„Und dass unser geliebtes Brusel trotz aller Nöten ... wieder aufblühen möge"

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Sonntag, 20. Juni 2010 - 12:24

Am kommenden Dienstag, den 22. Juni 2010, stehen anlässlich der Gemeinderatssitzung zwei Straßen- bzw. Platzbenennungen an. Die Straße zwischen der Stadtkirche und der SEPA soll nach Auskunft der Stadtverwaltung den Namen „Anton-Heuchemer-Straße" bekommen. Für den Platz an der Josef-Kunz-Straße (zwischen Sparkasse und SEPA) wird von der Stadtverwaltung der Name „Otto-Oppenheimer-Platz" vorgeschlagen. Als Alternativen werden genannt „Marienplatz", „Kirchplatz" und „Bawett-Ihle-Platz". Weitere Vorschläge, die im Rahmen der Bürgerbeteiligung eingingen, sind „Vincentiusplatz", „Alter Marktplatz", „de Zeppelinplatz" oder „Pfarrplatz".

Leider wird die Diskussion um das Lebenswerk von Otto Oppenheimer zu sehr fokusiert auf das von ihm geschriebene „Der Brusler Dorscht", die Hymne der Brusler Fasnacht. Zu wenig bekannt ist leider auch, dass die Familie Oppenheimer, die Brüder Otto und Jakob sowie deren Vater Louis, große Mäzene Bruchsals waren.

Otto Oppenheimer

Otto Oppenheimer

Wer war Otto Oppenheimer? Bruchsal.org hat bereits in einer kleinen Serie den Lebens- und Leidensweg von Otto Oppenheimer und seiner Familie nachgezeichnet, daher nur in Kürze: Otto Oppenheimer war ein waschechter Brusler, geboren in Bruchsal, aufgewachsen in Bruchsal, zur Schule gegangen in Bruchsal und in Bruchsal seiner Arbeit nachgegangen. Er ist der Autor des unvergessenen Liedes „Der Brusler Dorscht", das sich zu einer Art Hymne der Brusler Fastnacht entwickelt hat. Auch aus diesem Grunde setzt sich die Große Karnevalsgesellschaft Bruchsal (GROKAGE) ebenso wie der „Narrenrat Brusl" eindringlich für eine Benennung des Platzes nach Otto Oppenheimer ein.

Doch nicht allein "Der Brusler Dorscht" stammt aus der Feder von Otto Oppenheimer. Auch das Sommertagslied "Was stelzt uff dem Dach dort, was zwitschert norr esso?", das heute noch von unseren Kindern und Enkeln beim alljährlichen Sommertagsumzug gesungen wird. Jedoch nicht nur Feierabend- und Freizeitdichter war Otto Oppenheimer.

St. Josephshaus

St. Josefshaus

Er war auch Mitbegründer des städtischen Kunstvereins und Mitglied des Karnevalvereins, seine Ehefrau Emma war im Vorstand des interkonfessionellen „Vereins für Frauenbestrebungen".

Im Jahre 1938 musste der jüdische Mitbürger Otto Oppenheimer mit seiner Familie vor den Schergen des Nationalsozialismus aus Deutschland fliehen.

Emma Oppenheimer

Emma Oppenheimer

Die ganze Familie Oppenheimer war dafür bekannt, dass sie sich aktiv in das karitative Geschehen der Stadt Bruchsal einbrachte. Aufgrund der Unterstützung durch Louis Oppenheimer, der Vater von Otto und Jakob, konnte Der Krankenverein (Verein für Krankenpflege der Bad Niederbronner Schwestern, d. Red.) ... nur durch die Mithilfe der Bruchsal Juden gegen den Widerstand der Gegner des Katholizismus gegründet werden" (Zit. Heuchemer 1990 S. 210). Jürgen Stude schreibt in seinem Buch „Geschichte der Juden in Bruchsal": „Insbesondere wegen dieser Unterstützung behielten die Bad Niederbronner Schwestern ihn in guter Erinnerung und gaben ihm einen Ehrenplatz in ihrer Chronik: „In Wort und Tat war er ein großer Gönner von uns: Herr Kaufmann Louis Oppenheimer". Otto Oppenheimers Bruder Jakob war ebenfalls im Vorstand des Krankenvereins engagiert. Der „Bruchsaler Bote" schrieb anlässlich der Beerdigung von Jakob Oppenheimer: „Stadtpfarrer Stöckle dankte dem Entschlafenen mit herzlichen Worten im Namen der Schwestern des St. Josefshauses. Die Schwesternschaft war in großer Zahl beim Begräbnis zugegen" und schloss mit den Worten „ ... dessen Andenken in unserer Vaterstadt allezeit lebendig bleiben wird."

Von Teilen des Gemeinderates wird der Name „Marienplatz" favorisiert; schon sehr früh wurde dieser Name bei Diskussionen und Gesprächen ins Spiel gebracht - wohl um Fakten zu schaffen. So gut dieser Name gemeint sein mag, er ist jedoch recht beliebig und weist keinerlei Bezug zu Bruchsal auf. In Deutschland gibt es etwa 500 Kommunen, die innerstädtische Plätze Marienplatz nannten, wobei der Marienplatz in München der wohl bekannteste sein dürfte. Es ist unverständlich, warum Bruchsal den Marienplatz Nummer 501 haben sollte, wenn die Möglichkeit besteht, einen wichtigen Bruchsaler Bürger durch die entsprechende Platzbenennung zu ehren und dessen Andenken zu bewahren.

Und was ist mit der Alternative „Bawett-Ihle-Platz" oder „Barbara-Ihle-Platz"? Nun, für den platzartigen Teil der Anton-Wetterer-Straße (zwischen Hintergebäude Betten-Mangei und Stadtkirche) wird die Weiterführung des Wochenmarktes aus dem Marktplatz heraus diskutiert. Erinnern wir uns: Bawett Ihle, eine Brusler Heimatdichterin, verkaufte über Jahrzehnte ihr selbst gezogenes Obst und Gemüse auf dem Wochenmarkt, wohl gerade an dieser Stelle. Böte sich da nicht für diesen Platz der Name „Bawett-Ihle-Platz" an?

Mit einem Votum für dem Namen "Otto-Oppenheimer-Platz" durch den Bruchsaler Gemeinderat würde sich Bruchsal erstmals einem der dunkelsten Kapitel seiner Stadtgeschichte stellen. Der Bruchsaler Gemeinderat könnte Größe zeigen. Die Würdigung eines wichtigen Bruchsaler Bürgers, eines Heimatdichters und großen Mäzens, darf nicht zerrieben und verhindert werden durch kleinliches Parteiengezänk.

Erinnern wir uns an die letzten Worte in einem Brief von Otto Oppenheimer aus dem Jahre 1951, gerade 13 Jahre nach seiner Flucht aus Bruchsal an den Bruchsaler Zahnarzt Hermann Graebener geschrieben: „Und dass unser geliebtes Brusel trotz aller Nöten dieser jetzigen furchtbaren Zeit wieder aufblühen möge, wie damals vor fünfzig Jahren."

Post Scriptum: Am Freitag Abend erhielt ich eine E-Mail aus New York: Die Nachfahren von Otto Oppenheimer würden sich freuen, wenn sie, sollte der Platz tatsächlich nach ihrem Vorfahren benannt werden, zur Einweihung des Otto-Oppenheimer-Platzes eine Einladung bekämen und an den Feierlichkeiten teilnehmen dürften.

 

Ein Wort zum Montag zum Thema:

Wort zum Montag vom 2. Mai 2010

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Kommentare

Otto Oppenheimer wäre der

Otto Oppenheimer wäre der richtige Namensgeber für den Platz. Nicht nur aus "innenpolitischen" Erwägungen sondern auch wegen der Außenwirkung. Es ist wichtig in Bruchsal 70 Jahre nach dem Krieg ein Zeichen zu setzen. Ein Zeichen, das aufzeigt: Ja! Auch Bruchsal war an einem Verbrechen beteiligt.  Da hoffe ich, dass unsere OB es schafft den Gemeinderat über seine Verantwortung in dieser Entscheidung heute aufzuklären und mit dem Namen OTTO OPPENHEIMER PLATZ ein solches Zeichen zu setzen.

Namentliche Abstimmung?

Das wäre doch mal wieder eine nette Abwechslung.
Mal sehen, ob sich jemand traut.
Könnte übrigens auch die Oberbürgermeisterin beantragen - oder?

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