„Warnen ist ein böses Wort"

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BLB-Lesung vom Herrn Rat - ein historischer Tatort der Extraklasse
Montag, 8. November 2010 - 8:24

Die Geschichte dieses eindrücklichen Theaterabends ist kaum zu glauben: Da gräbt Rolf Schmitt von bruchsal.org in einem Archiv in den Vereinigten Staaten das - auf Deutsch geschriebene - Manuskript eines verstorbenen jüdischen Anwalts aus New York, Paul Schrag, aus und veröffentlicht das Fundstück auf der Internet-Plattform bruchsal.org. Die Geschichte vom Herrn Rat. Der Intendant der Badischen Landesbühne liest dieses Manuskript und lässt es - als Beitrag seines Hauses zur Gurs-Gedenk-Aktion in Bruchsal - auf die Bühne des Hexagon im Bürgerzentrum bringen. Wort für Wort unverfälscht, kaum gekürzt oder redigiert, vor allem von keinem Dramaturgen aufgeblasen oder bearbeitet. Eins zu eins das Original als eine szenische Lesung. 60 Minuten vielleicht. Eine kleine Form für ein kleines Stück, das sich bei näherem Hinsehen dann eher als ein Stück großer Literatur herausstellt: „Warnen ist ein böses Wort". Ein Satz zum lebenslangen Nachdenken.

Die Geschichte vom Herrn Rat - Foto: BLB

Foto: BLB

Die Story - sie umfasst nur drei Szenen - ist übersichtlich: An drei Weihnachtsabenden im Hause eines badischen Anwalts, dem Herrn Rat, und seiner Frau in den Jahren 1922, 1932 und 1942 wird die deutsche Geschichte vom Diktat des Versailler Vertrages bis zur Katastrophe Nazi-Deutschlands aus der Sicht eines erst einmal erfolgreichen Anwalts und seiner Frau erzählt, die neben persönlichen Schicksalen eigentlich romanüblicher Beziehungskisten - Rosamunde Pilcher lässt grüßen - (nur) einen wesentlichen Nachteil haben: Die Protagonisten sind deutsche Mitbürger jüdischen Glaubens. Und das heißt dann auch zwangsläufig: Rosamunde Pilcher hat da schon wieder ausgedient: Es kann, zumal in diesen Jahrzehnten, eines nicht geben, ein Happy End.

Allen bösen Wörtern (= Warnungen) zum Trotz bleiben die Rats in ihrer deutschen Heimatstadt und vollziehen - am dritten Weihnachtsabend im Jahr 1942 - die logische Konsequenz ihrer Konsequenz: Sie gehen gemeinsam in den Tod, bevor NS-Schergen sie abholen können zum finalen Transport. Was für eine schlichte Szene zum Schluss des Stücks, bar jeder vordergründig-dramatischen Effekte. In nüchterner Sprache wird da berichtet: Ein Glas Wasser, eine Ampulle, die beiden Rats, die Personen, an denen Geschichte vollzogen wurde, beide alt geworden und gebrochen (oder eben nicht gebrochen), sie entziehen sich diesem Teil ihrer deutschen Geschichte und finden ihren selbst gewählten Frieden. Dem Publikum fällt es zunächst einmal schwer, den Akteuren auf der Bühne den ihnen ohne alle Abstriche gebührenden Applaus zu spenden.

Der Autor, Paul Schrag, hat seine familiären Wurzeln in Bruchsal und Karlsruhe. Sein Onkel war Inhaber der später arisierten Malzfabrik Schrag & Söhne in der Bruchsaler Kaiserstraße, sein Vater erfolgreicher Anwalt in Karlsruhe. Die Geschichte vom Herrn Rat ist keine Erfindung, sie ist ebenso in Personen und Szenen historisch fest zu machen, wie das Schrag-Buch „Heimatkunde", das schon vor etwa 20 Jahren von der BLB in einer Bühnenfassung vorgestellt wurde. Heimatkunde schildert die Arisierung der Bruchsaler Malzfabrik Schrag und Söhne, Bruchsaler Geschichte pur also, wie auch - zumindest teilweise - die Geschichte vom Herrn Rat. Zitate aus einem Artikel in bruchsal.org:

Die Geschichte vom Herrn Rat verschmelzt wohl die Lebensläufe der beiden Schwestern Paula Schrag, geboren am 12. März 1874 in Bruchsal und Maria Hedwig Schrag, geboren am 23. August 1879, ebenfalls in Bruchsal. Beide waren Töchter des Obergrombachers Wilhelm (vorher Wolf) Schrag, geboren am 18. Mai 1844 in Obergrombach, gestorben am 22. Juli 1927 in Bruchsal. Paula Schrag war verheiratet mit dem Bruchsaler Rechtsanwalt Moritz Rothschild. Beide verstarben bereits 1929. Aus dieser Ehe ging ein Sohn hervor, der als Kriegsfreiwilliger im Ersten Weltkrieg fiel. Die Schwester von Paula Schrag, Maria Hedwig, war verheiratet mit Otto Wolfsthal, einem Kommerzienrath in Aschaffenburg. Das Ehepaar nahm sich im Jahre 1943 in der Nacht vor der Deportation in ein Konzentrationslager das Leben. Die Geschichte vom Herrn Rat hat also ganz offensichtlich ihre historischen Vorbilder."

Paul Schrag, in Karlsruhe groß geworden, verbrachte seine Ferien regelmäßig in Bruchsal. Er war, wie sein Vater, der in Bruchsal aufgewachsen ist, Anwalt. Paul Schrag konnte sich und seine Familie 1938 rechtzeitig durch Flucht in die USA retten. Seine Frau Suzanne feiert in wenigen Tagen ihren 100. Geburtstag. Paul Schrag ist 1992 gestorben.

Paul Schrag war - wie sein Vater - sicher kein Anwalt vom Selbstdarstellungsgenie eines Bossi oder Kollegen. Vieles - und der Autor dieser Rezension hatte das Glück, Paul Schrag vor rund 20 Jahren einmal persönlich getroffen zu haben und kann das deshalb auch so bestätigen - vieles spricht dafür, dass er mit der Schilderung des Herrn Rat auch sein und seines Vaters Verständnis vom Anwaltsberuf gemeint haben mag: "In diesem (gemeint Anwaltsberuf) kam ihm seine ruhige Art, seine Würdigung der Menschen und seine Anerkennung der notwendigen Befugnisse des Staates zustatten."

Ich habe Paul Schrag vor etwa 20 Jahren nur einen Abend in Baden-Baden getroffen und gesprochen, aber Paul Schrag ist mir heute noch als ein wirklich liebenswerter, sein Urteil abwägender Mensch in Erinnerung. Paul Schrag, so wie ich ihn kennen lernen durfte, war ... Herr Rat.

Wie liebevoll ist die Sprache, mit der er seine Protagonisten, Herrn und Frau Rat, zeichnet, wie liebevoll und gleichzeitig naiv. Liebevoller kann man das Grauen der NS-Zeit kaum zu Papier bringen, und damit entlarvender. Das große Grauen in kleiner Form auf den Punkt gebracht. Für mich: Große Literatur, die es wert wäre, auch andernorts gespielt zu werden. Nicht nur in Bruchsal, wo man Paul Schrag kennt.... (Oder kennen sollte!!!!) Gewissensfrage: Wer kennt schon Paul Schrag in Bruchsal?

Der Satz: „Warnung ist ein böses Wort" ist für mich der Schlüsselsatz. Berta, die Haushälterin der Rats, verheiratet mit einem NSDAP-Mitglied (aber einem guten, katholischen Mann), überbringt Pauline Rat die Warnung ihres Mannes, der - wie gesagt, Parteimitglied ist - vor der bevorstehenden Deportation warnt und die Hilfe eines Pfarrers anbietet. Die Reaktion von Frau Rat: „Warnung ist ein böses Wort!"

Premiere war am Sonntag Abend zur besten Tatort-Zeit. Dementsprechend (beschämend schwach) war auch der Publikumszuspruch. Dabei boten die BLB und Paul Schrag einen geschichtlichen „Tatort" der Extraklasse. Geschichtslehrern und Schulen dringlichst zu empfehlen, auch der politischen Nomenklatur der Stadt, die, von wenigen Ausnahmen abgesehen, durch Abwesenheit glänzte.

PS: Den durchaus unaufgeregt gemachten Film zum 1. März 1945 und den Opfern der Stadt Bruchsal habe einige Tausend Menschen angesehen. Die Geschichte vom Herrn Rat nicht einmal 50. Die Frage drängt sich jetzt auf: Warum, um alles in der Welt, hat es am 1. März 1945 in Bruchsal kein einziges Opfer jüdischen Glaubens gegeben?

 

Herr Rat - Stefan Holm

Frau Rat - Evelyn Nagel

Sommerfeld - Jochen Ganser

Berta - Kathrin Sauerborn

Erzähler - Hartmut Jonas

 

Künstlerische Leitung - Julia Sievers

Assistenz - Meike Hedderich

Requisite - Regine Nagel

 

Technische Leitung - Klaus Heidelberger

Licht - Hanno Henninger

Ton - Matthias Burger

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