das Licht der Welt. Sie heiratete 1920 den praktischen Arzt Dr. Karl Otto Keller und verstarb 1962 in Schopfheim. Der lang herbeigesehnte Stammhalter kam 1901 zur Welt und erhielt die Vornamen Ernst Ludwig Heinrich; Ernst vielleicht in Erinnerung an seinen im Januar 1900 verstorbenen Onkel?

 

Die dritte Generation: Ein Enkel des Firmengründers übernimmt die Brauerei

Zum 1. Januar 1927 übernahm Ernst Ludwig Heinrich Denner nach Abschluss seines Studiums an der Hochschule im bayerischen Weihenstephan zum Diplom-Braumeister die Führung der väterlichen Brauerei L. Denner. Verheiratet war Ernst mit Brigitte Egloff, die ebenso wie ihre Schwiegermutter aktiv am Firmengeschehen teilnahm und engagiert mitarbeitete.

Wie auch sein Vater führte Ernst Denner die Modernisierung der Brauerei zielstrebig fort. Er ließ die Lagerkeller erweitern und ersetzte die bisher verwendeten Holzfässer durch stahlemaillierte Biertanks. Ernst Denner machte den Betrieb unabhängig von Mälzereien, in dem er 1926 neben dem Gasthaus „Zum Weinberg“ eine Mälzerei ankaufte. Die in der Durlacher Straße 103 gelegenen Baulichkeiten standen im Eigentum der Witwe des Küfermeisters Karl Werle. Die Mälzerei wurde modernisiert und für den Eigenbedarf und Fremdlieferungen betrieben. Die kleine Mälzerei in der Huttenstraße konnte so stillgelegt und die Räume für die Brauerei genutzt werden. Wenig später ließen die Eheleute Denner im Stammhaus in der Huttenstraße eine neue Maschinenanlage, neue Lagerkeller sowie eine moderne Großkälteanlage errichten.

Quark

"Zum Spatzenturm" ("Restauration Quarck") in der Orbinstraße. Um 1920. Foto: privat

Ein erster Schritt zur Absatzsicherung wurde bereits ein Jahr zuvor mit dem Erwerb der „Restauration Quarck“ in der Orbinstraße 20 unternommen. Nach dem Erwerb 1925 erfolgte die Umbenennung der Wirtschaft in „Zum Spatzenturm“. Vier Jahre später, im Jahre 1929, wurde der erste innerstädtische Ausschank der Brauerei Denner erworben, das Ecke Kaiserstraße/Zum alten Schloss gelegene Gasthaus „Zum goldenen Kopf“. Zum Ende des gleichen Jahres konnte die Brauerei L. Denner einen Rekord vermelden. Zum ersten Mal überstieg der Bierausstoß eines Jahres die 10.000 Hektoliter-Grenze.

Diese erfreuliche Entwicklung des Unternehmens durfte Seniorchef Ludwig Jakob Denner noch miterleben. Er verstarb im März des Jahres 1933 im Alter von 65 Jahren. Seine Frau Kätchen sollte ihn um 18 Jahre überleben; sie verstarb im Juli 1951.

 

Ein Mordfall versetzt Bruchsal in Aufruhr

Etikett

Bieretikett. Foto: privat

Am 11. Januar 1938 erschütterte ein Mordfall Bruchsal und versetzte die ganze Bevölkerung in helle Aufregung. In den Morgenstunden dieses Tages stieg ein Mann über ein Fenster in die zur Brauerei Denner gehörende Gastwirtschaft „Zum Weinberg“ in der Durlacher Straße ein. Der im darüber liegenden Stockwerk schlafende Denner-Mitarbeiter Jakob Lieb wurde durch verdächtige Geräusche aus dem Schlaf geschreckt und ging die Treppen hinunter in die Wirtschaft, wo er den Einbrecher auf frischer Tat ertappte. Dieser war jedoch bewaffnet, zog seine Pistole und schoss auf Lieb, der sofort tot war. Der Mörder flüchtete durch das Fenster der Gaststätte ins Freie und fuhr mit einem Fahrrad in Richtung Untergrombach fort.

Niemand wurde Augenzeuge des Einbruches, so blieb die Fahndung nach dem Täter lange ohne Erfolg. Erst etwa zehn Jahre später verriet sich der Mörder im volltrunkenen Zustand in einer Bruchsaler Kneipe. In der Firmenchronik der Brauerei Denner wurde 25 Jahre später des ermordeten Mitarbeiters gedacht: „In treuer Pflichterfüllung verloren wir 1938 durch Mörderhand Jakob Lieb.“

Die Geschäfte gingen weiter gut, die Brauerei Denner florierte, das Absatzgebiet hatte sich im Laufe der Vorkriegsjahre auf einen Umkreis von ca. 15 Kilometern vergrößert. Der Bierausstoß erreichte 1938 bereits 16.000 Hektoliter – eine Steigerung um 60 % innerhalb von neun Jahren. Um die Brauerei bei Bedarf vergrößern zu können, erwarb Ernst Denner 1939 vorsorglich von der Stadt Bruchsal ein an das Brauereigrundstück angrenzendes Gelände. Doch der im gleichen Jahr ausbrechende Zweite Weltkrieg sollte alle Erweiterungspläne zunichte machen.

150 Jahre Brauerei Denner.

Das Denner-Braustübchen ca. 1944. Man beachte das Hitler-Porträt im Foto rechts oben, im linken Eck. Foto: privat/Jaz

 

Fliegerbomben zerstören die Brauerei Denner

Bei einem Fliegerangriff auf Bruchsal am 21. Januar 1945 - seit 1944 attackierten Jagdbomber immer wieder den Bruchsaler Bahnhof als Umschlagplatz von Kriegsgerät - wurde die Denner-Mälzerei in der Durlacher Straße restlos zerstört. Nur wenige Wochen später, am 1. März 1945, wurden die Brauereianlagen in der Huttenstraße zu 80 Prozent, die vier brauereieigenen Gastwirtschaftsbetriebe in der Stadt sowie das Privathaus der Familie Denner gänzlich vernichtet.

Doch schon bald nach dem Einmarsch der französischen Truppen in die Stadt am 2. April 1945 machte sich die Familie Denner zusammen mit den verbliebenen Mitarbeitern wieder an die Arbeit. Bereits am 1. Juni 1945 verließ wieder Gerstensaft das Brauhaus. Ein reichlich leichtes Bier zwar, recht dünn und mager, aber trotzdem echtes Bier. Was dies für die darbende Bevölkerung bedeutete, bringt ein altes Sprichwort treffend auf den Punkt: „ein Bier in der Not ist ein ganzer Laib Brot“.

© Rolf Schmitt

(3. Teil folgt)

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Kommentare

Brauerei Denner

Vielen, herzlichen Dank, lieber Rolf Schmitt, für einen weiteren höchst interessanten Bericht - nach der "Andreasstaffel" vom Juni dieses Jahres - aus "meiner" Huttenstraße. Ich freue mich auf die Fortsetzung Ihres Berichtes.

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