„Würdiges Denkmal statt Stolperstein“

DruckversionPer e-Mail versenden
Interview mit Ludwig Marums Enkelin Dominique Avery
Sonntag, 12. Januar 2014 - 13:32

Dieses Interview mit Dominique Avery, der Enkeltochter von Dr. Ludwig Marum, wurde bereits am 9. Januar 2014 im KURIER veröffentlicht. Die Veröffentlichung bei bruchsal.org erfolgt mit freundlicher Genehmigung des KURIER.

Ludwig Marum

Dr. Ludwig Marum. Foto: privat


Dr. Ludwig Marum wuchs in Bruchsal auf und besuchte das Humanistische Gymnasium (heute Schönborn-Gymnasium). Er war im Badischen Landtag SPD-Abgeordnerter und schließlich Reichtagsabgeordneter. 1934 wurde Ludwig Marum im Konzentrationslager Kislau ermordet. Mehr zu Dr. Ludwig Marum bei bruchsal.org unter

Ludwig Marum - Das Verfolgungsschicksal eines Sozialdemokraten - Teil 1

Ludwig Marum - Das Verfolgungsschicksal einen Sozialdemokraten - Teil 2

Ein Bericht zum KZ Kislau:

Vor 80 Jahren: Die Errichtung des Konzentrationslagers Kislau bei Bruchsal



„Würdiges Denkmal statt Stolperstein“

Interview mit Dominique Avery, der Enkeltochter des 1934 im KZ Kislau ermordeten Reichstagsabgeordneten Dr. Ludwig Marum aus Bruchsal. Das Interview führte Rolf Schmitt.

Frau Avery war bis zu ihrem Ruhestand Programmdirektorin des staatlichen Fernsehsenders Connecticut CT-N. Davor war sie als Fernseh- und Radiojournalistin tätig. 

 

Nach der Ermordung ihres Großvaters wanderte Ihre Familie aus Deutschland aus. Wie waren die Anfänge in der Fremde für Ihre Angehörigen?

Dominique Avery: Die Geschichte der Emigration ist lang und komplex. Nach dem Tod meines Großvaters suchte meine Familie zunächst Sicherheit in Frankreich, musste jedoch nach Beginn des 2. Weltkrieges auch von dort fliehen. Meine Mutter und Großmutter flüchteten in die USA, Onkel Hans und dessen Familie entkamen nach Mexiko. Tante Brigitte blieb in Frankreich, wo sie 1941 ein Kind bekam. Bei einer Razzia der Nazis wurde sie inhaftiert, ins KZ Sobibor deportiert und dort ermordet. Wie durch ein Wunder wurde ihr Sohn gerettet, nach Israel gebracht und dort adoptiert.

Marum-Lunau

Elizabeth Marum-Lunau (1994) Foto: privat

Ihre 1998 verstorbene Mutter Elisabeth Marum-Lunau engagierte sich sehr für das Andenken an ihren Vater. Hatte Ihre Mutter keine Ressentiments gegen „die“ Deutschen?

Dominique Avery: Meine Mutter verachtete die Nazis und ganz besonders die Nazi-Schergen, die ihren Vater ermordeten bzw. ermorden ließen. Sie hatte jedoch noch viele Freunde aus ihrer Kindheit und Universitätszeiten, die ein untadeliges Leben führten. So nahm meine Mutter bald nach Ende des Krieges wieder Kontakt zu ihren Freunden auf. Doch viele Jahre vergingen, bis sie wieder die Kraft fand, ihre Heimatstadt Karlsruhe zu besuchen. Später reiste sie regelmäßig nach Karlsruhe, wo sie viele wunderbare Menschen kennen lernte, die sie bei ihrer Erinnerungsarbeit für Ludwig Marum unterstützten. Dies ist eine ganz besondere Geschichte, die ich in einem Dokumentarfilm aufarbeiten werde.

Sie besuchten bereits Kislau. Welche Gedanken hatten Sie dabei?

Dominique Avery: Ich war schon mehrere Male in Kislau. Das erste Mal zusammen mit meiner Mutter im Sommer 1978. Für Mutter war dies der erste Besuch in Kislau, seit sie 1934 dort ihren Vater kurz vor seiner Ermordung besucht hatte. 44 Jahre später klopfte sie an das Tor des früheren KZ. Sie nannte dem Gefängniswärter ihren Namen und den Grund ihres Besuches. Dieser erwiderte, er wisse nicht, dass Kislau einst ein KZ war und auch der Name Marum war ihm unbekannt. Meine Mutter war bestürzt. Ich glaube, in diesem Moment schwor sie sich alles dafür zu tun, dass ihr Vater nicht in Vergessenheit gerät. Zwanzig Jahre später, nach der Beerdigung meiner Mutter in Karlsruhe, besuchte ich mit der ganzen Familie das Schloss Kislau. Als der Gefängnisdirektor hörte wer wir sind, nahm er uns mit auf einen Rundgang. An diesem Tag wurde uns klar, dass die Mühen meiner Mutter erfolgreich waren. Kürzlich war ich wieder in Kislau, um Aufnahmen für meinen Dokumentarfilm zu machen.

Waren Sie in Bruchsal schon an den Orten, wo ihr Vater lebte und wirkte?

Dominique Avery: Ich war schon öfters in Bruchsal. Vor zwei Jahren besuchte ich mit Freunden das Schönborn-Gymnasium da uns berichtet wurde, dort sei eine Gedenktafel für Ludwig Marum. Wir suchten lange und fragten auch nach. Aber niemand wusste etwas von einer Ehrentafel. Es gibt keine.

Für Ihren Großvater wurde kürzlich in Karlsruhe ein Stolperstein verlegt. Wie stehen Sie zu Stolpersteinen?

Dominique Avery: Stolpersteine sind sehr geeignet, um an Menschen zu erinnern, die von den Nazis während des Holocaust ermordet wurden. Für Bruchsal wünschte ich für Ludwig Marum jedoch eine augenfälligere Ehrung; hier wuchs er auf und ging zur Schule. Ein würdiges Denkmal beim Schönborn-Gymnasium wäre angemessener als ein Stolperstein.

Sie sollen mit dem Bruchsaler Freizeitpoeten Otto Oppenheimer verwandt sein, der die Lokalhymne „De Brusler Dorscht“ schrieb?

Dominique Avery: Ja, die Vorfahren meiner Großmutter mütterlicherseits waren Oppenheimers. Als ich kürzlich in Bruchsal zur Vorstellung eines Buches über meinen Großvater war, saß ich durch puren Zufall neben einem Besucher, der zur Familie Oppenheimer forschte und sogar einen Oppenheimer-Nachfahren in Simsbury (Connecticut), dem Städtchen, in dem auch ich wohne, besuchte. Der Name des Oppenheimer-Nachfahren ist Walter Bernkopf, den ich bisher nicht kannte. Walter ist der Enkel von Jacob, dem Bruder von Otto Oppenheimer. Als gemeinsamen Vorfahren haben wir den Michelfelder Tuchfabrikanten Zacharias Oppenheimer. Kürzlich trafen wir uns erstmals persönlich. Es war wunderbar, einen entfernten Verwandten geradezu „vor der Haustüre“ zu finden.  

Dominique und Walter

Walter Bernkopf und Dominique Avery bei ihrem ersten Treffen im Dezember 2013 in Simsbury, Connecticut. Foto: privat

Eigene Bewertung: Keine Durchschnitt: 4.7 (16 Bewertungen)
Inhalt abgleichen Inhalt abgleichen